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Interview: Hamit Duran vom Verband Aargauer Muslime über Konsequenzen aus der Volksabstimmung

Was können die Muslime in der Schweiz nun tun?

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(iz) Das – für viele – überraschende Abstimmungsergebnis über das Verbot zum Bau von Minaretten in der Schweiz hat zu vielen Debatten geführt; allen voran natürlich im Lande selbst. Auch die Muslime selbst fragen sich nun, was sie im Vorfeld hätten anders tun können.

Hamit Duran ist Sekretär und Pressesprecher des Verbands Aargauer Muslime in der Schweiz. Wir sprachen mit ihm über Ursachen und folgen des Minarettverbots, was die Muslime in der Schweiz tun sollten und was sich ändern muss.

Islamische Zeitung: Herr Duran, kam das Ergebnis der Abstimmung für Sie überraschend? Im Vorfeld war ja nach Umfragen allgemein nicht mehr davon ausgegangen worden, dass das Verbot angenommen wird…

Hamit Duran: Für mich war es nicht überraschend, dass es angenommen wurde. Denn ein gelegentlicher Blick in die Leserbriefseiten der aktuellen Tageszeitungen genügte, um zu sehen, was die Leute denken, was ihnen Sorge bereitet und wie sie abstimmen würden. Mich hat nur überrascht, dass es so deutlich gekommen ist; ich hätte eher mit einem knapperen Ergebnis gerechnet. Aber dass das Verbot angenommen wird, hat sich aus meiner Sicht schon abgezeichnet.

Islamische Zeitung: Gerade von den Befürwortern des Minarettverbots wurde immer wieder gesagt, es habe im Vorfeld eine ausführliche öffentliche Diskussion stattgefunden und die Leute hätten sich daher ausreichend eine Meinung bilden können. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Hamit Duran: Nein, eigentlich nicht wirklich. Richtige Diskussionen mit den Betroffenen, den Muslimen, haben nicht stattgefunden. Es gab verschiedene Aktionen, aber eine richtige Aussprache, wo man die verschiedenen Standpunkte erörtert hätte, gab es nicht. Es gab lediglich einige Interviews mit einzelnen Personen. Die Leute haben sich ihre Meinung gebildet, das ist richtig, aber nicht aufgrund von Diskussionen oder dass sie sich beide Seiten angehört haben, sondern aufgrund der Informationen, die ihnen zur Verfügung standen oder die sie sich aus der Flut von Informationen herausgesucht haben. Die Argumente, die die muslimische Seite hervorgebracht hat, wurden von den Medien weitgehend ignoriert und nicht publik gemacht. Wenn sich die Leute auf die normalen Medien beschränkt haben, hatten sie auch nur einen beschränkten Zugang zu Informationen, das muss man schon so sagen. Die Muslime konnten sich im Vorfeld der Abstimmung wohl zu wenig Gehör verschaffen – gerade in den Kreisen, in denen die Menschen allgemein sehr kritisch gegenüber dem Islam sind, oder besser gesagt: gegenüber Ausländern oder dem Fremden im Allgemeinen, und im Spezifischen auch dem Islam.

Islamische Zeitung: Wie reagieren die Muslime auf das Verbot, wie ist die Stimmung unter ihnen?

Hamit Duran: Das ist recht unterschiedlich. Grundsätzlich denke ich, die meisten Muslime sind betroffen, sind auch traurig, zum Teil auch schockiert. Das ist das Bild, das ich wahrnehme. Natürlich gab es auch einzelne Demonstrationen, die nicht einfach nur Proteste waren sondern auch Kundgebungen im positiven Sinne, die auch dazu dienten, den ersten Schock zu überwinden und mit der neuen Situation klarzukommen. Es macht sich aber ein gewisses Unbehagen unter den Muslimen breit. Es hängt vieles davon ab, wie es jetzt weitergeht. Wenn die Initiatoren des Verbots das wahr machen, von dem sie schon im Vorfeld der Abstimmung gesprochen haben, nämlich dass sie mit weiteren Verboten die Religionsfreiheit für die Muslime noch weiter beschränken möchten, dann kann sich das Unbehagen in ein Gefühl, dass man hier tatsächlich unerwünscht ist, verwandeln.

Islamische Zeitung: Gab es Solidaritätsbekundungen oder Unterstützung von Nichtmuslimen, die das Verbot auch ablehnen, gegenüber den Muslimen?

Hamit Duran: Ja, wir haben eine beachtliche Anzahl von Briefen, Emails und dergleichen bekommen, wo ganz spontan Schweizerinnen und Schweizer ihre Betroffenheit über das Abstimmungsresultat geäußert haben, ja sich sogar entschuldigt haben und beteuerten, dass nicht alle Schweizer so dächten wie die Verbotsbefürworter. Es gibt auch solche, die überzeugt sind, dass die Mehrheit in Wirklichkeit nicht für das Verbot sei. Denn wenn man die Abstimmungsbeteiligung und die Stimmen der Befürworter zusammenrechnet, kommt man auf 30 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung, die für das Verbot gestimmt haben, während der Rest entweder dagegen gestimmt oder sich gar nicht geäußert hat.

Es wurden ja auch Petitionen von Parteien sowie privaten Organisationen lanciert, die ihre ablehnende Meinung zu dem Verbot auf diese Weise kundtun.

Islamische Zeitung: Man hat gehört, dass es eventuell Klagen gegen das Verbot geben soll, etwa vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Auch die UNO hat das Verbot kritisiert, und jüngst wurde die „Gegen-Initiative“ des Club Helvetique bekannt. Gibt es da eine Vernetzung mit den Muslimen, oder bereiten diese gar selbst eine Klage vor?

Hamit Duran: Was einzelne Personen oder Gruppen machen werden oder planen, kann ich nicht sagen. Denkbar ist das, auf breiter, organisatorischer Ebene ist das aber bisher nicht der Fall. Die organisierten Musliminnen und Muslime versuchen sich jetzt zu sammeln und einen Konsens zu bilden. Ich glaube das ist ganz wichtig, um ein gemeinsames Vorgehen zu beschließen. Das fehlt bisher noch, ist aber in Arbeit. Ich persönlich denke, ein Gang zum Menschenrechtsgerichtshof ist das gute Recht jeder einzelnen Person, für mich steht das aber nicht im Vordergrund. Wir können als Muslime auch ohne Minarette leben, dadurch werden unsere Gebete nicht weniger wertvoll sein.

Was mich aber bedrückt ist, wie die Mehrheit der Stimmenden über uns denken. Und das können wir durch einen Gang vor Gericht nicht ändern, das ist ganz klar. Es könnte sogar negative Folgen haben, zu versuchen, mit juristischer Gewalt so einen Volksentscheid, der in der Schweiz basisdemokratisch gefällt wurde, umzustürzen.

Das könnte meiner Ansicht nach kontraproduktiv sein und der Sache nicht dienen. Für mich steht eher im Vordergrund, dass wir Musliminnen und Muslime in der Schweiz irgendwie den Kommunikationskanal zu denen suchen und finden müssen, die ein völlig falsches Bild von Muslimen und dem Islam in der Schweiz haben. Diese Menschen müssen wir erreichen. Das Problem ist, dass viele muslimische Organisationen in der Schweiz zwar im Dialog sehr engagiert sind, aber die Kreise, die dabei erreicht werden, sind meist eben nicht diejenigen Kreise, die kritisch sind. Das ist ein großes Manko. Meiner Meinung nach müsste man an diesem Punkt arbeiten.

Islamische Zeitung: Gibt es eine generell verschlechterte Stimmung gegenüber Muslimen in der Schweiz, und wenn ja, wie ist diese spürbar?

Hamit Duran: Ich glaube, nicht alle, die das Verbot befürwortet haben, haben dies explizit getan, weil sie den Islam als solchen schlecht finden, sondern in erster Linie stand die Ausländerproblematik. Viele Argumente, die die Befürworter ins Feld geführt haben, haben mit dem Islam im Grunde gar nichts zu tun, sondern betreffen ganz typische Ausländer- und Migrationsprobleme, die auch real existieren, das wollen wir auch gar nicht schönreden. Aber sie haben eben den Islam quasi als Aufhänger benutzt, um noch mehr Stimmung zu machen. Denn der Islam hat ja, insbesondere seit dem 11. September, ein sehr schlechtes Image in Europa. Das kann man sehr gut ausnutzen. Die SVP ist bekannt dafür, dass sie immer wieder Vorstöße macht gegen Ausländer, und dieses Mal mussten gewissermaßen die Musliminnen und Muslime in der Schweiz dafür bezahlen, das ist leider so.

Islamische Zeitung: Was können die Muslime in der Schweiz tun, um die Lage zu verbessern?

Hamit Duran: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Uns Muslimen, sowohl zugewanderten als auch hier aufgewachsenen und eingebürgerten, ist zu wenig bewusst, was eigentlich eine Bürgergesellschaft ist, was es bedeutet, in einer Gesellschaft wie der hiesigen Verantwortung zu übernehmen. Dieses Bewusstsein fehlt meiner Ansicht nach bei den Zugewanderten noch weitgehend, auch wenn sie den Schweizer Pass erworben haben. Das kommt in zwei Aspekten zum Ausdruck: Zum einen kam es auch bei dieser Abstimmung vor, und zwar nicht selten, dass Muslime, die einen Schweizer Pass haben, nicht wussten, wie sie den Abstimmungszettel ausfüllen sollen und da völlig verwirrt waren und Hilfe brauchten. Das finde ich höchst bedenklich. Und noch bedenklicher für mich ist, dass ich weiss, dass viele Muslime nicht zur Abstimmung gegangen sind, also von ihrem Recht, das sie mit ihrem Pass erworben haben, um ihre Meinung zu diesem Thema zu äußern, nicht Gebrauch gemacht haben.

Der andere Aspekt ist: Nach meinem Verständnis der Grundprinzipien des Islam sollen wir Muslime uns eben nicht nur für Dinge engagieren, die die Muslime und den Islam betreffen, sondern auch für solche, die das Allgemeinwohl der Gesellschaft betreffen. Konkret fordere ich Musliminnen und Muslime auf, sich auf lokaler Ebene, in Vereinen, bei den Behörden für das Gemeinwohl zu engagieren. Es gibt so viel zu tun, und die Menschen hier sind so froh und dankbar, wenn sich Menschen für das Gemeinwohl einsetzen. Und dadurch können sie die Muslime auch viel besser kennenlernen. Nur auf Dialogveranstaltungen oder in Zeitungsberichten aufzutauchen, das ist leider viel zu wenig. Das Bewusstsein, dass wir uns hier gesellschaftlich mehr engagieren sollten, müssen wir ganz stark fördern.

Islamische Zeitung: Lieber Hamit ­Duran, vielen Dank für das Gespräch.

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