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Interview: Mounir Azzaoui über den Arbeitskreis “Grüne Muslime”

"Wir verstehen uns nicht als Migranten, sondern als deutsche Muslime"

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(iz) Mounir Azzaoui, Politikwissenschaftler, war bis Ende 2006 Pressesprecher des Zentralrats der Muslime (ZMD). Er arbeitet bei der „Deutschen Islam Konferenz“ mit und hat vor kurzem den „Arbeitskreis grüner Muslime/-innen“ innerhalb der Partei Bündnis90/DIE GRÜNEN in NRW mitgegründet.

Islamische Zeitung: Wie ist es zur Gründung der Grünen Muslime gekommen? Wer sind außer Ihnen noch die Gründungsmitglieder?

Mounir Azzaoui: Es gibt eine Reihe von Muslimen, die bei den GRÜNEN Mitglied sind, und man kennt sich untereinander. Die Idee, einen eigenen Arbeitskreis zu gründen, ist über die Landesarbeitsgemeinschaft Migration bei den GRÜNEN entstanden, wo wir uns getroffen haben. Der neu gegründete Arbeitskreis soll sich speziell mit Fragen des Islams in Deutschland auseinandersetzen. Wir sind derzeit 25 Mitglieder, die aus verschiedenen Herkunftsländern stammen, mit türkischem, bosnischem, deutschem, oder arabischem Hintergrund. Zur Zeit bin ich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Islamische Zeitung: Was verbindet die Mitglieder des Arbeitskreises? Der muslimische Hintergrund oder das Praktizieren des Islams?

Mounir Azzaoui: Was uns verbindet, ist dass wir sehen, dass die Debatten um Muslime in Deutschland oft sehr emotional, sehr unsachlich geführt werden. Wir möchten versuchen, im politischen Bereich unseren Beitrag zu leisten, um dies zu ändern. Ob und inwieweit jemand den Islam praktiziert spielt bei uns keine Rolle. Islamophobie und Rassismus kennen hier übrigens auch keine Grenzen. Es geht darum, dass die Religionsfreiheit in Deutschland auch für Muslime gelten muss. Das ist heute leider noch keine Selbstverständlichkeit.

Islamische Zeitung: Warum ein solches muslimisches Engagement gerade bei den GRÜNEN und nicht in einer der anderen Parteien?

Mounir Azzaoui: Was uns an den GRÜNEN gefällt und aktiv werden lässt ist, dass ihr Programm für ein multikulturelles Zusammenleben auf gleicher Augenhöhe eintritt, auf dem Boden der Verfassung. Wenn verschiedene Kulturen, Religionen und Nationalitäten zusammenkommen, soll jeder das Recht haben, seine Eigenheiten auszuleben, und die Grundlage dabei ist die Verfassung und nichts anderes. Wenn man sich hingegen etwa die Politik der CDU/CSU anschaut und die Leitkulturdebatte, dann sieht man, das man dort weit über die Verfassung hinausgeht und versucht, Muslime zu assimilieren. Die Grünen haben sich hingegen immer wieder vor Muslime gestellt, insbesondere nach dem 11. September 2001, und zu mehr Sachlichkeit aufgerufen. Das war und ist nicht immer populär, doch mutig, glaubwürdig und zukunftsorientiert.

Islamische Zeitung: Und warum nicht in der SPD oder der FDP?

Mounir Azzaoui: Die SPD war zwar lange Zeit die unangefochtene Partei der Migranten, doch man hat die Entwicklungen der letzten Jahre weitgehend verschlafen. Es gibt keine überzeugende und konsistente Islampolitik bei der SPD. Hinzu kommt, dass es innerhalb der Sozialdemokratie noch viel stärker als bei den GRÜNEN auch laizistische Strömungen gibt, die dem Islam und auch Religion generell sehr kritisch gegenüberstehen. Man merkt das auch immer wieder bei Debatten um den Religionsunterricht, wo man versucht, Muslime außen vor zu lassen, um das religionsfreundliche deutsche Staatskirchenrecht ja nicht zu zementieren. Auch die FDP vertritt grundsätzlich ein laizistisches Programm, auch wenn dies in den letzten Jahren nicht mehr so öffentlich kommuniziert wird. Hinzu kommt, dass die FDP, die sich ja als Verteidigerin der liberalen Werte sieht, in den letzten Jahren versagt hat gegenüber dem Abbau von Grundrechten. Sie war in verschiedenen Landesregierungen sogar an der Verabschiedung von Gesetzen beteiligt, die Muslime ausdrücklich diskriminieren. Die GRÜNEN haben hingegen erkannt, dass Religion auch in der Moderne weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird und man sehen muss, wie man auf Grundlage der Verfassung legitime religiöse Interessen gleichberechtigt einbezieht.

Islamische Zeitung: Gibt es abgesehen davon aus Ihrer Sicht noch andere Programmpunkte, die die GRÜNEN für Muslime attraktiv machen könnten? Und gibt es auch solche, die Muslime eher nicht vertreten können?

Mounir Azzaoui: Die GRÜNEN sind und bleiben die Partei des Umweltschutzes, und Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung ist für Muslime ein wichtiges Thema. Pluralität als etwas Natürliches und bereicherndes sind im Islam verankert. Deshalb steht Minderheitenschutz insgesamt, der sich ja nicht nur auf Religionen bezieht, sondern auch darauf, wie man mit Menschen die „anders“ sind umgeht, mit islamischen Werten in tiefem Einklang. Man wird in keiner Partei bei allen Themen und zu allen Einzelheiten eine volle Übereinstimmung herstellen können, man muss aber schauen, in welcher Partei man das größte Maß an Überschneidungen findet, und das sind für uns die GRÜNEN.

Islamische Zeitung: Was kann ein Arbeitskreis wie die Grünen Muslime erreichen? Warum überhaupt ein Engagement in einer Partei und nicht auf einer anderen Organisationsebene?

Mounir Azzaoui: Ich denke, das Engagement in einer Partei ist für Muslime und Migranten zur Zeit sehr wichtig. Wenn man sich etwa die Debatte um das Frankfurter „Qur’an-Urteil“ anschaut und die These, dass Muslime die Gesellschaft unterwandern würden, dann ist das einerseits absurd, doch andererseits sollten wir uns fragen, wie wir uns verstärkt positiv in die Gesellschaft einbringen können. Die politische Partizipation, also die Arbeit in Parteien, die Teilnahme an Wahlen und das Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen ist hierbei von zentraler Bedeutung. Gerade Minderheiten sollten dies nutzen, nicht nur um eigene Interessen effektiver durchzusetzen, sondern vor allem auch um zu signalisieren, dass man ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft ist und bereit ist, sich für das Gemeinwohl einzusetzen.

Islamische Zeitung: Es gibt ja in anderen Parteien vergleichbare Arbeitskreise, obgleich diese nicht Muslime als solche, sondern eine bestimmte ethnische Migrantengruppe repräsentieren, wie das Deutsch-Türkische Forum in der CDU, welches sich allerdings gegenüber der allgemeinen Politik der CDU gegenüber Migranten und Muslimen offenbar bisher nicht durchsetzen konnte. Können die Grünen Muslime da mehr erreichen?

Mounir Azzaoui: Ich bin da ganz optimistisch, weil wir da bei den GRÜNEN eine gute Ausgangslage haben. Wir sind der Auffassung, dass die GRÜNEN hier schon einiges geleistet haben, und wir wollen darauf konstruktiv aufbauen. Wir haben aber auch deutlich gemacht, dass wir uns nicht alle als Migranten verstehen, sondern als deutsche Muslime, und dass wir das Thema Islam nicht immer im Zusammenhang mit Migration oder Asylfragen behandelt wissen wollen und es daher für nötig halten, dies abzutrennen von der Migrationsschiene. Auf unsere Gründung haben wir dann auch eine sehr gute Resonanz bekommen. Der Landesvorstand in NRW und die Parteivorsitzende Claudia Roth unterstützen unser Vorhaben. Auch von Muslimen, die bisher noch nicht in der Partei aktiv sind, haben wir positive Reaktionen bekommen und den Wunsch, bei uns mitzuarbeiten.

Islamische Zeitung: Welche Aktivitäten planen die Grünen Muslime für die nächste Zeit?

Mounir Azzaoui: In NRW gab es bei Antritt der schwarz-gelben Koalition vor fast zwei Jahren große Ankündigungen von Integrationsminister Armin Laschet. Vor allem wollte er schnell den islamischen Religionsunterricht in NRW einführen. Bisher ist jedoch noch nichts passiert. Damit werden über 250.000 muslimischen Schülern und Schülerinnen in NRW grundlegende Rechte vorenthalten. Wir möchten dazu beitragen, dass sich das möglichst schnell ändert. Darüber hinaus werden wir uns in der nächsten Zeit mit verschiedenen Gremien und Mandatsträgern innerhalb der GRÜNEN austauschen und versuchen, weitere Mitstreiter für unsere Arbeit zu gewinnen. Alle Interessierten, unabhängig von Mitgliedschaft und Religionszugehörigkeit, sind hierzu herzlich eingeladen.

Islamische Zeitung: Herr Azzaoui, wir danken für das Gespräch.

Kontakt: Mounir Azzaoui, e-mail: gruene-muslime@gmx.de oder Tel.: 02404 – 80 38 31.

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