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Interview: Keine Einbahnstraße von den alten Griechen zur EU

Historiker Clark zu Europa als Kontinent der Widersprüche

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Foto: Leo von Klenze, Wikimedia Commons | Lizenz: Gemeinfrei

Mainz (KNA). Europa ist nach Einschätzung des australischen Historikers Christopher Clark ein Kontinent der Widersprüche und der Vielfalt. Der Kontinent schwinge ständig zwischen Einheit und Konkurrenz hin und her, sei Schauplatz schlimmster Kriege, aber auch Ursprungsort von Vernunft, Friedensordnungen und Aufklärung, sagte Clark am Freitag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Mainz. Er äußerte sich zum Start einer ZDF-Serie, in der er zu einer Reise an zentrale Schauplätze Europas einlädt.

Frage: Herr Professor Clark, seit wann gibt es eigentlich ein europäisches Bewusstsein?

Christopher Clark: Europa ist in unterschiedlichen Zeiten mit ganz unterschiedlichen Dingen in Verbindung gebracht worden. Schon Homer und Herodot verwendeten den Begriff als geografische Kategorie. Als kulturelle Einheit taucht Europa dann bei den Karolingern seit dem 9. Jahrhundert auf – als Begriff für das Reich Karls des Großen und die westliche, römische Kirche. Es war ein seltsames Gemisch: Man stellte sich in die Tradition des altrömischen Reichs, grenzte sich aber gleichzeitig vom oströmischen Reich mit dem Zentrum Byzanz ab. Als Staatenordnung wird Europa dann besonders im Zusammenhang mit dem Westfälischen Frieden von 1648 sichtbar. Im Zeitalter der Renaissance und dann im Zeitalter der Aufklärung definierte sich Europa wieder besonders als kultureller und geistiger Raum.

Frage: Gibt es so etwas wie einen Roten Faden, der sich durch die europäische Geschichte zieht?

Christopher Clark: Europas Werdegang ist keineswegs eine Einbahnstraße von den alten Griechen bis zur EU. Charakteristisch sind vielmehr die zahllosen Umbrüche und Diskontinuitäten: Der Kontinent schwingt zwischen Einheit und Konkurrenz hin und her, ist Schauplatz schlimmster Kriege, aber auch Ursprungsort von Vernunft, Friedensordnungen und Aufklärung. In unserer Fernsehserie stellen wir die italienische Stadt Siena mit ihrem jährlichen Pferdewettkampf als Sinnbild für Europa vor: Es herrscht eine teilweise gnadenlose Konkurrenz, es gibt Bestechung und manchmal auch Gewalt. Und dennoch gibt es einen unglaublichen Zusammenhalt in der Stadt. Das ist Europa im Kleinen.

Frage: Gibt es auch geografische Erklärungen für das Werden Europas?

Christopher Clark: Eigentlich ist Europa nur eine kleine Halbinsel am westlichen Ende Asiens. Es hat vergleichsweise lange Küsten und sehr unterschiedliche geografische Räume, die zum Beispiel durch die Alpen strukturiert werden. Das lässt Raum für die Entwicklung sehr unterschiedlicher autonomer Gesellschaften, aber zwingt dann eben auch zur Zusammenarbeit.

Frage: Bis weit ins 17. Jahrhundert sah es so aus, als ob China die weitaus fortschrittlichste und kreativste Region der Welt sei. Warum hat Europa dann doch das Rennen gemacht?

Christopher Clark: Bis vor kurzem war die These vorherrschend, dass China als Riesenreich mit nur einem Machtzentrum zu selbstgenügsam war. Ich glaube, das ist zu kurz gedacht. Richtig ist, dass in Europa durch die unterschiedlichen Staaten und Herrschaftsformen eine riesige Konkurrenz herrschte. Das führte dann zu einem Wettlauf, etwa um Eroberungen in Afrika, Asien und Amerika. Große Energien wurden freigesetzt. Zur richtigen Zeit gewannen die Europäer damit auch Rohstoffe und Bodenschätze, erwarben neues Wissen. Es gibt viele Faktoren, die zu einer neuen Dynamik führten, so dass Europa China überrunden konnte. Diese Entwicklung war aber keineswegs zwangsläufig.

Frage: Welche Bedeutung schreiben Sie dem Christentum in Europa zu?

Christopher Clark: Es ist absolut zentral. Die kirchliche Verwaltungslogik findet sich noch heute in unserem Rechtssystem. Europas Stadtpläne zeigen die Bedeutung der Kirchen. Und die wichtigsten und ältesten Städte haben sich aus den mittelalterlichen Diözesan-Sitzen entwickelt.

Frage: Und der Islam – gehört er zu Europa?

Christopher Clark: Man muss genau hinschauen, worauf diese Frage zielt. Wenn sie ausdrücken soll, dass Muslime kein Recht haben, sich Europäer zu nennen, dann ist sie unakzeptabel. Moscheen gehörten in Ländern wie Spanien oder auf dem Balkan schon im Mittelalter genau so zum Stadtbild wie Kirchen oder Synagogen. Der Islam ist ein prägender Bestandteil der europäischen Geschichte und Kultur. Gerade in Spanien hat das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im Mittelalter zu einer Epoche großer Kreativität geführt. Muslime haben wesentlich dazu beigetragen, dass antikes Wissen der Griechen und Römer wiederentdeckt und weiterentwickelt wurde.

Frage: Europa ist also vielfältiger, als manche es heute wahrhaben wollen?

Christopher Clark: Europa ist nicht die Heimat einheitlicher Kulturen und Ethnien, wie manche das heute behaupten. In Wirklichkeit ist der Kontinent geprägt durch ständige Schocks, Zusammenbrüche von Reichen und Umbrüche – das fängt schon bei der Völkerwanderung und der Bedrohung durch Hunnen oder Türken an und hört beim Zusammenbruch multiethnischer Reiche nach dem Ersten Weltkrieg nicht auf.

Frage: In den vergangenen Jahren war gelegentlich die These zu hören, man könne die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung in Europa durch den Gegensatz zwischen protestantisch geprägtem Norden und katholisch geprägtem Süden erklären. Ist das ein taugliches Erklärungsmodell?

Christopher Clark: Das greift viel zu kurz und ist eindimensional. Von diesen pauschalen Zuschreibungen – arbeitsscheue Katholiken, die das Leben genießen, auf der einen, und arbeitsame und moralstrenge Protestanten auf der anderen Seite – halte ich gar nichts. Ihren Ursprung haben sie bei Max Webers Untersuchung über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus. Seine Thesen sind längst überholt, und man muss wissen, dass Weber selber ein protestantischer Kulturkämpfer war. Es gibt viele Gründe für die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Außerdem ist schon längst vieles in Bewegung geraten: Die südlichen “katholischen” Länder holen ja wieder auf.

Frage: Der Historiker Gregor Schöllgen hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem er eine Neuerfindung von EU und Nato fordert. Sie seien Organisationsformen aus der Zeit des Kalten Krieges und taugten nicht mehr für eine globalisierte Welt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christopher Clark: Richtig ist, dass 1989/1990 ein Wandel von welthistorischer Größe stattgefunden hat. Die Staatenordnung wurde völlig neu gegründet; es entstand auch ein Deutschland in Grenzen, die es vorher noch nie gegeben hat. Die Politik hat angesichts der Dramatik der Entwicklung extrem konservativ reagiert – nach dem Motto: keine Experimente. Die EU sollte so bleiben wie sie ist, die Nato auch. Mittlerweile wird deutlich, dass ein Reformstau entstanden ist, der behoben werden muss.

Frage: Welches Europa schlagen Sie vor?

Christopher Clark: Europa steht erneut am Scheideweg. Ich plädiere für weitere Schritte in Richtung Integration, dabei durchaus in unterschiedlicher Geschwindigkeit und unterschiedlicher Beteiligung. Integration darf nicht um der Integration willen geschehen, sondern ganz pragmatisch und dort, wo es konkret den Menschen nützt und wo der Schuh drückt.

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Joachim Heinz

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