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Interview: In Erlangen fand eine wichtige Veranstaltung über anti-muslimische Ressentiments statt

„Parallele in den Vorwürfen“

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(iz). Ende März fand an der Uni Erlangen-Nürnberg eine interessante Tagung zum Thema „Vorurteile und Ressentiments gegen Muslime – ein neuer Rassismus?“ statt, die hochkarätig besetzt war. Unter anderem nahmen Prof. Dr. Wolfgang Benz (Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung, TU Berlin), Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung), Prof. Dr. Heiner Bielefeldt (Lehrstuhlinhaber für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik, FAU Erlangen) teil; eröffnet wurde die Tagung von der Erlanger Bürgermeisterin Dr. Elisabeth Preuß. Während und im Umfeld der Tagung kam es zu teils heftigen Kontroversen. Wir sprachen mit Ayse Cindilkaya vom Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt Erlangen über die von ihr mit organisierte Tagung.

Islamische Zeitung: Frau Cindilkaya, Sie haben in Erlangen eine Fachtagung vom Ausländer-und Integrationsbeirat mit dem Titel „Vorurteile und Ressentiments gegen Muslime- ein neuer Rassismus?“ im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus 2010 mit organisiert. Welches Fazit würden Sie zu der Tagung ziehen?

Ayse Cindilkaya: Ein positives und motivierendes. Wir haben erfahren, dass sowohl in der Fachforschung, als auch im Mainstream-Diskurs die Existenz von Islamfeindlichkeit nicht mehr zur Debatte steht. Vor etwa zwei Jahren war das noch anders. Das Phänomen war noch zu unpräzise erfasst und nicht vor Missbrauch geschützt. Besorgnis erregende Tendenzen in Deutschland und auch europaweit ­haben die bis dato eher in Fachzeitschriften festgehaltenen Ergebnisse zu anti-muslimischem Rassismus nun in die breite Öffentlichkeit getragen. An den Diskussionsbeiträgen während der Tagung habe ich gesehen, dass Vor­behalte gegen Muslime auch Nichtmuslimen sehr zu denken geben. Man hat großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, Signale zu senden und will etwas tun.

Islamische Zeitung: Wie gestaltete sich der Verlauf der Tagung und die Diskussionen, die sie ausgelöst hat?

Ayse Cindilkaya: Etliche Sabotageversuche im Vorfeld konnten nicht verhindern, dass die interdisziplinär ausgerichtete Tagung gut besucht war. Die Presse hat anerkennend berichtet. Die Initiative förderten mit viel Zuspruch lokale Persönlichkeiten, wie unsere Bürgermeisterin oder Stadträte. Bei so einem Thema ist das nicht selbstverständlich und zeugt von der charakteristischen Offenheit Erlangens. Anderswo hätte die Thematisierung in einem heillosen Muslim-Bashing enden können. Indem wir derartige sichere Diskussionsräume schaffen, kann der eigene Unmut über manch innermuslimischen Missstand lösungsorientiert ausgedrückt werden. Und das brauchen wir. Wir dürfen uns nicht von negativen Umfragen zum Islam erschlagen lassen. Jetzt erst recht partizipieren. Ganz wichtig für uns als Muslime ist es, eine emotionale Distanz zur Islamfeindlichkeit auszubilden. Die Muslime hatten nach der Tagung jedenfalls das Gefühl, dass man sich auch einmal ihrer Sorgen annimmt. Man ist deutlich näher gerückt.

Islamische Zeitung: An der Tagung nahm unter anderem der Menschenrechtler Prof. Heiner Bielefeldt teil. Welchen Zusammenhang hat er zwischen Rassismus und Islamfeindlichkeit gesehen, beziehungsweise wie hat er Rassismus in diesem Kontext definiert?

Ayse Cindilkaya: Kritische Fragen an Muslime sind selbstverständlich kein Rassismus. Tabuthemen gebe es in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht. Die Grenze sei dort zu ziehen, wenn Menschen abgesprochen werde, unterschiedliche Haltungen einnehmen zu können, man sie persönlich verunglimpft oder kollektiv diffamiert. Das schließt sie aus dem Diskurs aus und zerstört die Streitkultur. Rassismus beginne dort, wo keine Fragen mehr mit dem Ziel, Antworten zu erhalten, gestellt werden, sondern eine Entlarvung angepeilt wird. Oder wenn Muslime mit einer kollektiven Mentalität, ob vom Blut, den Genen oder einer Kulturprägung abgeleitet, markiert werden, etwa wenn eine strukturelle Verlogenheit unterstellt wird (Taqija-Vorwurf). Umfragen belegen, dass Muslime, ob praktizierend oder nicht, gerade unter vielen solcher Stereotypisierungen und Ausgrenzungen leiden. Bielefeldt lieferte erfrischende Denkimpulse, als er die Stereotype gegen Muslime am Beispiel der antikatholischen Kulturkampf-Ära des 19. Jahrhunderts verdeutlichte. Es gibt ganz erstaunliche Parallelen in den Vorwürfen, dazu zählt der einer kollektiven Forschrittsfeindlichkeit.

Islamische Zeitung: Auch der Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung Prof. Wolfgang Benz hat auf der Tagung gesprochen. Wie hat er sich geäußert?

Ayse Cindilkaya: Prof. Benz betonte, dass eine Chance vertan werde, wenn Einsichten aus der Beschäftigung mit dem ältesten und am besten erforschten Vorurteil, nämlich dem gegen Juden, nicht genutzt würden, um neue gesellschaftliche Probleme zu erkennen und womöglich bei deren Lösung behilflich zu sein. Hierbei gehe es nicht im Geringsten um Opferkonkurrenz. Er insistierte darauf, dass man Rassismen nicht gegeneinander ausspielen dürfe und könne.

So war es angesichts seines Forschungsfeldes auch irritierend und absurd, als Prof. Benz von einer Frau mittleren Alters aufgeregt als „Antisemit“ angegriffen wurde, weil er das Problem der Islamfeindlichkeit ebenso ernstnimmt, wie andere Vorurteile und Feindbilder (beispielsweise gegen Sinti und Roma). Antisemitismus weise bestimmte Spezifika auf (zum Beispiel Welterklärungsmodell). Dennoch könnten, insbesondere bei der Analyse von hasserfüllten, anti-islamischen Blogs, parallele Momente zur Islamfeindschaft nicht geleugnet werden; zum Beispiel verallgemeinernde Dämonisierung mit dem Rückgriff auf die Urschriften bis hin zum Infrage stellen der Loyalität als Staatsbürger.

Islamische Zeitung: Sie haben mit Aiman Mazyek und Dr. Irene Runge dezidiert muslimische und jüdische Vertreter eingeladen. Was war ihre Motivation?

Ayse Cindilkaya: Bei der Konzepterstellung für die Tagung waren für mich das Aufmerksam machen auf Antisemitismus und jüdisch-muslimische Annäherungsprojekte Herzensangelegenheiten. Ein Grundstein für Annäherung ist die 1999 von Dr. Nadeem Elyas und Ignatz Bubis veranstaltete historische Tagung „Juden und Muslime in Deutschland – gemeinsam fremd?“ Es ist auffällig, dass Juden und Muslime vermehrt den Kontakt suchen, wobei eines der Ziele ist, die jeweiligen Rassismen zu dekonstruieren und in den eigenen Communities zu erörtern. Übrigens, zur Ideologie der Islamfeinde gehört es, uns gezielt durch Negativbilder zu entzweien. Dabei gibt es so viel zu entdecken. Allein unser religiöser Hintergrund ist ein Themenschatz. Wir sind Minderheiten, die ähnliche Ausgrenzungserfahrungen machten oder machen. Nach dem Schweizer Minarettverbot habe ich gerade aus Gesprächen mit jüdischen Freunden wie der stellvertretenden Vorsitzenden der European Union of Jewish Students, Jane Braden-Golay, Motivation geschöpft. Wer, wenn nicht wir verstehen den jeweils anderen? Kontakte kann man zum Beispiel durch die Mailingliste von Chajm Guski knüpfen. Dieses Jahr gibt es eine erste internationale Muslim-Jewish Conference an der Universität Wien, um einander mit Freundschaft und Informationen zu begegnen. Über solche Initiativen freue ich mich sehr.

Islamische Zeitung: Zu welchem Schluss kam Frau Dr. Schiffer mit ihrer Frage, ob Medien einen zuspitzenden oder klärenden Beitrag in der Debatte leisten?

Ayse Cindilkaya: Frau Dr. Schiffer hat die so genannte Feuilletondebatte aufgearbeitet und kam zu dem Schluss, dass diese viel Potenzial für klärende Ansätze enthalte, aber auch teilweise die Zuspitzung bedient habe. Etwa wenn die so genannten Islamkritiker wieder mit ihren eigenen Begriffen wie „Hassprediger“ und dergleichen bezeichnet werden. Das lädt nicht zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit antiislamischen Vorurteilsstrukturen ein. Dennoch seien sehr wichtige Fragen aufgebracht worden, und insgesamt bewertet Dr. Schiffer es als Fortschritt, dass sich die deutschen Feuilletons dem Thema angenommen haben, wobei sie betonte, dass die Debatte eine Debatte über Islamophobie sei, die sich nicht an die Muslime, sondern an diejenigen richte, die bewusst oder unbewusst islamfeindliche Einstellungen assimiliert haben. Ähnlich wie Prof. Bielefeldt begrüßte sie, dass es nun eine Kritik der sogenannten Islamkritik gebe.

Islamische Zeitung: Wie kommentieren Sie den Freispruch für Frau Dr. Sabine Schiffer im Verfahren wegen ihrer Äußerungen zum Mord an Marwa El-Sherbini?

Ayse Cindilkaya: Zuvor hatte unser Staat Dr. Schiffer allein gelassen, als sie aufgrund ihres Engagements gegen Islamfeindlichkeit unzählige Hassmails und Morddrohungen erhielt. Der Freispruch hat mich also überrascht, aber erleichtert. Er garantiert, dass Wissenschaftler auch in Zukunft konstruktiv und repressionsfrei kritische Fragen zu Rassismus stellen dürfen. Ergreifend war am Prozesstag, als Dr. Schiffer eine Erklärung vorlas, in der sie nochmal darauf insistierte, wie wichtig die Debatte um unbewusste, rassistische Vorurteilsstrukturen in der Gesellschaft sei. Ich denke vom Engagement der Menschen, die sich seit Wochen für die Meinungsfreiheit und Frau Dr. Schiffer einsetzen, kann man Hoffnung schöpfen und einiges abschauen.

Islamische Zeitung: Liebe Frau ­Cindilkaya, wir danken Ihnen für das Interview.

Webseiten:
www.talmud.de/abraham-ibrahim
http://www.mjconference.org
www.erlangen.de/auslaenderbeirat

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