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Interview: Dr. Reinhard Stransfeld, Vorsitzender der Initiative “Regionaler Aufbruch”

"Zurück zum menschlichen Maß"

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(IZ). Dr. Reinhard Stransfeld ist Betriebswirt und Soziologe und ­befasst sich seit rund zehn mit der Thematik ­einer Regionalen Ökonomie als Alternative zur vorherrschenden ­Glo­ba­lisierung. Er ist Vorsitzender der Initiative „Regionaler Aufbruch“. Wir sprachen mit ihm über die Chancen und Perspektiven des regionalen Ansatzes unter den gegebenen Bedingungen.

Islamische Zeitung: Herr Dr. Stransfeld, welche Aktivitäten entfaltet der Regionale Aufbruch konkret?

Dr. Reinhard Stransfeld: Wir ­führen keine praktischen Projekte durch, zum Beispiel regionale Geldprojekte oder lokale Energieprojekte. Unsere einzelnen Mitglieder sind aber sehr wohl in solchen Initiativen engagiert, aber nicht als Regionaler Aufbruch. Wir verstehen uns vielmehr als konzeptionelle Vorausdenker, und wollen gleichzeitig eine Plattform für diejenigen bieten, die in Projekten tätig sind, um sich untereinander auszutauschen. Wir sind sozusagen in einer neutralen Rolle, ohne eigene Ambitionen im Feld. Vielmehr wollen wir das Verständnis dafür fördern, über das Tagesgeschäft hinaus zu schauen.

Viele sind in Projekten tätig und fühlen sich darin wohl, bleiben aber in ihrer Perspektive dieser Ebene verhaftet. So wird man aber keine Bewegung in Gang setzen können, die weiter reicht, sondern dafür bedarf es konzeptioneller Voraussichten, die über das Tagtägliche und das heute Machbare hinausreichen. Das heißt letztlich auch, dass damit auch eine politische Ebene mit angedacht ist, die gegenwärtig für uns aber noch nicht real ist, weil wir noch nicht die Durchsetzungsfähigkeit haben. Wenn man Regionalität vertritt, dann wird dies unter den gegebenen Verhältnissen geduldet, solange es diese nicht ernsthaft berührt. Mehr lässt sich nur durch politische Aktion erreichen.

Wir führen Veranstaltungen durch, wie jetzt gerade in Berlin, wo es um kommunale Infrastruktur in Bürgerhand geht, zum Beispiel kommunale Versorgungseinrichtungen als Anlagemöglichkeit, auch um den Fremdeinfluss in den Kommunen zurückzudrängen. Wir versuchen, diese Themen einem höheren Ziel einzuordnen und den Gedanken zu öffnen für weitergehende Überlegungen und für die politische Dimension des Ganzen.

Islamische Zeitung: In der heutigen Zeit der Globalisierung – welche ­Rolle können die Regionen in diesem Kontext spielen?

Dr. Reinhard Stransfeld: In den Vorstellungen vieler, die auf der Projektebene tätig sind oder in der Regionalgeldszene, wird die eigene Aktion als komplementär zur Globalisierung gesehen. Der Gedanke muss aber umgekehrt werden, gemäß dem Subsidiaritätsprinzip, das aus der katholischen Soziallehre kommt und welches vereinfacht lautet: Was wir selbst tun können, tun wir selbst. So bleibt der Kern des Handelns immer der Ort, an dem man sich befindet; dort muss etwas geschehen, dort muss auch Ökonomie verankert sein. Was nicht erreichbar ist, muss man auf der nächsthöheren Ebene oder dem nächsthöheren Raum angehen und in einen Austausch treten. Dies ist eine Umkehrung der Philosophie, die sagt, wir machen alles global, und wenn es noch irgendwelche Reste gibt, wo es sich nicht lohnt, dann sollen die in den Regionen herumpuzzeln. Wir hingegen wollen der Region eine völlig neue, sozusagen die Basis-Bedeutung geben, die ihr zukommt, und alles was darüber hinaus geht ist die komplementäre Begleitung dessen, was man regional nicht erledigen kann, wie zum Beispiel Umweltschutz oder bestimmte Rohstoffe, die man nicht in der eigenen Region hat. Der Begriff Membran meint, dass diese zwischen der Region und der Außenwelt operiert und kontrolliert, was ein und aus geht, anstelle des unkontrollierten und anonymisierten Handelns in der Globalisierung, damit äußere Einflüsse nicht unkontrolliert auf die Region einwirken können.

Es geht darum, die Region wieder als eigenständigen Handlungsraum zu öffnen, in dem auch Menschen in nicht hochqualifizierten Berufen tätig sein können – Menschen, deren Talente etwa im händischen Tun liegen. In den letzten 50 bis 60 Jahren sind diese Fähigkeiten hier in Deutschland systematisch entwertet worden, im Bildungssystem und in der betrieblichen Praxis. Wir haben heute viele Langzeitarbeitslose, weil diese Menschen ausgegrenzt wurden – wir haben ihnen die Möglichkeit entzogen, im Rahmen ihrer Talente einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Entweder indem sie wegrationalisiert wurden oder indem sie einer unschlagbaren Lohnkonkurrenz in Elendsgebieten der dritten Welt ausgesetzt wurden.

Islamische Zeitung: Wie gestaltet sich in diesem Entwurf das Verhältnis zwischen Region und Nationalstaat?

Dr. Reinhard Stransfeld: Das ist eine offene Frage. Viele derjenigen, die regionale Projekte machen, gerade auch im Geldbereich, sind der Überzeugung, bereits auf lokaler Ebene oder zumindest innerhalb eines Landkreises erfolgreiche wirken zu können. Ich bin da skeptisch. Nicht zuletzt aufgrund der faszinierenden technischen Entwicklung haben moderne Gesellschaften eine hohe Komplexität erreicht und benötigen eine enorme Vielfalt von Kompetenzen, um all dies vernünftig steuern und ausführen zu können. Man muss daher im Auge behalten, nicht unterkritisch zu sein. Damit wende ich mich natürlich nicht dagegen, klein anzufangen. Doch ohne weiterführende Perspektive sind unterkritische Projekte, wenn sie mehr anstreben als die Selbstverwirklichung der Beteiligten, zum Scheitern verurteilt. Man muss das größer denken. Wie man das aber im Einzelnen abgrenzen will, kann man aus meiner Sicht nicht vorweg sagen. Das hängt auch sehr von den Rahmenbedingungen und geschichtlichen Prägungen ab. In Schweden ist es zum Beispiel so, dass die Kommune die Steuern einnimmt, und das was sie nicht braucht, zu höheren Ebenen weitergibt. In Deutschland ist es umgekehrt: Der Bund hat im Wesentlichen die Steuerhoheit und lässt den Ländern und Kommunen dann gnädigerweise etwas zukommen, wobei es zu Verteilungskämpfen kommt. Das zeigt, dass es auf diesem Feld ganz unterschiedliche Denkansätze gibt.

Islamische Zeitung: Woher kommt das zunehmende Interesse von Menschen an einer stärkeren Orientierung an der Region?

Dr. Reinhard Stransfeld: Es geht um ein „Zurück zum menschlichen Maß“. Die Menschen fühlen sich in der Welt, so wie sie jetzt tickt, ausgesetzt. Die einen fühlen sich ausgegrenzt, weil sie bei den Leistungsanforderungen nicht mithalten können, und auch nicht mehr gebraucht werden. Daher geht es auch um ein Überlebensinteresse, um aus seinen eigenen Kräften seinen Lebensunterhalt erwirtschaften zu können. Aber auch bei denen, die Arbeit haben, sind Leistungs- und Konkurrenzdruck und zeitliche Verdichtung so gewaltig, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen. Das zeigt, dass wir einen Grad an Verdichtung und Überreizung, an überhöhten Anforderungen erreicht haben, dass die Menschen es einfach nicht mehr aushalten. Das ist der Grund, warum eine zunehmende Zahl von Menschen sagt, wir wollen in einer solchen Welt nicht mehr leben, sondern uns einen anderen Lebensraum schaffen.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen in diesem Kontext die Regionalwährungen? Inwiefern haben diese auch eine politische Brisanz?

Dr. Reinhard Stransfeld: Nüchtern betrachtet gehen sie in ihrer ökonomischen Rolle im „Grundrauschen“ unter und haben keinerlei Bedeutung. Allerdings haben sie eine ideelle Bedeutung, weil sie bewusst machen, dass eine Region anders sein kann als das, was um sie herum ist. Es kann also durch sie Identifikation mit der Region geleistet werden. Da der Euro in allen Bereichen dominant ist und auch eine rechtliche Regelung besteht, die die Leute in den Euro hineinzwingt, können die Regionalwährungen, so wie sie heute beschaffen sind, ohne eine entsprechende Veränderung von Rahmenordnungen immer nur ein Anhängsel ohne Bedeutung sein. Oft sind bestehende Regionalwährungen auch wieder eingeschlafen, entweder weil sie nicht auf Resonanz gestoßen sind, andererseits weil die Menschen, die sich idealistisch dafür eingesetzt und verausgabt haben, irgendwann ihre Kraft verloren haben oder enttäuscht wurden.

Es gibt ein Grundproblem in der Diskussion über das Geld: Es gibt Menschen, die meinen, wenn man das Geldproblem im Griff habe, dann habe man alles im Griff. Dieser Ansicht bin ich nicht. Es geht um Wertschöpfung, die Frage, wo Wertschöpfung stattfindet und wer über die Ergebnisse von Wertschöpfungsprozessen verfügen kann. Dass das Geld dann als Schmiermittel in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielt, bleibt unbenommen. Aber es geht im Wesentlichen darum, dass Menschen in der Lage sind, sich direkt an Wertschöpfungsprozessen zu beteiligen und an deren Früchten zu partizipieren. Das ist das eigentliche Anliegen. Darum engagiere ich mich im Regionalen Aufbruch. Es gibt hier also zwei unterschiedliche Philosophien.

Islamische Zeitung: Was für Menschen sind es, die sich im Regionalen Aufbruch oder in anderen Regionalbewegungen engagieren? Und welche Rolle spielen die Religionen dabei, zum Beispiel Christen oder Muslime?

Dr. Reinhard Stransfeld: Religionen sind dabei so gut wie nicht vertreten. Es gibt allerdings aus dem katholischen Bereich heraus Aktive, die vom „konventionellen“ Trachten und Gebaren enttäuscht sind. Viele Menschen, wie ich selbst auch, haben Brüche in ihrem Lebensweg, waren mit vorherrschenden Verhältnissen nicht einverstanden. Dazu gibt es einige wenige Jüngere, die sich aus idealistischen Gründen engagieren, die zum Beispiel sehen, wie problematisch die Arbeitswelt ist, die sich vor ihnen auftut. Sie wollen ihr Leben anders gestalten. Es sind also überwiegend alles eher Nonkomformisten.

Es gibt aber gerade im kommunalen Bereich, das sehen wir immer wieder bei unseren Veranstaltungen, Menschen die in den Kommunen beschäftigt sind, die begriffen haben, welchen Schaden diese Lebensräume nehmen, wenn sie sich externen Investoren ausliefern. Viele Leute sind ernüchtert über die Privatisierungen; die erhoffte Entlastung der Kommunen verkehrte sich ins Gegenteil. Es wurde für die Kommunen viel teurer, als wenn sie es in der eigenen Hand behalten hätten. An der Bruchstelle zwischen staatlicher Aufgabe versus Privatisierung sind viele Leute inzwischen ernüchtert und denken stärker wieder über Gemeinwesen und gemeinschaftsorientierte Ansätze nach. Das sind ganz praktisch orientierte Leute und Denkweisen, die direkt aus der Finanz- und Wirtschaftswelt kommen.

Islamische Zeitung: Wie kann ­Regionalität angesichts der derzeit ­dominierenden ökonomischen Kräfte bestehen? Kann sie überhaupt dem Druck der globalen ökonomischen Kräfte ­widerstehen?

Dr. Reinhard Stransfeld: So lange das Ganze unterhalb eines kritischen ­Niveaus bleibt, kümmert man sich nicht darum und lässt die Leute gewähren. Im Gegenteil, es wird von gewissen Leuten vielleicht sogar positiv gesehen, dass sich Leute in regionalen Projekten abarbeiten, die sonst vielleicht auf revolutionäre Ideen kommen könnten. Wenn das Ganze aber eine tatsächliche Relevanz erreichen würde, dann würde man auf starke Gegenkräfte stoßen. Ich denke daher, dass man längerfristig den Weg von einer Bewegung hin zu einer politischen Partei beschreiten muss, so wie die ­GRÜNEN dies damals auch getan ­haben.

Das ist aber eine umstrittene Frage. Es gibt Leute, die meinen, dass die Sache durch ein Anwachsen regionaler Projekte quasi von unten her schließlich zu einer neuen Ordnung führen wird. Daran habe ich meine Zweifel, aus den von Ihnen schon angedeuteten Gründen – sobald es an Relevanz gewinnt, werden die herrschenden Kräfte sich dagegen zur Wehr setzen. Und sie könnten das Ganze schon durch Gesetzgebung beziehungsweise Gesetzesänderungen wegdrücken. Man muss daher irgendwann selbst an die Hebel der Gestaltung der Rahmenbedingungen, das heißt der Gesetzgebung, gelangen, um dem Anliegen eine nachhaltige Chance zu eröffnen.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

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