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Interview mit dem Wiener Politikwissenschaftler Farid Hafez über das anti-muslimische Ressentiment

Die Internationale der Islamfeindlichkeit

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(iz). Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern gibt es seit geraumer Zeit anti-muslimische Kampagnen von verschiedenen politischen und weltanschaulichen Gruppierungen. Dabei haben die unterschiedlichen Köpfe und Individuen – trotz des gemeinsamen Hasses – durchaus gegensätzliche Motive.

Über die politischen Hin­tergründe des Hasses auf die Muslime und ihrer Religion sprachen wir mit dem Österreicher Dr. Farid Hafez. Hafez ist Politikwissenschaftler und seit 2008 Lektor am Institut für Orientalistik der Universität Wien. Seit 2010 ist er Herausgeber des „Jahrbuches für Islamphobieforschung“, einem periodischen Magazin, das sich dem anti-muslimischen Ressentiment ­widmet.

Mit ihm sprachen wir über Islamfeindlichkeit in ganz Europa, aber insbesondere auch in Österreich. Und auch darüber, was die Bundesrepublik und Österreich verbindet, und was sie unterscheidet. Ausdrücklich sieht Hafez in der globalen Islamkritik eine Fortsetzung bisheriger anti-kommunistischer Einstellungen. Die westliche Zivilisation, so Dr. Farid Hafez, brauche zur Selbstidentifikation das feindliche Gegenüber.   Islamische Zeitung: Was haben die weltweiten Islamkritiker – wie der US-Pfarrer Jones, die Schweizer Geistliche Christine Diet­rich, Geert Wilders in den Niederlanden und vergleichbare Gestalten in Deutschland – gemeinsam? Wie schätzen sie den Grad der Islamkritik auf globaler Ebene ein?

Dr. Farid Hafez: Der Politikwissenschaftler geht normalerweise davon aus, dass jede Handlung von Interessen geleitet ist. Diese können unterschiedlich sein. Terry Jones ist Evangelikaler und hat lange Jahre in Deutschland gelebt. Er sieht aufgrund seiner religiösen, evangelikalen Überzeugungen den Islam als „teuflische, antichristliche Religion“ an. Das ist ein ganz anderes Interesse als ­beispielsweise das der rechtspopulistischen Parteien, die gegen den Moscheen bezie­hungsweise Minarettbau Stimmung machen, um damit das Thema einer ­vermeintlichen „Islamisierung“ auf die poli­tische Bühne zu heben. Alles wird durch unterschiedliche Ausgangslagen begründet.

Islamische Zeitung: Als der Ostblock und der Westen noch existierten, gab es die radikalen Gegner des Kapitalismus und im Gegensatz die Gegner des Marxismus. Welche Motivationen haben jene Personen, wenn man sie als Politikwissenschaft hierzu befragen würde?

Dr. Farid Hafez: Ich könnte es in ­einem Satz zusammenfassen: Der rote Feind ist vom grünen Feind abgelöst worden. Das ist auf der globalen Ebene der internationalen Politik sicherlich so: ­Insbesondere, wenn wir davon ausgehen, dass die Vereinigten Staaten – vor allem im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich – eine sehr starke Ausstrahlungs­kraft auf das restliche Europa und die so genannte „westliche Zivilisation“ haben. Vielleicht ist es hilfreich, sich Folgendes in Erinnerung zu rufen: Edward Said schrieb 1997 das Buch,„Covering Islam“, in dem er nachwies, wie die akademische Welt und wie die Medien ein Islambild produzierten, das eben genau dieser Gegenüberstellung dient: Den ­Islam als das Böse darzustellen.

Genau das hat Huntington mit seinem „The Clash of Civilizations“ getan. Obwohl es diese These bereits in den 1960er Jahren gab, wurde sie aber in den 1990er Jahren erst nach dem Mauerfall relevant. Hiermit wurde tatsächlich versucht, die Welt zu erklären. Wie im Sinne Canettis: Jede Masse braucht eine Gegenmasse. Die westliche Zivilisation brauchte etwas, das für das Böse steht. Dieser Gedanke blieb nicht nur US-amerikanisch, sondern wird zusehends hegemonial.

Dies ist unsere Ausgangslage: Ein Krieg gegen den Terror, der im Wesentlichen einer gegen den „islamistischen Terror“ ist. Und das bleibt in den Köpfen der Menschen hängen. Nur in einer solchen Atmosphäre können rechtspopulistische Parteien auf derartige Wissensbestände zurückgreifen. Sie sind allgemein geteilt und werden nicht in Frage gestellt ­werden.

Islamische Zeitung: Die politische Agitation rechtsradikaler Parteien in Europa – insbesondere in Deutschland und in Frankreich – wandelte sich von der „Ausländerfeindlichkeit“ zur ­„Islamfeindlichkeit“. Wie sieht die Entwicklung in Österreich aus?

Dr. Farid Hafez: Bei den Aussagen der Politiker ist dies ebenfalls zu beobachten gewesen. Im Jahre 2007 beispiels­weise kam der Obmann der Freiheitlichen Partei (FPÖ) aus Serbien zurück und wurde von der Presse gefragt: „Wie können Sie als Ausländerhasser beziehungsweise als Politiker, der die Jugos­lawen aus Österreich weg haben will, nach Serbien gehen?” Der sagte, dass er nicht gegen die Serben, sondern gegen die Türken und Muslime in Österreich war und ist. Auch das zeigt sich in der Wahlkampfstrategie: Das Böse ist nicht mehr das ausländische, sondern eher das islami­sche. Kroaten und die Serben werden dann ganz konkret als „Teil des christlichen Europas“ behandelt. Das heißt, die Konstruktionen haben sich verschoben.

Diese Grenzziehung, die hier geschieht, ist nicht mehr eine ethnische, sondern eine der religiösen Andersartigkeit. Mittlerweile wird eine Vorfeldorganisation der FPÖ von einem Österreicher serbischer Abstammung geführt.

Islamische Zeitung: Welche verbindenden und trennenden Züge hat die Islamkritik in Österreich im Vergleich zur deutschen?

Dr. Farid Hafez: Österreich kennt keine islamophoben Akteure wie Deutschland. Wobei das nicht bedeutet, dass sie in diesem Sinne bei uns nicht ­existieren. Sie existieren, allerdings kommen sie aus Deutschland.

So wird bei uns beispielsweise Henryk Broder ebenso aufgenommen. Er schreibt regelmäßig in einer österreichi­schen Tageszeitung. Auch Necla Kelek und Seyran Ates, sowie Ralph Giordano und die anderen werden häufiger rezipiert. Und Hans-Peter Raddatz wird sehr oft nach Österreich eingeladen. Es gibt auch einen österreichischen Ableger des Zentralrats der Exmuslime. Von daher gleichen sich die beiden Länder recht stark.

Islamische Zeitung: Liegt dies an der Sprache oder an der Ideologie?

Dr. Farid Hafez: Sicherlich wird dies durch die gleiche Sprache erleichtert, aber es ist eher ideologisch. In Deutschland und in Österreich sind die gleichen Akteure präsent. Vielleicht lesen die Islamo­phoben in Österreich das Internetblog PI, aber die politischen Rahmenbedingungen sind doch etwas anders.

Es gibt hier bis zu einem gewissen Grad eine Anerkennung des Islams durch den Staat. Seitens der Regierung hat man offizielle Ansprechpartner des Islams und es besteht ein gewisser gesellschaftlicher Konsens. Auch wenn die rechtliche Anerkennung des Islam bei Weitem keine gesamtgesellschaftliche Anerkennung bedeutet, bringt sie doch gewisse Vorteile mit sich. Sie hat für die Öffentlichkeit eine positive Signalwirkung.

Islamische Zeitung: Der Attentäter von Norwegen zog in seiner „Europäische Erklärung 2083“ Parallelen zum Jahr 1683, als Wien von den Osmanen belagert wurde. Gibt es eine vergleichbare politische Agitation in Österreich?

Dr. Farid Hafez: Es gibt Hassblogs wie das „Gates of Vienna“. Von dort wurde der Attentäter von Norwegen ideologisch mit beeinflusst. Und 1683 ist etwas, das immer wieder im islamophoben Diskurs wiederkehrt. Die FPÖ verteilte bei der jüngsten Wiener Landtagswahl an jeden Haushalt in Wien ein Comicheft. Darin wurde die alte Geschichte der Bedrohung mit den zeitgenössischen Fragen der Migration verbunden, um neue Angst zu schüren.

Im Wesentlichen bedeutet dies: die Warnung vor einer Islamisierung Eu­ropas. Die Zeichnungen in diesem Heft haben etwas Furcht einflößendes, denn die Menschen werden dort auf eine unmenschliche oder entmenschlichende Art abgebildet.

Islamische Zeitung: Gibt es irgendein Argument der Islamkritiker, bei dem diese Recht haben? Oder anders gefragt: Können die muslimischen Vertreter etwas dagegen tun, damit die Schärfe der Islamkritik sachlicher wird?

Dr. Farid Hafez: Ich gehe nicht davon aus, das die islamischen Vertreter noch zusätzlich etwas tun könnten. ­Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt: „Würde der Jude nicht existieren, der Antisemit würde ihn erfin­den.“ Ich denke, dass es bei der Islamphobie im Wesentlichen auch so ist. Es geht bei der Diskussion um diese „Islami­sierung“ nicht um den realen ­Islam und die Muslime, sondern um die Imagination des muslimischen Anderen. Das ist der konstituierende Moment und es ist keine Frage von realen Verhältnissen.

Islamische Zeitung: Welchen Funktion haben IslamkritikerInnen, die über eine muslimische Sozialisation verfügen und sich dabei gleichzeitig gewissermaßen als Zeugen und Experten vordrängen?

Dr. Farid Hafez: Das ist natürlich eines der Hauptprobleme und der große Unterschied zwischen Antisemitismus und der Islamophobie. Weil es in den antisemitischen Diskursen keine Juden gegeben hat, die selbst eine Untat begangen haben und sich zusätzlich als jüdisch markiert hätten. Al Qaida markiert sich als islamisch. Und das liefert auch zusätzliche Argumentation zu all denen, die sich als Islamkritiker betrachten.

Natürlich gab auch es einen Selbsthass unter Juden. So etwas ähnliches gibt es auch unter den Intellektuellen mit muslimischem Hintergrund, die sich in Eu­ropa zu Wort melden. Das hat aber eher mit den Dingen zu tun, die durch einzel­ne Biographien erklärbar sind. Je schlechter man über den Islam redet, desto besser kommt man in der Öffentlichkeit an und hat als vermeintlicher Experte den ersehnten Erfolg. Sie springen auf diesen Zug auf und helfen so sicherlich der europäischen Islam­kritik – auch als glaubwürdige Zeugen. Es gibt so genannte liberale Muslime in Österreich und den Zentralrat der Exmuslime. Auch aus Deutschland werden IslamkritikerInnen mit muslimischem Hintergrund in Österreich stark rezipiert. Ihr Argument ist, dass sie dort sozialisiert sind.

Islamische Zeitung: Können Medien im Allgemeinen und muslimische Medien hierzu etwas Positives beitragen?

Dr. Farid Hafez: In Österreich gibt es keine Medien, die von Muslimen getragen werden, außer die auf Türkisch erscheinenden Tageszeitungen. Sie können somit zu der auf Deutsch geführten Diskussion kaum etwas beitragen. Ich denke, was die Muslime tun können, ist, dass sie in die gesamtgesellschaftliche Diskussion einsteigen sollen.

Es ist in Österreich von Vorteil, dass die Islamische Gemeinschaft nicht nur von der Politik und der Verwaltung, sondern auch von anderen, gesellschaftlich relevanten Institutionen offiziell wahrge­nommen wird, da die islamische Gemeinschaft als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Diese sollten über die ­Medien die Diskussion konstruktiv weiter beglei­ten und mitwirken.

Sie sollten sich so positionieren, dass nicht über sie gespro­chen wird, sondern, dass sie immer mitsprechen – auch wenn das Verhältnis immer noch nicht auf gleicher Augenhöhe abläuft. (Interview: Kadri Akkaya)

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch!

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