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Indonesien: Interview mit Zaim Saidi über alte und neue Finanzkrisen und mögliche Alternativen

"Die Menschen spüren immer noch die Auswirkungen der Krise von 1997"

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(iz). Indonesien wurde 1997 schwer von der so genannten Asienkrise erschüttert; und zwar in einem derartigen Maß, dass die Bevölkerung deren Auswirkungen auch heute noch spürt. Heute steht das größte muslimische Land der Welt nicht nur vor der Bewältigung der jüngsten Krise, sondern ist auch gefangen in einer ökonomischen Auseinander­setzung zwischen westlichen Interessen und einem wachsenden chinesischen Einfluss. Indonesiens Wirtschaft, wie der Rest der „Dritten Welt“, leidet unter den Problemen der Arbeitsbedingungen in den „Sweatshops“, einem ungeregeltem Abbau von Bodenschätzen und der Vernichtung der Regenwälder des Landes. Um mehr über die Lage auf dem indonesischen Archipel zu erfahren, sprachen wir mit Zaim Saidi, einem in der Hauptstadt Jakarta lebenden Journalisten. Hauptberuflich ist Saidi ein Fachmann für sozio-ökonomische Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Dabei ist er Berater und Ausbilder für Personal in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit und des Spendensammelns.

Außerdem ist Zaim Saidi Direktor eines Projekts zur Einführung einer bi-metallischen Währung, dem Gold-Dinar und dem Silber-Dirham. Im Rahmen dieser Aktivitäten betreibt er eine Wakala in der indonesischen Hauptstadt.

Islamische Zeitung: In Sachen der wirtschaftlichen Lage in Indonesien; wie wurde Ihre Heimat während der jüngsten Krise getroffen?

Zaim Saidi: Die Folgen [der jüngsten Krise] scheinen nicht groß zu sein, wenn sie mit der Krise von 1997 verglichen werden, deren Auswirkungen die Indonesier immer noch am eigenen Leib spüren. Ihre Implikationen lassen sich an Lebensmittelpreisen oder Kosten für Energie und Kleidung ablesen; kurz gefasst, die Lebenshaltungskosten steigen weiterhin. Was die meisten Menschen angeht, so hat sich – unabhängig von der Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten – die Lage in Indonesien in den letzten Jahren verschlechtert. Die wichtigste Sache ist, dass die Lebenshaltungskosten immer noch sehr hoch sind. In anderen Worten: Trotz der Beteuerungen der Regierung, dass die Armutsrate im Sinken begriffen ist, wird das Leben der Menschen immer schwieriger.

Wir müssen die grundlegenden Indikatoren betrachten, wenn es sich um die wirklichen Kosten für die Menschen handelt, damit wir eine bessere Perspektive habe, und eine bessere Lösung für die erkrankte Wirtschaft. Wir wissen, dass das herrschende ­Finanzsystem ein integriertes, weltweites Netzwerk ist. Was also heute in den USA oder in europäischen Ländern geschieht, kann auch Länder wie Indonesien betreffen.

Islamische Zeitung: Wie sieht Indonesien sich selbst und seine wirtschaftliche Lage zwischen den USA und China?

Zaim Saidi: China hat einen wachsenden Einfluss auf unsere Wirtschaft. Wir sehen dies in den Alltagserfahrungen der Menschen, da sie immer mehr chinesische Produkte kaufen; beispielsweise Lebensmittel, Maschinen, Kleidung, Spielzeug etc. Die Sache ist, dass chinesische Produkte einerseits im Vergleich billiger sind, auch wenn sie andererseits in Sachen Qualität nicht immer gut sind.

Da die Kaufkraft der Menschen im Schwinden begriffen ist und die Lebenshaltungskosten weiter ansteigen, werden chinesische Produkte beliebter. In anderen Bereichen ist der Einfluss Chinas ebenfalls stark; so auf dem Energiesektor, da Indonesien heute große Mengen verflüssigtes Erdgas nach China exportiert.

Islamische Zeitung: Erwarten Sie eine Übernahme der indonesischen Wirtschaft durch China?

Zaim Saidi: Deutlich wurde nach dem Eintritt Chinas in die indonesische Wirtschaft, dass die wirtschaftlichen Fähigkeiten unseres Landes schrumpfen; die Produktionskapazitäten und auch das Know-how. Mit anderen Worten, Indonesien wird zum bloßen Kunden Chinas ohne eigene Produktion. Der Zustrom chinesischer Produkte bewirkt ein langsames Schwinden der indonesischen Fähigkeit, Waren zu produzieren. Ich erwarte, falls die Regierung und die Menschen Indonesiens nicht auf eine angemessene Art und Weise reagieren, dass China zur dominanten Kraft in Indonesien werden wird. Auch wenn wir hier über das chinesische Hauptland im Zusammenhang mit Indonesien sprechen, so müssen wir verstehen, dass bei uns die wichtigsten wirtschaftlichen Akteure die so genannten Übersee-Chinesen sind – Chinesen, die in Indonesien geboren sind. Sie haben natürlich sehr starke Bindungen zu Verwandten und Familien im Hauptland. Viele in Indonesien geborene Chinesen haben in China investiert, und ein weiteres Problem ist zum jetzigen Zeitpunkt, dass viele Ausländer Indonesien in Sachen Investitionen als unsicher ansehen. Aus diesem Gründen flieht viel Kapital nach China, vor allem mit Hilfe der indonesischen Chinesen. Wenn wir die Zahlen betrachten, so macht diese Gruppe nur drei Prozent der Bevölkerung aus; sie kontrolliert aber 95 Prozent der indonesischen Wirtschaft. So können Sie sich vorstellen, wie stark ihr Einfluss ist. Die gesamte Produktion, die Industrie, der Vertrieb, die Märkte – im Grunde stehen beinahe sämtliche Produkte unter der Kontrolle der in Indonesien geborenen Chinesen.

Islamische Zeitung: Lassen sich Malaysia und Indonesien wirtschaftlich miteinander vergleichen?

Zaim Saidi: Unser Nachbarland ist in einer besseren Position. Wenn Sie die Ereignisse von 1997 betrachten, dann hat die Regierung Malaysias eine stärkere Haltung eingenommen, als sie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank (WB) das Recht zur Intervention verweigerte. Die Folgen der Krise waren für Malaysia weniger schlimm als für uns. Zweitens lassen sich weitere Rückschlüsse aus der Abwanderung von Arbeitern aus Indonesien nach Malaysia ziehen. Viele Menschen versuchen, in ihrem Nachbarland ein Auskommen zu finden.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie den Bestand der Sweatshops in ­Indonesien, in denen internationale Multis wie Nike ihre Produkte anfertigen lassen?

Zaim Saidi: Das ist natürlich eine andere Angelegenheit. Seit den 80ern operieren multinationale Unternehmen in Indonesien dank der freundlichen Einstellung der Regierungspolitik gegenüber großen Unternehmen. Darunter befinden sich Produzenten für Unterhaltungselektronik, Kleidung, Lebensmittelproduzenten und sogar Computerfirmen. Ihnen werden auch die so genannten „Sonderhandelszonen“ angeboten. Allerdings mussten in den letzten Jahren einige solcher Firmen ihre Produktionen in Indonesien schließen.

Dies geschah aus Gründen der Effizienz; manche zogen nach Vietnam, China oder sogar Thailand. Es handelt sich um bindungslose Investitionen, sodass sie zu jeder Zeit an jeden Ort gehen können, wie es ihnen beliebt. Mit anderen Worten führt die Anwesenheit dieser multinationaler Unternehmen nicht notwendigerweise dazu, dass die Wirtschaft ihres Gastlandes und seiner Menschen besser ist. Diese Unternehmen sind auf der Suche nach billigen Rohmaterialien, niedrigpreisiger Arbeitskraft und neuen Kunden. Augenblicklich leben 220 Millionen Menschen in Indonesien. Das Land ist daher sehr wichtig für die internationalen Konzerne, weil sie hier alles bekommen können, was sie wollen.

Islamische Zeitung: Sie arbeiten an einem Projekt zur Wiedereinführung einer bi-metallischen Währung, namentlich dem Gold-Dinar und dem Silber-Dirham. Könnten Sie uns bitte etwas über ihr Projekt und ihre Absichten berichten?

Zaim Saidi: Bevor ich diese Frage beantworte, lassen Sie mich einen weiteren Faktor anführen: den finanziellen Sektor selbst. Nach der Krise 1997 nahm die Abhängigkeit des Finanzsektors in Indonesien von ausländischen Investoren noch weiter zu. Ironischerweise wurde im Namen der monetären Unabhängigkeit die Stärke der ausländischen Finanzindustrie im Land noch weiter gestärkt.

Einer der Hinweise darauf ist, dass 1999 ein Gesetz beschlossen wurde, wonach der Zentralbank volle Unabhängigkeit eingeräumt wurde. Dieser Beschluss trennte den Leiter der Bank von der Regierung der Republik Indonesien, sodass er sich nicht mehr vor dem Präsidenten verantworten muss. Wenn wir heute die Eigentumsverhältnisse der Finanzindustrie debattieren, so befinden sich diese zu 50 Prozent im Besitz ausländischer Banker. Daher ist die Lage des Bankensektors eine der Ursachen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Einer der grundlegenden Indikatoren für Armut ist im wirklichen Sinne die Kaufkraft der Menschen. Wenn man auf die üblicherweise anerkannten Daten für Armut, wie sie beispielsweise von der Weltbank ausgegeben werden, zurückgreift, dann finden sich irreführende Angaben. Diese werden im Rahmen von Jahreseinkommen oder dem täglichen Verdienst, beispielsweise zwei US-Dollar pro Tag, angegeben. Das bedeutet aber nicht viel, denn was die Menschen wirklich arm oder reich macht, ist ihre Fähigkeit Dinge zu kaufen; mit anderen Worten, ihre Kaufkraft.

Wenn wir die Kaufkraft anschauen und Gold als unseren Maßstab anlegen, dann belief sich 1947 (kurz nach der Unabhängigkeit der Republik Indonesien) der Goldpreis auf zwei Rupiah pro Gramm. Als Folge der Unabhängigkeit der Republik erhielt Indonesien eine Zentralbank und eine Papiergeldwährung.

Springen wir nun in die frühen 60er Jahre, die Periode unter Präsident Sukarno, die zwischen 1945 und 1965 als „Alte Ordnung“ bekannt wurde. Im Jahre 1967 gab es eine dramatische Wandlung, nachdem Sukarnos Regime beendet wurde, weil es als zu links und zu nahe an kommunistischen und sozialistischen Ideologien stehend galt. Dann kam Suharto als zweiter Präsident an die Macht, der vollkommen vom internationalen Finanzsystem, dem IWF, der Weltbank und vielen anderen internationalen Banken unterstützt wurde. Dies führte zu einem Zufluss von vielen Investitionen nach Indonesien.

Ausgehend von diesem Zeitpunkt an übernahm die Republik Indonesien das kapitalistische Wirtschaftssystem. Ich würde gern den Goldpreis als Indikator benutzen. 1965 stieg der Preis für Gold um das hundertfache, auf 200 Rupiah pro Gramm. Während der „Neuen Ordnung“ Suhartos wurde die Einflussnahme internationaler Banken immer größer. Sie können beobachten, wie die Regierung zu bestimmten Zeitpunkten gezwungen wurde, ihre Währung abzuwerten – fünf Mal in einer Periode von dreißig Jahren.

Springen wir ins Jahr 1997, mehr als dreißig Jahre nachdem die Regierung der „Neuen Ordnung“ an die Macht geputscht wurde. Nach dreißig Jahren Kapitalismus und Unterdrückung im Land stieg der Goldpreis auf 20.000 Rupiah pro Gramm; also eine Steigerung um das 100-fache zum Vergleichsjahr. Kurz nach der Krise 1997 sprang der Goldpreis in Indonesien auf 100.000 Rupiah pro Gramm. Heute, im Jahre 2008, beläuft sich der Preis des Goldes auf rund 280.000 Rupiah pro Gramm. In rund 60 Jahren stieg der Goldpreis pro Gramm um das 140.000-fache. Wie wir sehen können ist das zeitgenössische Geld nichts als Zahlenspielerei. Deshalb müssen wir Gold verwenden, weil Gold oder Silber die einzigen Währungen sind, welche Inflation überwinden können. Hätten sich die Mitglieder der Regierung weiterhin an Gold gehalten, dann hätten sie kein Problem. Ein Gramm Gold im Jahr 1947 ist auch 2008 nur ein Gramm Gold.

Islamische Zeitung: Was ist Ihrer Ansicht nach eine tragfähige Lösung für die aktuelle Krise?

Zaim Saidi: Die bi-metallische Wäh­rung ist die beste Lösung für die aktuelle und wiederkehrende Krise des monetären Systems. Meiner Meinung nach gibt es keinen anderen Weg als die Annahme eines bi-metallischen Währungssystems in Form des Gold-Dinars oder des Silber-Dirhams. Die Frage ist: Wo sollen wir anfangen? Die Aufgabe der Muslime liegt in der Bewältigung von Problemen auf praktischer Ebene. Wie unsere Erfahrung in Indonesien zeigt, besteht der erste Schritt in der Rückkehr zu einer korrekten Einsammlung der Zakat. Denn es ist festgelegt, dass Zakat auf Geldvermögen nur in Gold oder Silber bezahlt werden kann.

Islamische Zeitung: Worin bestehen Ihre praktischen Aktivitäten, und was ist eine Wakala?

Zaim Saidi: Diese ist der erste Schritt. Nachdem die realen Münzen geprägt werden können, besteht unsere Aufgabe in deren Verteilung. Zur gleiche Zeit müssen wir aber auch die Öffentlichkeit im Gebrauch der Münzen unterweisen. Für den Vertrieb haben wir ein Netzwerk von Wakalas entwickelt.

Im Allgemeinen übt eine Wakala verschiedene Funktionen aus. Wenn sie voll operationsfähig ist, besteht ihre erste Aufgabe im Vertrieb der Münzen selbst. Das heißt, dass die Menschen Münzen austauschen können. Die zweite Funktion ist der Transfer von Geld, wenn Menschen Devisen an einen anderen Ort senden wollen – beispielsweise an ihre Kinder, ihre Familien und ihre Freunde etc. Das Wakala-Netzwerk wird als Verteiler von Münzen fungieren.

Das dritte Segment ist die Funktion der Wakala als Sicherheitselement, denn heute sorgen sich die Menschen aus Sicherheitsgründen um die Lagerung des Goldes. Was eine Wakala leisten kann, ist die Bereitstellung einer Sicherheitsverwahrung für die Edelmetalle. Wie bei einem normalen Schließfach bieten wir unseren Kunden gegen eine geringe Gebühr die sichere Verwahrung ihrer Münzen an.

Die vierte Funktion, damit wir Gold zu einer effektiven Währung machen können, ist die Bereitstellung eines Zahlungssystems, sodass die Menschen tatsächlich Transaktionen mit Gold- und Silbermünzen ausführen können. Das Zahlungssystem wird über elektronische Medien wie Handys oder dem Internet zur Verfügung stehen. Aus Sicherheitsgründen sind allerdings Anwendungen per Handy vorzuziehen. In Indonesien sind wir bereits an einem Punkt angelangt, an dem wir über die ersten drei Funktionen verfügen. Sobald wir den vierten Punkt umgesetzt haben, können sich mehr Menschen anschließen und ihr Papiergeld gegen Gold eintauschen.

Islamische Zeitung: Wird das Interesse am Dinar im Zuge der Krise des Finanzsystems zunehmen?

Zaim Saidi: Ja, natürlich, denn wenn wir die Entwicklung des Dinars und der Wakalas in Indonesien sprechen, so begannen wir mit unserem ersten Outlet im Jahre 2002. In den folgenden Jahren eröffneten wir bereits drei weitere Unterfilialen. Zu Beginn waren wir sehr klein. Unsere erste Wakala begann mit 25 Golddinaren. Wir beobachteten danach einen Anstieg im Gebrauch des Dinars, insbesondere im letzten Jahr nach der Hypothekenkrise in den USA. Wenn Sie die absoluten Zahlen betrachten, so sind diese immer noch klein, aber in Sachen Wachstum und Verbreitung des Goldes sind wir sehr überzeugend. In den letzten zehn Monaten haben mehr und mehr Menschen ihr Papiergeld gegen Goldmünzen eingetauscht. Im Februar 2008 wurde unsere Wakala zur Muttereinrichtung. Seitdem gründeten wir 17 weitere.

Auch das Wachstums der Münzmenge ist sehr ermutigend. In der Meisterwakala erreichen wir zur Zeit eine Menge von 1.500 Münzen monatlich. Mit nur ein, zwei oder drei weiteren Schritten können wir eine voll funktionierende Golddinar-Wirtschaft beobachten.

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns sehr für das Gespräch.

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