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Interview mit dem Rechtsanwalt Tariq Ali über die gewalttätigen Ausschreitungen in verschiedenen englischen Städten

„Chance für Ordnung“

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(iz). Nachdem sich die meisten Unruhen in Großbritannien gelegt haben, machen sich die Betroffenen nicht nur ans Wegschaffen der Trümmer und an den Wiederaufbau eventuell zerstörten Eigentums, sondern suchen nach Ursachen und nach einer Neubestimmung. Die alteingesessenen muslimischen Gemeinschaften des Königreichs belegten dabei, dass sie ein stabiles und Ordnung stiftendes Element ihrer Gesellschaft sein können. Viele muslimische Nachbarschaften bemühten sich nach Kräften, und inmitten einer teilweise planlos agierenden Polizei, um den Schutz ihrer Nachbarschaften. Drei junge Männer in Birmingham mussten diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlen…

Tariq Ali ist seit Langem anerkannter Rechtsanwalt in Birmingham und kennt die dortigen Nachbarschaften und Gemeinden wie kaum ein anderer. Nach dem Tod der drei Muslime besuchte er nicht nur die Familien, mit denen er selber befreundet ist, sondern stand uns auch für ein kurzes Interview zur Verfügung. Alis These ist trotz der verheerenden Lage verhalten optimistisch: Nur mit seinen Muslime werde Großbritannien zukünftig in der Lage sein, für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen.

Islamische Zeitung: Lieber Tariq Ali, was können Sie uns über den Tod von drei muslimischen Männern am Rande der Unruhen in Birmingham erzählen?

Tariq Ali: Dabei handelte es sich um drei junge Muslime, die sich am Schutz von Nachbarschaft, Geschäften und der lokalen Moschee beteiligten. Als sie nach dem besonderen Nachtgebet des Ramadans aus der Moschee kamen und an einer Straßenecke auf Häuser und Geschäfte der Nachbarschaft achteten, fuhr jemand absichtlich mit einem Auto in die Menge und tötete drei junge Männer. Der Fahrer des Wagens war ein Mann karibischer Abstammung. Es wird vermutet, dass er in Zusammenhang mit den Leuten stand, die auch in Birmingham die Unruhen verursacht haben.

Islamische Zeitung: Wie haben die Angehörigen und die lokale muslimische Gemeinschaft auf den Mord reagiert?

Tariq Ali: Der Vater eines der Getöteten, Tariq Jahan, stand ebenfalls an der Straße, als der Wagen in die Menge raste. Als er sich um einen der Verwundeten kümmerte, musste er feststellen, dass sein Sohn ebenfalls schwer verwundet war. Trotz Wiederbelebungsmaßnahmen verstarb dieser noch vorort. Tariq Jahan rief die Menschen zur Ruhe auf. Trotz dieser schrecklichen Situation hat er sich würdevoll verhalten und war die Stimme der Vernunft.

Selbstverständlich waren die Menschen schockiert. Die muslimische Gemeinschaft verhielt sich bisher ruhig. Ihre einzige Beteiligung an den Unruhen bestand im Schutz ihrer Nachbarschaften sowie ihres Eigentums.

Islamische Zeitung: Waren auch muslimische Jugendliche an den Ausschreitungen beteiligt?

Tariq Ali: Bisher nicht im wesentlichen Maße. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Unruhen in den Ramadan fielen, was einen großen Unterschied macht.

Islamische Zeitung: Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Ursachen für die Ausschreitungen?

Tariq Ali: Die Ungleichheit in der Gesellschaft. Die Lage in England war schon vor den Unruhen verheerend. Die Randalierer, die man mangels eines besseren Begriffs auch als „Unterklasse“ bezeichnen kann, haben im Grunde keine Zukunft. Gleichzeitig sehen sie , wie sich die Politiker seit Jahren sehr schlecht verhalten. So gab es den Spesenskandal, bei dem viele Abgeordnete offen Geld der Steuerzahler stahlen. Kurz vor Beginn der Unruhen hatten wir den Abhörskandals, bei dem die Medien und korrupte Elemente in der Polizei gemeinsame Sache machte. Mit den gewalttätigen Randalierern und Plünderern haben wir eine Bevölkerungsgruppe, die all jene Konsumgüter haben will, die ihnen vor die Nase gehalten werden, sie aber nicht bekommen können. Das war ein Augenblick für sie, in dem sie ihre Möglichkeit sahen. Sie brachen in Geschäfte ein und nahmen Handys, Designerkleidung und teure Markenschuhe mit.

Islamische Zeitung: Welche Rolle kann beziehungsweise sollte die muslimische Gemeinschaft in Großbritannien angesichts der Möglichkeit des gesellschaftlichen Chaos spielen?

Tariq Ali: Ich glaube, dass die Muslime überhaupt die einzige Chance für Ordnung in Großbritannien darstellen. Das Beispiel von Tariq Jahan belegt das gut. Er ist nur ein einfacher Arbeiter, aber sein kurzes Statement wurde von der Öffentlichkeit besser aufgenommen als die Reden aller Politiker. Was er sagte, hat bei vielen Menschen die Einsicht genährt, dass der Islam Ordnung bedeuten kann. Er wurde gefragt, wer die Schuld am Tod seines Sohnes trage: die Regierung, Aufständische, eine anfänglich passive Polizei etc.

Seine Antwort war bemerkenswert: „Ich bin ein Muslim und ich glaube an die göttliche Fügung und an das Schicksal. Es war seines [das des Sohnes] und nun ist er von uns gegangen. Möge Allah ihm vergeben und ihn segnen. Das ist alles, was ich zu sagen habe.“ Das war der Vater am Tage, als sein Sohn starb…

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