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Interview: Christa Stolle von der Frauenrechtsorganisation “Terre des Femmes”

"Gewalt gegen Frauen ist nicht an bestimmte Religionen gekoppelt"

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(iz)Christa Stolle ist Geschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF). Sie ist seit über 20 Jahren bei TdF tätig und seit 1990 Geschäftsführerin. Die IZ sprach mit ihr über Gewalt an Frauen und andere Probleme insbesondere im Hinblick auf muslimische Frauen.

Islamische Zeitung: Könnten Sie Ihre Organisation Terre des Femmes kurz vorstellen?

Christa Stolle: Terre des Femmes wurde 1981 als eine Frauen-Menschenrechtsorganisation gegründet, weil zu dieser Zeit frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen wie Genitalverstümmelung, Ehrverbrechen, häusliche Gewalt und dergleichen viel zu wenig Beachtung gefunden haben und auch innerhalb der Menschenrechtsinstitutionen und -organisationen ein blinder Fleck waren. Bei Fluchtursachen wurden zum Beispiel geschlechtsspezifische Ursachen gar nicht anerkannt, oder wenn eine Frau vor privater Gewalt geflohen ist, wurde sie nicht als Flüchtling gesehen. Es galt, das Bewusstsein zu schärfen, dass Männer kein Recht haben, Frauen zu schlagen, zu vergewaltigen und zu ihrem Eigentum zu machen, wie etwa beim Frauenhandel. Es ging auch darum, auf entsprechende Gesetzesänderungen hinzuwirken, und da hat sich ja in Deutschland inzwischen auch einiges getan – Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, und auch weltweit gibt es ein gestiegenes Bewusstsein für diese Probleme. Wir sind mit verschiedenen Projekten global tätig, haben aber unseren Sitz in Deutschland. Wir machen in erster Linie Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland.

Islamische Zeitung: Was sind derzeit Ihre Schwerpunktthemen, besonders hier in Deutschland?

Christa Stolle: Das sind nach wie vor unsere Gründungsthemen, wie Ehrverbrechen, gerade auch im Hinblick auf Frauen, die hierher geflüchtet sind. Dann Zwangsheirat, Genitalverstümmelung und häusliche Gewalt, wozu wir derzeit auch eine Kampagne machen. Häusliche Gewalt betrifft sowohl Migrantinnen als auch deutsche Frauen. Wir befassen uns auch mit der Ausbeutung von Textilarbeiterinnen in der so genannten Dritten Welt, und weiterhin mit den Themen Frauenhandel und Zwangsprostitution.

Islamische Zeitung: Nicht nur beim Problem der Genitalverstümmelung, auch bei den Themen Ehrenmorde, Zwangsheiraten und häusliche Gewalt weist TdF darauf hin, dass dies keine religiösen Phänomene seien und nicht nur in islamischen Ländern bzw. unter Muslimen begangen würden. Warum legen Sie wert darauf, dies zu betonen?

Christa Stolle: Generell ist Gewalt gegen Frauen nicht nur an bestimmte Religionen gekoppelt, sonder es ist ein patriarchales Problem. Die Religionen haben das auch übernommen aus vorchristlichen oder vorislamischen Kulturen. Vor allem die monotheistischen Religionen haben nicht zur Frauenbefreiung beigetragen, sondern im Grunde die patriarchalen Traditionen übernommen und zum Teil sogar verschärft. Diese patriarchale Ausprägung ist ein Merkmal monotheistischer Religionen, dass Frauen einfach weniger gelten, und daher betonen wir eben, dass Gewalt an Frauen auf patriarchale Traditionen zurückgeht und sich in den Religionen wieder findet. Aber auch Männer, die keiner Religion angehören, können sich durchaus sehr patriarchal verhalten und zu Schlägern werden.

Islamische Zeitung: Gibt es nach Ihrem Kenntnisstand bei Ehepaaren oder Familien mit muslimischem Hintergrund eine größere Zahl von Fällen häuslicher Gewalt als in der Gesamtgesellschaft?

Christa Stolle: Es gibt eine Untersuchung zu dem Thema von Frau Monika Schröttle, die vom Bundesministerium für Frauen und Jugend finanziert worden ist. Darin wurden türkische Frauen interviewt, Frauen aus der ehemaligen UdSSR und Frauen mit Herkunft aus Deutschland. Und da gibt es schon eindeutige Belege und Beweise, dass Frauen aus türkischen Familien stärker von Gewalt betroffen sind, vor allem auch heftigerer Gewalt ausgesetzt sind und teilweise schwerst misshandelt werden. Zum Beispiel bei der Frage nach der Häufigkeit körperlicher oder sexueller Gewalt durch den aktuellen Beziehungspartner haben vier Prozent der Frauen deutscher Herkunft gesagt, sie würden „sehr häufig“ geschlagen oder misshandelt. Bei den Frauen türkischer Herkunft waren es 12 Prozent, und neun Prozent bei den Frauen aus der ehemaligen UdSSR. Frau Schröttle schreibt auch, dass der Anteil der von Gewalt betroffenen Frauen, die häufiger als „selten“ Übergriffe durch den Beziehungspartner angegeben haben, bei den Frauen türkischer Herkunft zwei bis drei Mal höher war als bei den anderen Befragungsgruppen.

Islamische Zeitung: Wie erreichen Sie bei ihrer Arbeit in Deutschland diese Zielgruppe?

Christa Stolle: Wir haben kürzlich einen Nothilfeflyer bei Zwangsheirat herausgegeben, zusammen mit dem Frauenministerium, wo Frauen lesen können, dass es nicht korrekt ist, dass sie geschlagen werden, dass sie ein Recht haben, sich dagegen zu wehren und Hilfe zu suchen. Es sind Notruftelefonnummern angegeben, an die sich die Frauen wenden können, sodass sie mit dieser Situation nicht leben müssen. Es gibt kein Recht in dieser Welt, das Männern das Recht gibt, Frauen zu schlagen. Viele Frauen aus Migrantenfamilien sind sehr isoliert und haben nicht so leicht Zugang zu Beratungssystemen. Dieser Flyer soll dies erleichtern. Darüber hinaus geht es uns generell um Bewusstseinsarbeit. Wir haben auch ein Plakat gegen Zwangsheirat gemacht, das in Schulen aufgehängt werden und deutlich machen soll, dass die jungen Frauen selber entscheiden können, wen sie heiraten und dass Zwangsheirat eine schwere Nötigung ist. Wir kämpfen auch dafür, dass Zwangsheirat als Straftatbestand ins Gesetzbuch aufgenommen wird.

Islamische Zeitung: Wie ist das Feedback auf diese Aktionen bisher?

Christa Stolle: Ein sehr, sehr gutes; das zeigt sich auch daran, dass immer mehr Einzelfälle an uns herangetragen werden, sodass wir diese derzeit kaum noch bewältigen können. Der Anteil der jungen Frauen, die vor einer Zwangsheirat fliehen oder nicht zwangsverheiratet werden wollen, ist ungeheuer gewachsen. Im letzten Jahr hatten wir etwa 400 Fälle aus dem Bereich Gewalt in Familien und Zwangsheirat. Das zeigt einerseits den Erfolg unserer Öffentlichkeitsarbeit, andererseits können wir diese Fälle kaum noch auffangen, und es gibt auch zu wenig entsprechende Beratungsstellen in Deutschland, die diese auffangen können.

Islamische Zeitung: Man hat manchmal den Eindruck, dass im Gegensatz zu Themen wie Ehrenmorde oder Zwangsheiraten, die in den letzten Jahren verstärkt thematisiert werden, andere Probleme wie Zwangsprostitution und Frauenhandel von Medien und Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommen werden?

Christa Stolle: Diesen Eindruck habe ich nicht. Gerade zum Thema Zwangsprostitution und Frauenhandel, bei dem wir gerade letztes Jahr anlässlich der Fußball-WM sehr aktiv waren, gab es verschiedene Bündnisse im letzten Jahr und eine riesige Bewegung, die dazu aktiv war. Es gab auch viele Zeitungsartikel und Medienresonanz dazu im Rahmen der WM. Die Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ aus Frankfurt beispielsweise hat anlässlich der WM eine riesige Kampagne gemacht.

Islamische Zeitung: Welche Erfolge konnten hierbei erzielt werden?

Christa Stolle: Es gibt verschiedene gesetzliche Verbesserungen dazu, wobei es umstritten ist, ob das Prostitutionsgesetz den Frauen wirklich etwas bringt. Es wurde noch von der rot-grünen Bundesregierung gemacht und hat zum Ziel, dass Frauen, die der Prostitution nachgehen, entkriminalisiert werden und eine normale Sozial- und Rentenversicherung in Anspruch nehmen können. Prostitution soll als ein Beruf wie jeder andere auch behandelt werden. Das ist natürlich sehr umstritten, auch bei Terre des Femmes, ob dies Frauen hilft oder es nicht auch wiederum Menschenrechtsverletzungen verschleiert, unter dem Deckmantel dieses guten Anspruchs. Denn es hat sich gezeigt, dass sich nur ganz wenige dieser Frauen sozial versichert haben. Es gibt aufgrund dieses Gesetzes leider auch immer weniger Razzien. Man muss schauen, ob dies der richtige Weg ist. Schweden geht da anders vor, dort werden Männer bestraft, die zu Prostitutierten gehen, nicht die Frauen, die als solche arbeiten. Das ist eine lange Auseinandersetzung, was besser ist.

Islamische Zeitung: Sehen Sie die Gefahr, dass Gewalt gegen Frauen von der Öffentlichkeit in erster Linie als ein Problem gesehen wird, dass nur Muslime oder Migranten betrifft, und Probleme von Frauen in der Gesamtgesellschaft dem gegenüber ausgeblendet werden? Im Sinne von „das gibt es bei denen, aber bei uns ist ja mit der Lage der Frauen alles bestens“?

Christa Stolle: Nein, dagegen sagen wir ja auch immer etwas. Es gibt ja auch Zahlen, dass jede vierte deutsche Frau von Gewalt betroffen ist. Wir zeigen ja auf, dass Gewalt nicht auf bestimmte Gruppen, Völker oder Länder beschränkt ist, sondern ein weltweites Problem, das aus patriarchalen Traditionen herrührt. Wir kämpfen dafür, dass alle Frauen selbstbestimmt, gleichberechtigt mit Männern und in Würde leben können. Nichtsdestotrotz muss man auch den Mut haben und Unterschiede aufzeigen und sagen, dass manche Gruppen stärker betroffen sind oder es einfach schwerer haben, da herauszukommen. Türkische Frauen haben es nun einmal schwerer, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, sich aus einer Gewaltstruktur zu befreien und in ein Frauenhaus zu fliehen, als deutsche Frauen, aufgrund der Sprache und des sozialen Umfelds. Hinzu kommt, dass in Kreisen mit muslimischem Hintergrund auch das Problembewusstsein nicht so stark ist und dass Gewalt eher akzeptiert wird und selbstverständlicher ist, auch was das Schlagen der Kinder betrifft. Das war ja früher in Deutschland auch noch so. Hier muss das Unrechtsbewusstsein geschärft werden und die Gesetzgebung ganz klar sein, und es dürfen auch keine kulturellen Begründungen akzeptiert werden.

Islamische Zeitung: In Bezug auf muslimische Frauen wird seit Jahren immer wieder das Thema Kopftuch diskutiert. Viele muslimische Frauen, die – freiwillig – Kopftuch tragen, fühlen sich inzwischen zunehmend diskriminiert, etwa wenn ihnen aufgrund des Kopftuches eine Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsstelle verwehrt wird. Wie stehen Sie dazu?

Christa Stolle: Da stelle ich die Frage zurück, wie diese Frauen sich denn in der Türkei fühlen würden? Dort gibt es eine klare Trennung zwischen Staat und Religion, und das Kopftuch ist in öffentlichen Institutionen nicht erlaubt. Warum sollte das nicht auch in Deutschland so gelten? Warum sollen wir hier anders reagieren als ihre Herkunftsstaaten?

Islamische Zeitung: Ein partielles Kopftuchverbot wie in der Türkei gibt es in den meisten anderen muslimischen Ländern nicht…

Christa Stolle: Genau das fordern wir aber auch für Deutschland, dass in öffentlichen Institutionen kein Kopftuch getragen wird. Was auf der Straße oder im Privatbereich passiert, kann uns egal sein. Vor allem in Schulen hat es aber nichts zu suchen.

Islamische Zeitung: Beziehen Sie dies auch auf Schülerinnen, nicht nur Lehrerinnen?

Christa Stolle: Wir meinen damit auch die Schülerinnen.

Islamische Zeitung: Mit welcher Begründung würden Sie diese zwingen, auch gegen ihren Willen das Kopftuch abzulegen?

Christa Stolle: Ich bitte Sie, wenn eine Siebenjährige mit einem Kopftuch und langem Mantel in die Schule kommt, was ist daran bitteschön freiwillig? Eine Siebenjährige kann doch noch nicht entscheiden, es sind doch die Eltern, die sie dazu zwingen. Das haben wir in der Praxis oft genug miterlebt.

Islamische Zeitung: Und wie sehen Sie das bei älteren Mädchen und jungen Frauen?

Christa Stolle: Dann ist es OK. Aber bei einer Siebenjährigen sind es die Eltern, die das bestimmen, und da zeigt sich auch, dass sie es als politisches Machtmittel benutzen. Und ab wann entscheiden die jungen Frauen denn wirklich frei? Wir sehen oft in unserer Beratungspraxis, dass sie massiv unter Druck gesetzt werden. Das Kopftuch ist doch nur ein Zeichen dafür, dass diese Frauen möglichst fern gehalten werden sollen von der öffentlichen und gesellschaftlichen Betätigung.

Islamische Zeitung: Wenn nun aber Kopftuch tragende junge Frauen sich für eine Stelle bewerben, wollen sie doch an der Gesellschaft teilhaben. Ist es nicht widersinnig und kontraproduktiv, wenn ihnen dies aufgrund ihres Kopftuches verwehrt wird?

Christa Stolle: Ich denke, das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Auf jeden Fall ist es unsere Position, dass in öffentlichen Einrichtungen das Kopftuch keine Bedeutung haben sollte und dass dort die Frauen und Mädchen ohne Kopftuch arbeiten, lehren oder lernen sollen. Denn das Kopftuch ist für uns das Symbol einer patriarchal fundierten Geschlechterhierarchie. Wir als Frauenorganisation können so etwas nicht unterstützen. Wir kämpfen für Emanzipation, und das Kopftuch ist für uns kein Zeichen der Emanzipation. Was im Namen des Kopftuchs alles für Menschenrechtsverletzungen an Frauen begangen werden, da können wir nicht sagen, dass die Frauen es freiwillig tragen und dass es ein Zeichen ihrer Emanzipation ist, ich bitte Sie.

Islamische Zeitung: Aber Sie werden nicht bestreiten, dass sehr viele Frauen es aus freien Stücken tragen?

Christa Stolle: Ich stelle es in Frage. Was ist wirklich freiwillig? Und ich frage mich auch, ob eine Frau wie Fereshta Ludin nicht auch vorgeschoben beziehungsweise von bestimmten Interessengruppen instrumentalisiert wird.

Islamische Zeitung: Frau Stolle, vielen Dank für das Gespräch.

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