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Interview: “Abwertung der islamischen Kultur?” – Deutsche Zustände 2006

"IZ-Begegnung" mit Prof. Wilhelm Heitmeyer über die gestiegene Islamophobie und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland

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Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (51) ist Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld. Er hat verschiedene Forschungsgruppen zu Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und ethnisch-kulturellen Konflikten geleitet. Seit 1996 ist er Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Heitmeyer hat zahlreiche Publikationen verfasst und herausgegeben. Seine Studie „Verlockender Fundamentalismus – Türkische Jugendliche in Deutschland“ von 1997 hatte seinerzeit für Aufsehen in der Öffentlichkeit, aber auch für viel fachliche Kritik gesorgt. Seit 2002 leitet Heitmeyer das auf 10 Jahre angelegte empirische Forschungsprojekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, bei dem in jedem Jahr ein Zwischenbericht unter dem Titel „Deutsche Zustände“ erscheint. Die IZ sprach mit ihm über die diesjährigen Ergebnisse.

Islamische Zeitung: Was sind die wesentlichen Erkenntnisse des fünften Jahres des Forschungsprojekts?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Wir hatten in 2006 zwei Schwerpunkte. Zum einen die weitere Beschreibung der Langzeitentwicklung. Da zeigt sich, dass sich die Fremdenfeindlichkeit nach Jahren des Anstiegs in 2006 auf dem Niveau des Vorjahres stabilisiert hat. Die Islamophobie ist angestiegen, und beim Antisemitismus hat sich nach dem Libanon-Krieg wieder ein Anstieg auf das Niveau von 2002 gezeigt. Der zweite Schwerpunkt waren die örtlichen oder regionalen Verdichtungen der Probleme. In ökonomisch abwärts driftenden und von Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen betroffenen Regionen und kleinen Orten finden wir besondere Probleme.

Islamische Zeitung: Sie haben insbesondere eine gestiegene Islamophobie beschrieben. Worin liegt dieser Anstieg begründet?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Der Anstieg zeigt sich zum Beispiel in der zunehmenden Abwehr des Zuzugs von Muslimen und in einer generalisierten Abwertung der islamischen Kultur. Die Gründe sind schwer zu sagen, weil wir beispielsweise die Rolle der 2006 geplanten Terroranschläge in Deutschland nicht einschätzen können. Aber schon im Vorjahr zeigten die Ergebnisse, dass ca. 60 Prozent der Bevölkerung Sympathien für solche Täter bei Muslimen vermuteten.

Islamische Zeitung: Es gibt Stimmen, die die Existenz von Islamophobie leugnen oder herunterspielen. Einige haben etwa Ihre Fragestellung bei der Frage nach der Zustimmung zur Aussage „Der Islam hat eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht“ kritisiert. Was sagen Sie dazu?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Erstens gehen in einen Themenbereich immer mehrere Fragen ein, die zusammen betrachtet werden müssen. Außerdem gilt es, die Zusammenhänge mehrerer solcher Themenbereiche im Auge zu behalten. Erst dann kann man von Islamophobie sprechen. Aber wenn die Ergebnisse nicht ins Weltbild passen, dann werden einzelne Fragen herausgerissen und die Methode kritisiert. Ein beliebtes Spiel, was der Sache nicht gerecht wird. Es geht dann um politische Instrumentalisierung und nicht mehr um das Problem.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen bei der Islamophobie Vorurteile, Stereotype und Klischees? Werden diese von Teilen der Medien und der Politik mit bedient?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Bei der Abwertung von Gruppen und etwa ihren Glaubensvorstellungen oder Lebensweisen geht es häufig in der Tat um Stereotype und Klischees. Dagegen muss man ankämpfen. Erst dann ist differenzierte Kritik möglich, der sich im Grunde alle Religionen stellen müssen. Das gilt dann aus meiner Sicht genauso für die islamische Religion und etwa damit zusammenhängende Rollenauffassungen für Mann und Frau, Vorstellungen von Recht usw. Eine Abschirmung von solchen kritischen Diskussionen, auch durch islamische Eliten, bedient dann aber auch wieder solche Klischees. Wir benötigen mehr offene wie öffentliche Diskussionen.

Islamische Zeitung: In welchem Zusammenhang stehen Xenophobie, Islamophobie und abnehmende Integrationsbereitschaft der Mehrheitsbevölkerung zu Arbeitslosigkeit, Umbau des Sozialstaats und damit verbundener Orientierungslosigkeit?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Es gibt keinen Automatismus. Weder bei steigender Arbeitslosigkeit eine mechanische Zunahme, noch umgekehrt. Soziale Desintegration ist immer mit Ängsten vor dem Abstieg wie zum Teil mit Orientierungslosigkeit verbunden – und dann zeigt sich die Abwertung umso mehr, um sich selbst aufzuwerten und eine künstliche Sicherheit aufzubauen, klare Hierarchien zu etablieren usw.

Islamische Zeitung: Sind kulturelle Debatten und Identitätskampagnen eine Art Ablenkung von viel gravierenderen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Umbau des Sozialstaats und zunehmender sozialer Ungleichheit?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: In der Tat halten wir es für bedenklich, wenn Desintegrationsängste mit kollektiven Kampagnen über Nationalstolz kompensiert werden sollen. Selbstverständlich ist Patriotismus etwa für die deutsche Demokratie etc. kein Problem. Nur Vorsicht, wenn die soziale Position brüchig wird und nicht viel mehr bleibt als Nationalstolz und damit auch immer Überlegenheit und Abgrenzung.

Islamische Zeitung: Sie haben von der „beunruhigten und beunruhigenden Mitte“ gesprochen, in der die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zunimmt.

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Die unübersehbaren zunehmenden sozialen Spaltungen, also wirtschaftliche Ungleichheit, bringen auch die gesellschaftliche Mitte und ihren Status in Bedrängnis. Soziale Abstiegsängste sind für die aufstiegsorientierten Gruppen eine besondere Bedrohung. Für die Gesellschaft hat das ein besonderes Gewicht, weil die Mitte besonders groß ist.

Islamische Zeitung: Wie könnte diesen Trends entgegengewirkt werden?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Ein wichtiger Punkt ist meines Erachtens, dass neue Ideen für neue Anerkennungsquellen entwickelt werden müssen, wenn die bisher bewährten Integrationsmöglichkeiten über Arbeit, politische Teilhabe und stabile soziale Zugehörigkeiten für manche Gruppen an Wirkung verlieren. Dies ist sehr schwierig.

Islamische Zeitung: Integration wird heute oft als Assimilation verstanden und die Bringschuld für Integration vorwiegend auf Seiten der Migranten verortet. Was müssten beide Seiten aus Ihrer Sicht für eine positive Integration leisten?

Prof. Wilhelm Heitmeyer: Nun, es ist einerseits notwendig, dass Integrationschancen geboten, andererseits, dass sie auch wahrgenommen werden. Das ist anstrengend und verläuft über Bildung. Hier gibt es erhebliche Probleme. Dies muss kritisch auch gegenüber Migrantengruppen angemahnt werden. Hier brauchen wir auch kritische Debatten, denn es ist ein Problem, wenn Menschen gewissermaßen auf Religion als einzige Anerkennungsquelle angewiesen sind. Dann könnten islamistisch ausgerichtete Gruppen besonders effektiv sein – und liefern dann auch wieder Anknüpfungen für islamfeindliche Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft, was solchen Gruppen durchaus wiederum nicht unlieb sein könnte.

Islamische Zeitung: Herr Prof. Heitmeyer, wir danken für das Gespräch.

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