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Interview mit dem Journalisten Nabil Chbib über den Aufstand in Ägypten und die dortigen Oppositionsgruppen

„Eine insgesamt positive Entwicklung“

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(iz). Nabil Chbib ist freier Journalist und arbeitete früher für die Deutsche ­Welle. Im Zuge der jüngsten Entwicklungen in Ägypten war er unter anderem als Experte im Rahmen der Berichterstattung des TV-Senders Phoenix tätig. Mit ihm sprachen wir jenseits der Tagesaktualität über Wahrnehmungen der Muslime Komponente, über Aussichten für den Nahen Osten und über die Ursachen der Massenunruhen.

Islamische Zeitung: Es war in Medien viel von der Muslimbruderschaft die Rede, während andere Oppositionsgruppen als mehrheitlich „säkular“ beschrieben werden. Wie sehen Sie die Zusammensetzung der Protestbewegung?

Nabil Chbib: Im Moment gibt es in Ägypten nur zwei Kräfte: Zum einen die jungen Leute und Studenten, die diese Revolution begonnen haben. Und zweitens das Militär, weil es sich nicht eingemischt hat. Die verschiedenen Sicherheitsorgane, die sehr stark und sehr brutal waren, sind de facto in Auflösung begriffen. Auch politisch sind die beiden genannten Kräfte die einzigen relevanten zur Zeit. Die Muslimbrüder, El Baradei und einige kleinere Gruppen hatten an einem Dialog mit der Regierung, unter Leitung des Vizepräsidenten Omar Suleiman, teilgenommen. Im Nachhinein mussten sie sich aber von den Ergebnissen wieder völlig distanzieren, weil die Studenten sagten: „Keinen Dialog, keine Verhandlungen, keine Ergebnisse, bevor Mubarak nicht zurückgetreten ist!“ Weder die Muslimbrüder noch andere, kleinere Oppositionsgruppen können derzeit etwas ohne die tonangebenden Jugend- und Studentengruppen unternehmen. Eine von denen ist die Bewegung „6. April“, die 2008 entstand und sich damals an Demonstrationen von Arbeitern beteiligte. In der Folge wurden manche von ihnen getötet, andere ins Gefängnis gesteckt. Sie sind aber keine klassische politische Partei oder Organisation. El Baradei hingegen hat keine großen Chancen bei der ägyptischen Bevölkerung, er ist eher eine Nebenfigur. Er wird in Ägypten als der Mann des Westens angesehen, und man möchte sich seine Führer, seinen Präsidenten selbst wählen und nicht von Außen bestimmten lassen. Die Muslimbrüder wiederum sind einfach eine politische Partei, die im Moment versucht, ihre eigene Suppe zu kochen und das herauszuholen, was sie herausholen können. In Deutschland werden Gruppen wie die Muslimbruderschaft oder das, was man „Islamismus“ nennt, oft mit der einfachen Religiosität der Bevölkerung verwechselt. Die Menschen in Ägypten sind alle religiös. Als auf dem Tahrir-Platz gebetet wurde, waren alle dabei, was natürlich nicht heißt, dass alle Betenden Muslimbrüder sind, wie manche Kommentatoren hier meinten. Diese Bilder sind so weit entfernt von der Realität, besonders in Ägypten. Man verwechselt oft die Ideen einzelner radikaler Gruppen oder Personen mit dem Islam an sich, von dem sie aber weit entfernt sind.

Islamische Zeitung: Welchen Stimmenanteil könnte die Muslimbruderschaft bei freien Wahlen in Ägypten erzielen? Es ist oft von 20 Prozent die Rede…

Nabil Chbib: Das sind nur Schätzungen. Dass die Muslimbruderschaft gut organisiert ist, spielt keine entscheidende Rolle für ihre Chancen bei den Wahlen. Es geht darum, ob die von ihnen vertretenen Ideen und das, was sie konkret auf der politischen Ebene tun, bei der Bevölkerung ankommt oder nicht. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit für Kompromisse mit der noch bestehenden Regierung. Erkennen die Muslimbrüder das nicht, könnten sich ihre ihre 20 oder 25 Prozent, die sie im Moment vielleicht hätten, noch verringern.

Islamische Zeitung: Wie werden sich die Beispiele Tunesien und Ägypten auf die restlichen arabischen Staaten auswirken? In welchen sind ähnliche Revolutionen wahrscheinlich, in welchen eher unwahrscheinlich?

Nabil Chbib: Im Westen herrscht jetzt die Besorgnis, dass die neu entstehenden arabischen Demokratien nicht so eindeutig pro-westlich sein könnten wie die bisherigen Diktaturen. Für mich ist nicht die Ausbreitung dieser Revolten ein „Flächenbrand“, sondern die bestehende Situation mit ihren Unterdrückungsregimen, die durch diese – übrigens beeindruckend friedlichen – Revolutionen beseitigt wird. Es ist eindeutig eine insgesamt positive Entwicklung. Man spricht von einem „arabischen Frühling“. Ich würde keine Prognose wagen, in welchen Ländern es noch dazu kommen wird, ich würde es aber auch für kein einziges arabisches Land ausschließen. Man hätte nach menschlichem Ermessen nie erwartet, dass es ausgerechnet in Tunesien beginnt und dann innerhalb weniger Tage auf Ägypten übergeht. Im Jemen und Jordanien hat es allerdings schon vorher begonnen, in Syrien hingegen ist bis jetzt noch nichts in Gang gekommen. Jedes Land hat seine spezifischen Gegebenheiten, aber ich glaube, dass sie allesamt Kandidaten für solche Revolutionen sind. Ich denke, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre die politische Landkarte in den arabischen Ländern eine völlig andere sein wird. Die Veränderungen werden grundlegend sein, nicht nur parzielle Korrekturen an den Systemen. Wenn die verbleibenden Diktaturen sofort reagieren würden und zum Beispiel die politischen Gefangenen amnestieren, die teils seit Jahrzehnten bestehenden Ausnahmezustände aufheben, die Verfassungen tatsächlich ändern, dann könnte man vielleicht sagen, dass sie einer Revolution noch zuvorkommen, sonst nicht.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen ökonomische Fragen als Motivation für die Revolutionen? Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit werden ja immer wieder genannt. Nabil Chbib: Es geht bei diesen Bewegungen auch, aber nicht nur um wirtschaftliche Fragen oder Armut. Die meisten Führungspersönlichkeiten der Jugendgruppierungen in Ägypten sind nicht arm oder arbeitslos, sie haben Geld. Sie haben auch immer wieder betont, dass es ihnen nicht um das Geld gehe. Der Faktor Korruption spielt aber eine wichtige Rolle. Die Reichen sind nicht reich, weil sie wirklich fleißig waren oder weil sie kapitalistisch sind, sondern weil sie korrupt handelten, beginnend mit dem ersten Mann im Staat, der zwischen 40 und 70 Prozent seines Reichtums im Ausland angelegt haben soll. Eine wesentliche Motivation für die Revolution ist aber die Erlangung von Freiheit. Auch die reichen Golfstaaten sind daher aus meiner Sicht nicht pauschal vor Revolutionen gefeit.

Islamische Zeitung: Herr Chbib, vielen Dank für das Gespräch.

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