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Interview: Der Journalist Nabil Chbib analysiert die aktuelle Lage in Ägypten und der arabischen Welt

„Die Revolution ist auch vom Islam inspiriert“

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(iz). Nabil Chbib ist freier Journalist und arbeitete früher für die Deutsche Welle. Im Zuge der jüngsten Entwicklungen in Ägypten ist er unter anderem als Experte im Rahmen der Berichterstattung des TV-Senders Phoenix tätig.

Islamische Zeitung: Herr Chbib, aktuell hat man den Eindruck, dass Mubarak auf Zeit zu spielen und die Proteste auszusitzen versucht. In den hiesigen Medien steht das Thema Ägypten bereits nicht mehr an erster Stelle. Glauben Sie, dass diese Taktik funktionieren kann?

Nabil Chbib: Das Regime verfolgt derzeit die Strategie, alles zu normalisieren und die Leute möglichst engräumig auf dem Tahrir-Platz in Kairo einzuschließen und einzugrenzen. Bisher konnten die Anführer der Demonstrationen, die jungen Menschen, jedoch alles erreichen, was sie erreichen wollten: Sie sind zu Millionen auf die Straßen gegangen und die Bevölkerung mobilisieren. Ich erwarte, dass die Demonstranten nicht zulassen werden, dass eine solche scheinbare Ruhe einkehrt, bevor Mubarak zurückgetreten ist. Die Rede Mubaraks im Fernsehen hat einen sehr negativen Eindruck bei der Bevölkerung hinterlassen, er hat jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Inzwischen sprechen sogar die privaten Fernsehsender in Ägypten, obwohl sie auch dem Staat nahestehen, offen von einer Revolution. Bis jetzt hat die Strategie der jungen Demonstranten funktioniert. Der zweite Faktor ist das Militär. Bis jetzt hat es sich nicht eindeutig auf eine Seite gestellt. Ich denke aber, dass das Militär irgendwann merken wird, dass es auf Mubarak verzichten muss. Sonst verlöre es seine Glaubwürdigkeit in der Zeit nach Mubarak, die so oder so kommen wird. Die führenden Köpfe des Militärs würden sehr lange überlegen, bevor sie irgend etwas gegen die demonstrierende Bevölkerung unternehmen würden.

Islamische Zeitung: Im Moment sieht es dennoch so aus, dass Mubarak nicht so schnell zurücktreten wird wie Ben Ali in Tunesien…

Nabil Chbib: Von sich aus wird Mubarak das nicht tun, denn er ist nicht der Typ dafür. Er sagt von sich selbst, er habe einen Doktortitel in Starrköpfigkeit. Das hat er in der Tat immer bewiesen. Daher wird er bis zum letzten Augenblick an seinem Amt festhalten. Aber ich glaube nicht, dass die Leute, die jetzt noch zu ihm halten, insbesondere aus dem Militär, dies weiter tun werden. In der Partei hat Mubarak bereits kaum noch ein Basis, sie ist im Zerfall begriffen; und auch bei der Regierung nicht, die bereits einige Köpfe austauschen musste. Irgendwann wird auch der letzte Mubarak-Unterstützer wegfallen.

Islamische Zeitung: Derzeit ist in den hiesigen Medien viel von der Muslimbruderschaft die Rede, während die anderen Oppositionsgruppen eher als „säkular“ beschrieben werden. Wie sehen Sie die Zusammensetzung der Protestbewegung, und welchen Rückhalt haben Personen wie El Baradei tatsächlich in der Bevölkerung?

Nabil Chbib: Im Moment gibt es in Ägypten nur zwei Kräfte: Zum einen die jungen Leute und Studenten, die diese Revolution begonnen haben und sie bis heute anführen. Und zweitens das Militär, weil es sich nicht eingemischt hat. Die verschiedenen Sicherheitsorgane, die sehr stark und sehr brutal waren, sind de facto in Auflösung begriffen. Es ist daher nicht zu erwarten, dass diese in nächster Zeit eine Rolle spielen werden. Übrig bleibt nur die Präsidentengarde, die zwar unter Führung des Militärs, aber unter direktem Befehl von Mubarak selbst steht. Sie wäre die letzte Kraft, auf die er sich stützen könnte.

Auch politisch sind die beiden genannten Kräfte die einzigen relevanten zur Zeit. Die Muslimbrüder, El Baradei und einige kleinere Gruppen haben kürzlich an einem Dialog mit der Regierung, unter Leitung des Vizepräsidenten Omar Suleiman, teilgenommen. Im Nachhinein mussten sie sich aber von den Ergebnissen wieder völlig distanzieren, weil die Studenten sagten: Keinen Dialog, keine Verhandlungen, keine Ergebnisse, bevor Mubarak nicht zurückgetreten ist. Daraufhin mussten diese Gruppen einen Rückzieher machen und erklären, dass sie keinen Dialog mehr führen werden. Mit anderen Worten: Weder die Muslimbrüder noch andere, kleinere Oppositionsgruppen können derzeit etwas ohne die tonangebenden Jugend- und Studentengruppen unternehmen. Eine von denen ist die Bewegung „6. April“, die 2008 entstand und sich damals an Demonstrationen von Arbeitern beteiligte. In der Folge wurden manche von ihnen getötet, andere ins Gefängnis gesteckt. Sie sind aber keine klassische politische Partei oder Organisation. El Baradei hingegen hat keine großen Chancen bei der ägyptischen Bevölkerung, er ist eher eine Nebenfigur. Ich glaube, dass er bei Wahlen nicht mehr als maximal 10 oder 15 Prozent erhalten würde, wenn nicht weniger. Er wird in Ägypten als der Mann des Westens angesehen, und man möchte sich seine Führer, seinen Präsidenten selbst wählen und nicht von Außen bestimmten lassen.

Die Muslimbrüder wiederum sind einfach eine politische Partei, die im Moment versucht, ihre eigene Suppe zu kochen und das herauszuholen, was sie herausholen können. Sie sind aber nur ein Teil der Opposition und nicht deren treibende, dominante Kraft. Das sind die jungen Leute und Studenten. Und diese haben bisher sehr klug gehandelt, ihre Stärke ist das eigentlich Überraschende an dieser Revolution. In Deutschland werden Gruppen wie die Muslimbruderschaft oder das, was man „Islamismus“ nennt, oft mit der einfachen Religiosität der Bevölkerung verwechselt. Die Menschen in Ägypten sind alle religiös. Als auf dem Tahrir-Platz gebetet wurde, waren alle dabei, was natürlich nicht heißt, dass alle Betenden Muslimbrüder sind, wie manche Kommentatoren hier meinten. Am letzten Freitag wurde in der Freitagspredigt die ägyptische Revolution als eine gemeinsame von Muslimen und Kopten bezeichnet. Die Gemeinsamkeit von Muslimen und Christen widerspricht sämtlichen Bildern, die man hier von „Islamismus“ und dem Verhältnis zwischen Muslimen und Christen im Kopf hat. Diese Bilder sind so weit entfernt von der Realität, besonders in Ägypten. Man verwechselt oft die Ideen einzelner radikaler Gruppen oder Personen mit dem Islam an sich, von dem sie aber weit entfernt sind.

Islamische Zeitung: Welchen Stimmenanteil könnte die Muslimbruderschaft bei freien Wahlen in Ägypten erzielen? Es ist oft von 20 Prozent die Rede…

Nabil Chbib: Das sind nur Schätzungen. Dass die Muslimbruderschaft gut organisiert ist, spielt keine entscheidende Rolle für ihre Chancen bei den Wahlen. Es geht darum, ob die von ihnen vertretenen Ideen und das, was sie konkret auf der politischen Ebene tun, bei der Bevölkerung ankommt oder nicht. Durch Aktivitäten wie dem Dialog mit der Regierung vor ein paar Tagen können sie viel an Ansehen gerade bei der Jugend verlieren. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit für Kompromisse mit der noch bestehenden Regierung. Erkennen die Muslimbrüder das nicht, könnten sich ihre ihre 20 oder 25 Prozent, die sie im Moment vielleicht hätten, noch verringern.

Islamische Zeitung: Wie werden sich die Beispiele Tunesien und Ägypten auf die restlichen arabischen Staaten auswirken? In welchen sind ähnliche Revolutionen wahrscheinlich, in welchen eher unwahrscheinlich?

Nabil Chbib: Im Westen herrscht jetzt die Besorgnis, dass die neu entstehenden arabischen Demokratien nicht so eindeutig pro-westlich sein könnten wie die bisherigen Diktaturen. Für mich ist nicht die Ausbreitung dieser Revolten ein „Flächenbrand“, sondern die bestehende Situation mit ihren Unterdrückungsregimen, die durch diese – übrigens beeindruckend friedlichen – Revolutionen beseitigt wird. Es ist eindeutig eine insgesamt positive Entwicklung. Man spricht von einem „arabischen Frühling“. Ich würde keine Prognose wagen, in welchen Ländern es noch dazu kommen wird, ich würde es aber auch für kein einziges arabisches Land ausschließen.

Man hätte nach menschlichem Ermessen nie erwartet, dass es ausgerechnet in Tunesien beginnt und dann innerhalb weniger Tage auf Ägypten übergeht. Im Jemen und Jordanien hat es allerdings schon vorher begonnen, in Syrien hingegen ist bis jetzt noch nichts in Gang gekommen. Jedes Land hat seine spezifischen Gegebenheiten, aber ich glaube, dass sie allesamt Kandidaten für solche Revolutionen sind. Ich denke, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre die politische Landkarte in den arabischen Ländern eine völlig andere sein wird. Die Veränderungen werden grundlegend sein, nicht nur partielle Korrekturen an den Systemen. Wenn die verbleibenden Diktaturen sofort reagieren würden und zum Beispiel die politischen Gefangenen amnestieren, die teils seit Jahrzehnten bestehenden Ausnahmezustände aufheben, die Verfassungen tatsächlich ändern, dann könnte man vielleicht sagen, dass sie einer Revolution noch zuvorkommen, sonst nicht.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen ökonomische Fragen als Motivation für die Revolutionen? Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit werden ja immer wieder genannt.

Nabil Chbib: Es geht bei diesen Bewegungen auch, aber nicht nur um wirtschaftliche Fragen oder Armut. Die meisten Führungspersönlichkeiten der Jugendgruppierungen in Ägypten sind nicht arm oder arbeitslos, sie haben Geld. Sie haben auch immer wieder betont, dass es ihnen nicht um das Geld gehe. Der Faktor Korruption spielt aber eine wichtige Rolle. Die Reichen sind nicht reich, weil sie wirklich fleißig waren oder weil sie kapitalistisch sind, sondern weil sie korrupt handelten, beginnend mit dem ersten Mann im Staat, der zwischen 40 und 70 Prozent seines Reichtums im Ausland angelegt haben soll. Eine wesentliche Motivation für die Revolution ist aber die Erlangung von Freiheit. Auch die reichen Golfstaaten sind daher aus meiner Sicht nicht pauschal vor Revolutionen gefeit.

Islamische Zeitung: Wie sehen sie die bei uns im Zusammenhang mit den arabischen Revolutionen wieder aufkommende Islamismus-Diskussion?

Nabil Chbib: Bei dem Wort „Islamisten“ darf man sich nicht nur konzentrieren auf die traditionelle Weise, wie diese entstanden sind und sich zum Ausdruck gebracht haben, seien es die Muslimbrüder oder andere. Es gibt nicht nur die Muslimbrüder, und es gab schon immer nicht nur die Muslimbrüder. Es gab in den arabischen Ländern schon immer andere Gruppierungen und Strömungen, die den Islam ganz anderes definieren als die Muslimbrüder. In Ägypten gibt es viele bekannte Persönlichkeiten, die für ihren moderaten Islam bekannt sind und die in der Bevölkerung sehr beliebt sind. Ich denke da zum Beispiel an Namen wie Mohammad Ammara oder Muhammad Salim Al-Awwa und viele andere. Die Bevölkerung ist religiös. Wenn sie sieht, dass der Islam, der ihnen angeboten wird, auch auf Ebene der Politik, auf Ebene der Wirtschaft – diese Bereiche gehören ja auch zum Islam – moderat ausgerichtet ist, werden sie dies annehmen. Die Leute wollen einen „normalen“ Islam, keinen extremistischen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele, die hier in Deutschland so negativ über den Islam reden, insbesondere in den letzten zehn Jahren, im Grunde die gleichen radikalen Gedanken über den Islam verbreitet haben wie dies die Radikalen und Terroristen in den muslimischen Ländern tun. Sie sprechen die gleiche Sprache. Nur haben die Radikalen in den muslimischen Ländern kein großes Echo in der Bevölkerung, anders als man sich das hier vielleicht ängstlich vorstellt. Auch die aktuellen Freiheitsbewegungen in der arabischen Welt sind aus meiner Sicht hundertprozentig vom Islam inspiriert. Ich könnte auch fünf oder sechs Namen von Frauen nennen, die als Führerinnen der Protestbewegung gelten, und die alle ein Kopftuch tragen und beten. Sie verstehen den Islam so, dass er für Freiheit und Menschenwürde eintritt und nicht dem widerspricht. Und zwar nicht nur für Muslime, sondern für alle Menschen, wie aus den islamischen Quellen auch abzuleiten ist. Es geht um einen Islam, der alle Bereiche des menschlichen Lebens mit organisiert, aber nach dem Willen des Menschen und nicht gegen diesen. Man muss hierzulande endlich ein differenziertes Bild vom Islam bekommen, sonst kommt man immer wieder zu Fehleinschätzungen aus Unkenntnis.

Islamische Zeitung: Herr Chbib, vielen Dank für das Gespräch.

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