IZ News Ticker

Interview: Imam Mohamed Ibrahim aus Wolfsburg über die muslimische Komponente der Proteste

„Ägypten wird kein islamischer Staat“

Werbung

(iz) Mohamed Ibrahim, der gebürtig aus Ägypten stammt, ist als Imam im Islamischen Kulturzentrum in Wolfsburg tätig. Wir fragten ihn nach seiner Sicht der aktuellen Lage in Ägypten und insbesondere nach der Rolle der muslimischen Strömungen dabei.

Islamische Zeitung: Lieber Imam Mohamed Ibrahim, man hört derzeit in den hiesigen Medien häufig die Frage, ob Ägypten sich in Richtung einer „islamistischeren“ Gesellschaft entwickeln könnte und welche Rolle muslimische Gruppen, insbesondere die Muslimbruderschaft, spielen. Wie sehen Sie das?

Mohamed Ibrahim: Zunächst einmal: Den Begriff „Gottesstaat“, den man in diesem Zusammenhang oft verwendet, kennt der Islam gar nicht. Es gibt keinen Staat im Islam, der gewissermaßen von Gott gelenkt wird durch Seine Vertreter auf Erden. Es gibt keinen Klerus im Islam. Was Ägypten angeht, so ist die Muslimbruderschaft dort seit vielen Jahrzehnten vertreten. Sie hat ohne Frage eine Basis in der Bevölkerung und ist ein Teil der ägyptischen Gesellschaft. Den Aussagen vieler Spitzenvertreter der Muslimbrüder kann man entnehmen, dass diese eine gemäßigte Bewegung ist, die auch Demokratie und Pluralität in der Gesellschaft befürwortet. Die gegenwärtige Protestbewegung wurde aber nicht von der Muslimbruderschaft initiiert, sondern, wie auch durch die Medien bekannt, von jungen Ägyptern. Die Muslimbruderschaft hat sich dann den Protesten angeschlossen, wie viele andere politische Kräfte auch. Ich glaube nicht, dass in Ägypten künftig ein islamischer Staat aufgebaut wird. Da wird ein Gespenst aufgebaut und es werden Ängste geschürt, es könne zu einem zweiten Iran kommen, wenn die Revolution in Ägypten erfolgreich sein sollte. Das trifft nicht zu; der Vergleich hinkt. Die Ausgangslage in Ägypten heute ist eine ganz andere als damals im Iran, etwa wenn man den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten berücksichtigt, etwa das im Iran etablierte schiitische Prinzip der Herrschaft des Gelehrten und das Warten auf den verborgenen Imam – das alles gibt es in Ägypten und allgemein bei den Sunniten nicht. Insofern geht es bei der Revolution in Ägypten, soweit ich es verfolge und zum Teil in Ägypten erlebt habe, vor allem, zusammengefasst gesagt, um eine Veränderung zum Besseren, nach vielen Jahren und Jahrzehnten der schlechten Atmosphäre, des schlechten Wirtschaftens und so weiter, was mit der Person des Präsidenten verbunden wurde. Daher konzentrieren sich die Proteste auch auf dessen Rücktritt. Es geht auch um eine Veränderung in Richtung Demokratie, Neuwahlen, Freiheit und soziale Gerechtigkeit.

Islamische Zeitung: Gibt es neben der Muslimbruderschaft noch andere relevante muslimische Strömungen in Ägypten?

Mohamed Ibrahim: Es gibt natürlich andere Strömungen, von denen hört man momentan aber sehr wenig beziehungsweise gar nichts. Es gibt ja auch muslimische Gruppierungen, die sich nicht für Politik interessieren, deren Aktivitäten sich beispielsweise allein darauf konzentrieren, die Menschen der Religion und deren Praxis näher zu bringen. Es gibt zum Beispiel bei den so genannten Salafiten solche, die nicht in Kontakt mit Politik kommen möchten. Auch unter den Sufis gibt es solche Haltungen. Man hat kürzlich aber auch von einigen salafitischen Imamen gehört, dass sie diese Revolution und die Forderungen der Menschen unterstützen. Auch Amr Khaled beispielsweise hat sich früher von der Politik ferngehalten, um sich den Freiraum zu bewahren, in Kontakt mit der Jugend zu bleiben und sie für die Religion und für positives Engagement in der Gesellschaft zu gewinnen, ohne direkt Politik zu betreiben. Allerdings hat er sich jetzt auch zu Wort gemeldet und gesagt, dass er alles begrüßt und mitträgt, was die jungen Leute fordern. Ich denke, in dieser Hinsicht wird sich in Ägypten künftig vieles ändern, auch was die muslimischen Strömungen angeht.

Islamische Zeitung: Hat sich die Al-Azhar bereits zu den Protesten geäußert?

Mohamed Ibrahim: Ich habe bisher von dem obersten Schaikh Al-Azhar nichts direktes dazu gehört, weiß aber von vielen Gelehrten der Universität, dass sie sich auf die Seite der Demonstranten gestellt haben. Man konnte in den Medien sehen, dass Vertreter der Al-Azhar auch bei den Demonstrationen auf der Straße teilgenommen haben. Am letzten Freitag ist der Sprecher der Al-Azhar zurückgetreten, da er sich an den Demonstrationen beteiligen wollte, jedoch nicht wollte, dass dies mit seiner Position oder mit der Al-Azhar verbunden würde.

Islamische Zeitung: Abgesehen von der Muslimbruderschaft werden die anderen Oppositionsbewegungen, die sich an den Protesten beteiligen, in hiesigen Medien überwiegend als säkular dargestellt, zum Beispiel Mohammed El Baradei oder die so genannte Kifaya-Bewegung. Wie säkular sind diese wirklich?

Mohamed Ibrahim: Es gibt dies alles – säkulare Menschen, linke Gruppen -, allerdings muss man sagen, dass diese Parteien oder Bewegungen fast keine Basis in der Bevölkerung haben. Kifaya hat sich erst in den letzten fünf, sechs Jahren etabliert, mit dem Ziel, dass der Präsident abtreten soll – Kifaya heißt ja „genug“ oder „es reicht“. Es ist aber auch keine politische Partei mit einem Programm, sondern gewissermaßen eine Protestbewegung. El Baradei ist nur eine Person, wenngleich eine international anerkannte, die erst vor kurzem nach Ägypten zurückgekehrt ist, nachdem er viele Jahre im Ausland gelebt hatte. Er kam dann unter anderem mit dem Ziel nach Ägypten, vielleicht für die Präsidentschaft zu kandidieren und hat eine starke Medienpräsenz. Seine Person ist aber in Ägypten nicht unumstritten.

Islamische Zeitung: Wenn Mubarak zurücktritt, wie könnte sich Ägypten dann entwickeln?

Mohamed Ibrahim: Es gibt verschiedene Szenarien, die gemeinsam haben, dass es eine Übergangszeit geben wird, in der Neuwahlen vorbereitet werden, sodass das Volk die Möglichkeit bekommt, für sich zu entscheiden und seine Vertreter und seinen Präsidenten zu wählen. Nach der jetzigen Verfassung gäbe es die Möglichkeit, dass der Präsident des Parlaments oder der Präsident des Verfassungsgerichts während dieser Zeit als Übergangspräsident fungiert. Aber auch der Vizepräsident, den es jetzt seit einigen Tagen gibt, Omar Suleiman, könnte die Geschäfte des Präsidenten übernehmen und mit der Opposition verhandeln. Man könnte sich auf eine Übergangsregierung einigen, in der mehr oder weniger alle politischen Kräfte in Ägypten vertreten sein würden, und die dann den Weg für Neuwahlen vorbereiten würde. Dann könnten auch einige Änderungen der Verfassung vorgenommen werden, etwa was die Kandidatur für die Präsidentschaft angeht und wo die bisherigen Beschränkungen in der Verfassung wegfallen könnten.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen ökonomische und materielle Faktoren bei der Unzufriedenheit der ägyptischen Bevölkerung? So war etwa zu hören, dass die Wirtschaftspolitik in letzter Zeit sehr neoliberal orientiert gewesen sei, wobei wenige immer reicher wurden und viele immer ärmer. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit gerade auch unter Akademikern ja sehr hoch. Was müsste sich hier ändern, um diese Probleme künftig angehen zu können?

Mohamed Ibrahim: Allgemein kann man sagen, dass soziale Gerechtigkeit geschaffen werden und die Vetternwirtschaft beendet werden muss. Vetternwirtschaft und Korruption war stets ein großes Problem des ägyptischen Systems, auch die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Chancengleichheit und die Verbesserung des Bildungssystems. Hinsichtlich des politischen Systems ist es vor allem die Freiheit, die mit Recht eingefordert wird. Die Abwesenheit der Freiheit und die Einschüchterung der Menschen in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat dazu geführt, dass das Innenministerium alle anderen Ministerien mehr oder weniger bestimmt und beherrscht hat. Es ging so gut wie nichts ohne das Einverständnis des Apparates des Staatssicherheit. Vetternwirtschaft und Korruption waren in allen Bereichen des Systems zu sehen. Sollte es jetzt zu einem Wechsel und zu einer Veränderung kommen, gibt es viel Arbeit zu tun, um Ägypten von all diesen Krankheiten zu heilen. Ich denke es ist wichtig, dass sich in dieser Übergangszeit alle Kräfte beteiligen, dass die Verfassung verändert wird und die Freiheit in den kommenden Monaten und Jahren dann garantiert wird und die Menschen sich entfalten und ihre Ideen verwirklichen können.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Imam Mohamed Ibrahim, vielen Dank für das Gespräch.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...