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Interview: Imam Esad ef. Jukan über die Muslime in Istrien

Akzeptanz und Neugierde

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(iz). Muslime leben in Europa in sehr unterschiedlichen Situationen, in großen und kleinen Gemeinschaften. In Istrien im Nordwesten Kroatiens, das durch seine Nähe zur Adria auch als Urlaubsgebiet bekannt ist, gibt es eine kleine, aber gut etablierte muslimische Gemeinschaft. Wir sprachen mit Imam Esad ef. Jukan über deren Aktivitäten und wie sie von der nichtmuslimischen Bevölkerung aufgenommen wird.

Islamische Zeitung: Wie gestaltet sich das muslimische Leben in Pula? Wie viele Mitglieder zählt Ihre Gemeinschaft?

Esad ef. Jukan: Anfang des Jahres 1969 entschlossen sich einige Muslime in Istrien zur Gründung der Islamischen Gemeinschaft. Die Gründung der Versammlung fand am 11. Mai 1969 in den Räumen der Adventskirche statt, in Anwesenheit des damaligen jugoslawischen Reis-ul-ulema Sulejman ef. Kemura. Bei diesem Anlass wurde auch der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft gewählt, die den Namen „Vorstand der Islamischen Gemeinschaft für Pula und Istrien“ trägt, da alle Städte in Istrien unter deren Verantwortung standen (Labin, Raša, Poreć, Novigrad und Umag). Die Gründer der Islamischen Gemeinschaft waren Šehi Džemail, Nezir Jažić, Hasan Hukić und Hamdija Sarajlić.

Nach der Gründung der Islamischen Gemeinschaft wurde in der ersten Hälfte des Jahres 1970 ein Haus in der Sarajevoer Str. 19 gekauft, welches in eine Mesdzid (Gebetsstätte), eine Wohnung für den Imam, ein Büro und ein Mekteb umgewandelt wurde. Nach dem Kauf dieser Räumlichkeiten bildete der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft für Pula und Istrien Gemeinschaftsvorstände in Labin, Umag, Vodnjan i Galižan. Die Islamische Gemeinschaft Pula zählte bereits binnen sehr kurzer Zeit 250 Mitglieder, sodass der gegebene Raum zu klein wurde, um alles Muslime aufnehmen zu können. Auf Initiative des damaligen Vorsitzenden des Ältestenrates der Islamischen Gemeinschaft für Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slovenien, Dr. Ahmed Smajlović, wurde ein neues, größeres Haus im engeren Zentrum der Stadt Pula gekauft, wo noch heute der Madjlis der Islamischen Gemeinschaft Pula untergebracht ist. Der Raum in der Sarajevoer Str. wurde ausgetauscht zugunsten eines Teils in den neuen Räumlichkeiten im Jahre 1994. Das Gebäude wurde von Grund auf renoviert und vier Jahre später hergerichtet.

Zusätzlich zum Gebäude kaufte der Madjlis der Islamischen Gemeinschaft in Pula den Garten. Dessen Erwerb dauerte 20 Jahre, da ein bestimmter Teil des Gartens privates Eigentum war, während sich der andere Teil im Eigentum der Stadt Pula befand. Der letzte Teil des Grundstücks wurde im Jahre 2005 zugekauft, so dass der Madjlis der Islamischen Gemeinschaft Pula nun eine Fläche von 1.600 qm hat. Der Madjlis der Islamischen Gemeinschaft in Pula zählt heute 530 Mitglieder. Es gibt einen organisierten Religionsunterricht in zwölf Grund- und sieben Mittelschulen. 350 Kinder erhalten Religionsunterricht. Der Besuch an täglichen Gebeten ist sehr zufriedenstellend, nur während des Freitagsgebets ist der Platz zu klein für alle, die dieser islamischen Pflicht nachkommen wollen.

Islamische Zeitung: Woher kommen die Menschen, und gibt es noch andere Muslime außer Bosniaken, die Teil der Gemeinschaft sind?

Esad ef. Jukan: Unsere Gemeinschaft besteht nicht nur ausschließlich aus Bosniaken, selbst wenn die Mehrheit Bosniaken sind. Ich muss hervorheben, dass unsere Mitglieder auch zu den nationalen Minderheiten Kroatiens zählen – Roma, Albaner und Montenegriner.

Islamische Zeitung: Welchen Hintergrund haben die Gemeindemitglieder? Sind sie Gastarbeiter in Kroatien?

Esad ef. Jukan: Menschen aus diesen Regionen kamen nach Istrien, um zu arbeiten. Es waren einfache Menschen, die nicht sehr viel Bildung genossen haben. Gleich nach der Niederlassung begannen sie, Familien zu gründen. Jetzt wachsen schon neue Generationen der Muslime heran. Daher haben wir nun die Situation, dass der ältere Teil der Gemeinschaft mehrheitlich die Grundschule beendet und handwerkliche Fähigkeiten erlernt hat, während die neue Generation eine höhere Bildung genossen hat. Heute gibt es Muslime, die mit ihrer Arbeit, Ehrlichkeit, Einsatz aber auch Bildung sehr bekannte und renommierte Bürger der Stadt Pula sind, auf die die Gemeinschaft sehr stolz ist. Zu ihnen zählen Juristen, Ingenieure, Mediziner und angestellte Personen, die wahrhaftig mehr für das Paradies als für das Diesseits, die Dunya, arbeiten. Zur gleichen Zeit gibt es auch Dozenten der Medresa und der Islamischen Fakultät, die heute als Imame und Religionslehrer in muslimischen Gemeinschaft in der ganzen Welt arbeiten. Mein Kollege Omer ef. Omanovic zum Beispiel, der in Pula geboren ist und die Medresa und die Fakultät der Islamwissenschaften in Sarajevo besucht hat, arbeitet heute als Imam in der Islamischen Gemeinschaft Pula.

Islamische Zeitung: Welche Aktivitäten bietet Ihre Gemeinschaft an?

Esad ef. Jukan: Unsere Aktivitäten unterscheiden sich nicht von anderen Gemeinschaften anderswo. Allen Verpflichtungen wird nachgekommen, die durch die Systematisierung der Arbeitsplätze bestimmt wurden. Dazu zählen die Verpflichtungen der täglichen Gebete, der Religionsunterricht für Kinder und Erwachsene, Vorlesungen, Diskussionen, Besuche von anderen Gemeinschaften und Moscheeführungen. Wir bemerken aber, dass die Arbeit in der Diaspora besondere Bedürfnisse hat, die karitativer und seelsorgerischer Natur sind. Eine große Anzahl der Älteren und Bedürftigen ist auf unsere Hilfe angewiesen, da sich die Angehörigen nicht sehr um sie kümmern. Es gibt in Pula auch noch ein Zentrum für Flüchtlinge und Vertriebene, wo sich eine bestimmte Zahl von Personen befindet, die bereits im hohen Alter sind und die im Bosnien-Krieg die ganze Familie verloren haben und nun niemanden mehr haben. Daher kümmert sich die Gemeinschaft um sie, zusammen mit dem kroatischen Staat.

Islamische Zeitung: Wie waren die Reaktionen der nichtmuslimischen Bevölkerung in den Jahren nach dem 11. September? Ist in Istrien die Islamfeindlichkeit zu spüren?

Esad ef. Jukan: Um ehrlich zu sein, muss ich sagen, dass trotz der nichtmuslimischen Umgebung in der wir leben, die Mitmenschen sehr tolerant sind. Es sind ebenso keine islamophoben Vorfälle bekannt. Ganz Im Gegenteil – unsere Ehefrauen, die Kopftuch tragen, werden häufig von nicht-muslimischen Frauen angesprochen, und diese stellen ihnen mit Neugierde viele Fragen über den Islam. Alle Rechte, die mit dem Gesetz geschaffen wurden, sind für uns vorhanden. Islamische Zeitung: Wie gestaltet sich sonst das Leben der Muslime in Pula? Gibt es Halal-Fleischereien und andere Einrichtungen für Muslime? Wie ist das gesellschaftliche Leben?

Esad ef. Jukan: Muslime können in Pula ihren Glauben vollkommen ausüben, jedoch tun dies bedauerlicherweise nicht viele. Leider gibt es viele Fälle, wo sich Muslime buchstäblich für ihre Zugehörigkeit zum Islam schämen. Zu ihnen gehören die, die den Islam nur über ihre Großeltern oder Eltern mit in die Wiege bekommen haben und recht wenig über ihre Religion wissen. Würden sie mehr über den Islam wissen, würden sie sich auch nicht schämen. Was Halal-Produkte angeht, so hat die Islamische Gemeinschaft in Kroatien ein Zentrum für die Zertifizierung von Halal-Qualität gegründet, so dass viele Firmen das Halal-Zertifikat angefragt haben. Daher können Muslime Produkte mit dem Halal-Siegel in allen Läden in Kroatien finden.

Islamische Zeitung: Gibt es Fälle in Kroatien, wo Menschen zum Islam konvertieren? Gibt es offizielle Zahlen über die Konversionen zum Islam?

Esad ef. Jukan: Es gibt Fälle des Übertretens zum Islam. In der Gemeinschaft in Pula nähern wir uns diesen Fällen mit Vorsicht, da sich viele Menschen zur Konversion aus pragmatischen Gründen entscheiden und nicht primär aus Gründen des religiösen Glaubens. Daher müssen Personen, die zum Islam übertreten wollen, sich einer vorgeschriebenen Prozedur unterziehen. Dazu zählt das Erlernen der islamischen Regeln und das Ausüben dieser, bevor ihnen die Bestätigung der Schahada ausgestellt wird.

Islamische Zeitung: Beschreiben Sie uns das neue Moschee-Projekt in der Gemeinschaft in Pula. Was ist geplant und wie soll es finanziert werden? Unterstützt die lokale Gemeinde das Projekt?

Esad ef. Jukan: Die Moschee in Pula ist angedacht als eine Rekonstruktion des bereits bestehenden Objektes, dem nur ein neues Minarett hinzugefügt wird, und zwar mit einer Höhe von 17,5 Metern. Da sich die Moschee im Stadtkern befindet, müssen wir uns an bestimmte Bauvorgaben halten. So wird dies ein Wohngebäude mit ausgeprägten muslimischen Symbolen. Innerhalb der Moschee wird sich ein Gebetsraum befinden, ebenso Klassenräume, eine Bücherei, ein Kindergarten, ein Raum für Jugendliche, ein Konferenzraum, ein Gemeinschaftsraum, mehrere Büros, diverse Arbeitsräume, ein Restaurant und diverse Wohnungen für Imame sowie ein Gästezimmer. Die Größe des Objekts wird sich auf 2.300 qm belaufen. Das Projekt wird durch die Gemeinschaft finanziert, ebenso durch diverse Spenden innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft. Wir freuen uns auch über die Unterstützung der Leser der Islamischen Zeitung! Die lokale Gemeinde unterstützt ebenso dieses Projekt und nimmt an ihm teil.

Islamische Zeitung: Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister und der Gemeinde?

Esad ef. Jukan: Mit der Kommunalverwaltung von Pula besteht eine hervorragende Kooperation. Der Bürgermeister und der Pfarrer von Pula sind Personen, die durch ihre Freude und ihr Verständnis für die Bedürfnisse der Muslime, Akzeptanz für die Ziele der muslimischen Gemeinschaft geschaffen haben. Alle Veranstaltungen, die wir organisieren, werden finanziell von Seiten des Bürgermeisters und des Pfarrers mitgetragen. Momentan arbeiten wir an dem Projekt des muslimischen Friedhofs. Auch wenn es ein Platzproblem auf dem Gebiet Pulas für Beerdigungen gibt, hat uns der Bürgermeister Pulas ein Landstück für Bestattungen gemäß den muslimisch-religiösen Vorschriften zugeteilt. In diesem Jahr werden wir voraussichtlich dieses Projekt abschließen.

Islamische Zeitung: Gibt es Aktivitäten im Bereich des interreligiösen Dialogs? Wie ist die Zusammenarbeit mit mit anderen Glaubensgemeinschaften?

Esad ef. Jukan: Der interrreligiöse Dialog besteht in Istrien. Wir nehmen häufig an Symposien im Bereich der interreligiösen Zusammenarbeit teil. Es besteht auch ein Abkommen über das Abhalten von Schulstunden in Kirchen bzw. Moscheen. Gemäß des Curriculums für islamischen bzw. katholischen Religionsunterricht ist eine Schulstunde über die andere Religion vorgesehen, das Christentum bzw. den Islam. So lernen die Kinder im katholischen Religionsunterricht über den Islam und kommen mit ihrem katholischen Religionslehrer in die Moschee, wo unsere Religionslehrer Vorträge halten. Parallel dazu lernen unsere Kinder über das Christentum und gehen in die Kirche, wo der Priester mit den Kindern über das Christentum spricht. Meiner Meinung nach ist dies die beste Option für eine religiöse Toleranz bei Kindern.

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