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Interview: Der Perkussionist Rhani Krija über Musik und Spiritualität.

"Es ist eine Gabe"

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(iz). Rhani Krija (36) stammt aus Marokko und lebt in Köln. Er ist als Perkussionist Profimusiker und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern auf der Bühne gestanden. Am 23.12. gab er in Köln mit dem muslimischen Musiker Mellow Mark unter dem Motto „Mellow Maroc“ ein besonderes Unplugged-Konzert. Die IZ sprach aus diesem Anlass mit Rhani Krija über sein Leben als Musiker.

Islamische Zeitung: Rhani, wie bist du zum Musikmachen gekommen, und dann von der eher traditionellen Musik zur Perkussion im Rock-Pop-Bereich?

Rhani Krija: Dass ich Musik spiele, ist eine Gabe, daran kann man nichts ändern. Ich denke, im Leben geht es darum, zu erkennen, dass man für irgendetwas geboren ist. Man hat eine bestimmte Aufgabe. Es hat allerdings lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich für das Musikmachen geboren bin. Ich habe zunächst angefangen, etwas anderes zu studieren, denn meine Eltern wollten natürlich, dass ich etwas „vernünftiges“ mache; sie wollten, dass ich Ingenieur werde, und ich wollte das zunächst auch, weil ich überzeugt war, dass das, was die Eltern sagen, richtig ist. Ich habe aber immer Musik gemacht, seit meinem 13. Lebensjahr, auch während des Studiums nebenbei. Durch einen Unfall, durch den ich ins Krankenhaus musste und etwas Zeit hatte, nachzudenken, kam ich zu dem Entschluss, dass ich eigentlich Musik machen möchte. Und das habe ich dann auch gemacht. Es war eine harte Entscheidung, ein harter Weg, aber ich bin absolut dankbar, auch für den Unfall, der mich dazu gebracht hat, die richtige Entscheidung für mein Leben zu treffen.

Islamische Zeitung: Auf welche Weise hast du in deiner Kindheit in Marokko Zugang zur Musik gefunden?

Rhani Krija: Man muss wissen, dass in Marokko die Musik den Alltag begleitet. Gerade wenn man aus solchen Städten kommt wie Essaouira, wo ich geboren bin, dann ist Musik ein ganz wichtiger Teil des Alltags. Man hört Musik, man hört die Eltern, die Nachbarn, es gibt immer jemanden, der irgendetwas spielt oder der das Radio laufen hat. Die Mutter singt dazu, und alle haben ein wahnsinniges Rhythmusgefühl. Der eigentliche Einstieg in die Musik kam bei mir über die Schule. Dort gab es entsprechende Aktivitäten. Unsere Eltern hatten uns nach Casablanca gebracht, um dort eine bessere Schulausbildung zu machen. Einmal im Jahr hat man dort die Schüler zusammengebracht, um zu musizieren. Ich wurde dann in die Musikgruppe aufgenommen, nachdem man gesehen hatte, dass ich spielen kann. Von der Schule ging es dann über in lokale Bands, das waren Coverbands, die auf Feierlichkeiten traditionelle, aber auch moderne marokkanische und orientalische Musik spielten, zum Beispiel bei Hochzeiten, im Theater, in Cabarets, oder auch bei Konzerten. Ich habe dann in Casablanca meinen Schulbschluss gemacht und bin 1991 nach Deutschland gekommen, um in Aachen an der Technischen Hochschule zu studieren. Es hat nicht lange gedauert, bis ich eine Band gefunden habe, die wollte, dass ich bei ihnen mitspiele; dann kam wieder eine andere Band, die unbedingt wollte, dass ich bei ihnen spiele, und so weiter. So ging es dann über mehrere Bands, bis zu dem Moment, wo ich die Entscheidung getroffen habe, nur noch Musik zu machen und nicht mehr zu studieren. Es hat dann wiederum nicht lange gedauert, bis jemand wie Sting angerufen hat, was mir natürlich viele Türen in meinem Leben geöffnet hat.

Islamische Zeitung: Wie kam es dazu, dass Sting dich angerufen hat?

Rhani Krija: Ich habe damals mit Djamel Laroussi gespielt, der zu dieser Zeit in Paris lebte. Ich war gerade dort, um ein Album mit einem anderen Künstler aufzunehmen. Ein Journalist, der mich auf einer CD gehört hatte, hat nach meinem Kontakt gefragt. Dieser kannte wiederum Manu Katché, der von Sting beauftragt worden war, jemanden zu finden, der Perkussion spielt und dabei unterschiedliche Stilistiken beherrscht – das ist immer noch meine Stärke. So kam es dazu, dass sie mich an meinem Geburtstag 2002 angerufen haben.

Islamische Zeitung: Mit wem arbeitest du derzeit zusammen?

Rhani Krija: Da ich in Deutschland lebe, kann man nicht immer erwarten, mit jemandem in der Größenordnung wie Sting spielen zu können, aber ich habe zum Beispiel mit der WDR Big-Band gespielt, mit Wolfgang Niedecken, mit Dominic Miller, dem Gitarristen von Sting, und vielen anderen bekannten und weniger bekannten Leuten. Mir geht es darum, Musik zu machen und zu spielen und immer weiter zu geben, denn für mich ist es eine Lebensaufgabe, und ich kann mir schwer vorstellen, aufzuhören oder nichts zu tun zu haben. Ich habe immer zu tun. Durch Sting habe ich auch mehrere große Namen kennen gelernt und mit ihnen gespielt, ob das nun Annie Lennox ist, Herbie Hancock oder Chick Corea oder auch die Black Eyed Peas, wo ich an einem Remix mitgewirkt habe. Wenn man als Musiker lebt und das Gefühl hat, dass sein Zuhause die Bühne ist und nicht eine Wohnung in irgendeinem Viertel, dann spielt man einfach auf der Bühne und hat die Freude. Natürlich hat alles auch seine Zeit, man kann nicht erwarten, dass man immer für den gleichen Preis spielt, dessen muss man sich auch bewusst sein. Aber im Großen und Ganzen ist es eigentlich gleich, egal mit wem man spielt, man ist immer auf der Bühne zuhause.

Islamische Zeitung: Wie ist es für dich als Muslim, im Musikbusiness tätig zu sein, in einem überwiegend nichtmuslimischen Umfeld? Gibt es da vielleicht Dinge, die dir eher fremd sind?

Rhani Krija: Ehrlich gesagt ist mir manchmal die Religion viel fremder als die Musik, denn für die Musik braucht man keine Worte und man muss sich nicht irgendwelchen Hierarchien unterwerfen. Musik ist eins, Musik ist ganz, und so soll es auch im Glauben sein. Religion, dieses Wort nehme ich eigentlich gar nicht in meinen Mund. Für mich ist das spirituelle Leben wichtig und eine gewisse Spiritualität zu haben. Natürlich bin ich als Muslim geprägt, weil ich in einem muslimischen Land geboren bin und eine islamische Erziehung bekommen habe. Daraus hole ich mir meine Spiritualität, meinen Filter für alles, was ich in meinem Leben mache. Ich wünschte mir manchmal, dass die Leute fähig wären, Dinge so rüberzubringen, wie die Musik das kann. Denn in der Musik gibt es keinen Hass, keine Lüge; in der Musik gibt es Liebe, es gibt Ehrlichkeit, Miteinander, ein Zuhören, ein Sein im Jetzt. Ich kenne kein anderes Medium, das mir erlaubt, jetzt zu sein. Von daher glaube ich, dass alles irgendwie eins ist. Es ist wie die Ursprungskraft. Wir als Muslime würden sagen, dass Allah dahinter steht. Das einzige Problem für mich, mit anderen Musikern zu spielen, ist als Muslim nicht zu trinken, keine Drogen zu nehmen. So etwas gibt es natürlich in diesem Bereich. Aber jeder ist verantwortlich für das, was er macht, jeder macht seine Realität und trifft seine Wahl im leben, was er sein möchte. Wenn man der Drogenschiene folgen will, dann ist das easy, das kann man machen. Aber wenn man gesundheitsbewusst leben will, und trotzdem als Musiker, und spirituell, dann ist das auch möglich. Es ist sogar viel besser und zu empfehlen.

Islamische Zeitung: Gibt es auch Dinge im Musikbusiness, die du nicht machen würdest?

Rhani Krija: Ich würde zum Beispiel nie Musik für pornografische Filme machen. Da wäre die Antwort klar „nein“. Ansonsten würde ich sagen, wenn man mit sich selbst im Klaren ist und die Musik aus Liebe macht und davon überzeugt ist, was man macht, auch im Alltag als Musiker, dann kommen solche Aufträge auch gar nicht zu einem. Dann ist man nur umgeben von netten Leuten und guten Aufträgen. Man muss aber auch daran arbeiten, dass man sein Umfeld so beeinflussen kann, dass man diese große Liebe dadurch ausleben kann. Wenn man so sehr musikalisch an sich arbeitet, dass alle wissen, sie rufen mich an, wenn es darum geht. Das wissen die Leute. Es gibt selten Dinge, die zu mir kommen, bei denen ich sagen muss, dass ich das nicht machen möchte.

Islamische Zeitung: Gibt es musikalisch bestimmte Stilrichtungen, die du bevorzugst, und solche, die eher weniger dein Fall sind?

Rhani Krija: Für mich sind alle Musikrichtungen gleich; natürlich finde ich es immer ganz toll, wenn in einer Musik mehrere Kulturen und unterschiedliche Stilistiken vertreten sind, da fühle ich mich zu Hause. Das ist eine Kraft der Musik, da bringt man Musiker zueinander, die verschiedene Sprachen sprechen, die einfach zusammen auf der Bühne musizieren und versuchen, die gemeinsamen Punkte so schnell es geht zu finden. Und darum geht es auch im Leben, und ich glaube es ist auch im Islam so – dass man nicht die Unterschiede sieht, wenn man einen Menschen gegenüber hat, sondern versucht, die Gemeinsamkeiten zu finden. Und das macht die Musik automatisch, das kann man von ihr lernen. Das ist praktische Toleranz.

Islamische Zeitung: Machst Du nach wie vor auch traditionelle Musik, zum Beispiel aus Marokko?

Rhani Krija: Bis zu einem gewissen Grad, denn um solche Musik richtig machen zu können, braucht man eine lange Lebenserfahrung. Ich bin in einer Stadt geboren, wo auch die Tradition der Gnawa zu Hause ist, deswegen kann ich bei dieser Musik immer einsteigen und mitspielen, aber ich habe zu viel Respekt dieser Musik gegenüber, weil ich weiß, dass man mindestens 20 Jahre Erfahrung benötigt, um auf dem dafür typischen Instrument Goumbri ein Meister zu werden. Ich spiele das gerne, auch wenn ich zu Hause bin, und wenn ich hier irgendeine Möglichkeit habe, damit aufzutreten, würde ich es den Leuten immer präsentieren. Allgemein spiele ich aber nur selten pure traditionelle Musik, sondern es ist fast immer eine Mischung.

Islamische Zeitung: Welches waren bisher deine schönsten Erfahrungen in deiner Musiker-Karriere?

Rhani Krija: Das war natürlich auf jeden Fall die Möglichkeit, mit Sting zu spielen. Das war eine ganz große Erfahrung, durch die ich die Welt sehen konnte. Das Reisen ist ein ganz wichtiger Aspekt im Leben. Ich glaube, dass es einen unheimlich viel lehrt. Zwei Mal haben wir die fünf Kontinente bereist, zwei Jahre lang, um am Ende zu wissen, dass alles eigentlich gleich ist. Es ist egal, wo man ist, es geht um den gleichen Menschen. Auf diesem kleinen Globus, auf dem wir so viel zu zerstören versuchen. Wir sollten eigentlich alle mehr reisen, um überall zu sein, um zu verstehen, dass alles gleich ist. Man findet die gleichen Menschen, die gleiche Sehnsucht, die gleiche Liebe, die gleichen Sorgen, die gleiche Angst. Man muss es gesehen haben, man muss dort gewesen sein und mit den Leuten dort gelebt haben, um zu realisieren, dass alles eins ist und dass wir alle gleich sind.

Islamische Zeitung: Was hast du dir für die nächste Zeit vorgenommen?

Rhani Krija: Ich möchte musikalisch und spirituell weiter an mir arbeiten. Es gibt so viele Sachen zu lernen im Leben, dass die Zeit kaum ausreicht. Und ich versuche, so gut es geht und Gott es mir erlaubt, vieles neues zu probieren und zu lernen, und weiterhin meine Erfahrungen zu machen. Mit wem ich spiele und wie ich spiele, sind nur kleine Autobahntankstellen, es sind Stationen im Leben. Es geht um den Weg und inwieweit man im Leben gelernt hat, inwieweit man bereit ist, mehr zu verstehen. Ich nehme die Musik als ein Mittel, das zu verstehen.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch!

//2r//Webseite: www.rhanikrija.com

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