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In Europa sollen erste Ökomoscheen realisiert werden. Von Arwa Aburawa und Malik Özkan

Anbetung und Schutz der Umwelt

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(iz/Agenturen). Als Brennpunkt innerhalb muslimischer Gemeinschaften sind Moscheen wichtige Orte, um auch über ökologische Fragen und die Notwendigkeit des Naturschutzes zu sprechen. In den letzten Jahren wandten sich immer mehr dem Islam auf der Suche nach Antworten auf drängende ökologische Fragen zu. Von praktischen Projekten in Indonesien, den Malediven oder Libanon bis zu theoretischen Beiträgen im Rahmen der europäischen Debatte bringen sich Muslime auch hier immer stärker ein.

Gibt es beim Lehren einen besseren Weg, als durch das eigene Vorbild voranzugehen? Der Bau so genannter Ökomoscheen soll bald keine Utopie mehr sein. Im norddeutschen Norderstedt oder im britischen Cambridge sind derartige Projekte längst auf dem Weg. Und sie zeigen nicht nur die grünen Wurzeln des Islams, sondern helfen auch mit, das Umweltbewusstsein bei Muslimen zu steigern und zu praktischen Schritten ­anzuhalten.

Minarette mit ­horizontalen Rotoren
Eine Nachricht der türkischen Tageszeitung „Sabah“ ließ vor wenigen Monaten den Mob der deutschen Islamkritik schäumen. Seine Negativität vereinte sich mit der Abneigung auf alles, was er als „grün“ (ein weiteres Feindbild) wahrnimmt. Alle anderen reagierten interessiert: Eine muslimische Gemeinde in Norderstedt will mit zeitgenössischer Architektur und neuesten, energieneutralen Systemen „die modernste Moschee Deutschlands“ bauen.

Geplant vom Hamburger Architekten Selcuk Ünyilmaz soll das Bauwerk über zwei Minarette verfügen und sich auf 1.400 Quadratmeter erstrecken. In den beiden, 22 Meter hohen Türmen, sollen horizontale Turbinen installiert werden, die „mindestens 30 Prozent“ des Energiebedarfs umweltfreundlich produzieren können, hieß es in der „Sabah“. Laut Meldungen im Internet erhielt die Ge­meinde bereits eine grundlegende Vorgenehmigung und und könnte sich demnach auf die Suche nach notwendigen finanziellen Mitteln für den Bau der ersten deutschen Ökomoschee machen. Die englische Tageszeitung „The Guardian“ berichtete, dass das Projekt rund 2,5 Millionen Euro kosten werde. Wer könne, so ein Zeitungskommentar, noch behaupten, dass der Islam nicht nach Deutschland gehöre, wenn kohlenstoffneutral zum Gebet gerufen werde.

„Ich dachte darüber nach, wie wir der Sakralarchitektur einen ökologischen Fokus verleihen könnte“, sagte Ünyilmaz im Interview. „Mein Entwurf verbindet Moderne mit Tradition. Und so wollte ich den Minaretten eine zeitgenössische Funktion verleihen“, so der Architekt weiter. Man habe der Windenergie den Vorzug vor Solaranlage gegeben, weil Norddeutschland windig sei; eine gute Voraussetzung für Windenergie. Die horizontalen Rotoren kamen in der Vergangenheit bereits im mittelalterlichen Persien zur Anwendung.

Auch wenn es augenblicklich noch keine Moscheen mit Windkraftanlagen gibt, wird die Norderstedter nicht die erste ihrer Art sein. Anlässlich der Olympischen Spiele 2012 in London soll dort eine neue Moschee in Betrieb gehen, die ebenfalls den Wind zur Energieerzeugung nutzen soll. Nach Ansicht mancher stellt die Windenergie eine enorme Kraftquelle dar.

Ein Beispiel hierfür ist die dänische Gemeinde Samso, in der 4.300 Einwohner auf dem Weg zur Kohlendioxidneutralität sind. Im Augenblick erzeuge die Ortschaft mit umweltfreundlichen Heizungen sowie land- und mehrgestützen Windturbinen zehn Prozent mehr Strom, als sie braucht.

„Solch Kunstfertigkeit ist die perfekte Antwort auf Kritiker, die den muslimischen Gemeinschaften Abgrenzungstendenzen vorwerfen, sowie soziale wie religiöse Rückwärtsgewandtheit. Insbesondere in Europe, wo das vermeintliche Scheitern des ‘Multikulturalismus’ ein umstrittener Punkt zu sein scheint, ist es sehr erfrischend zu sehen, wie muslimische Gemeinschaften einen neuen Kurs abstecken und sich von turbulenten Winden an die Gestade der Erfindungskraft treiben lassen“, beschrieb der „Guardian“ das Norderstedter Projekt abschließend.

Ökomoschee in der Universitätsstadt
In Großbritannien zählt Cambridge, eines der akademischen Zentren des Vereinigten Königreichs, zu den Orten, die auf diesem Gebiet führend sein wollen. Entworfen von preisgekrönten Architekten verspricht das 13 Millionen Euro teure Projekt, eines der ökologischsten Gebäude der Stadt zu werden.

Neben eleganten Oberlichtern, die das Tageslicht in die Moschee lassen und Wasseraufbereitungsanlagen, soll der fertige Bau über eine Wärmepumpe verfügen, deren Wärmetauscher den Temperaturunterschied zwischen Erdboden und Oberfläche ausnutzt, um die Anlage zu heizen. Fahrradständer sollen den „grünen“ Besuchern dienen und der Gemeinschaftsgarten soll ausgeweitet werden, sodass eine Oase der Ruhe um die Moschee herum entsteht. Die Verwendung umweltfreundlicher Energietechnologien, die das beste aus dem machen, was die Natur bereitstellt, führt dazu, dass der Moscheebetrieb weniger endliche Ressourcen verbraucht.

Der Vorsitzende der verantwortlichen Moscheestiftung in Cambridge, Abdul Hakim Murad, sagte über das Projekt: „Wir sind die Umma, die die Natur respektiert. Nicht nur aus Furcht, dass unsers Spezies aussterben könnte, sondern auch, weil Allah uns darauf hinwies, die Natur und Seine unendlichen Zeichen zu achten. Traditionell reflektieren die Kunst der Muslime und Architektur die Schönheit der Natur durch geometrische Muster und Arabesken. Ich glaube nicht, dass wir hier etwas sehr neues machen. Wir beleben vielmehr etwas, das sehr alt ist.“

Ein Vorläufer in ­Nordengland
Während die Ökomoschee von Cambridge ein anspruchsvolles Projekt ist, hat sie doch einen Vorläufer in Großbritannien. 2008 wurde die Al-Markaz Al-Najmi Moschee im nordenglischen Manchester gebaut. Dabei kamen energieffizientes Glas, Holz aus nachhaltigem Anbau und recycelte Steine zum Einsatz. Das Gebäude wurde außerdem mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet, die Energie aus Sonnenlicht erzeugen soll. Die Wasserhähne haben Infrarotsensoren, um Wasser zu sparen, während alle Leuchtmittel energieeffizient sind. „Es kann sein, dass wir Moscheen und Häuser bauen, ohne über die Umwelt nachzudenken, nur weil die heutige Denkweise so ist“, erklärte Mustafa Abdul Hussein, der stellvertretender Moscheevorsitzende.

„Wenn sie an die Idee vom Menschen als Khalifen (Stellvertreter) der Schöpfung nachdenken, dann bedeutet dies, dass wir für den Planeten und die Menschheit verantwortlich sind. Das Problem der globalen Erwärmung und der Umweltverschmutzung stehen durchaus im Kern des islamischen Fokus. In der Tat sind sie wichtige Herausforderungen, über die wir Muslime nachdenken müssen“, beschrieb Hussein das Verhältnis von Mensch und Umwelt.

Arwa Aburawa ist freie Journalistin und lebt derzeit in Großbritannien. Sie schreibt über den Nahen Osten, die Umwelt und verschiedene soziale Fragen. Auf der Webseite „Green Prophet“ schreibt sie zum Thema „Öko-Islam“. Malik Özkan schreibt als freier Autor für die Islamische Zeitung.

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Arwa Aburawa

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