IZ News Ticker

Interview: Annette Groth (LINKE), Teilnehmerin der Gaza-Hilfsflotte, über ihre Eindrücke

"Moralische Verpflichtung"

Werbung

(iz) Annette Groth ist Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE. Sie nahm an dem Hilfskonvoi nach Gaza teil und befand sich auf dem türkischen Schiff Mavi Marmara, das Ende Mai vom israelischen Militär angegriffen worden war. Das folgende Interview mit Annette Groth wurde von Sebil Demirci geführt und der Islamischen Zeitung zur Verfügung gestellt.

Frage: Wie beurteilen Sie das Vorgehen des israelischen Militärs auf die Hilfsflotte und die von Israel gegebene Rechtfertigung dazu?

Annette Groth: Ich verurteile das natürlich. Wie es sich rausstellt, waren das teilweise gezielte – wie das eine Kollegin von mir gesagt hat – Exekutionen; Kopfschüsse aus nächster Nähe. Auch, bevor sie sich abgeseilt haben, vom Hubschrauber. Das war ganz gezielt alles geplant, Tote wurden nicht nur in Kauf genommen, sondern, ich glaube, um einzuschüchtern, wurde das ganz bewusst so gemacht. Und das ist natürlich gegen internationales Recht, gegen jegliche menschliche Regung, von daher ist das völlig, völlig inakzeptabel. Die Schuldigen gehören bestraft!

Frage: Wie beurteilen sie die Haltung der deutschen Medien in Bezug auf diesen Vorfall, etwa des „Focus“?

Annette Groth: Das ist natürlich einseitige Stimmungsmache gegen KritikerInnen der israelischen Politik. Da wiederholt man die israelische Propaganda, nicht nur im „Focus“, sondern auch in der „Welt“. Andere, wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, so meine Mutter [die dies von Deutschland aus verfolgte], berichten darüber überhaupt nicht, das wird dort einfach totgeschwiegen. Das ist auch eine Form der Einmischung, wenn man gar nichts darüber berichtet.

Frage: Wie bewerten sie die Haltung der Vereinten Nationen und die Gründung einer fünf köpfigen Untersuchungskommission seitens Israels. Kann man Täter und Richter zugleich sein?

Annette Groth: Eine sehr gute Frage. Also, natürlich haben wir immer eine internationale  Untersuchung gefordert und nicht nur unter ausländischer Beteiligung, leider ist das genau das, was nun passiert ist. Einer davon ist anscheinend auch sehr israelfreundlich. Das ist nicht so eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission, wie wir sie gefordert haben, das ist es nicht.

Frage: Berichten zufolge möchte Israel die Grenzblockaden lockern; wie sehen sie dieses Vorgehen?

Annette Groth: Das ist ein Ablenkungsmanöver beziehungsweise eine kleine kosmetische Änderung. Jetzt sollen zumindest 10.000 Tonnen, die auf unseren Schiffen waren, der UN übergeben werden. Norman Paech sagt: “Da macht sich die UN zum Gehilfen einer völkerrechtswidrigen Blockade”, so hat er sich in der “Jungen Welt” vorgestern geäußert. Wir wollen eine Aufhebung der Blockade. Eine totale Aufhebung, nicht nur für Waren, sondern auch für Menschen. Menschen können ja auch nicht einfach rein und raus und dafür müssen wir uns weiter einsetzen, das halte ich für wesentlich. Also von daher muss weiter Druck gemacht werden. Die Blockade ist ein völkerrechtswidriger Zustand, da wird ein Volk in Kollektivstrafe genommen. 1,5 Millionen Menschen, das kann doch nicht sein.

Frage: Könnte es aus ihrer Sicht zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung in Gaza kommen? Wenn ja, wie soll das geschehen?

Annette Groth: Das wäre natürlich die Aufhebung der Blockade. Dann können sich Menschen wieder frei bewegen. Es ist das größte Freiluftgefängnis der Welt; es ist furchtbar, dass da Menschen sterben, weil sie kein Zugang zu medizinischer Behandlung haben.

Frage: Und wie soll das geschehen?  Können das zivile Organisationen allein erreichen?

Annette Groth: Nein, das können nicht nur die Zivilorganisationen leisten, das müssen insbesondere unsere Regierungen machen. Eine der Forderungen, die das Europäische Parlament stellt, ist die Aussetzung des EU-Israel Assoziationsabkommens. Ebenso fordert das EP, wie auch die Friedensbewegung, den Stopp jeglicher Rüstungskooperation mit und aller Waffenexporte nach Israel. Obwohl das Kriegswaffenkontrollgesetz den Waffenexport in Krisengebiete verbietet, machen wir das seit vielen Jahren und verletzen so unser eigenes Gesetz. Das ist der große Skandal. Das muss man anprangern, und die deutsche Regierung muss das ändern.

Frage: Können sie abschließend ihre persönlichen Eindrücke zu diesem Vorfall schildern?

Annette Groth: Ich war entsetzt, ich habe Gottseidank keine Toten gesehen, ich habe einen Verletzten gesehen und dann weggeschaut, ich mag so etwas nicht und kann eigentlich kein Blut sehen. Ich habe auch mitgetrauert, ich saß eine ganze Weile im Innenschiff mit einer Frau aus der Türkei zusammen, deren Mann bei der Attacke auf die Marmara ums Leben gekommen ist. Leider kann ich kein Türkisch, aber durch meine Gesten und mit den Augen habe ich ihr vermittelt, dass ich mit ihr trauere, das hat sie auch so verstanden. Ich freue mich sehr, dass ich Anfang Juli in die Türkei fahren werde, nach Istanbul zum Europäischen Sozialforum. Und da gehe ich auch zur IHH; ich weiß, dass einige von unseren Sachen noch dort sind. Einige Leute, die an der Flottille teilgenommen haben, werden auch in Istanbul sein und das ist ja auch schön, sich da noch einmal zu sehen und sich auszutauschen.

Frage: Haben sie auf dem Schiff auch Freundschaften geschlossen?

Annette Groth: Ja, durchaus.

Frage: Und welche davon hat sie am meisten beeindruckt oder hat sie überhaupt irgendwas beeindruckt auf der Flottille?

Annette Groth: Ich habe zum Beispiel eine sehr humorvolle Journalistin aus Australien kennengelernt, eine Fotografin. Die war in der Halle der IHH, hat ihre kaputten Sachen gesehen und mit den Worten kommentiert, “vielleicht war das ja alles nur ein bewaffneter Raubüberfall”, das passt so richtig zu ihr. Wir waren schon auf Kreta zusammen, bevor wir aufs Schiff gegangen sind, sie und ihr Kollege, ein ganz erfahrener und ganz bekannter Kriegsreporter. Es gab einige sehr interessante Leute.

Auch eine der Organisatorinnen von Free Gaza, eine Palästinenserin mit israelischem Pass. Sie ist jetzt unter Hausarrest, da sind wir in großer Sorge. Auch um die arabische Knesset-Abgeordnete, Hanin Zoabi, die auf dem Schiff war, machen wir uns große Sorgen, ihr soll die israelische Staatsbürgerschaft aberkannt werden. Es gibt Mordaufrufe im Internet. Ich will sie in das parlamentarische Schutzprogramm im Bundestag aufnehmen. Das wollen wir noch vor der Sommerpause unter Dach und Fach bringen. Hanin braucht dringend internationalen Schutz. Wir müssen wirklich die europäische Zusammenarbeit stärken, das ist mein großer Wunsch und Wille. Man muss die Informationen über die Blockade und über die Attacke auf die Flottille unter die Leute bringen, das ist mir ganz wichtig, das haben wir uns untereinander auf dem Schiff versprochen. Das ist eine moralische Verpflichtung für uns als Zeuginnen.

   

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen