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Interview mit Amal al-Labban, die als Flüchtling im Golfemirat Dubai lebt. Von Tarek Bärliner

„Ich möchte zurück nach Hause“

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(iz). Amal al-Labban ist 78 Jahre alt. Die Syrerin ist Einwohnerin Aleppos und hat ihre Stadt auch während des Krieges nicht verlassen. Nun ließ sie sich von ihrem Sohn und ihrem Enkel überreden nach Dubai zu reisen, damit einige Verwandte sie sehen können. Wir sprachen mit ihr über die gegenwärtige Situation in der umkämpften Stadt in Nordsyrien und ihre Erfahrungen mit dem Krieg allgemein.

Islamische Zeitung: Sie haben sich lange dagegen gewehrt, Aleppo zu verlassen und doch sind Sie jetzt in Dubai. Warum?

Amal al-Labban: Ich wollte meine Familie in Dubai sehen. Immer, wenn sie mich besuchen wollten, war das mit Gefahr verbunden. Sie haben nicht locker gelassen und mich geradezu gezwungen, auszureisen. Aber Flüchtling bin ich keineswegs. So wie ich nicht weg wollte, will ich auch wieder zurück.

Islamische Zeitung: Sie wollen zurück in den Krieg?

Amal al-Labban: Nein, nicht in den Krieg. So betrachte ich das nicht. Ich möchte zurück nach Hause. Ich bin eine alte Frau, ich brauche meine gewohnte Umgebung.

Islamische Zeitung: Aber Sie haben doch Familie in anderen Ländern, die Sie gern bei sich haben würde. Was hält Sie davon ab, dort zu leben?

Amal al-Labban: Es ist nicht das Gleiche. Nimm zum Beispiel Dubai. Ich sitze hier in den eigenen vier Wänden wie in einem Gefängnis. Es ist heiß und stickig und man kann nicht raus. Der Gesellschaft fehlt es an Kultur, Geschichte und Geist. Wie soll man sich hier wohl fühlen, bei diesem Klima?

Islamische Zeitung: Ist nicht alles besser als jeden Tag damit rechnen zu müssen, sein Haus zu verlieren?

Amal al-Labban: Gott sei Dank ist in unserem Viertel noch nichts passiert. Wir hören die Explosionen, Einschläge und Schüsse rund um die Uhr. Und wir können nur raten, wie nah oder fern es diesmal war. Aber in diesen Zeiten sind wir näher zusammengerückt. Nachbarn, mit denen ich sonst nichts zu tun habe, leisten mir jede Nacht Gesellschaft und Verwandte, die ihren Pflichten nicht nachgegangen sind und mich nie besuchten, sind plötzlich fürsorglich und zuvorkommend. Ja, wir leben vielleicht nicht einfacher als andere Menschen. Aber wir leben mit Herz.

Islamische Zeitung: Sie können sich also nicht vorstellen, in einem anderen Land Asyl zu beantragen. Können Sie andere Menschen verstehen, die das tun?

Amal al-Labban: Ich erzähle Ihnen von den – wenn man sie so nennen kann – besseren Umständen in Syrien. Andere Menschen haben alles verloren und können nirgendwo hin. Sie können nicht neu beginnen und auf nichts Altes zurückgreifen. Ihre Dörfer sind vollständig zerstört oder sie leben in Gebieten, die von Daesh (arab. Bezeichnung für den IS) terrorisiert werden. Sie müssen weg.

Islamische Zeitung: In Europa gibt es eine Diskussion darüber, ob diese Menschen nur kommen, um vom dortigen Sozialstaat zu profitieren.

Amal al-Labban: So sind wir nicht. So ist doch keiner, der so einen Weg auf sich nimmt. Von vielen Freunden habe ich gehört, wie Angehörige auf dem Weg gestorben sind oder wie sie ihr ganzes Hab und Gut denjenigen überließen, die ihnen einen Ausweg aus dem Krieg versprachen. Selbst die stärksten Männer halten diese Flucht nicht aus. Außerdem sind Syrer doch kluge Leute. Die Europäer werden noch darüber staunen, was für eine Bildung diese Leute ihnen mitbringen. Wir bringen unseren Gastgebern immer Geschenke mit. Und Gastfreundlichkeit beantworten wir noch großzügiger.

Islamische Zeitung: Der Kurs der Syrischen Währung ist sehr schlecht, die Preise für Waren jeder Art hoch und die Gehälter und Renten haben sich nicht im gleichen Maß geändert. Wie kann man unter diesen Umständen leben?

Amal al-Labban: Wir leben nicht einfach, wie gesagt. Angestellte müssen nebenher Handel treiben und die meisten Menschen leben von Erspartem oder sind auf Gelder aus dem Ausland angewiesen. Wir haben uns mittlerweile aber an die Lage gewöhnt.

Islamische Zeitung: Gibt es überhaupt genug Waren, die man kaufen kann, wenn man denn das Geld hat?

Amal al-Labban: Wir haben alles. Es gibt neue Märkte in den Gegenden, in denen keine Kämpfe herrschen. Wenn du aber auf den Markt gehst, bringe lieber genug Geld mit. Die Syrer selbst haben nie aufgehört, ihren Möglichkeiten entsprechend in der Landwirtschaft tätig zu sein. Alles, was wir kaufen, ist meist syrisch. Import soll es wohl nicht mehr geben.

Islamische Zeitung: Ich höre heraus, dass die Einwohner sich auf die Situation eingestellt haben beziehungsweise sie als ihren Alltag anerkannt haben.

Amal al-Labban: Ja, wir kennen es schon fast gar nicht mehr anders. Es ist schwierig, sich an die Zeiten davor zu erinnern. Viel ist zerstört worden. Es ist schon gar kein Problem mehr, wenn es für einige Tage oder Wochen weder Strom noch Wasser gibt. Es ist eher Luxus, wenn wir es doch haben.

Islamische Zeitung: Die militärische Situation in Aleppo ist sehr angespannt und die Machtverhältnisse ändern sich regelmäßig. Erst kürzlich fanden einige größere Offensiven statt. Wie erhält man denn in dieser Ungewissheit diesen improvisierten Alltag aufrecht?

Amal al-Labban: Wir informieren uns natürlich von allen Seiten über Geschehnisse, um einen Überblick zu bewahren. Die Informationen sind nicht immer verlässlich, aber wir wissen wenigstens, ob wir aus der Wohnung gehen können. Dennoch bleiben wir natürlich manchmal auch sehr lange Zeiten zuhause und warten ab, bis die Kämpfe nachlassen.

Islamische Zeitung: Um nach Dubai zu reisen, mussten Sie nach Damaskus fahren. Ist der Reiseweg in diesem syrischen Flickenteppich überhaupt sicher?

Amal al-Labban: Unsere Leute sind kluge Leute (lacht). Sie könnten mit ihrer Qualität in eurem Europa die Logistik auf den Kopf stellen. Täglich ändern sich die Routen der Reisewege und sofort reagieren die Fahrer. Von Kämpfen sehen wir nicht viel auf dem Weg im Bus, aber von der Zerstörung. Die ist überall. Ich glaube, das wirklich Schwierige ist die Reise nach Dubai. Überhaupt ein Visum zu bekommen. Ich will nicht anfangen zu erzählen, was man dafür als Syrer heutzutage durchmachen muss.

Islamische Zeitung: Sind Sie unzufrieden mit dem Umgang mit Syrern?

Amal al-Labban: Möge Allah ihnen vergeben. Während des Irakkriegs oder des Libanonkriegs waren über zwei Millionen Flüchtlinge in unserem Land und wir haben sie ­aufgenommen wie unsere Verwandten. Jetzt will uns keiner mehr angucken. Wer Geld hat, wird draußen ausgenommen. Wer keins hat, sitzt in Zelten in Flüchtlingscamps. Alle haben sich in unserem Land eingemischt und den Krieg angeheizt, und jetzt will uns keiner mehr kennen.

Islamische Zeitung: Es gibt nicht nur Flüchtlinge im Ausland. Die meisten Syrer sind Binnenflüchtlinge. Bekommen Sie etwas davon mit?

Amal al-Labban: Natürlich. Als jetzt kürzlich wieder Kämpfe in Idleb waren, sind die Massen nach Hama gewandert. Dort kommen sie dann in Schulen oder Universitäten unter, weil sie gerade geschlossen sind während der Ferien. Das ist auch bei uns in Aleppo so. Wenn es überfüllt ist, schlafen die Flüchtlinge auf Laken im Flur. Und diese Flüchtlinge flüchten dann von Stadt zu Stadt, wenn irgendwo wieder etwas losgeht.

Islamische Zeitung: Der Alltag hat also doch nicht diese Routine.

Amal al-Labban: Der Krieg ist für uns unausgesprochen im Hintergrund. Wir reden untereinander nicht darüber. Wir versuchen einfach weiterzuleben. Was bleibt uns anderes übrig?

Islamische Zeitung: Gibt es irgendetwas positives, das diese Ereignisse mit sich gebracht haben?

Amal al-Labban: Überhaupt nichts. Ich möchte jetzt auch nicht mehr daran denken. Ich kann nur beten.

Islamische Zeitung: Gibt es etwas, das Sie syrischen Flüchtlingen in Europa sagen möchten?

Amal al-Labban: Die Worte meines Vaters werde ich nie vergessen: „Wenn du fremd bist, sei bekannt durch deinen Charakter.“

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