IZ News Ticker

Interview: Islam und die ökologische Frage

"IZ-Begegnung" mit Fazlun Khalid über die Muslime und das Phänomen der Zerstörung der Schöpfung

Werbung

(iz)Haben Muslime eine relevante Position zu den Schattenseiten der Globalisierung? “Ja” sagt der britische Muslim Fazlun Khalid. Fazlun Khalid ist 73 Jahre alt und lebt seit 1953 in England. Er diente 13 Jahre lang in der britischen Luftwaffe und war danach 23 Jahre führender Beamter des britischen Innenministeriums und in einer Funktion für ethnische Gleichstellung verantwortlich. Seit seiner Pensionierung im Jahre 1991 widmet sich der in den englischen Midlands lebende Muslim aus Sri Lanka der Frage nach dem Verhältnis von Islam und Ökologie. Er ist Leiter der renommierten Stiftung “Islamic Foundation for Ecology and Enviromental Sciences” (IFEES) und gilt als herausragender Fachmann zu dem Thema. Das IFEES ist eine bei der UN registrierte NGO. Fazlun Khalid hat mehrere Titel veröffentlicht, darunter “Islam and Ecology” im Verlag der US-amerikanischen Harvard Universität.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Khalid, wie sind Sie zur Ökologie gekommen?

Fazlun Khalid: Es geschah vor ca. 22 Jahren, als mir zu diesem Zeitpunkt klar wurde, was auf diesem Gebiet vor sich ging. Ich entschied für mich, dass es notwendig war, uns selbst in kleinen, genügsamen Gemeinschaften zu organisieren. Einfluss hatte bei mir das Argument von Schuhmacher (“small is beautiful”) und ich fand, dass dies eine tiefe Wahrheit ist. Wir hatten den Eindruck, dass unsere westliche Zivilisation angesichts der industriellen Entwicklung im Abrutschen begriffen ist. Was wir als das Mindeste tun können, ist, uns in kleinen Gemeinschaften entsprechend der islamischen Lebensweise zu organisieren.

Islamische Zeitung: Könnten Sie uns eine kurze Übersicht über die globale Situation in Sachen Ökologie geben?

Fazlun Khalid: Die ökologische Lage im Augenblick ist ziemlich düster und bedrohlich. Eines der bedrohlichen Dinge dabei ist, dass weite Teile der Bevölkerung sich nicht darum scheren und ihren alltäglichen Dingen nachgehen, so als würde nichts geschehen. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen, und insbesondere die der wissenschaftlichen Kommission der Vereinten Nationen, erschrecken die Leute nicht – es ist auch nicht ihre Aufgabe, dies zu tun. Es ist ihre Aufgabe – wie ich sie verstehe -, den Menschen zu dienen. Beinahe 1.500 Wissenschaftler berichteten, dass die Lage ziemlich ernst sei und dass, sollten nicht sofortige Maßnahmen ergriffen werden, die Dinge schlimmer würden. Und dieses betrifft die gesamte zeitgenössische Zivilisation. Die Frage ist, was wir nun tun sollen. Im Augenblick gibt es umfangreiche Maßnahmen im Bereich der Erziehung. Meiner Ansicht ist dies nicht genug. Es muss einen Wechsel dabei geben, wie die gesamte politische und wirtschaftliche Ordnung aufgestellt ist.

Islamische Zeitung: Was sind zur Zeit die bedrohlichsten Konsequenzen des modernen Lebenswandels?

Fazlun Khalid: Die bedrohlichste Konsequenz ist, dass der globale Klimawandel beginnt, die Menschheit zu betreffen. Die Jahreszeiten verändern sich. Tiere, die an wärmere Klimate gewöhnt sind, wandern nach Norden. Wir sehen beispielsweise, dass als Folge der Migration von Mikroorganismen, Schafskrankheiten wie die Blaue-Zungen-Krankheit, die im Norden unbekannt waren, nun auch Bestände im Norden gefährden. Es häufen sich die Klagen – insbesondere von jüngeren Leuten – über asthmatische Krankheiten. Dies sind nur kleine Folgen der Veränderungen, die augenblicklich stattfinden. Dies sind Wechsel der Vegetation und ähnliche Dinge. Das Problem ist, dass unsere Lösungen in sich manchmal selbst kontraproduktiv sind. Früher war in Westeuropa die Klimaanlage ein unbekannter Faktor. Nun werden sie mehr und mehr gewöhnlich – Klimaanlagen in Autos und in Wohnungen. Die Folge davon ist der gesteigerte Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Wir haben Zentralheizungen im Winter und Klimaanlagen im Sommer, was die Menge an verbrannten, fossilen Brennstoffen verdoppelt. Wieso leuchtet es uns nicht ein, unser Verhalten auf eine positive Art und Weise zu verändern. Wir verändern unsere Lebensweise eher so, dass sie die Probleme erhöhen, anstatt sie zu verringern. In der Behandlung der von uns geschaffenen Probleme erzeugen wir weitere Schwierigkeiten und erreichen nichts.

Islamische Zeitung: Wer wird am meisten davon betroffen sein: Die Armen oder die Reichen, die die meisten fossilen Brennstoffe verbrennen?

Fazlun Khalid: Die Leute, die am meisten zu verlieren haben, werden die Leute sein, die am meisten haben. Die armen Menschen haben nicht viel, was sie verlieren könnten. Wenn die Dinge schwierig werden, dann für die Menschen in den entwickelten Ländern: Westeuropa, Japan, Nordamerika, Ozeanien, Malaysia und die reichen Golfstaaten. Sie müssen etwas aufgeben. Wenn wir von der richtigen Annahme ausgehen, dass die Ressourcen begrenzt sind, können wir nicht annehmen, dass sich die Armut auslöschen lässt. Wenn es eine gemeinsame Schüssel gibt und manche Leute 90 Prozent der darin enthaltenen Mahlzeit herausnehmen, dann bekommt der Rest der Welt nur 10 Prozent der Dinge. Augenblicklich werden 80 Prozent der Ressourcen von 20 Prozent der Menschen verbraucht, die in den entwickelten Ländern leben. Wenn wir also wirklich die Armut Geschichte werden lassen wollen, dann müssten jene Menschen, die am meisten haben, auch am meisten aufgeben. Wenn die Entwicklungsländer den gleichen Lebensstandard wie wir hätten, dann wäre dies ein globales Endspiel. Wir haben beispielsweise China mit einem Wirtschaftswachstum in zweistelliger Höhe. China möchte den Lebensstandard des Westens nachahmen, unmöglich … Sollten nur zehn Prozent der indischen und der chinesischen Bevölkerung den Lebensstandard der Menschen im Westen erreichen, dann kann dies der Planet nicht mehr ertragen.

Islamische Zeitung: Warum müssen wir vom Geld sprechen, wenn wir über Ökologie reden?

Fazlun Khalid: Das zeitgenössische Geld ist grundlegend bei diesem gesamten Vorgang. Wenn man versteht, wie Geld geschaffen wird, beginnt man zu verstehen, dass die gesamte Basis dieser Zivilisation auf Sand gebaut ist. Geld ist eine Kreation der Einbildung. Geld existiert nicht. Das Geld in unseren Taschen repräsentiert nichts, es ist nur Papier und ein Zeichen für unsere Schulden. Die Universitäten behandeln das Thema nicht auf diese Weise, denn es wird angenommen, dass das Geldsystem gerecht sei, dass es unsere Probleme lösen könnte und dass die Welt sich um sich selbst kümmern könne. Das grundlegende Problem ist, dass die Ressourcen dieses Planeten begrenzt sind und dass Geld bis in die Unendlichkeit hinein erschaffen werden kann. Wenn wir diesen Vorgang verstehen, dann bekommt das Geld die Proportionen eines Virus, der die raren Ressourcen der Erde angreift.

Islamische Zeitung: Was hat sich – im Vergleich zur vorhergehenden Zeit – in der Menschheitsgeschichte geändert und welche Auswirkungen hatte dieser Wandel?

Fazlun Khalid: Ich möchte zuerst dazu sagen, dass die Veränderungen und Lebensweisen, die wir heute erleben, nicht viel älter als 300 Jahre alt sind. Dieser Zeitraum steht für einen minimalen Bruchteil der menschlichen Art. Vergessen wir die Kosmologie oder die Lebensspanne des restlichen Planeten. 95 Prozent der menschlichen Existenz lebte man in einem Gefühl, das eine Wahrnehmung der Existenz miteinschloss. Was während der Aufklärung geschah, war, dass unser Blick auf das Universum wechselte. Im Islam gibt es den Begriff der Fitra, des ursprünglichen Verhaltensmusters des Menschen. Wie es ein britischer Philosoph formulierte, wechselte unsere psychologische Anhänglichkeit vom Göttlichen zum Menschen. Das bewirkte auch eine komplett andere Sichtweise der Existenz. Dies geht über den Bereich von Religion hinaus. Über was ich rede, betrifft die menschliche Existenz. Alle Menschen ungeachtet ihrer Religion verstanden sich als Teil einer größeren Dimension. Diese Sichtweise erlebte durch die Aufklärung einen kompletten Richtungswechsel – durch das kartesische (benannt nach dem Philosophen Descartes) Paradigma. Dieses legt den Schluss nahe, dass der Mensch der Herr und Meister sei und dass er die Kontrolle über die Natur in Händen hält. Es ist die gefährlichste Sache, die der menschlichen Rasse jemals begegnet ist. Diese gesamte Zivilisation und der Prozess von Wissenschaft und Lernen beruhen auf dieser Veränderung. Auf eine Weise lässt sich sagen, dass wir die Natur objektiviert haben. Wir sagen: Wir sind das Subjekt und die Natur ist das Objekt. In Wirklichkeit gibt es aber kein Objekt und kein Subjekt. Wir sind alle Subjekte gegenüber Allahs Befehl. Wenn Menschen das verstehen und anfangen, darüber nachzudenken, wer sie sind, wie sie funktionieren und was ihnen der Himmel, die Sonne, der Mond und die Bäume bedeuten, dann kann sich etwas ändern. Die Leute haben keine Zeit dafür. Wofür sie Zeit erübrigen können, ist die Hubraumgröße ihres Autos, die Fläche ihres Hauses, der Schnitt ihres Gartens und ob sie einmal im Jahr nach Süden in die Sonne fliegen können. Diese Sorgen sind eine Gefahr für uns geworden.

Islamische Zeitung: Auch wenn Muslime an diesem zerstörerischen Lebenswandel genauso teilnehmen wie alle anderen, hat der Islam eine Relevanz für diese Frage?

Fazlun Khalid: Ich glaube, dass der Islam hier vollkommen relevant ist. Denn im Islam haben wir ein Paket, welches einen moralischen und ethischen Zugang mit einschließt, dessen Basis der Qur'an ist und von dem die Schari'a auf Grundlage der prophetischen Lebensweise ausgeht. Dieser setzt ethische Prinzipien in Handlungen ein. Wenn wir über die Umwelt reden, gibt es spezifische Einrichtungen und Regeln, die diese Vorgänge kontrollieren. Natürlich gibt es ebenso Regeln, die unsere Beziehung zum Geld regeln, denn dies steht miteinander in Verbindung. Es ist zu unserem Nachteil, dass wir dieses Paket als Ganzes ignorieren. Wir neigen dazu, Aspekte der Schari'a zu nehmen – wenn es uns gerade gefällt – und den Rest zu ignorieren. Wir müssen uns dieses Projekts annehmen.

Islamische Zeitung: Was wären denn relevante islamische Verhaltensmuster in Fragen der Umwelt?

Fazlun Khalid: Beispielsweise gibt es Institutionen, die als Hima-und als Harima-System bekannt geworden sind. Ich arbeite an einem Projekt in Sansibar und an zwei weiteren in Indonesien, wo wir versuchen, das Hima-System einzuführen. Damit ist möglich, eine Zone für Meeres- oder Waldschutzgebiet zu bestimmen. Darin gibt es kein Fällen von Bäumen, keine Verschmutzung des Meeres und keine Überfischung. In der vergangenen islamischen Geschichte gab es Himas, die beispielsweise als Wiese nur für Bienen während des Pollensammelns dienten. Die Schari'a erlaubt diese Art und Weise der Verfeinerung. Wenn wir über das System der Harim reden, dann kann man Wasserschutzgebiete einrichten, durch die man die Uferzonen von Flüssen schützen kann. So ist bei einem Harim das Flussufer die halbe Breite des Flusses auf jeder Seite des Ufers ein Schutzgebiet, in dem keine Bäume gefällt werden dürfen, kein Weiden von Tieren möglich ist und keine Menschen siedeln dürfen. Dies ist nicht nur ein sinnvoller Schutz für Bäume, sondern auch ein Schutz vor Erosion. Tatsächlich ist es so, dass diese Institutionen für mehr als tausend Jahre Bestand hatten. Insbesondere im Nahen Osten wurden das Harim- und das Hima-System im Interesse des Immobilienmarktes, im Interesse von Riba (Wucher), abgebaut. Dies ist ein nicht zu vergebender Fehler, denn uns wird gar nicht bewusst, was wir tun. Wir handeln hier gegen Allahs Befehl und erleiden dadurch die Folgen unseres eigenen Handelns. Anstatt zu sagen, dass wir ein Beispiel geben könnten, folgen wir jenen Leuten, die ein schlechtes Beispiel abgeben. Unsere Aufgabe ist es daher nun, zu zeigen, worin das islamische Wissen besteht. Am Ende ist das letzte Wort bei Allah, dem Erhabenen. Sein Befehl ist endgültig. Dies ist nicht nur ein theoretischer ethischer Ansatz, sondern ein sehr praktischer. Unsere Stiftung möchte dieser Praxis vollen Ausdruck verleihen. Es gibt keine Trennung zwischen Praxis und Theorie. So kann ich von unserem Projekt in Sansibar erzählen, wo wir durch den Qur'an das Verhalten der Menschen ändern. Diese haben die Korallenriffe mit Dynamit befischt. Durch unser Training wurde den Menschen bewusst, dass sie – wie das Meer, die Fische und die Korallen – auch Teil von Allahs Schöpfung sind. Als Khalifen sind sie die Wächter von Allahs Schöpfung und müssen sie bewahren. Dieses Bewusstsein war sehr wichtig. Kurz nach dieser Trainingssitzung hörte das Fischen mit Dynamit in den Korallenriffen auf. Um dieses Riff der Mesari-Insel zu bewahren, haben wir es zu einem Hima erklärt. Wenn man eine Hima widmet, müssen sich die Fischer an bestimmte Regeln halten. Regeln bedeuten Rechtsprechung, denn manche Leute werden die Regeln brechen. Also versuchen wir, ein Gericht wie die Hisba einzurichten, welches ein islamisches Verwaltungsgericht ist. Darin kann ein ernannter Qadi oder Muhtasib Entscheidungen über Rechtsbrüche fällen. Wir versuchen, in diesem Gebiet das gesamt Paket einzurichten.

Islamische Zeitung: Warum können die Muslime ihre ökonomische Macht bisher nicht nutzen?

Fazlun Khalid: Weil sie für sehr eigensüchtige Zwecke verwendet wird. Man muss angesichts des von mir Gesagten erkennen, dass sie vielleicht Anteile und Aktien an allen Aktienunternehmen der Welt haben. Und mit all ihren Überschüssen an Dollar führen sie enorme Investitionsbehörden, die auf der Suche nach ertragreichen Investitionsmöglichkeiten sind. Sie sind reich und ich sage auch nicht, dass sie nicht großzügig sind. Aber ihre Großzügigkeit muss verfeinert werden. Für mich kann es nicht nur um Spenden zum Bau von Moscheen, Schulen, zur Verbesserung von Infrastruktur oder von Plantagen gehen. Wenn ich dieses Geld hätte, würde ich ein Programm durchsetzen, welches die Menschen selbstversorgend macht und sie nicht über-bildet. Sie müssen in ihrer eigenen Fitra und in ihren eigenen Umständen ausgebildet werden und lernen, ihre Hygiene und ihre Wasserversorgung zu verbessern. Wir müssen versuchen, ihnen Anreize zu geben, an ihren Ursprungsorten zu bleiben und das Leben dort für sie besser zu gestalten. Ich würde es, offen gesagt, nicht in den Bau großer Dämme investieren, wodurch die Umwelt noch weiter geschädigt und verschmutzt wird. Es ist interessant, dass Sie mich über den Nahen Osten befragten, denn eine der Statistiken besagt, dass es heute eine globale Landflucht gibt. Mehr als 50 Prozent der Menschen lebt bereits in Städten. Diese Menge in der arabischen Welt liegt bereits bei 80 Prozent. Nur 20 Prozent der Menschen lebt noch auf dem Land oder als Nomaden. Die Verstädterung, die Konzentration von vielen Menschen auf geringem Raum, bedeutet Verschmutzung durch öffentliche Nahverkehr oder durch enorme Hochhäuser, die wegen ihrer vollkommenen Verglasung noch mehr Klimaanlagen brauchen usw. Die Menschen in den reichen Golfstaaten hinterlassen einen schwerwiegenden ökologischen “Fußabdruck”.

Islamische Zeitung: Warum gehen die Menschen in die Städte, wo sich doch auf dem Land ein Minimum an Nahrung erzeugen lässt?

Fazlun Khalid: Es ist Teil der menschlichen Kondition. Der Mensch hat sich immer zu einem Ort bewegt, von dem er annahm, dass es ihm dort besser geht. Das lässt sich nicht stoppen. Die Bewegung von heute unterscheidet sich durch ihre Qualität, da die Helligkeit des Lichts, um es so zu formulieren, die Menge der angezogenen Insekten bestimmt. Heute überqueren viele Afrikaner das Mittelmeer, einige sterben dabei, um zu diesem hellen Licht zu gelangen. Wenn man jeden Tag in der Sonne schuften muss, um eine geringe Menge an Nahrung zu erzeugen und es dann die Möglichkeit gibt, nach Europa herüber zu kommen und für einen Lohn in einer Fabrik zu arbeiten, dann sind dies die Wahlmöglichkeiten, die die Menschen haben.

Es gibt zwei Begriffe dafür: städtisches Wachstum oder ländliche Entvölkerung. Ländliche Entvölkerung ist Teil des Syndroms der herrschenden Zivilisation. Es eine komische Sache, dass Leute lieber in einem städtischen Slum leben wollen als auf dem Land und in frischer Luft. So wie es die industrielle Revolution gab, so gab es auch eine landwirtschaftliche Revolution. Das klassische Muster der industriellen Revolution – ich rede hier über Europa – war, dass sie von einer landwirtschaftlichen Revolution begleitet wurde. Diese erschuf tatsächlich freigesetzte Arbeitskraft. Diese wiederum strömte in die Städte, wo sie für die Arbeit in den Fabriken benötigt wurde. Dies ist die Folge des klassischen kapitalistischen Modells. Das ganze Geheimnis liegt darin. Wenn das Modell kollabiert, dann müssten die Menschen rein aus Gründen des Überlebens wieder auf das Land zurückkehren. Ich würde Politiker und gesellschaftliche Gestalter ermutigen, Schritte gegen die ländliche Entvölkerung zu unternehmen. Länder wie China oder Indien müssten ökonomische Anreize schaffen, die die Menschen auf dem Land halten, denn es ist entscheidend, dass sie dort bleiben. Wenn nicht, dann muss die Landwirtschaft mechanisiert werden. Dies bedeutet den Einsatz von Düngern, was wiederum zur Vergiftung der Böden führt und dies wiederum zur Verschmutzung von Grundwasser und Flüssen. Wir sind mit einer Strategie verbunden, die auf unsere eigene Zerstörung hinausläuft. Edward Wilson sagt, dass wir als Spezie eine virale Abnormalität seien.

Islamische Zeitung: Sprechen wir einmal von der Ebene des menschlichen Schicksals. Würde das mathematisch unausweichliche Ende unserer jetzigen Finanzordnung nicht auch eine dramatische Veränderung der ökologischen Situation bewirken?

Fazlun Khalid: Das Finanzsystem ist ein Kartenhaus, bei dem die Karten aufeinander balanciert werden. Ein Palast aus Karten und eines Tages wird die oberste Karte fallen und der gesamte Palast stürzt in sich zusammen. Unausweichlich wird ein Kollaps des Finanzsystems eine Veränderung nach sich ziehen. In Argentinien erlebten wir einen Zusammenbruch, der allerdings zu isoliert war, um globale Folgen zu zeitigen. Aber die Menschen überlebten, konsumierten weniger und es gab weniger Verschmutzung. Der Kollaps des Finanzsystems wird sich unausweichlich positiv auf die Verschmutzung des Ökosystems auswirken, denn es liegt diesem zugrunde. Wenn die Menschen weniger Geld ausgeben können, dann gibt es weniger Verschmutzung. Die Nutznießer des Systems sind zu allem entschlossen, es am Leben zu erhalten. Aber der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass es nicht überleben kann. Bei einem solchen Zusammenbruch müssen viele Menschen eine Menge aufgeben. Sie werden in eine Situation kommen, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen und nicht ihre eingebildeten Sehnsüchte. Wenn wir früher aufwachen und vernünftig sind, könnten wir das Finanzsystem vorab verändern. Andernfalls wäre es ein totaler Kollaps.

Islamische Zeitung: Als Muslime glauben wir an das Schicksal und daran, dass jedes Ereignis am Ende von Allah bestimmt ist. Welche Rolle spielt das Wissen dabei, dass die Welt endlich ist und ein Ende findet?

Fazlun Khalid: Alles kommt zu einem Ende, auch wir kommen an ein Ende. Wenn dies der Fall ist, dann wird es andere Spezies geben. Aber es ist auch eine Tatsache, dass wir wegen der Intelligenz, die Allah uns gab, das beste für die Nächste Welt tun können. Das Probefeld der Nächsten Welt (Akhira) ist diese Welt (Dunja). Wie wir in der Dunja agieren, wird Folgen für unsere Existenz in der Akhira zeitigen. Es ist sehr klar, dass Allah im Qur'an Regeln dargelegt hat, denen wir folgen sollten. In diesem Zusammenhang gibt es ein profundes – und gut dokumentiertes – Hadith, wonach wir, wenn wir einen Samen hätten, diesen auch dann pflanzen sollen, wenn es der Jüngste Tag ist. Dein Schicksal ist es, diesen Samen zu pflanzen, ob der Jüngste Tag nun kommt oder nicht. Dies ist sowohl eine Erklärung des Vertrauens in Allah als auch die Entschiedenheit, dass man nicht aufgeben werde, weil dies nun mal das menschliche Schicksal ist.

Islamische Zeitung: Ist das Feld des Umweltschutzes eines der Gebiete, auf dem Muslime und Nichtmuslime zusammenarbeiten können?

Fazlun Khalid: Wir müssen es. Wir haben keine andere Wahl, denn dies ist unser gemeinsamer Planet. Wir bereisen die gleichen Straßen, gehen in die gleichen Geschäfte, essen von den gleichen Bäumen und fällen die gleichen Bäume, von denen wir alle profitieren. Wenn ein Muslim einen Baum in seinem Garten pflanzt, könnte ein Christ oder ein Hindu, der irgendwo in Indien lebt, davon Nutzen ziehen. Gleichermaßen gilt dies auch für den umgekehrten Fall. Denn Allahs Schöpfung ist einheitlich. Wir müssen zusammenarbeiten. Ich denke, dass es unausweichlich ist, denn das meiste, was ich gelernt habe, habe ich von Nichtmuslimen genommen. Ich bin demütig genug, dies anzuerkennen. Ich weiß aber zur gleichen Zeit, dass wir eine Lehre in Händen halten, die wir mit eiserner Faust umschließen. Wir müssen die Hand öffnen. In der Zusammenarbeit mit anderen Leuten, wenn man das islamische Paradigma versteht, haben wir eine profunde Lösung, die andere Menschen nicht geben können. Dies ist auch eine Einladung. Meine Zusammenarbeit mit anderen Leuten ist auch eine Einladung an sie, auf den Islam zu schauen. Wir haben das Paket – ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Als Ergebnis dessen kann ich stolz sagen, dass wir weltweit als kleine Einrichtung allgemein anerkannt sind und dass wir als islamische Einrichtung etwas der ganzen Welt anzubieten haben. Ich sage Muslimen, dass der Dienst unsere aktuelle Verantwortung ist. Wir sollten Dienstleister für die ganze Welt sein. Wir können unsere Würde wiedererlangen, wenn wir zu Dienern der Menschheit werden, denn wir haben etwas profundes anzubieten.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Khalid, vielen Dank für das Interview.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen