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Interview: Fagr El Adly hat lautstark gegen den PR-Auftritt des Putschisten Al-Sisi protestiert

„Die Unterdrückung trifft alle“

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(iz). Bei seinem Deutschlandaufenthalt trat der amtierende ägyptische Putschgeneral Abdel Fattah Al-Sisi auch auf einer Pressekonferenz in Berlin auf. Das Event sollte ein reibungsloser Punkt des Protokolls werden. Sichergestellt werden sollte das auch durch die Anwesenheit halb-offizieller ägyptischer Claqueure, die als Journalisten auftraten. Die junge, ägyptisch-stämmige Studentin Fahr El Adly machte der Aufführung einen Strich durch die Rechnung. Als offizielle Teilnehmerin der Pressekonferenz widersetzte sie sich dem Protokoll. Als ihre Frage nicht zugelassen wurde, protestierte sie lautstark gegen und kritisierte den Kairoer Staatschef.

Fagr El Adly wurde 1993 in Mainz geboren. Sie studiert derzeit Medizin im achten Semester an der Uni Heidelberg, Fakultät Mannheim. El Adly ist Mitglied der Juso und des Vereins RYL (Bildungsgerechtigkeit, ehrenamtlich) und seit dem 15. Lebensjahr ehrenamtlich aktiv. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und Mitglied der DÄUD. Mit ihr sprach die IZ über die Pressekonferenz sowie über ihre Motivation.

Islamische Zeitung: Liebe Frau El Adly, beim Besuch von Al-Sisi im Bundeskanzleramt haben Sie mit ihrem Auftritt während der Pressekonferenz für einen Eklat gesorgt. War das Ihre Absicht?

Fagr El Adly: Meine Absicht war es, zwei Fragen zu stellen. Darauf habe ich die Organisatoren zu Beginn der Veranstaltung aufmerksam gemacht. Auch während der Pressekonferenz – das müsste zwischen der zweiten und der dritten Frage gewesen sein – sprach ich Frau Merkel direkt an. Ich sagte, dass ich eine Studentin sei, von weit her käme und unbedingt zu Wort kommen möchte. Sie reagierte freundlich und wies mich auf die Organisatorin Frau Würz hin. Letztendlich kam ich nicht zu Wort. Den Tumult hätte ich auch zu Beginn der Konferenz auslösen können.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie, dass Ihnen auf der Pressekonferenz nicht erlaubt wurde, kritische Fragen zu stellen?

Fagr El Adly: Anscheinend ist es völlig üblich, dass die meisten Journalisten ihre Fragen nicht stellen können und sich auch damit abfinden. Sie tun das, obwohl ihre Fragen berechtigt und relevanter sind, als die gestellten.

Die Fragen, das habe ich jetzt nachvollzogen, werden bereits im Vorfeld an Presseagenturen vergeben. Diese können beliebige Dinge wissen wollen. Auf der Pressekonferenz mit dem ägyptischen Präsidenten wurden sogar Fragen zu Griechenland und Blatter gestellt. Darauf wurde auch noch eingegangen.

Ich empfand es als absurd und unvernünftig. Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum Journalisten einen solchen Ablauf überhaupt akzeptieren. Dabei weiß doch jeder, der anwesend war, wie umstritten der Staatsbesuch von Al-Sisi ist.

Islamische Zeitung: In Berichten hieß es, dass Sie sowohl die deutsche als auch die ägyptische Staatsangehörigkeit haben. Ägyptens Regierung wolle Ihnen nun die Staatsangehörigkeit aberkennen. Haben Sie mit diesen Konsequenzen gerechnet?

Fagr El Adly: Ich besitze lediglich die ägyptische Staatsbürgerschaft. Die Konsequenz war schon absehbar. Ich habe Al-Sisi letztendlich öffentlich vehement kritisiert. In Ägypten wäre das selbstverständlich dramatischer ausgegangen. Die Regierung bestätigt mit der Aberkennung, dass Kritiker bei ihr gleich als „Verräter“ gelten.

Für ein totalitäres Regime ist das eben typisch. Ich empfinde das als einen nicht besonders klugen „Schachzug“ – ein ­Eigentor.

Islamische Zeitung: In Deutschland läuft man als Muslim Gefahr, als Sympathisant der Muslimbrüder bezeichnet zu werden, wenn man auf die politische Verfolgung in Ägypten hinweist. War das auch ihre Erfahrung?

Fagr El Adly: Ja, die Frage, ob ich Teil der Muslimbruderschaft sei, fiel bisher immer. Ich war in Ägypten wahlberechtigt und nahm an allen Volksentscheidungen teil. Dabei wählte ich die Al Wasat-Partei im Rahmen der Parlamentswahlen 2012. In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen wählte ich Herrn Abul Futuh. Man muss kein Mitglied der Muslimbrüder sein, um das repressive Vorgehen der ägyptischen Regierung zu kritisieren. Norbert Lammert oder Franziska Brantner sind meines Wissens nach auch keine Muslimbrüder. Außerdem trifft die Unterdrückung unterschiedslos alle, die Kritik an dem Regime äußern: Demokratieaktivisten, Menschenrechtler, Vertreter der Zivilgesellschaft, kritische Journalisten oder Intellektuelle. Ägypten ist inzwischen nichts als ein Polizeistaat, in dem die Behördenwillkür so weit geht, dass Morde nicht nur straflos bleiben, sondern in Auftrag gegeben werden. Islamische Zeitung: Wie beurteilen Sie die Lage in Ägypten als junge, in Deutschland lebende Muslima, die dort Verwandte hat?

Fagr El Adly: In Ägypten werden seit 2013 fortwährende Repressionen, Einschränkungen der Pressefreiheit, tägliche willkürliche Verhaftungen sowie massenhafte Todesurteile dokumentiert; Tötungen auf der Straße und an Universitäten sind an der Tagesordnung.

Folter und sexuelle Übergriffe an Gefangenen, und vor allem an gefangenen Frauen, sind perverse Instrumente der Regierung, um Menschen abzuschrecken. Es gibt 41.000 politische Gefangene. Etwa 2.600 Schüler mussten vergangene Woche ihr Abitur im Gefängnis absolvieren. Und die ägyptische Regierung investiert Millionen in den Bau neuer Gefängnisse. Offizielle Berichte von Human Rights Watch (HRW) belegen nicht nur die verheerende Lage in Ägyptens Gefängnissen. Die Massaker in Rabaa und Nahda werden auch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Im Internet ist das allen Bürgern zugänglich. Die Führer des Militärputsches sind vor europäischen Gerichtshöfen wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Die Lage ist einfach verheerend. In Ägypten dominieren wirklich die Angst und der Schrecken.

Islamische Zeitung: Was denken Sie über die Politik von Angela Merkel und Europa insgesamt, die in Al-Sisi einen wichtigen Partner sehen?

Fagr El Adly: Es wird stets mit „Stabilität“ argumentiert. In Ägypten und folglich in der „Region“ soll dies eine Kooperation mit Al-Sisi legitimieren. Dabei ist Stabilität längerfristig nicht zu erwarten. Das hat der Arabische Frühling deutlich demonstriert.

Im Mai 2011 sprach die deutsche Bundesregierung von einem Fehler. Sie gestand ein, dass es falsch sei, Diktaturen zu unterstützen, um Stabilität herbeizuführen. Sie versprach, im Rahmen des G8 Gipfels 2011 den Demokratisierungsprozess zu unterstützen. Heute sind alle Versprechen verworfen worden. Waffenlieferungen wurden wieder aufgenommen, nachdem sie 2013 gestoppt wurden. Das heißt im Klartext: Es wird erneut eine Außenpolitik betrieben, die als „falsch“ eingestuft wurde. Versprechen werden verworfen. Die Unterdrückung und Tötung wird sogar mit Waffenlieferungen unterhalten. In Afghanistan wird dann andererseits die „Freiheit“ verteidigt.

Ich mag immer nur an das Grundgesetz erinnern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Ich stehe für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Außenpolitik, die mit dem Grundgesetz konform ist.

Islamische Zeitung: Liebe Fagr El Adly, wir danken Ihnen für das ­Gespräch.

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