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Interview: Der Online-Chefredakteur von Al Jazeera, Mohamed Elmokhtar, im Gespräch

Auslöser für mehr Pressefreiheit

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(iz). Mohamed Elmokhtar ist Chefredakteur des arabischsprachigen Online-Angebots von Al Jazeera. Die IZ traf ihn während seines Deutschland-Besuchs anlässlich der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Islamische Zeitung: Al Jazeera hat mittlerweile einen beinahe legendären Ruf, nicht nur in der arabischen Welt. Was macht aus Ihrer Sicht das Besondere dieses Senders aus?

Mohamed Elmokhtar: Es gibt weltweit ein Medienmonopol, das von kapitalistischen Machtzentren aus gesteuert wird, sei es aus Wirtschaft oder Politik. Daher gab und gibt es in der internationalen Medienwelt einen Bedarf für einen Sender wie Al Jazeera. Vor der Gründung Al Jazeeras gab es insbesondere in den westlichen Staaten eine beherrschende mediale Sichtweise, und Al Jazeera ist ein davon unabhängiges Medium, das eine andere Perspektive als die der gegenwärtigen finanziellen und politischen Weltmacht zeigen will. Ein weiterer Punkt ist, dass Al Jazeera Inhalte und Meinungen bringt, die andere nicht liefern, es ist also eine Ergänzung dieser anderen Sender. Und schließlich ist Al Jazeera zwar vom Herrscher von Katar gegründet worden, aber dennoch unabhängig von der katarischen Regierung, wie auch von allen anderen arabischen Regierungen. Wegen Al Jazeera musste die katarische Regierung auch Kritik hinnehmen, dennoch hat sie daran festgehalten, dass Al Jazeera unabhängig bleibt und seine Prinzipien weiter verfolgen kann, egal welche Auswirkungen das auf Katar haben mag. Al Jazeera hat eine sehr viel intensivere Berichterstattung über den Nahen Osten und die muslimische Welt als westliche globale Nachrichtensender wie CNN oder BBC, beispielsweise über den Gaza-Krieg oder die Flutkatastrophe in Pakistan. Islamische Zeitung: Berichten Sie fairer oder objektiver über die muslimische Welt als westliche Medien?

Mohamed Elmokhtar: Al Jazeera berichtet über die Dinge direkt und wie sie sind. Ich denke, dass Al Jazeera oft über mehr Hintergrundinfos verfügt und diese liefern kann, und es einen direkteren Zugang zur Situation und die Wahrnehmung der betroffenen Bevölkerungen in diesen Ländern hat, den die westlichen Medien nicht in dieser Weise haben und daher auch nicht wiedergeben können. Zum Beispiel im Gaza-Krieg: Dort haben wir einfach die Bilder gezeigt, die für sich sprechen. Die westlichen Nachrichtensender stellen den Konflikt so dar, als ob es eine Auseinandersetzung zwischen zwei gleichrangigen Parteien sei. Das ist aber schon der erste Schritt zur Verfälschung. Denn auf der einen Seite steht eine Armee, und auf der anderen nicht. Auch berichten diese Medien aus meiner Sicht zu wenig über die Leiden der Bevölkerung in Gaza und die Auswirkungen des Krieges dort.

Islamische Zeitung: Al Jazeera unterhält ja auch Kooperationen mit anderen Medien, beispielsweise dem deutschen ZDF…

Mohamed Elmokhtar: Bei diesen Kooperationen geht es zum Beispiel um den Austausch von Bildern oder logistische Hilfe vor Ort. Man hilft sich gegenseitig – Al Jazeera kann als noch im Wachstum begriffenes Medium noch nicht überall selbst mit Korrespondenten vertreten sein, und auf der anderen Seite kann an anderen Orten Al Jazeera wiederum diesen Medien helfen.

Islamische Zeitung: Wie berichten Sie über die teils heftigen Debatten, die hier in Europa über Islam und Muslime geführt werden?

Mohamed Elmokhtar: Dieses Thema liegt auf jeden Fall im Interesse von Al Jazeera, auch wenn aus unterschiedlichen europäischen Al Jazeera-Büros in unterschiedlicher Intensität darüber berichtet wird. Al Jazeera hat aber kürzlich einen Fernsehkanal in Bosnien gekauft und wird diesen zu „Al Jazeera Balkan” ausbauen. Dies ist ein weiterer Schritt in Richtung des europäischen Marktes, der weiter ausgebaut werden kann. Europa liegt auf jeden Fall im Fokus von Al Jazeera.

Islamische Zeitung: Al Jazeera waren bei Ihrer Gründung vor allem deswegen für die arabische Welt neuartig und erreichte schnell sein hohes Ansehen, weil es zuvor nur staatliche oder von den Regierungen kontrollierte, nicht unabhängige Sender gab. Aber auch im Westen hat Ihr Sender dafür ­Anerkennung gewonnen und wird geschätzt. Wie sehen Sie den Stand der Pressefreiheit in den arabischen Staaten? Gibt es dabei, vielleicht auch durch Al Jazeera, einen Veränderungsprozess? Mohamed Elmokhtar: Es ist eine gute Fügung von Allah, dass Al Jazeera in einem Staat gegründet wurde, der keinerlei politisches Interesse und kein Machtinteresse hinsichtlich des ­Senders hat, wie ich schon beschrieben habe. Als der Sender Al Jazeera gegründet wurde, folgten daraus einige positive Entwicklungen. Zum Beispiel wollten andere Staaten ebenfalls unabhängige Nachrichtensender wie Al Jazeera gründen, was sie dann auch taten, und dadurch verbreitet sich die Pressefreiheit immer mehr und gewinnt mehr Unterstützer unter den arabischen Journalisten. Al Jazeera hat gezeigt, was Pressefreiheit ist, was dazu geführt hat, dass auch die arabischen Regime die Situation der Medien etwas verbessern wollen, um sich nicht lächerlich zu machen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Elmokhtar, wir bedanken uns!

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