IZ News Ticker

Interview mit dem Hamburger Bildungsaktivisten Dr. Ali Özgür Özdil über Wissen und einen konstruktiven Umgang mit Islamfeindlichkeit

„Eine sehr reiche Geschichte“

Werbung

„Ich wünsche mir für die Muslime in Deutschland, dass die Mehrheit, die eigentlich in der Mitte der Gesellschaft verortet ist, also weder ‘liberal’ noch ‘radikal’ im negativen Sinne, sondern eher moderat ist, besser repräsentiert wird.“

(iz). Dr. Ali Özgür Özdil ist Direktor des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts e.V. (IWM) Hamburg. (Informationen über den Verein finden Sie auf der folgenden Webseite: iwb-hamburg.de) Mit ihm sprach Dr. Aziza Milena Rampoldi über die konstruktive Bildungsarbeit seines Vereins. Er ist der Ansicht, dass sich Muslime – nach einer Phase des Aufbaus muslimischer Gemeinden – auch der kulturellen Entwicklung der Community widmen sollten.

Islamische Zeitung: Welche Hauptziele verfolgt der Verein IWB?

Dr. Ali Özgür Özdil: Das Institut wurde ursprünglich als religionspädagogische Einrichtung für die Förderung des Religionsunterrichts an Schulen und Moscheen gegründet (Beratung und Fortbildlung der Lehrkräfte sowie Entwicklung von Unterrichtsmaterialien).

Inzwischen ist der Arbeitsbereich ausgeweitet auf Beratung, Fort- und Weiterbildung aller Personen/Institutionen mit Kontakt zu Muslimen (Eltern, LehrerInnen, ErzieherInnen, Imame, Vikare/Pastoren, muslimische Jugendliche, Pflegepersonal und Bundeswehr).

Islamische Zeitung: Wie wichtig ist heute wissenschaftliche Arbeit über den Islam in Deutschland und warum?

Dr. Ali Özgür Özdil: Der Islam hat eine sehr reiche Geschichte und Kultur. Die hier lebenden Muslime haben sich in der ersten Generation überwiegend um den Bau von Moscheen bemüht. Die Förderung von Kultur ist dabei auf der Strecke geblieben.

Wissenschaftliche Arbeiten zeigen jedoch den enormen Beitrag von Muslimen in der Geschichte, vor allem auf dem Gebiet der Wissenschaften von Medizin, Astronomie, Mathematik bis hin zur Philosophie. Auch in der Rechts- und Geschichtswissenschaft waren Muslime bis ins 16. und 18. Jahrhundert weltweit führend. Die wissenschaftliche Forschung, vor allem die Übersetzung in europäische Sprachen, wird mit der Zeit sicherlich mehr hervorbringen als die gemeinsamen europäisch-islamischen Zeugnisse aus Jerusalem, Sizilien oder Andalusien.

Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie wichtig ist das Wissen über den Islam in Deutschland zur Förderung einer Kultur der Toleranz?

Dr. Ali Özgür Özdil: In den „Essays on Antisemitism“ zitiert Samuel Rosenblatt den Grafen Gobineau: „Unterscheidet man religiöse Lehre von politischer Notwendigkeit, … so gibt es im Hinblick auf den Glauben der Menschen keine tolerantere, ja indifferentere Religion als den Islam. Diese seine natürliche Anlage ist so stark, dass außer in Fällen, wo die hereinspielende Staatsräson mohammedanische Regierungen zum Gebrauch ihrer Macht zwecks religiöser Einheit veranlasst hat, vollständigste Toleranz die vom Dogma hergeleitete Regel war. Dies gilt unbeschadet der oder jener gelegentlichen Begehung von Gewalttaten oder Grausamkeiten. Wo man genauer zusähe, würde man dafür deutlich rein politische Ursachen oder in menschlichen Emotionen und Temperamenten fundierte sehen.“ (Judenfeindschaft. Hamburg 1963, S. 59)

Mir scheint, dass wir einerseits ein falsches Bild von der Vergangenheit haben (als wenn alles, was früher war, schlechter war) und andererseits die Geschichte so gut wie gar nicht mehr kennen. Wie aber sollen wir dann aus ihr lernen?

Islamische Zeitung: Wie kann man durch Wissen und Bildung einerseits die muslimische Gemeinde fördern und sich gleichzeitig auch gegen Islamophobie einsetzen?

Dr. Ali Özgür Özdil: Dazu vielleicht eine kurze Geschichte: Ein Mann, der glaubte ein Wurm zu sein, rannte immer davon, wenn er einen Vogel oder ein Huhn sah. Irgendwann brachten sie ihn zu dem andalusischen Gelehrten Ibn al-Arabi aus Murcia, damit er ihn von diesem Minderwertigkeitskomplex heile. So wurde er geheilt und durfte wieder unter die Leute. Glücklich verließ er die Heilanstalt und trat mit der Überzeugung „ich bin gar kein Wurm, sondern ein Mensch“ vor die Tür. Doch plötzlich überkam ihn ein Zweifel: „Ich weiß jetzt zwar, dass ich ein Mensch bin, aber wissen das auch die Vögel?“

Das Wissenschaftsprojekt „1001 Inventions“ zeigt die zivilisatorischen Errungenschaften aus dem Goldenen Zeitalter des Islam. Von ca. 5 Mio. wissenschaftlich relevanten Dokumenten sind bisher lediglich 50.000 übersetzt worden. Doch eines ist bereits jetzt bewiesen: Viele der modernen Erfindungen (Fotographie, Flugmaschinen etc.) basieren auf diesen Errungenschaften.

Der Leiter des Projektes Dr. Hassani sagt: „Muslime müssen keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Westen haben, wenn sie ihre eigene Wissenschaftsgeschichte studieren. Das aber reicht nicht aus. Sie müssen auch dem Westen beweisen, dass sie keine Würmer sind.“

Eine Phobie ist die Furcht vor etwas Realem. In Bezug auf „den Islam“ oder „die Muslime“ ist dies – vor allem in Deutschland – aber unbegründet. In Deutschland hat es nie einen Terroranschlag durch Muslime gegeben und von allen Terroranschlägen der vergangenen 10 Jahre in Europa gehen gerade mal 0,55% auf Muslime zurück.

Das heißt, es gibt eine sehr große Diskrepanz zwischen der Realität und der öffentlichen Wahrnehmung. Vor allem Medien spielen dabei eine sehr große Rolle. All unsere Bemühungen für eine sachliche Aufklärung laufen ins Leere, wenn Medien das Bild des Islam weiterhin dermaßen verzerren, wie das in den vergangenen Jahrzehnten gelaufen ist.

Islamische Zeitung: Berichten Sie bitte unseren Leserinnen und Lesern über Ihre Veröffentlichungsreihe über den Islam.

Dr. Ali Özgür Özdil: Wir geben muslimischen wie nichtmuslimischen Studierenden die Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Arbeiten mit Bezug auf den Islam oder die Muslime zu veröffentlichen. Die Druckkosten übernimmt (noch) der Verlag. Durch die Publikationen (zurzeit sind 13 Bände erschienen) hat der Verlag die Möglichkeit, seine wissenschaftliche Warte zu erweitern, wir haben eine eigene Reihe, was für eine wissenschaftliche Einrichtung wichtig ist, wenn sie auch Forschung fördern will. Außerdem können die Studierenden eine Publikation vorweisen.

Von alledem kann aber auch die Gesellschaft als Ganze profitieren. Schließlich landen viele wissenschaftliche Arbeiten in der Regel in den Regalen der Professoren oder der Fachbereiche und niemand bekommt mit, worüber alles geforscht wird.

Islamische Zeitung: Was hat Ihr Institut bereits erreicht und welche Hauptziele verfolgen Sie in Zukunft?

Dr. Ali Özgür Özdil: Wir betreiben viel Dialogarbeit, fördern Netzwerke, helfen Eltern (Familien- und Erziehungsberatung), SchülerInnen, LehrerInnen und Moscheen (Fortbildung von MoscheefühererInnen) etc. Dadurch haben wir uns eine gute gesellschaftliche Position erarbeitet mit festen Kooperationspartnern auf staatlicher, muslimischer und kirchlicher Seite.

Diese vielfältige Arbeit hat dazu geführt, dass wir uns vor Anfragen kaum retten können und wie die Feuerwehr hin- und herreisen und neben Deutschland auch in Österreich, der Schweiz und der Türkei tätig sind mit Vorträgen, Workshops, Fort- und Weiterbildungsangeboten. Wir haben auch eine Lernwerkstatt, aus der sich LehrerInnen Materialien für ihren Unterricht ausleihen.

Seit Februar 2015 führen wir ein Präventionsprojekt durch, das auf fünf Jahre angelegt ist.

Islamische Zeitung: Was wünschen Sie sich im Moment am meisten für die Musliminnen und Muslime in Deutschland?

Dr. Ali Özgür Özdil: Wir beobachten positive wie negative Entwicklungen. Lehrstühle für islamische Religionspädagogik und Theologie, Staatsverträge (wie in Hamburg), islamischer Religionsunterricht wie in Niedersachsen und NRW sind positive Entwicklungen. Anschläge gegen Moscheen oder steigende Diskriminierung von Muslimen sind negative Entwicklungen.

Ich wünsche mir für die Muslime in Deutschland, dass die Mehrheit, die eigentlich in der Mitte der Gesellschaft verortet ist, also weder „liberal“ noch „radikal“ im negativen Sinne, sondern eher moderat ist, besser repräsentiert wird. Sie sollten vor allem in den Medien eine stärkere Stimme erhalten, damit (zum Beispiel in den Talkshows) nicht nur jene sprechen können, die vielleicht noch nicht einmal 1 Prozent der Muslime repräsentieren. So könnten wir zu einer Korrektur des schiefen Bildes über Muslime beitragen und zeigen, dass beispielsweise die gebildete, deutschsprachige Muslimin oder der friedliche Jugendliche nicht die absolute Ausnahme, sondern die Regel sind.

Ich wünsche mir für die Muslime aber auch, dass sie viel mehr in die Gründung von Bildungseinrichtungen, Instituten, Akademien, Kindergärten etc. investieren und ihre Potenziale viel stärker entfalten.

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!
http://www.islamische-zeitung.de/?cat=abo

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen