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Indonesien: IZ-Gespräch über Islam im größten muslimischen Land der Welt

Muslime auf tausend Inseln

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(iz). In Zeiten einer Verkürzung des Islam-Verständnisses auf bestimmte Themen und Regionen wird oft vergessen, dass es geografische Zonen des Islams gibt, die als solche kaum wahrgenommen werden. Dazu zählt auch Indonesien, welches ironischerweise das größte muslimische Land der Welt ist. Um etwas über Geschichte und Gegenwart des Islams in der Region zu erfahren, sprachen wir mit Zaim Saidi, einem gelernten Journalisten aus der Hauptstadt Jakarta. Saidi ist darüber hinaus Experte für soziale und ökonomische Aktivitäten bei NGOs. In Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen bildet er Personal in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Finanzierung aus.

Islamische Zeitung: Leider wird nur selten über den Islam und die Muslime im indonesisch-malaysischen Archipel gesprochen. Vielmehr dominiert der Nahe Osten und Nordafrika. Wie kam der Islam überhaupt in Ihre Region?

Zaim Saidi: Es gibt unterschiedliche Überlieferungen darüber, wie der Din in unsere Inselwelt kam. Eine geht davon aus, dass er von Händlern aus der indischen Region Gujarat gebracht worden ist. So kam er nicht direkt aus den Nahen Osten, sondern über die Vermittlung aus dem indischen Subkontinent. Der wichtigste Impuls in der Verbreitung des Islam kam sicherlich vom Tasawwuf. Es ist eine bekannte Tatsache, dass wir die „Neun Aulija“ (Sing. Wali, Freunde Allahs) in unserer frühen islamischen Geschichte haben. Sie brachten den Islam mit sich, der eine gute Aufnahme fand, weil die lokale Kultur zu dieser Zeit sehr aufnahmebereit war.

Es gibt auch eine andere Theorie, die davon ausgeht, dass der Islam aus China in unsere Heimat kam. Einige dieser Aulija waren sogar chinesischer Herkunft. Vom 17. Jahrhundert beginnend stieg der Einfluss des direkten Kontaktes mit dem heutigen Nahen Osten, weil viele Muslime in die Arabische Welt reisten, um dort nach Wissen zu suchen und um natürlich auch auf die Hadsch zu gehen. Manche unserer Vorfahren blieben lange im Hidschaz, wo sie das Wissen der Gelehrten aus dem 17. und 18. Jahrhundert mitbrachten.

Nach ihrer Heimkehr gründeten viele jener Gelehrten die so genannten „Pesantren“ (oder auch Pondok Pesantren). Dies waren traditionelle Lehrzentren, in denen die Schüler und Lehrer zusammen wohnten und arbeiteten. Hier wurden die Lehren des Sufismus, der auf Qur’an und prophetischer Sunna beruht, noch weiter vertieft und verbreitet.

Islamische Zeitung: Welches ist das dominierende Element in der islamischen Lehre in Indonesien, und wo befinden sich die Zentren des traditionellen Islam in Ihrer Heimat?

Zaim Saidi: In Fragen des islamischen Rechts folgen die Muslime Indonesiens traditionell der schafi’itischen Rechtsschule. Und in Sachen Glaubenslehre (Kalam) wird bei uns die asch’aritische ‘Aqida gelehrt, die eine der beiden Schulen des „sunnitischen“ Islams (Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a) ist. Indonesien bestand traditionell aus verschiedenen Sultanaten, die ihre eigenen Regierungsstrukturen hatten.

Die Sultanate von Aceh oder von Süd-Kalimantan beispielsweise hatten eine Struktur, die dem osmanischen Vorbild sehr ähnlich war. Gerade in späteren Zeiten gab es eine direkte Verbindung zwischen dem osmanischen Khalifat und dem Sultanat von Aceh – durch Handel, aber auch durch diplomatische und militärische Kontakte. Die Muslime in Aceh erbaten die Hilfe der Osmanen, um gegen die Kolonialmächte jener Zeit bestehen zu können.

Islamische Zeitung: Spielen die Sultanate im heutigen Indonesien noch eine Rolle?

Zaim Saidi: In der Vergangenheit haben sie dies getan. Ab dem 18. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung wurden sie von der niederländischen Kolonialverwaltung Zug um Zug zerschlagen. Das einzige Sultanat, welches heute noch eine gewisse Relevanz hat, ist das Sultanat von Yogyakarta. Dort gibt es noch einen Sultan mit einer gesonderten Autonomie. Hier dominiert eher die javanesische Note als die islamische. Die muslimisch eingefärbten Sultanate wurden allesamt durch die Kolonialherrschaft zerstört.

Islamische Zeitung: Gibt es besondere Formen der religiösen Ausgestaltung, soziale Elemente oder lokale Arten, Feste zu feiern, die sich von anderen Orten der muslimischen Welt unterscheiden?

Zaim Saidi: Es gibt einige kulturelle Aktivitäten, die man als muslimische Bräuche einstufen kann. Beispielsweise zählen dazu die freien Märkte. In der Vergangenheit war der Markt sehr islamisch – wegen seiner Offenheit und seines beweglichen Charakters. In Zentraljava gab es die Markttage, für die eigene javanesische Begriffe geprägt wurden. Dies waren fünf Tage die Woche, die in verschiedenen Ortschaften beziehungsweise Stadtteilen abgehalten wurden. Wir hatten zwar keine Karawanen wie in der arabischen Welt oder in Zentralasien, aber individuelle Händler zogen während der Markttage von einer Ortschaft zur nächsten. In Jakarta finden sich, analog zu Städten im Rest der muslimischen Welt, bestimmte Märkte, die unter eigenem Namen bekannt geworden sind. Abgesehen von ihrem Namen ist diese Einrichtung leider vollkommen verschwunden.

In Nusantara (dem übergeordneten malaiisch-muslimischen Kulturraum) wurde der Islam auch im sozialen Leben praktiziert – nicht nur in der persönlichen Religiosität. Heute gibt es auch bei uns die Tendenz, den Islam auf die persönliche Moralität und die Moschee zu beschränken. Die Menschen sind beispielsweise sehr stark auf die Halal-Nahrung beschränkt, und erkennen nicht mehr die weitergehende soziale Handlung wie beispielsweise diese Markttage. Es gibt eine Polarität zwischen dem „traditionellen“ und dem „modernistischen“ Islam. Auf der einen Seite agieren diese Modernisten sehr aggressiv, und auf der anderen Seite verhält sich die so genannte „Tradition“ sehr defensiv. Auch sie wird mittlerweile gezwungen, sich zu „modernisieren“. Die Pondok Pesantren wandeln sich jetzt beispielsweise zu „modernen Pondok Pesantren“.

Islamische Zeitung: Wie sehen die Muslime in Indonesien Konflikte und Entwicklungen in anderen Teilen der muslimischen Welt?

Zaim Saidi: Die Mehrheit der Menschen ist recht passiv, was bedeutet, dass sie ihre Einstellungen zum überwiegenden Teil von Medien erhält. Die Elite der Muslime ist beispielsweise sehr beschäftigt mit der Palästina-Frage, so als ob die wichtigste islamische Frage unserer Zeit die um Palästina wäre. Ich befürchte, dass die Mehrheit der muslimischen Aktivisten in diesem Weltbild gefangen ist, was denn die wichtigsten Probleme der muslimischen Welt seien.

Sie sehen nicht, dass der Raubbau der Bodenschätze und Rohstoffe aus einem Land wie Indonesien ein gravierenderes Problem auf einer viel tiefergehenden Ebene ist. Gleiches gilt für die Verschuldung des Landes, die direkte Auswirkungen auf das Wohlergehen der Gemeinden hat.

Islamische Zeitung: Es gab aber beispielsweise deutliche Stimmen von bedeutenden muslimischen Gelehrten aus Südostasien über das Verbot von Terror und Selbstmordattentaten…

Zaim Saidi: Ja, das stimmt. In dieser Hinsicht hat beispielsweise der indonesische Rat der Rechtsgelehrten eine Fatwa veröffentlicht, in welcher die Selbstmordattentate, wie sie sich im Nahen Osten ereignen, für haram erklärt werden. Die Mehrheit der indonesischen Muslime lehnt solche Methoden ab.

Islamische Zeitung: Was könnte der Beitrag der indonesischen Muslime für den Rest der Welt sein?

Zaim Saidi: Ich glaube, dies sind zwei Dinge. Zum einen handelt es sich um einen sozialen und kulturellen Aspekt: Der Zusammenhalt der muslimischen Gemeinden, der im Din durch unterschiedliche kulturelle und soziale Ereignisse wie die Feier des Prophetengeburtstags oder der Geburt eines Kindes hergestellt wird.

Zum anderen handelt es sich um die Wiedererrichtung der vergessenen islamischen Handlungsmuster wie die islamischen Märkte und den Gebrauch von Real-Währungen mit einem immanenten Wert. Als Land, welches am härtesten von der so genannten „Währungskrise“ (1997) getroffen wurde, haben wir die Chance, wegen des Vertrauensverlustes in die bisherige Währung wieder die Idee einer Währung bekannt zu machen, die den islamischen Vorgaben entspricht.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Interview!

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