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Interview: Prof. Rauf Ceylan zu der medialen Debatte um die Gewalttätigkeit muslimischer Jugendlicher

"Man muss es differenzierter betrachten"

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(iz). Jüngst erregte eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter Federführung von Prof. Christian Pfeiffer mediales Auf­sehen. Aus der empirischen Studie ­“Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“, die anfänglich nur in einer Zusammenfassung vorlag, wurde ein Teilergebnis aufgegriffen und hervorgehoben, wonach männliche Jugendliche aus muslimischen Familien, die sich selbst als „sehr religiös“ bezeichnen, stärker zur Gewalttätigkeit neigten als alle anderen Gruppen von Jugendlichen, einschließlich sich als christlich religiös einstufender.

So titelte etwa „Spiegel Online“ reißerisch: „Jung, muslimisch, brutal“. In verschiedenen Beiträgen zu dem Thema, unter anderem in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, und in der Studie selbst wurde immer wieder der Soziologe Prof. Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück, der kürzlich ein Buch über Imame in Deutschland veröffentlicht hat, zum Thema zitiert. Wir befragten Prof. Ceylan nach seiner genauen Position dazu, da die bisherigen Medienberichte doch Fragen offen ließen.

Islamische Zeitung: Herr Prof. Dr. Ceylan, Sie wurden in den letzten ­Tagen in verschiedenen Medien zu der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts von Prof. Pfeiffer zitiert, nach der sich als „sehr religiös“ einstufende muslimische Jugendliche gewalttätiger seien als andere. Ihre Aussagen scheinen die Ergebnisse der Studie prinzipiell zu bestätigen, und Sie kritisieren dabei auch viele Imame…

Prof. Rauf Ceylan: Die Autoren dieser Studie sehen in den Imamen nur einen Faktor unter vielen, sonst wäre die Erklärung zu einfach und monokausal. Man muss viele Faktoren zusammentragen, um dieses Phänomen wissenschaftlich-differenziert und fundiert zu erörtern. Bei den Imamen ist zu verzeichnen, dass die meisten von ihnen nur für begrenzte Zeit in Deutschland eingesetzt werden. Den Jugendlichen wird durch den Import von Imamen vor Augen geführt, dass der Islam immer noch ein Mittel zur Reproduktion der Normen und Werte aus dem Herkunftskontext ist. Allerdings ist es zu reduktionistisch, die Ursachen der ­Gewalt bei den Imamen zu suchen.

Islamische Zeitung: Es wird erwähnt, die Machokultur und bestimmte Männlichkeitsvorstellungen seien für eine erhöhte Gewaltbereitschaft sich als „sehr religiös“ einstufender muslimischer Jugendlicher ursächlich. Was ist diese Machokultur und was haben aus Ihrer Sicht Imame damit zu tun, inwiefern fördern sie diese Machokultur, wie Sie im Interview mit der „SZ“ sagten – eine Machokultur, die ja mit dem eigentlichen Islam nichts zu tun hat?

Prof. Rauf Ceylan: Die patriarchale Struktur ist nicht einfach auf den Islam zurückzuführen. In der heutigen Türkei ist diese Struktur beispielsweise nicht nur in den ländlichen Gebieten, sondern auch in den urbanen Zentren bestimmend. So werden traditionelle Rollenvorstellungen, etwa ­bezüglich des Hausfrauendaseins und der Mutterschaft als primär zu erfüllende ­Rolle der Frau beziehungsweise der Führungs­rolle des Ehemannes in der Familie und der ­Prägung des öffentliches Raumes durch den Mann, von einer überwältigenden Mehrheit befürwortet, übrigens auch in den westlichen Städten wie Istanbul oder Izmir. ­Übrigens findet man diese Machokultur auch in christlich-südeuropäischen Ländern sowie in Lateinamerika. Dies kann man ebenfalls nicht einfach auf das Christentum zurückführen.

Der Islam ist in Deutschland, quantitativ­ betrachtet, ein Produkt der Arbeitsmigration. Die erste Generation und teilweise auch die zweite Generation der Muslime kommen aus ländlichen Gebieten und zum Teil aus patriarchalischen Verhältnissen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass sowohl die schulische als auch die religiöse Bildung dieser Menschen sehr defizitär ist. Diese Normen und Werte wie gewaltlegitimierende Männlichkeitskonzepte oder die sehr mangelhaften und traditionsbehafteten, sehr defizitären Informationen über den Islam aus der ­eigenen Sozialisation fließen in die Erziehung der eigenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit ein.

Islamische Zeitung: Auf den ersten Blick scheint die Studie zu zeigen, dass praktizierende junge Muslime gewalttätiger seien als andere Jugendliche, beispielsweise als sehr religiöse junge Christen. Ist das tatsächlich so? Haben diese Jugendlichen den Islam nicht richtig verstanden?

Prof. Rauf Ceylan: Die Studie regt zu einer vertieften Analyse bezüglich der Sozialisation und Religionsvermittlung in muslimischen Familien an. Denn in der Religionspädagogik unterscheiden wir drei Säulen der religiösen Erziehung: Familie, Gemeinde und Schule. In Deutschland besuchen etwa 900.000 muslimische Schülerinnen und Schüler hiesige Schulen. Nur ein Bruchteil kommt in den Genuss eines islami­schen Religionsunterrichts beziehungsweise eines islamkundlichen Unterrichts. Das ist ein großes Defizit in der religiösen ­Bildung, weil nach wie vor kein flächendeckener Religionsunterricht existiert. Über die religiöse Erziehung in den muslimischen Gemeinden existieren mittlerweile auch einige Forschungen, so dass wir sehr gut die pädagogischen Konzepte bewerten können. Ein wesentliches Problem ist es, dass die Moscheegemeinden eben die Defizite in der religiösen Erziehung der Familien nicht kompensieren können.

Dabei ist zu beachten, dass die Gruppe der muslimischen Jugendlichen unterschiedlichen Kategorien zugeordnet werden müssen: a) Jugendliche, die stark in die Gemeinden involviert sind und über eine gute religiöse Bildung verfügen. Aufgrund der Sozialkontrolle der Gemeinden ist delinquentes Verhalten eingeschränkt. Diesen integrativen Charakter der Moscheen konnte ich in meiner Dissertation sehr gut belegen. b) Eine weitere Gruppe von Jugendlichen, die sich also religiös bezeichnet, besucht nur einmal die Woche das Freitagsgebet. Auch viele Jugendliche, die im Grunde einen hedonistischen Lebensstil führen, halten das Freitagsgebet für sehr wichtig, auch für ihre Identität. Die religiöse Bildung dieser jungen Menschen ist in der Regel ungenügend. Sie basiert auf den wenigen – meist verzerrten – Inhalten, die in der Familie vermittelt werden. Darüber hinaus weisen sie überhaupt keine religiöse Erziehung auf. c) Eine weitere Gruppe von Jugendlichen, für die zwar der Islam wichtig ist, die aber nur sehr unregelmäßig die Moschee besucht. d) Schließlich junge Muslime, die überhaupt nicht die Moscheen besuchen. Die Kategorie b) macht quantiativ gesehen einen großen Teil der muslimischen Jugendlichen aus. Daher ist es notwendig, anhand eines islamischen Religionsunterrichts diesen jungen Menschen eine solide religiöse, auf wissenschaftlich-religionspädagogischen Konzepte basierende Bildung zu vermitteln.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen soziale und Bildungsfaktoren beziehungs­weise Milieufaktoren? Werden diese von der Studie überhaupt ausreichend ­einbezogen?

Prof. Rauf Ceylan: In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die vorliegende Studie auf einer relationsorientierten Erklärungsstrategie basiert. Diese Erklärungsstrategie in den Sozialwissenschaften gestattet eine Identifizierung signifikanter Zusammenhänge zwischen sozialen Phänomenen. Diese Art von empirischen Studien bedarf allerdings der Aufdeckung der Kausalmechanismen zwischen den ­Ursachen und Wirkungen. Es handelt sich um ein Ursachenbündel aus individual­biografischen, psychologischen, historischen, sozialen und politischen Aspekten. Es sind Faktoren, die auf individueller, familiärer und gesellschaftlicher Ebene anzusiedeln sind. Die Bildungsarmut, aber auch die materielle Deprivation hat eine hohe Persistenz. In den USA zum Beispiel heißt Muslimsein, Akademiker zu sein. Dort sind die Mus­lime, die meistens als Studenten und Hochqualifizierte eingewandert sind, sehr gut ­integriert. Muslimische Jugendliche in Deutschland dagegen spüren bereits in den ersten Jahren im Bildungssystem, dass sie kaum Chancen haben, aus den Armutsstrukturen auszubrechen. Die PISA- und die IGLU-Studien haben uns doch die ­Selektionsmechanismen im Bildungssystem eindeutig attestiert.

Islamische Zeitung: Sie sagen auch, dass die Identifikation mit Deutschland ­sinke, je religiöser die Jugendlichen sind. ­Worauf begründen Sie diese Einschätzung? Ist dies ein zwangsläufiger Zusammenhang, oder gibt es auch Gegen­beispiele, also praktizierende junge ­Muslime, die sich sehr wohl mit diesem Land identifizieren?

Prof. Rauf Ceylan: Der Islam gilt in Deutschland nach wie vor als eine Aus­länderreligion. Das nehmen junge Muslime sehr wohl wahr. Stigmatisierungs- und ­Ausgrenzungsprozesse spielen eine zentrale Rolle bei der Selbstdefinition der muslimischen Jugendlichen. Der Islam wird nach wie vor in der Gesellschaft und in den Medien als Ausländerreligion kommuniziert. Muslimische Jugendliche nehmen das wahr. Selbst Jugendliche in der 3. Generation ­werden noch als Ausländer definiert. Wer seinen muslimischen Glauben lebt, muss zudem damit rechnen, dass er nicht mehr zur Gesellschaft dazugehört.

Religiosität und Gewalt sind kein Automatismus. Es wird jetzt wichtig sein, die ­Studie im Detail zu analysieren. Auch der Vergleich mit anderen Studien ist erforderlich. So wurden zum Thema Religiosität bei ­Muslimen in jüngster Zeit mehrere Untersuchungen durchgeführt, wie beispiels­weise die Studie der Bertelsmann-Stiftung. Ein Forschungsergebnis dieser Studie ist es, dass eine hohe Ausprägung der persönlichen ­Religiosität mit einer ebenfalls höheren ­Toleranz gegenüber anderen Religionen ­einhergeht. Diese Ergebnisse untermauern die Bedeutung der Religion als zivilgesellschaftliche Ressource im Kontext des ­In­te­grationsprozesses. Diese Ergebnisse legen aber auch nahe, die aktuelle Studie detaillierter auszuwerten.

Islamische Zeitung: Herr Prof. Ceylan, vielen Dank für das Interview.

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