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Interview mit Aktham Suliman, Deutschland-Chef von Al Jazeera, über seinen Sender und die Lage

„Wir sind nur das Mikrofon“

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(iz). Steht der Nahe Osten in Flammen, oder sind die jetzigen Ereignisse auf Tunesien oder Ägypten begrenzt? ­Unabhängig davon, wie man diese ­Frage beantwortet, kommt Medien – den „neu­en“ wie den „alten“ – eine nicht un­erhebliche Rolle zu. Einer der wichtigsten Sender im ­Augenblick ist Al Jazeera. In einem ­Beitrag bezeichnete die „Financial ­Times Deutschland“ den Sender aus Katar bereits als „neue Weltmacht“. Wir ­befragten hierzu Aktham ­Suliman, Leiter des Al Jazeera-­Deutschland-Büros in Berlin, einen Tag vor seiner ­Abreise nach Ägypten.

Islamische Zeitung: Herr Suliman, Ihr Sender Al Jazeera hatte von Anfang an aus Tunesien und Ägypten hautnah die Ereignisse verfolgt. Glauben Sie, dass Sie einen besseren Einblick haben als westliche Kollegen?

Aktham Suliman: Ich denke schon. Allein schon, weil es sich trotz der guten Kollegen jener Medien um ein eher entferntes Ausland handelt. Dadurch haben sie weniger Kapazitäten als wir. Für uns sind diese Länder im wahrsten Sinne des Wortes Hauptschauplätze – mit allem was dazu gehört. Dazu zählen große Büros, umfassende technische Ausrüstungen, viele Mitarbeiter, Hintergrundinformationen und ein Netzwerk an Kontaktpersonen und Helfern. Da es sich um die arabische Welt handelt, sind wir in diesen Ländern stark vertreten. Dies soll natürlich nicht die Leistung deutscher, amerikanischer und sonstiger Kollegen schmälern.

Islamische Zeitung: Konnten und können Sie in den betroffenen Staaten frei berichten?

Aktham Suliman: Wir sind am Arbeiten – ob frei oder nicht. Offiziell sind wir verboten, trotzdem arbeiten hier und da ein Paar Kollegen. Sie bekommen dann Ärger, aber man hat sich gewissermaßen auf die neue Situation eingestellt. Die Nachrichten, Meldungen und Bilder werden direkt nach Doha [Zentrale von Al Jazeera] geschickt. Und zwar von den Demonstranten, Aktivisten und politischen Parteien selbst. Das heißt, vieles kommt an, ohne überhaupt über unser Büro in Kairo laufen zu müssen.

Islamische Zeitung: Es kam vor kurzer Zeit zu Übergriffen auf Ihr Büro im Westjordanland, nachdem Al Jazeera aus brisanten Veröffentlichungen zitierte, welche die Palästinensische Autonomiebehörde in Bedrängnis brachten. Haben Sie eine größere Wirkung auf die Verhältnisse im Nahen Osten als deutsche Kollegen auf die hiesige Lage?

Aktham Suliman: Die Verhältnisse in Deutschland sind Gott sei Dank nicht so skandalös wie in der arabisch-islamischen Welt. Das muss man betonen. Dort, wo es Skandale gibt, ist ein Massenmedium natürlich ein Störfaktor und ein Fokus auf diese Verhältnisse. Wir sind im Nahen Osten praktisch wie das Kind im Märchen vom Kaiser ohne Kleider, das sagt: „Der Kaiser ist ja nackt!“ In Deutschland sind die Politiker nicht so nackt wie im Nahen Osten. Deswegen muss ein Medium hier lange suchen, um einen politischen Skandal zu finden. Im Nahen Osten ist das anders. Es gibt Folter, mehr als die Hälfte lebt unterhalb der Armutsgrenze, während die Herrscher dieser Menschen Milliarden – nicht Millionen – Dollar anhäufen. Momentan kennt kein anderer Fleck auf der Erde solch skandalöse Vorgänge. Natürlich wird Al Jazeera hier überschätzt. Um das herauszufinden, braucht es uns nicht; ein Gespräch mit einem durchschnittlichen arabischen Bürger genügt dafür. Jeder Ägypter kann ihnen etwas über Geld der Familie Mubarak erzählen. In Tunesien wissen alle über die Familie des Ex-Präsidenten Ben Ali und insbesondere seine Frau Bescheid. In dieser Situation kommt Al Jazeera als Medium, nicht als Propagandaorgan, und berichtet. Das erweckt den Eindruck, als hätten wir Großes geleistet. Dem ist wirklich nicht so, sondern man verleiht dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße eine Stimme. Wir sind nur das Mikrophon, in das andere hineinsprechen.

Islamische Zeitung: Spätestens seit den Wahlen im Iran 2009 wurde auf die angeblich revolutionäre Funktion von Twitter, Facebook und anderen „sozialen Medien“ verwiesen. Ist dem wirklich so?

Aktham Suliman: Ich glaube, dass es zu den Revolten oder Aufständen in Tunesien beziehungsweise Ägypten auf jeden Fall gekommen wäre. Denn solche Dinge entstehen durch real existierende Ungerechtigkeiten, die die meisten in jenen Ländern am eigenen Leibe erfahren müssen. Wahrscheinlich haben es neue Medien vereinfacht, dass wir ein Wir-Gefühl für jene Länder bekommen, in denen Geschichte und Infrastruktur hinderlich waren. In vielen Ländern der arabischen Welt ist dieses Wir-Gefühl – nicht im Sinne von „Wir sind das Volk!“ – problematisch. Mit den neuen Erscheinungen im Internet verstärkte sich ein neues „Wir“. In Ägypten sagt niemand „Wir“ und meint damit nur Muslime, Christen oder die Armen, sondern das Volk in Konfrontation zum Regime.

Islamische Zeitung: Sie stehen kurz vor der Abreise nach Ägypten. Glauben Sie, dass Sie in absehbarer Zeit in ein weiteres arabisches Land reisen müssen?

Aktham Suliman: Der Ausgang der ägyptischen Ereignisse wird ausschlaggebend für die Mehrheitsländer in der arabischen Welt sein. Andere Länder werden auf jeden Fall folgen. Ob sich das allerdings in der gleichen Art und Weise vollzieht, muss sich zeigen. Es gibt immer noch die Hoffnung, dass manche Regime oder Herrscher die Signale der Zeit aufnehmen, verstehen und entsprechend darauf reagieren, ohne dass Millionen auf die Straße gehen und auf der Straße ein Ende ihrer Herrschaft einfordern. Vielleicht ersparen sie ja ihren Völkern und Staaten eine ganze Menge an Chaos und Ärger.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Interview.

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