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Interview mit Armin Conrad von der Gesellschaft für deutsche Sprache über Terminologie der rechten APO

„Wer den Begriff hat, hat die Definitionsmacht über eine Sache“

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(iz). „Die deutsche Sprache generiert immer wieder Begriffe, die perfekte, abstrakte Objektivität darstellen sollen“, meint Armin Conrad von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Ihn befragten wir zum aktuellen Sprachgebrauch von Bewegungen wie Pegida, Assoziationen mit dem Ungeist der Geschichte und die Macht zur Prägung von Begriffen.

Islamische Zeitung: Was war der Anlass beziehungsweise die Motivation für die GfdS zur Veröffentlichung ihrer Pressemitteilung über den Sprachgebrauch bei Pegida?

Armin Conrad: Wir haben in den letzten Tagen viele Anfragen bekommen – von Medien, aber auch von Privatpersonen. Wir mögen doch diese Wörter erklären: „Abendland“, „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“. Begriffe, die manchen Fragestellern fremd waren, aber eben vielen (gerade den publizistisch Tätigen) auch auf gespenstische Weise vertraut. Es gab Interviewanfragen, unsere Mitarbeiter haben die historische Verortung einiger Begriffe geprüft. Das wurde dann – auch als wir merkten, dass das Interesse richtig groß ist – eine Pressemitteilung.

Islamische Zeitung: Lassen sich Ihrer Erfahrung nach Rückschlüsse aus dem Sprachgebrauch einer Gruppe beziehungsweise einer Bewegung auf deren Gesinnung ziehen?

Armin Conrad: Nicht sofort und auch nicht in jedem Fall. Wir erleben es in Deutschland in erregt geführten Diskussionen immer wieder, dass das Vokabular der Nationalsozialisten polemisch gegen Andersdenkende ins Feld geführt wird. Nazivergiftete Begriffe tauchen ja oft als letzte beziehungsweise „Totschlag“-Argumente auf, die man nicht mehr beantworten kann oder möchte.

Und so drückt dieser Sprachgebrauch der Pegida auch die Sprachlosigkeit zwischen ihr und der Gesellschaft aus. Das mag so gewollt sein. Es ist aber auch Ausdruck einer Hilflosigkeit und es findet eine Entsprechung in der ja monatelang praktizierten Verweigerung gegenüber Medien.

Islamische Zeitung: Besteht in solchen Assoziationsmöglichkeiten nicht auch die Gefahr vorschneller Schlüsse?

Armin Conrad: Ja, natürlich. Das sind doch zumeist nicht Neonazis, auch wenn sie die Naziwörter benutzen. Andererseits scheinen Teile der Pegida in diesen Begrifflichkeiten geradezu zu baden. Da ist die Assoziation plötzlich cool. Es sind ja ein paar Wörter dabei, „Volksverräter“ beispielsweise; Wörter, die das rollende R geradezu provozieren, wenn man sie in den Mund nimmt. Manche erklären das dann zur Satire und die ist je bekanntlich frei.

Wir Deutschen haben schon ein merkwürdiges Verhältnis zum Vokabular der Nazis. Da steckt etwas sehr tief in der kollektiven Psyche. Natürlich schafft eine satirische Befassung auch Distanz. Ich bin da aber nicht mehr so sicher, ob es nicht auch das Gegenteil bewirken kann.

Islamische Zeitung: Der Sprachgebrauch bei Pegida und anderen ist ja evident. Wie sieht es aber gesamtgesellschaftlich aus? Bei Begriffen wie „Humankapital“ und ähnlichen Konzepten, die durchaus mehrheitsfähig sind, wird ja ebenfalls an totalitäre Traditionen angeknüpft.

Armin Conrad: Humankapital stammt aus dem Vokabular einer neoliberalen Ideologie. Menschenverachtende Selbstökonomisierung ist damit gemeint. Nazis haben sich in ihrer Geschichte kapitalismuskritisch gegeben und die Neonazis tun dies auch heute.

Die deutsche Sprache generiert immer wieder Begriffe, die perfekte, abstrakte Objektivität darstellen sollen. „Bildungsabwendungsprämie“, „Armutseinwanderung“, auch „Migrationshintergrund“. Die sind jetzt nicht alle menschenverachtend, aber man spürt den Atem der Bürokratie. Deutsche Sprachphantasie halt.

Das kann aber dazu führen, dass dann genau solche Begrifflichkeiten entstehen wie jetzt bei Pegida – gewissermassen als ein Protest – auch gegen behördliche und offizielle Wortwahl.

Übrigens zum Pegida-Wort „Abendland“: Damit hat sich schon André Heller Mitte der siebziger Jahre beschäftigt. Er sang damals „Abendland, Abendland. Ich achte und verachte Dich.“ Welch ein Lied, prophetisch geradezu und ganz in dem brüchigen Andreas-Heller-Sound. Damals war man irgendwie lockerer…

Islamische Zeitung: Wie wichtig ist heute generell die Fähigkeit und die Macht, eingängige Begriffe zu prägen beziehungsweise durchzusetzen?

Armin Conrad: Wer den Begriff hat, hat die Definitionsmacht über eine Sache oder Angelegenheit. Oft sind es ja auch Menschen beziehungsweise Namen, die alles definieren, denken Sie an „Riestern“ bei der Rente, an „Hartzen“ bei der Sozialhilfe, an „Wulffen“ (Anfang 2012).

Namen hin, Namen her, jede öffentliche Debatte ab einer gewissen Wucht bekommt solche Schlagworte. Es drückt die Probleme der deutschen Sprache aus, Sachverhalte kurz und präzise zu benennen. Wer das schafft, gibt den Takt der Diskussionen vor.

Link zur GfdS-Pressemitteilung:
http://gfds.de/volksverraeter-und-luegenpresse-die-pegida-und-ihre-woerter/

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