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In vielen Teilen der Welt widmen sich umfangreiche Ausstellungen den Erzeugnissen muslimischer Handwerker. Jonathan M. Bloom und Sheila S. Blair

Wie könnten wir die Kunst betrachten?

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Besuchen Sie zum ersten Mal eine Ausstellung islamischer Kunst? Jene, die mit westlichen Kunsttraditionen vertraut sind, sollten sich auf einen milden Kulturschock vorbereiten. Erwarten Sie keine üppig gerahmten Ölgemälde, Porträts religiöser, historischer oder mythischer Figuren oder einen Sinn für persönlichen Ausdruck durch Künstler mit bekannten Namen. Erwarten Sie auch keine kleinen Objekte, die gefertigt wurden, um die Häuser der Wohlhabenden und Mächtigen zu schmücken. Stattdessen sollten Sie Vitrinen mit kleinen und nützlichen Objekten erwarten. Beinahe alle Dinge wurden von ungenannten oder unbekannten Handwerkern gefertigt und alle für den Gebrauch in Haushalten der Mittel- und Oberschichten benutzt.

Und genau an diesem Punkt wird eine gewisse Konfusion verständlich. Denn das meiste ist weder sonderlich religiös, noch wurde es „um der Kunst willen” gemacht. Selbst Experten stimmen zu, dass der Begriff „islamische Kunst” irreführend ist – bis man über die Alternativen nachdenkt. Während einige Aspekte dieser Kunst wie Manuskripte des Qur’an, Moscheelampen oder geschnitzte hölzerne Minbars vom Glauben und der Praxis des Islam geprägt wurden, wird die Mehrheit der Objekt – welche unter diese Kategorie fallen – einfach nur so genannt, weil sie in Gesellschaften erzeugt wurden, in denen der Islam Mehrheitsreligion ist. Kurz gesagt, „islamische Kunst” betrifft weit mehr als nur religiöse Kunst für den Islam.

Hohe Kunst des ­Schönschreibens

Für die meisten Muslime ist die Kalligrafie, die Kunst des Schönschreibens, die höchste Form der schaffenden Künste – und für einige ist sie die einzige spirituell bedeutsame. Sie leitet ihren Führungsanspruch aus dem Qur’an ab. Über die Jahrhunderte entwickelten Kalligrafen Schriften und Stile, aber alle muslimischen Kulturen maßen dem Schönschreiben große Bedeutung bei – vorrangig bei Abschriften des Qur’ans, aber auch bei anderen Genres.

Die enorme Wertschätzung für das Schreiben hat alle Formen der Gestaltung in der muslimischen Kunst durchzogen. Daher findet sich Kalligrafie in jeder Moschee, jeder Schule und jedem Palast – aber auch auf jeder bescheidenen Schale und Teller. Die Sentenzen reichen vom Qur’an über Segenssprüche für die Eigentümer der Objekte bis zu Zitaten aus beliebten Gedichten.

Ein weiterer Aspekt der häufigen Konfusion bei diesem Thema ist die oft wiederholte und – ziemlich inkorrekte – Ansicht, wonach der Islam figürliche Darstellungen untersagen würde. Dies ist einfach unwahr: Im Qur’an findet sich nur sehr wenig zu diesem Thema; mit Ausnahme, dass niemand Götzen anbeten sollte. Über die Zeit floss die verständliche Nichtexistenz einer religiösen Bildsprache in die restliche Welt über. Zu manchen Zeiten und an manchen Orten lehnten Muslime alle Bilder ab, während unter anderen Umständen, Bilder häufig verwendet wurden – allerdings niemals im religiösen Kontext.

Blumen und Geometrie

Viele Beispiele muslimischer Kunst sind mit Pflanzen, Blättern, Stengeln und Bildern versehen. Sie folgen oft den Gesetzen der Geometrie und nicht denen der Natur: Stengel rollen symetrisch und regelmäßig um gleichmäßig angeordnete Blätter und Blumen. Jene Art der Dekoration wird Arabeske genannt – ein Begriff, der im 15. und 16. Jahrhundert von Europäern geprägt wurde, die sie schätzten und mit arabischen Ländern gleichsetzten.

Arabesken sind oft mit geometrischen Mustern geschmückt. Auch hier sind die Experten im Unklaren, ob diese Arten der pflanzlichen oder geometrischen Dekoration eine besondere Bedeutung haben. Für manche repräsentieren Pflanzen das Paradies, das im Qur’an als blühender Garten beschrieben wird, während die Geometrie die Vielzahl in der Einheit der Göttlichen Schöpfung nahe legt. Es ist gut möglich, dass Künstler und Designer bewusst vage blieben, um es individuellen Betrachtern zu erlauben, die Dekoration auf die Art und Weise zu deuten, die sie oder er für angemessen hielten.

Vielfalt der Kulturen

Islamische Kunst umspannt 14 Jahrhunderte – von den Stränden des Atlantik zum Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer und den Steppen Zentralasiens bis zu den Savannen Afrikas. Alles Länder, in denen die Menschen sich in einer Unzahl von Sprachen verständigten, aber alle über den gemeinsamen Glauben an die Pfeiler des Glaubens im Islam verbunden waren. Die den Künstlern zur Verfügung stehenden Ressourcen und bereits existierenden Traditionen unterschieden sich in den jeweiligen Kulturräumen so sehr, dass es keinen einheitlichen Stil, Technik oder Medium gab. Während Holz beispielsweise in Marokko und auch in Anatolien relativ häufig vorkam, war es in Ägypten selten, sodass Kunsthandwerker hier besondere Techniken – wie die Maschrabija, Sichtblenden aus gedrechseltem Holz, die aus hunderten Stücken gedrehter Holzstücke bestanden – entwickelten, um das beste aus dieser raren Ressource herauszuholen. Gute Steine für Architektur waren um das Mittelmeer und auch in Indien verfügbar, aber nicht im Irak, im Iran und in Zentralasien, wo Baumeister außerordentliche Techniken für den Bau und die Dekoration mit Lehm und Ziegeln entwickelten. Unabhängig davon, ob sie gebrannten – als Ziegel oder glasierte Ziegel – oder ungebrannten verwendeten.

Wie Kunst betrachten?

Wie sollten sich die Interessierten also der islamischen Kunst zuwenden, insbesondere dann, wenn sie ihnen zumeist im Museum begegnet? Erklärungen in Museen zeigen uns – trotz ihrer guten Absichten – zumeist alles, außer den Dingen, die wir am meisten wissen wollen. Viele dieser bei Ausstellungsmachern so beliebten dynastischen Etiketten – von den Umaijaden, Fatimiden, Ghaznaviden, über die Timuriden und Safawiden bis zu den Mamluken und Osmanen – sind hilfreich, wenn die Kunst zur Beschreibung von Geschichte dient. Aber deren nicht bestehender Bekanntheitsgrad – von den unterschiedlichen Schreibweisen einmal abgesehen – verwirrt die Besucher allzu oft.

Wir schlagen vor, dass der neugierige Besucher das Etikett vorerst ignoriert und das Objekt vielmehr mit direkten Fragen betrachtet: Was ist es? Aus was ist es gemacht? Woher kamen die verwendeten Materialien und wie wurden sie in ihren gegenwärtigen Zustand gebracht? Ist es vollständig oder sehen wir nur den Teil von etwas größerem? Sagt es etwas? Für wen wurde es erzeugt? Wie haben er oder sie es benutzt? Warum hat der Ausstellungsleiter es ausgestellt?

In allen Gesellschaften haben sich Menschen ausgedrückt. Auch wenn Kunst benutzt werden kann, um Geschichte zu illustrieren, ist ihre wichtigste Position, eine Botschaft zu vermitteln, die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann. Die physische Schönheit der muslimischen Kunst lädt uns ein, zu verweilen und darüber nachzudenken, was wir vor uns sehen. Nehmen Sie sich die Zeit, zu warten, zu schauen und einige dieser Fragen zu stellen. Die Kunst – mit welchem Namen auch immer sie bezeichnet wird – wird Ihnen diese Bemühungen vergelten.

Hier sind einige der wichtigsten Museen der Islamischen Kunst. Die Aufzählung ist bei Weitem nicht ausreichend: Eine Erhebung, die in den 1990er Jahren erstellt wurde, kam auf mehr als 300 Sammlungen in aller Welt. Und ihre Zahl hat seitdem dramatisch zugenommen. London Das Victoria and Albert Museum, jetzt als V&A bekannt, erwuchs aus der Großen Weltausstellung von 1851. Seine Sammlungen sind entsprechend der Medien angeordnet. Auch wenn der ursprüngliche Fokus der Einrichtung auf die bildenden Künste Europas ausgerichtet war, so fanden sich hier seit ihrer Gründung Beispiele islamischer Kunst. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Kunst der Muslime als wichtigste Inspiration für die Verbesserung der gestaltenden Künste in Großbritannien. 1876 hatte Robert Murdoch Smith, ein Offizier der königlichen Ingenieure bei der Indo-Europäischen Telegrafengesellschaft im Iran, mehr als 2.000 Objekte für das Museum angesammelt. Seit den 1950er Jahren findet sich eine Gallerie für Kunst aus dem Nahen Osten, die seit 2006 unter dem Namen Jameel Gallery of Islamic Art umgestaltet wurde.

Die Islamische Sammlung, die aus mehr als 10.000 Objekten besteht, ist bei Keramiken, Glas, Metallwaren, Elfenbein und Textilien (hier vor allem aus dem Iran, der Türkei und Ägypten) sehr gut sortiert.

Berlin

Zu den herausragenden Beispielen internationaler Museen für islamische Kunst zählt das Berliner Museum für Islamische Kunst. 1905 vom legendären Wilhelm von Bode als Teil der Königlichen Museen von Berlin gegründet, war seine Absicht, aufzuzeigen, wie die Islamische Kunst Traditionen der späten Antike fortsetzte. Zu den bedeutendsten Artefakten zählt die 30 Meter lange behauene Steinfassade eines Palastes aus Mschatta (Jordanien), die Kaiser Wilhelm II. vom Osmanischen Khalifen Abdulhamid II. geschenkt wurde. Über die Jahre wurde der umfassende Besitz der Institution durch bedeutende Schenkungen und Aufkäufe erweitert. Seit 2001 sind die wichtigsten Stücke der 16.000 Objekte großen Sammlung im Südflügel des Pergamon-Museums zu sehen. Jüngst kam eine weitere große Schenkung hinzu: Die Keir Collection des ungarisch-britischen Anwalts Edmund de Unger, der sein Vermögen auf dem Londoner Immobilienmarkt machte.

Istanbul

Von allen Ausstellungsorten für islamische Kunst ist der pittoreskeste ohne Zweifel das Museum im Topkapi-Palast. Es befindet sich in dem Jahrhunderte alten Machtzentrum es osmanischen Khalifats – umgeben von Gärten, die den Schnittpunkt zwischen Europa und Asien überblicken.

Die meisten seiner Objekte waren einst Teil der offiziellen osmanischen Sammlung. Zu ihnen zählen Geschenke, Kriegsbeute und lokale Erzeugnisse. Neben seiner türkischen Sammlung findet sich hier eine der feinsten Sammlungen persischen Buchmalereien überhaupt, und jeder Student auf diesem Gebiet muss hier genauso viel Zeit verbringen wie im Iran. Ebenfalls gibt es glänzende Iznik-Keramiken und außerordentliche osmanische Kaftane. Die Kammer der „heiligen Relikte”, die mit dem Propheten Muhammad in Verbindung gebracht werden, wurde 1517 von Yavuz Sultan Selim I. aus Kairo nach Istanbul gebracht.

Besucher in Istanbul sollten es nicht versäumen, drei weitere wichtige Museen für Islamische Kunst zu besuchen: das nahegelegene Museum für Türkische und Islamische Kunst und die relativ neuen Koç und Sabanci Museen.

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