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Interview mit dem Sozialwissenschaftler Dr. Kinan Darwisch über den Islamischen Religionsunterricht und die Rolle des organisierten Islam

Verbände sind „in der Bringschuld“

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(iz). Dr. Kinan Darwisch wurde 1980 geboren und entstammt einer deutsch-syrischen Ehe. Er studierte Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. An der Georg-August-Universität Göttingen promovierte er mit seiner Arbeit zum Islamischen Religionsunterricht in Deutschland zum Doktor der Sozialwissenschaften. Seine Forschungs- und Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der interkulturellen Organisationsentwicklung, Migration, Integration und Interkultureller Pädagogik sowie der qualitativ-empirischen Sozialforschung. Er ist verschiedentlich als Berater tätig und lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der TU Braunschweig im Fachgebiet „Interkulturelle Mediation“.

Islamische Zeitung: Lieber Kinan Darwisch, Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit mit der Entwicklung des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) an allgemeinbildenden Schulen beschäftigt. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand des Projektes?

Dr. Kinan Darwisch: Bildung ist Ländersache, daher gibt es in den Ländern unterschiedliche Projektansätze. In Hessen wurde mit der DITIB und der Ahma­diyya Muslim Jamaat vor kurzem ein ordentlicher islamischer Religionsunterricht nach Art. 7 III GG an einzelnen Schulen eingeführt. Mit der Bewertung des Projektes sollte noch abgewartet werden, wenngleich es überrascht, dass die DITIB als Mitglied des Koordinationsrates der Muslime (KRM) alleine gegenüber dem Hessischen Staat agiert. Niedersachsen steht kurz davor, einen ordentlichen islamischen Religionsunterricht im Sinne von Art. 7 III GG zu er­halten. Dort haben die beteiligten Muslime (DITIB und Schura-Niedersachsen) und das Land parteiübergreifend in langjähriger Arbeit etwas in Deutschland einzigartiges erreicht, weil alle signifikanten muslimischen Akteure involviert wurden und letztlich einen Konsens mit dem Land erzielen konnten. Dies fördert die Akzeptanz des islamischen Religionsunterrichtes in Niedersachsen zweifelsohne erheblich. In anderen Bundesländern findet man ebenfalls didaktisch wertvolle Unterrichtungsprojekte vor, allerdings wurden dort die islamischen Dachverbände nur gering, beziehungsweise gar nicht involviert. Eine muslimische Einbeziehung fand partiell lediglich auf der Mikroebene des schulischen Steuerungssystems in Zusammenarbeit mit der Elternschaft statt. Für die Einrichtung eines ordentlichen islamischen Religionsunterrichts nach Art. 7 III GG scheint dies allerdings nicht ausreichend zu sein. Islamische Zeitung: In der öffentlichen Behandlung des Themas werden damit eine ganze Reihe an Hoffnungen gehegt, die nur indirekt etwas mit schulischen oder fachlichen Fragen zu tun haben. Stichworte wären „Integration“ oder „Extremismusprävention“. Wurde der IRU mit zu vielen Absichten überfrachtet?

Dr. Kinan Darwisch: Nein, der islamische Religionsunterricht wurde nicht mit zu vielen Absichten überfrachtet, aber vielleicht mit zu hohen Erwartungen an die jeweiligen Einzelabsichten. Der islamische Religionsunterricht dient in erster Linie der Verkündung eines Bekenntnisses und ist selbstverständlich kein Allheilmittel für Integrationsprobleme. Der Staat hat allerdings auch sinnvollerweise das Recht, integrationspolitische Zielsetzungen bei den islamischen Unter­richtungsprojekten zu erwägen. Die Untersuchungen von Uslucan in Niedersachsen beispielsweise zeigen deutlich, dass der islamische Religionsunterricht positive Effekte auf das Schulklima und somit auch auf die Integration der muslimischen Schüler hat. Das ist etwas erfreuliches, aber pädagogisch auch nachvollziehbares, weil die Einrichtung eines islamischen Religionsunterrichtes vor allem Anerkennung und Wertschätzung gegenüber den muslimischen Schülern und ihrer Identität signalisiert. Die muslimischen Schüler können sich somit mit der Institution Schule, als herausgehobener gesellschaftlicher Sozialisationsinstanz, stärker identifizieren.

Islamische Zeitung: Vor welchen rechtlichen Herausforderungen steht das IRU-Projekt und mit ihm verwandte Themen? Oder anders gefragt, was behindert die flächendeckende Einführung des Religionsunterrichts für muslimische Schüler in Gebieten mit muslimischer Wohnbevölkerung?

Dr. Kinan Darwisch: Wir brauchen in erster Linie mehr ausgebildete muslimische Religionslehrer in Deutschland. Die notwendigen Schritte, dieses Defizit zu beheben, werden aktuell vollzogen. Hierbei sollte partiell mehr Rücksicht auf die Wünsche der organisierten Muslime genommen, aber auch darauf geachtet werden, dass den Absolventen später ausreichend Arbeitsplätze in Aussicht stehen. Ansonsten sehe ich der Zukunft einer öffentlichen islamischen Unterrichtung in Deutschland – unabhängig von Art. 7 III GG – grundsätzlich positiv entgegen, weil die Politik die Relevanz dieser Thematik mittlerweile verstanden hat und auch die Implementierung eines islamischen Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen ernst zu nehmen scheint.

Islamische Zeitung: Im Rahmen Ihrer Beschäftigung mit dem Thema behandelten Sie auch Funktion und Rolle muslimischer Dachverbände im Zusammenhang, bei denen Sie recherchieren konnten. Wie würden Sie diese einstufen?

Dr. Kinan Darwisch: Die islamischen Dachverbände sind für das soziale und religiöse muslimische Leben in Deutschland relevante institutionelle Akteure und kommen perspektivisch am ehesten für die Rolle einer Religionsgemeinschaft im Sinne von Art. 7 III GG auf Länderebene in Frage. Islamische Zeitung: Wie bei der verwandten Islamischen Theologie auch, erhoffen sich bundesweite Verbände eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft über den IRU. Ist das für Sie ein aussichtsreiches Szenario?

Dr. Kinan Darwisch: Das hängt ganz von den islamischen Dachverbänden ab. Der KRM hat auf diesem Feld bisher weniger erreicht als die ressourcenschwächere Schura in Niedersachsen. Aber insbesondere das niedersächsische Geschehen zeigt, dass eine Anerkennung der beteiligten muslimischen Akteure als islamische Religionsgemeinschaft möglich ist. Darüber hinaus hat das Bundesverwaltungsgericht in seiner wegweisenden Entscheidung aus dem Jahre 2005 (BVerwG 6 C 2.04) grundsätzlich auch islamischen Dachverbänden die Möglichkeit der Religionsgemeinschaftsanerkennung zugesprochen. Daher sehe ich aktuell die islamischen Dachverbände in der Bringschuld, ihre organisatorischen Defizite auf Länderebene im Kontext von Art. 7 III GG zu beheben.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Darwisch, vielen Dank für das Gespräch.

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