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Interview: “Gar nicht mal so anders als die deutschen Frauen”

"IZ-Begegnung" mit der "Gazelle"-Herausgeberin Sineb El Masrar

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//1//(iz). Sineb El Masrar wurde 1981 als einziges Kind marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren. Aufgewachsen ist sie der Provinz bei Hannover und lebte dort als einzige Migrantin unter deutschen Nachbarn. Nach einer kaufmännischen und einer sozialpädagogischen Ausbildung blieb sie dem Schreiben treu und schrieb eine Zeit lang für eine österreichische islamische Internetzeitung. Des Weiteren arbeitete sie mit einer Kölner Filmproduktionsfirma an einem Drehbuch und assistierte bei einem Dokumentarfilm. Heute lebt und arbeite Sineb El Masrar als Verlegerin und Herausgeberin des Magazins „GAZELLE“ (www.gazelle-magazin.de) in Berlin. Mit ihr sprachen wir über die Erfahrungen von Migrantinnen in Deutschland.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau El Masrar, Sie sind die Herausgeberin eines neuen Frauenmagazins. Könnten Sie unseren LeserInnen kurz etwas dazu erzählen?

Sineb El Masrar: Wir haben uns für das erste multikulturelle Frauenmagazin mit dem Titel „GAZELLE“ entschieden, weil es hier seit Langem etliche Frauenmagazine gibt, aber keines, welches sich mit dem Leben von Frauen mit Migrationsintergrund beschäftigt. Es gibt keine Zeitschrift, die ihre spezifischen Probleme und Interessengebiete behandelt. Migrantinnen sind heute noch, obwohl sie teilweise hier geboren und aufgewachsen sind, mit Schwierigkeiten konfrontiert, die deutsche Frauen in Ihrem Leben nicht haben. Das war der eigentliche Anlass für mich, eine solche Zeitschrift herauszugeben, in der wir uns wiederfinden können. Daher kam die Idee, ein derartiges Magazin auf die Beine zu stellen. Das Redaktionsteam besteht aus Frauen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund: Türkei, Marokko, Afghanistan, dem ehemaligen Jugoslawien, Iran, Polen, zwei deutsche Frauen, wobei eine von ihnen in Gambia und die andere in China lebt. Wir ermöglichen somit sowohl unterschiedliche Perspektiven der hier lebenden Frauen in Deutschland als auch im Ausland.

Islamische Zeitung: Was wird Ihre inhaltliche Ausrichtung sein?

Sineb El Masrar: Zu den Rubriken, auf denen der größte Schwerpunkt liegen wird, zählt „Leben in Deutschland“ und „Ausland“. Die Rubrik „Familie & Partnerschaft“ wird, inklusive der Thematik binationaler Beziehungen, eine große Rolle spielen, da viele solcher Beziehungen in Deutschland bereits bestehen und zustande kommen. Des Weiteren wollen wir unseren Alltag als Migrantinnen zeigen und so den Menschen dokumentieren, was uns im Alltag begegnet. Das sind zumeist Erfahrungen, die sonst nicht in den Medien zu finden sind. So geht es beispielsweise in der ersten Ausgabe um eine in Deutschland lebende alleinerziehende Muslima. Das allgemeine Thema ist sicherlich häufig vorhanden, aber der spezifische Fall einer muslimischen Frau findet sich so gut wie nie in einem Medium. Und wenn, dann in einem negativen Kontext. Wir wollen zeigen, dass Migrantinnen gar nicht mal so anders sind als die deutschen Frauen. Damit streben wir nach dem Ziel, Denkbarrieren und Vorurteile gegenüber anderen Kulturen beziehungsweise Mentalitäten aus den Köpfen zu räumen. Somit geben wir auch Denkanstöße für Konfliktlösungen.

Islamische Zeitung: Es gibt ja neben den kommerziellen „Frauenmagazinen“ seit mehreren Jahrzehnten die Zeitschrift für Frauen par excellence, die „Emma“. Was unterscheidet sie von dem Magazin aus Köln?

Sineb El Masrar: Die „Emma“ beschäftigt sich zum Teil auch mit Themen, die uns ansprechen, Fragen nach Frauenrechten im In- und Ausland etc.. Nehmen wir aber zum Beispiel die Kopftuchdebatte, die sehr radikal dargestellt wurde, was in Wirklichkeit so gar nicht immer der Realität entspricht. Für die meisten Musliminnen hat das Kopftuch weder eine politische noch eine unterdrückende Symbolik. Wir wollen nicht immer in diesen negativen Topf geschmissen werden und beispielsweise nach einer Heirat mit der Frage konfrontiert werden, ob man zu dieser Ehe gezwungen worden sei oder nicht. Wenn ich im Ramadan faste, bedeutet es weder Unterdrückung noch Rückständigkeit. Das erwähnte Magazin ist manchmal zu radikal und zu polarisierend. Wie die „Emma“ den Frauen in der Gesellschaft eine Stimme gegeben hat, so ist es Zeit, den Migrantinnen ebenfalls die Möglichkeit zu geben, ihre Sichtweisen zu vertreten und somit einen Beitrag zur Integration zu fördern. Wir wollen nicht nur gängige Negativbeispiele zeigen, sondern alle Wirklichkeiten darstellen. Langfristig kann sonst keine Integration stattfinden, sondern eher eine Abschottung der in Deutschland lebenden Migranten.

Islamische Zeitung: Haben Sie auch den Eindruck, dass die Frage nach Frauenrechten heute als Vehikel in der Auseinandersetzung mit dem Islam missbraucht wird?

Sineb El Masrar: Das denke ich manchmal auch. Die Fragestellungen in dem Fragenkatalog zur Einbürgerung in Deutschland zum Beispiel richtete sich überwiegend an die muslimische Bevölkerung und enthält Fragen wie beispielsweise welche Möglichkeiten Eltern haben, die Partnerwahl ihres Sohnes oder ihrer Tochter zu beeinflussen. Worauf will diese Frage wohl hinaus? Ich denke schon, dass es so ist, dass das Thema der Frauenrechte missbraucht wird. Die Themen Integration und Migration tauchen auch immer wieder in den Medien auf und werden seitens mancher Politiker missbraucht, um auf Wählerstimmenfang zu gehen. Die Migrantinnen, insbesondere die Muslime, reagieren in solchen Fällen zu Recht empfindlich, da Einzelfälle in den Medien und in der Politik als Regelfälle dargestellt werden. Die Frauenthematik, wie die Zwangsehe oder die Kopftuchdebatte, ist etwas, von dem Muslime natürlich direkt betroffen sind. Die Feministinnen sehen sich verständlicherweise bestätigt, wenn Frauen schlecht behandelt werden. Dies ist in Wirklichkeit nicht immer der Fall, daher schadet dies langfristig eher der Integration in diesem Land. Dies ist die Sichtweise unserer Migranten.

Islamische Zeitung: Wir haben in Deutschland ja eine ganze Palette von Problemen, die alle Frauen betreffen. Wieso beschäftigen wir uns aber meistens nur mit solchen Fällen, wenn sie Musliminnen oder Migrantinnen betreffen?

Sineb El Masrar: Da haben Sie natürlich Recht. Wir haben einen Artikel in unserer ersten Ausgabe, in dem es um Ehrenmorde geht. Darin schreiben wir über die Geschichte dieses Phänomens und stellen fest, dass der Ursprung nicht im Islam verankert ist und mit dem Islam nichts zu tun hat. Das Interessante daran ist, dass Ehrenmorde nicht nur in islamischen Kulturkreisen stattfinden, sondern auch in anderen Kulturkreisen wie zum Beispiel in Südamerika und Südeuropa. Und dies wird in den Medien zu wenig dargestellt. Die größte Minderheit in Deutschland sind nun mal die Muslime, und viele der aktuellen Konflikte finden in der muslimischen Welt statt. So geraten die Muslime sehr häufig in den Brennpunkt der Berichterstattung. Beobachtet man die aktuellen Ereignisse, stellt man fest, dass zum Beispiel die Mehrheit der Vergewaltiger und Kinderschänder bislang Männer mit nichtmuslimischem Hintergrund waren. Gewalt ist in dieser Hinsicht ein gesellschaftliches Problem und kein religiöses.

Islamische Zeitung: Um noch einmal nachzuhaken – wir erleben in der Debatte um die Frauenthematik ja immer den rhetorischen Kniff: „Weil sie, die Muslime, ihre Frauen schlecht behandeln, behandeln wir sie gut.“ Leben wir nicht alle in einer Zeit, die gewalttätig gegen Frauen ist?

Sineb El Masrar: Selbstverständlich leben wir leider in solch einer Zeit. Denn schließlich sind Gewalttaten an Frauen überall auf der Welt ein Problem. Und dementsprechend auch in Deutschland. Frauen sind hierbei leider Gottes immer am meisten betroffen. Fakt ist aber, dass der Großteil der hier lebenden muslimischen Frauen nicht unbedingt mehr Gewalt erlebt, als Nichtmusliminnen. Der Alltag muslimischer Frauen ist häufiger durch Diskriminierung gekennzeichnet, und dies sollte auch ein großer und entscheidender Bestandteil der allgemeinen Diskussion sein. Gewalt zu bekämpfen ist in jeder Gesellschaft ein Muss, aber auch die alltäglichen Konfrontationen, mit denen sich Frauen sowohl mit Migrationshintergrund als auch ohne kontrontiert sehen.

Islamische Zeitung: Jenseits der spektakulären Fälle, was sind Ihrer Ansicht nach die größten Problemfelder von Migrantinnen und Musliminnen, die hier leben?

Sineb El Masrar: Da ist dieser Zwiespalt, wegen dem man – obwohl man hier geboren wurde und lebt – sich hier immer noch nicht zu Hause fühlt. Die Familien der Elterngeneration sind hier immer noch nicht angekommen und wissen nicht, ob sie hier bleiben sollen oder zurück in ihre „Heimat“ gehen werden. Die meisten fühlen sich hier nicht ganz angenommen und müssen des öfteren Diskriminierungen hinnehmen. Wir müssen immer wieder feststellen, dass beispielsweise junge Musliminnen, wenn sie sich für das Kopftuch entscheiden, Angst haben müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Ein anderes Problem ist, dass wenn diese Frauen mit der deutschen oder christlichen Gesellschaft in Kontakt stehen, sie leider noch immer argwöhnisch betrachtet werden. Bei Frauen und Männern mit Migrationshintergrund geschieht es auch häufiger, dass aufgrund ihrer Herkunft und teilweise des Aussehens sich potenzielle Arbeitgeber gegen eine Einstellung entscheiden, nur weil sie nicht in deren Bild passen oder denken, dies würde irgendeine Art Probleme mit sich bringen. Um ein weiteres absurdes Beispiel zu nennen, womit Migrantinnen konfrontiert werden: Die Schwester einer Freundin wollte ihr Kind einige Tage nach den Anschlägen des 11. September 2001 im Kindergarten anmelden. Die Leiterin des Kindergartens stellte in den Unterlagen fest, dass das Kind am 11. September 1998 geboren war. Daraufhin reagierte die Leitung entsetzt darauf, wie es denn sein könne, dass ihr Kind am 11. September zu Welt gekommen sei. Die Mutter hat sich im Anschluss gegen diese Kindertagesstätte entschieden. Migrantinnen haben die gleichen Probleme wie deutsche beziehungsweise nichtmuslimische Frauen auch. Nur kommen noch viele weitere Probleme, wie Sie sehen können, hinzu. Auch wenn wir hier leben und viele hier geboren worden sind, werden wir noch zu oft daran erinnert, nicht dazu zu gehören.

Islamische Zeitung: Gibt es Erfahrungen und Lebensmodelle, die Migrantinnen und Musliminnen ihren deutschen oder nichtmuslimischen Geschlechtsgenossinnen anzubieten haben? Sineb El Masrar: Es ist das Problem der Freundlichkeit, das sehr auffällig ist – natürlich nicht auf alle bezogen. Dies erlebt man auch, wenn man ins Ausland reist. Ein japanischer Außenminister sagte mal nach einem Deutschlandbesuch in einem Interview der Tagesschau, dass die deutschen sehr viel lernen müssen, was die Freundlichkeit anbelangt. Viele könnten davon sich eine Scheibe abschneiden. Dies ist vor allem bemerkenswert, weil viele Migrantinnen Freundlichkeit besitzen, obwohl sie in Deutschland alltäglich mit vielen Problemen konfrontiert werden. Eine Spur Lebensfreude, Spontanität und Hilfsbereitschaft untereinander würde dem deutschen Volk auch nicht schaden. Natürlich müssen wir Muslime und Migranten auch auf die anderen zugehen. Man kann nicht nur fordern, wir müssen auch den anderen unsere Kultur, unsere Welt und unsere Anschauung erklären und zeigen.

Islamische Zeitung: Es mag sicherlich viele Nichtmuslime überraschen, aber die Mehrheit der Menschen, die hier den Islam annehmen, sind Frauen. Was zieht diese Frauen an?

Sineb El Masrar: Nach Außen wird der Islam so dargestellt, dass die Frauen keine Rechte hätten, dass der Mann über allem stünde etc. Wenn man sich dann doch mit dem Islam auseinandersetzt, fällt auf, dass die Frauen ebenso ihre Rechte und Pflichten haben. Es ist für viele angenehm, dass es eine innere Ordnung gibt und dass die dargestellte Negativität so nicht besteht. Es gibt viele interessante Aspekte wie die Mutterrolle oder auch die Verhaltensmuster für den Alltag. Es ist für viele Konvertitinnen sehr ansprechend, dass der Islam eine Gemeinschaft eröffnet. Insbesondere eine, die sehr hilfsbereit ist. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die sogar Teil des religiösen Bestands ist, vermissen viele Menschen in anderen Lebensentwürfen. Ich denke, dass sich viele Frauen im Islam geborgen und aufgehoben fühlen. Darüber hinaus gibt es eine innere Logik. Ich habe vor Kurzem mit einer deutschen Frau gesprochen, die nach dem 11. September 2001 Muslima geworden ist. Sie hatte sich vorher die folgende Frage gestellt: „Kann eine Religion so gewalttätig sein?“. Dabei hat sie nach der Auseinandersetzung mit dem Islam gemerkt, dass dem nicht so sei. Sie war beeindruckt von der inneren Logik und Konsistenz des Islam.

Islamische Zeitung: Liebe Frau El Masrar, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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