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Interview mit dem Fotojournalisten Marcel Mettelsiefen

„Ein Land, das sich im Krieg befindet, darf nicht wegschauen!“

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(iz). „Zwischen 17 und 142 Tote“ habe es bei dem deutschen Bombardement in den Morgenstunden des 4. September südlich von Kunduz gegeben. So der bis heute immer wieder zitierte Nato-Untersuchungsbericht. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg hatte ein deutscher Offizier das Töten im großen Stil angeordnet. Der amerikanische Befehlshaber der Nato-Mission in Afghanistan flog nach Kunduz, um sich für die Zivilisten unter den Opfern zu entschuldigen. In Deutschland stürzten ein Minister, ein Staatssekretär und der oberste Militär über den Angriff.

Über Monate haben der stern-Korrespondent Christoph Reuter und der Fotograf Marcel Mettelsiefen recherchiert, wer in jener Nacht unter welchen Umständen starb. Sie haben Dokumente der Toten gesammelt und ihre Angehörigen porträtiert. Es sind Bilder von Schmerz, Verwirrung, Zorn, Bilder von alten Männern in ihren Trachten, Bilder von Kindern, deren Väter, Söhne, Enkel starben. Dieser Band gibt den Toten von Kunduz ein Gesicht.

Marcel Mettelsiefen wurde 1978 in München geboren, lebt in Berlin und arbeitet seit 1999 als freier Fotojournalist. Für verschiedene Nachrichtenagenturen bereiste er zahlreiche Konfliktherde in der Islamischen Welt. Mettelsiefen leitet die Bildredaktion des Orientmagazins Zenith – Zeitschrift für den Orient und studiert Medizin an der Charité in Berlin.

Islamische Zeitung: Herr Mettelsiefen, wie kamen Sie dazu, wiederholt in islamischen Ländern zu fotografieren?

Marcel Mettelsiefen: Freunde von mir gründeten 1998 in Hamburg die Zeitschrift Zenith (www.zenithonline.de) als klassische Garagen-Klitsche, d.h. mit sehr viel Idealismus. Ich war nicht vom Fach, hatte nicht Islamwissenschaften studiert, fand das Thema aber spannend, da hab ich mir eine Kamera geschnappt und eben fotografiert. Ich war dann ein Jahr in Israel, als die 2. Intifada begann. Als ich zurück kam bin ich bei der dpa gelandet; wenn man einmal in solchen Gebieten unterwegs war, hat man schnell einen Ruf weg. Ich bin dann 2003 sechs Monate im Irak, später auf Haiti gewesen. 2004 wollte ich dann weg vom Nachrichten-Agentur-Journalismus, schrieb mich zum Medizin-Studium ein; parallel fotografierte ich weiter, aber ich wollte zur Reportage, zum eher narrativen Fotografieren. Durch Zenith kam ich auch nach Afghanistan, weil ich eben schon viel Erfahrung in Krisengebieten hatte.

Islamische Zeitung: Im Blog der Süddeutschen Zeitung liest man über Ihre Ausstellung und Buch „Kunduz, 4. September 2009“, sie holten „die aktuellen Vokabel- und Mandatsdebatten buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurück“. Sie selbst mussten zweieinhalb Monate Arbeit investieren, die sie nicht bezahlt bekommen haben. Was hat Sie dazu motiviert?

Marcel Mettelsiefen: Hauptmotivation war, dass wir gemerkt haben, am 4. September 2009, sind deutsche Soldaten zum ersten Mal nach 60 Jahren in eine so große militärische Katastrophe involviert, und die deutsche Politik und Öffentlichkeit geht ziemlich schnell zum Tagesgeschäft und politischen Hickhack über, ohne sich die Mühe zu machen herauszufinden, wie viel Leute dabei überhaupt ums Leben kamen. Es war anfangs eine Geschichte für den stern. Der stern hat aber nicht alles drucken wollen. Das hat uns nur noch mehr bestärkt, dass diese Sache einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muss. Mein Partner Christoph Reuter und ich wollten wissen, wer dort gestorben ist und so den Opfern etwas von ihrer Würde zurückgeben. Wir haben die Vorgänge dieses Abends genau recherchiert. Dieser Militärschlag war strategisch und militärisch kein Erfolg, seither wurde die Region nur noch unruhiger. Ein Land, das sich im Krieg befindet darf nicht wegschauen. Die Leidtragenden dabei sind nicht nur die afghanische Bevölkerung, sondern auch die deutschen Soldaten!

Weil das zwei Wochen vor den Wahlen in Deutschland in Deutschland passierte, wurde es zunächst totgeschwiegen. Oberst Klein wurde zum Bauernopfer aber die deutschen Soldaten müssen es weiter ausbaden. Die sieben deutschen Opfer, die nach Kunduz starben, gehören mit auf die Liste der Opfer; sie waren eine unmittelbare Reaktion auf den Militärschlag von Kunduz. Diese Ausstellung ist daher auch nicht etwa gegen die Bundeswehr gerichtet, sonden sie ist ein Aufruf endlich Klartext zu sprechen. Wir brauchen einen sachliche Diskussion, was dort gerade passiert und dann brauchen wir eine Entscheidung.

Islamische Zeitung: Was sagen Sie zu der Aussage in der FAZ: „Pferdefuß dieser Ausstellung [sei]: Sie ersetzt ein Feindklischee durch ein Freundklischee… Sie [die Fotos] laden zur Identifikation mit den Trauernden und ihren toten Angehörigen ein. Ihr Pathos macht es dem Betrachter zu einfach.“ Und: „Warum fehlt der von den Taliban erschossene Fahrer?“

Marcel Mettelsiefen: „Das stimmt. Der Fahrer fehlt. Aber wir ersetzen nicht ein Feindbild durch ein Freundbild. Ich hab den FAZ-Artikel lange gelesen und habe das Gefühl man wollte einfach draufschlagen. Die meisten Fragen des FAZ-Artikels wurden doch schon vom Ausstellungskatalog, der dem Autor vorlag, beantwortet – aber offenbar wollte man die Ausstellung schlecht schreiben.

Die meisten anderen Medien haben es vielmehr als Stärke der Ausstellung hervorgehoben, dass wir versuchten die Komplexität und Realität Afghanistans abzubilden. In einem Land, in dem man nicht klar unterscheiden kann zwischen Kombattanten und Zivilisten, wo eine Definitionslücke im Clausewitzschen Sinne entstanden ist, es gibt eine gleichberechtigte Symmetrie der Gegner nicht mehr.

Etwa 25 Taliban erschießen einen Fahrer, fahren den Tanklastzug in den Dreck, kommen nicht mehr raus, zwingen mit Waffengewalt Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Traktoren zu bringen, um die Lastwagen heraus zu ziehen, geben dann das Diesel zur Plünderung frei, damit der Laster leichter wird; die Menschen kommen da hin und holen sich das Diesel. Es gibt kein „troops in contact“, d.h. es gab keine deutschen Soldaten, die dabei direkt angegriffen wurden. Die meisten Anwesenden waren in diesem Moment nicht kriegerisch involviert. Wir liefern Bilder, welche die Komplexität, die Unübersichtlichkeit der dortigen Lage widerspiegelt. Du stehst also vor diesen Menschen. Wir haben sehr lange überlegt, wie man diese Dramaturgie in einen Kunst-Kontext heben. Geht das mit Kunst? Ich denke ja, denn es ist immer noch eine politische Ausstellung. Man hat viel damit erreicht: Viele Menschen haben begonnen darüber nachzudenken und es arbeitet weiter.

Wir fürchteten von Anfang an, falsch verstanden zu werden. Die Schwierigkeit journalistischer Arbeit momentan ist: Man bläst menschliche Schicksale so unglaublich auf! Im Fotojournalismus weiß man, wo man als Fotojournalist hinfahren muss, um sich letztendlich einen Namen zu machen. Man fühlt sich oft wie eine verdammte Bakterie, die durch das Leid anderer immens profitiert.

Daher suchten wir diesen schmalen Grad der stillen, würdevollen, sachlicheren Bebilderung um ein sehr ernstes Thema zu behandeln. Das war der Spagat, den wir machen mussten.

Islamische Zeitung: Wer hat dieses Projekt – nach den deutschen Opfern und ihren beginnenden Zweifeln an dem Projekt – trotzdem finanziell unterstützt?

Marcel Mettelsiefen: Das war Jakob Augstein als Privatperson. Dann berichtete der freitag darüber und Rogner+Bernhard produzierte das Buch.

Islamische Zeitung: Können Bilder die Wahrheit “sagen”? Ist nicht jedes Bild immer Auswahl, Perspektive und damit einer Manipulationsmöglichkeit unterworfen?

Marcel Mettelsiefen: (nach längerem Nachdenken) Schwierig. Selbstverständlich können Bilder Zeuge von etwas sein. Durch Bilder wird Krieg für Menschen überhaupt erst einmal greifbar, für die er eine fremde Wirklichkeit ist.

Islamische Zeitung: Die klassischen Kriegsbilder z.B. aus dem Vietnamkrieg waren viel drastischer. Ihre Bilder erinnern eher an Renaissance-Portraitmalerei. Bringen deutsche Medien keine drastischen Kriegsbilder, weil es die schwache Unterstützung des Kriegseinsatzes weiter untergraben würde?

Marcel Mettelsiefen: Nein. Es wird alles fotografiert und in deutschen Medien alles gesendet. Beim stern beispielseise ist das so. Der Druck gegen die Kriegsbeteiligung wächst und drastische Bilder würden ihn noch verstärken. Aus Afghanistan gibt es glücklicherweise noch keine solche Flut drastischer Bilder wie das in Vietnam der Fall war. Aber je mehr katastrophale Bilder aus diesem Land zu sehen sind, desto größer wächst der öffentliche Druck, unsere Soldaten dort rauszuholen, denn die haben dort nichts verloren.

Wir wollten das in diesem Zusammenhang aber eben nicht herkömmlich machen, sondern Zwischentöne hörbar machen, die verwirrende aber reale Widersprüchlichkeit Afghanistans aufzeigen. Die Lage dort ist nun mal komplex!

Jetzt ist dort McCrystal mit seinem kompletten Strategiewechsel. Acht Jahre haben sie die Sache in den Dreck gefahren – jetzt will er „die Herzen und Köpfe gewinnen“! Wie viel Geld ist bisher an die falschen Stellen geflossen? Wer ist überhaupt interessiert daran, dass sich die Lage ändert? Vor Jahren hat man das Land in nur sieben Wochen von den Taliban befreit – jetzt kommt man seit sieben Jahren nicht dorthin.

Islamische Zeitung: Riskieren Sie in Aghanistan Ihr Leben? Eine Entführung?

Marcel Mettelsiefen: Das Leben riskiert eher mein Fahrer, dem ich mich blind anvertraue. Als westlicher Journalist wird man dann ja meistens gegen Lösegeld verkauft. In Kunduz belief sich das Kopfgeld für Deutsche zuletzt auf 50.000 Euro. Aber der Afghane, der für uns arbeitet riskiert zu 100% sein Leben.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie den sog. „Krieg der Bilder“ in Afghanistan?

Marcel Mettelsiefen: In Afghanistan ist der lange nicht so intensiv wie in Palästina, wo beide Seiten die Macht der Bilder erkannt haben, sehr genau wissen, wie man die Medien als Bilder-Täger benutzt. Afghanistan ist eine der fotofeindlichsten Gesellschaften, die ich kenne. Daher sieht man in unserer Ausstellung auch nur Männer. Frauen sind in Afghanistan nicht fotografierbar. Die würden damit ihr Leben riskieren!

Islamische Zeitung: Wie sind bisher die Reaktionen auf die Ausstellung?

Marcel Mettelsiefen: Sehr positiv. Die Ausstellung ist sehr gut besucht. Minister Guttenberg wird kommen, Stefan Aust ebenfalls. Das wird groß. Mit Reinhold Robbe (Wehrbeauftragter des Bundestages, SPD) sprach ich gestern, er will sich das anschauen.

Islamische Zeitung: 70% der Bevölkerung sagt „Raus aus Afghanistan!“…

Marcel Mettelsiefen: Ja, aber die Frage ist doch: Was statt dessen? Das ist die große Frage, die auch die Linken nicht beantworten. Entweder wir geben kein einzigen Euro mehr in dieses Land, weil es sowieso nur in korrupte Kanäle geht und nur fünf Familien in diesem Land reicher macht. Oder wir pumpen weiter Geld in dieses Land, Milliarden im Falle der USA, 500 Millionen pro Jahr aus Deutschland, weil Krieg ja viel Geld kostet und daher auch wieder etwas einbringen soll, und zwar durch den Wiederaufbau privater Konzerne.

Islamische Zeitung: Im Sinne von Naomi Kleins „Schock-Strategie“…

Marcel Mettelsiefen: Bis zum hinab Klopapier wird alles über private Firmen nach Afghanistan eingeführt. Die privaten Sicherheitsfirmen werden nur benötigt, wenn es dort Unsicherkeit gibt… dieser Kreislauf ist dort auf jedem Level tagtäglich zu beobachten.

Islamische Zeitung: Was haben wir als Deutsche in alledem zu gewinnen?

Marcel Mettelsiefen: Nichts. Deutschland hat dabei eher viel zu verlieren. Z.B. die Hochachtung und den Respekt der afghanischen Bevölkerung. Die Deutschen sind bei den Afghanen seit Jahrhunderten ein sehr beliebtes Volk. Und auch wenn sich die Deutschen auf einem komischen, verzwickt-juristischen Grund bewegen, so haben sie es bisher zumindest doch ganz gut gemacht in Afghanistan. Nur: Wenn die NATO da jetzt raus geht, die Grenzen dicht macht, dann ist da eine Stunde nach dem westlichen Abzug die Hölle los. In den nächsten 5 Jahren würden sich in Afghanistan eine Menge Leute gegenseitig umbringen – soll sich das allein gelassene Land dann auf diese brutale Weise „befrieden“? Danach müssten wir auch sagen: Das haben wir jetzt wissentlich getan. Ein vermeintlich friedfertiger Ansatz hätte so, sehr drastische Folgen. Das muss jedenfalls all jenen klar sein, die sagen, sofort und ohne wenn und aber Raus aus Afghanistan! Fragen Sie danach mal einen Afghanen!

Es wurde und wird eben auch immens Sinnvolles vom Westen dort geleistet, gerade im Norden: Asphaltierte Straßen, viele Schulen funktionieren dort jetzt, es gibt Energie usw. So komplex ist die Lage dieses Landes nun mal und entzieht sich so jedem einfachen Gut-Böse-Schema.

Islamische Zeitung: Was wissen Sie über das US-Folterlager in Bagram?

Marcel Mettelsiefen: Ich war nicht dort. Ich weiß nicht, ob sich das jetzt gerade unter McCrystal ändert. Ich habe McCrystal drei Wochen lang begleitet. Deswegen fliege ich nochmal zurück, habe gute Kontakte zu seinen persönlichen Beratern und hoffe dadurch Zugang zu verschiedenen Sachen zu bekommen.

Islamische Zeitung: Was motiviert Sie da jetzt hin zu gehen?

Marcel Mettelsiefen: Ich hab da nicht fotografiert. Ich hab mir das angeschaut. McCrystal ist ein spannender Mensch. Newsweek bezeichnete ihn als den „Hippie“der US-Armee in Afghanistan. Er zieht sich z.B. die Stiefel aus, wenn er afghanische Häuser betritt, er läuft immer ohne schusssichere Weste und ohne Waffe rum; er hat die Nachtpatrouillen abgestellt, Männer dürfen keine Frauen mehr durchsuchen, Hunde dürfen nicht mehr in afghanische Wohnungen, er erließ eine sehr strikte Anordnung, wie sich amerikanische Konvois auf der Straße verhalten müssen, damit sie nicht mehr alles erschießen, was ihnen zu nahe kommt. Das haben wir selbst gemerkt, als wir neulich auf dem Weg nach Kunduz waren; auf dem Hindukush gab es eine Patrouille, die Schritttempo fahren musste, weil sie ein kaputtes Fahrzeug hatte, das sie ziehen musste. Vor McCrystal, also noch vor ein paar Monaten, hätte das noch bedeutet, dass wir mindestens sieben Stunden für den Hindukusch gebraucht hätten, denn wir hätten einen solchen US-Konvoi zuvor niemals passieren können ohne beschossen zu werden. Jetzt haben die Amerikaner alle Autos überholen lassen, immer vorsichtig, jeden einzelnen, step by step, aber das wäre vor McCrystal nicht denkbar gewesen. Die hätten auf alles geschossen, was sich ihnen auf 50 Meter nähert. Er versucht es. Es wird viel zu spät sein, aber er meint es so. Das ist dieser typisch amerikanische Spirit, den die haben: Er glaubt, gottgetrieben sozusagen, dass er das Ruder nochmal rumreißen kann, um zu einer großflächigen Akzeptanz in der afghanischen Bevölkerung zu kommen.

Islamische Zeitung: Ist das nicht bloß Kosmetik?

Marcel Mettelsiefen: Wir haben bei verschiedenen Meetings beiwohnen können, wo er in diesem War and Briefing Room in Kabul, vor 400 ISAF-Offizieren – es sind ja 42 Länder mit ihren Soldaten dort – gesagt hat, dass sie in der Ausbildung der Afghanen selbst raus auf die Straße und mit den Afghanen als echte Partner mitgehen müssen, anstatt nur in den Panzern unterwegs zu sein. Er zwingt die raus aus ihren Festungen. Er glaubt, er wird es schaffen „heart and minds“ der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen, indem er mehr Sicherheit bringt.

Islamische Zeitung: Demokratie nach westlichem Muster in Afghanistan?

Marcel Mettelsiefen: Nein, Sicherheit für die Bevölkerung ist sein Ansatz. Obwohl das komplett utopisch sein wird. Und: Wegen McCrystal ist Kunduz so groß geworden, weil er es auf seiner Agenda hat, so wenig Kollateralschäden wie möglich zu schaffen. Das war das erste, was er gesagt hat. Er ist ein spannnder Typ, der man nicht so klar greifen kann nach dem Motto: Ein Soldat der USA kann nur böse sein. Er ist ein sehr smarter Typ, unglaublich belesen; er hat jetzt angefangen Dari zu lernen, nimmt sich Zeit, arbeitet von fünf Uhr morgens an.

Islamische Zeitung: Obama ist auch smarter als Bush – ist es deshalb für uns als Deutsche nicht eben auch schwerer geworden Nein zu sagen zu alledem?

Marcel Mettelsiefen: Ja, die Frage ist nur: Wie weit hat das Einfluss von da oben nach unten auf den Boden der Tatsachen? Jedenfalls ist es gerade eine spannende Zeit. Die Amerikaner sind jetzt ja auch in Kunduz; die werden dort das Ruder ganz klar übernehmen. Die Deutschen werden dort die Kontrolle über das PRT (Provincial Reconstruction Team) verlieren. Der ganze Norden wird irgendwann unter amerikanische Führung zu geraten.

Islamische Zeitung: Wie hängen in Afghanistan Krieg und Business zusammen?

Marcel Mettelsiefen: Sehen Sie sich z.B. nur an, wie in Afghanistan die Logistik funktioniert. Die Haupt-Versorgungsstraßen der Soldaten müssen natürlich sicher sein. Da gibt es einen Warlord, der 33jährig 35.000 Mann unter Waffen hat, pro Truck bis 4.000 Dollar Passiergeld verlangt.; der macht in der Woche 1, 2 Millionen. Da gehen die ganzen Drogengeschäfte durch – dieses vernetzte Business des Krieges kann man sicher anhand einer ganz normalen Truckergeschichte erklären. War Business Industry – das ist nicht nur die Kriegsführung, das ist auch Entwicklungshilfe, das kumuliert dort alles! Die ganzen Fehler, die in Afrika in den 70er Jahren gemacht wurden, werden dort in einer extremen Art und Weise wiederholt. Die Weltbank fragt nur, wie viel sie in dieses Land reinpumpen kann. Je mehr Geld man reinpumpt, desto erfolgreicher kann man am Ende des Jahres Bilanz führen. Sie ist einer der Haupt-Geldgeber in diesem ganzen Wahnsinn. Alles geschieht unter dem Deckmantel der Entschuldigung, effektives Arbeiten sei ja aus Sicherheitsgründen in einem Krisengebiet nicht möglich; daher landen dort auch die skurrilsten Typen, die sonst nirgendwo unterkommen und dorthin abgeschoben werden, und ihre Unfähigkeit plötzlich mit dem Hinweis auf die Sicherheitslage rechtfertigen usw.. Ich bin ein Gegner jeder Verschwörungstheorie, aber manchmal kommt man schon ins Staunen…

Islamische Zeitung: Bei der Zeitschrift Zenith machen Sie aber weiter mit und werden weiter islamische Länder bereisen?

Marcel Mettelsiefen: Ja, unbedingt. Zenith interessiert sich für die gesamte islamische Welt, Israel eingeschlossen. Dort sind die spannendsten Themen, die man sich heute überhaupt vorstellen kann. Wer in Israel war und in den besetzten Gebieten mal gelebt hat, der weiß: Jeder Atemzug, der dort getan wird, ist Weltpolitik. Da entscheidet sich Weltgeschichte, Zeitgeschichte in jedem Fall. Politisch interessierte Menschen kommen davon also nicht los.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch!

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