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Indien 100 Tage unter Modi: Hindu-Nationalisten auf dem Vormarsch. Ein Bericht von Doreen Fiedler

Nationalreligiöser Mob wieder auf Vormarsch?

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ndien ist ein buntes, demokratisches, multireligiöses Land. Nicht mehr lange, fürchten Kritiker der neuen Regierung. Seit 100 Tagen herrscht Narendra Modi. Unter ihm haben rechte Hindus viel Spielraum.

Neu Delhi (dpa). Seit 100 Tagen regiert Premierminister Narendra Modi in Indien. Seitdem zogen unter seinen Augen religiöse Eiferer und Sittenwächter los, die Hindutva propagieren, also ein Hindutum, in dem Christentum und Islam als Fremdkörper im Land wahrgenommen werden. Die Hindu-Nationalisten schüren Hass zwischen den Religionen, schreiben Schulbücher um und sprechen von einem indischen Großreich.

«Doch der Premierminister hat noch nicht ein Wort dazu gesagt», ärgert sich Kommentator Karan Thapar in der Zeitung «Hindustan Times». Das könne bei einem Regierungschef, der sonst mit so starker Hand regiert, dass er seinen Ministern sogar die Kleidung vorschreibt und die Sauberkeit von Schreibtischen seiner Beamten kontrolliert, nur eines bedeuten: Modi steckt da mit drin.

Parlamentsabgeordnete von Modis Partei BJP etwa behaupteten, im Bundesstaat Uttar Pradesh würden Muslime gezielt hinduistische Mädchen verführen und sie zwingen, zum Islam zu konvertieren. Griffiges Schlagwort der unterstellten Kampagne: «Love Dschihad». Derartige Propaganda, verbreitet von mehreren Hindu-Organisationen, eskalierte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in blutigen Unruhen mit zum Teil Hunderten Toten.

Dabei ist Indien – ein Land mit zahlreichen Religionen, Ethnien und Sprachen – per Verfassung ein säkularer und toleranter Staat. Trotzdem gelang es dem Tugendwächter Dinanath Batra durch seinen Protest, dass eine Untersuchung über sexuelle Gewalt religiöser Gemeinschaften aus den Regalen geholt wurde. Zuvor wurde das Buch «The Hindus: An Alternative History» eingestampft. Batra kam mit den Behauptungen durch, Autorin Wendy Doniger verstehe Fakten falsch und verunglimpfe hinduistische Götter.

Es geht um die Deutungshoheit über die indische Kultur und Geschichte. Yellapragada Sudershan Rao, ein laut indischen Medien ziemlich unbekannter Historiker, aber mit Nähe zur Regierung, wurde jüngst zum Chef eines richtunggebenden Forschungsrates ernannt. Auch sollen die islamischen Madrasa-Schulen mit zwölf Millionen Euro «modernisiert» werden. Das könnte nicht nur Umbauten, sondern auch neue Lehrpläne bedeuten.

Im Bundesstaat Gujarat – den Modi vor seinem neuen Amt mehr als zwölf Jahre regierte – bekommen die Schulkinder schon hindu-nationalistische Kost vorgesetzt. In 40 000 Schulen liegen seit kurzem Bücher aus, in denen den Kindern geraten wird, an Geburtstagen keine Kerzen auszublasen, da dies «westliche Kultur» sei. Auch wird darin von einem indischen Großreich gesprochen, das neben dem heutigen Indien auch Pakistan, Afghanistan, Tibet, Nepal, Bhutan, Sri Lanka und Myanmar umfasst.

Aktivistin und Tanzlehrerin Mallika Sarabhai aus Gujarat ärgert sich maßlos über den «Blödsinn» in den Schulbüchern. Etwa dass Inder schon vor Tausenden Jahren den Fernseher, Autos und die Stammzellenforschung erfunden hätten. «Es gibt ein riesiges Verlangen, beweisen zu wollen, dass alles zuerst in Indien entdeckt wurde», meint sie. Außerdem werde stets eine angenommene, alte «Reinheit» des Hinduismus gelobt – bevor also der Islam und die europäischen Kolonialherren nach Indien kamen.

Auch Modi ist der Ansicht, dass vor etwa 3000 Jahren eine vorbildhafte Hindu-Nation am Ganges existierte. «Als Indien die Welt spirituell beherrschte, war es auch auf seiner wirtschaftlichen Höhe», sagte er am Tag seines Wahlsiegs. «Ich träume davon, dass es diese Höhen wieder erreicht.»

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