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Interview: “Reduzierung auf Körper”

"Was ist eigentlich Ihre Religion?" - Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu über muslimische Ehen und den Umgang mit den Muslimen

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(iz)Frau Prof. Dr. Yasemin Karaksoglu ist seit Oktober 2004 Professorin für Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. Innerhalb dieses Fachgebiets gehört es zu ihrem Schwerpunkt, sich mit dem Islam, insbesondere der Perspektive muslimischer Frauen zu beschäftigen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland und Mitglied im Bremer Rat für Integration.

Islamische Zeitung: In den Medien wurde in den letzten Monaten auch von renommierten Stimmen der Mythos der Zwangsheirat als das bestimmende Element des Islam in Deutschland beschrieben. Sie haben sich ja in einem Kommentar in der “tageszeitung” damit auseinander gesetzt. Was ist Ihr Kommentar zu diesem Themenkomplex?

//2//Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Diese Texte – die auch als wissenschaftliche Analysen präsentiert werden – fußen nicht auf Datenmaterial, das die Lebenssituation der Mehrheit von Musliminnen und Muslimen in Deutschland wiedergibt. Hier werden einzelne Vorfälle, deren Existenz selbstverständlich nicht zu leugnen ist und mit denen wir uns auch – in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit ebenso wie innerhalb der muslimischen Community – intensiv auseinander setzen müssen, verallgemeinert. Es sind Vorfälle, insbesondere, was die Ehrenmorde angeht, die nur eine Minderheit betreffen. Und was die Zwangsverheiratungen angeht, ist es dies eine Frage der Definition. Wenn jede Ehe, die anders ist als gemeinhin in Europa üblich – geschlossen durch die Vermittlung von Dritten, insbesondere durch die Vermittlung von Eltern und Verwandten – als Zwangsheirat definiert wird, dann dürfte sicherlich ein großer Teil von Muslim zwangsverheiratet sein. Aber diese Definition an sich ist meiner Meinung nach falsch. Wir müssen hier unterscheiden zwischen den arrangierten Ehen mit Zustimmung der Betroffenen und solchen Ehen, die tatsächlich unter massivem Druck und Drohungen der Eltern zu Stande gekommen sind.

Islamische Zeitung: Kann man sagen, dass das Phänomen der so genannten “Ehrenmorde” ein geographisch einzugrenzendes Phänomen ist? Viele Muslime sind ja der Ansicht, dass in weiten Teilen der Herkunftsländer dieses gar nicht bekannt ist. Ist dies nicht eher eine Verfallserscheinung tribaler und postribaler Gemeinschaften?

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Bei den Ehrenmorden auf jeden Fall. Diese Ehrenmorde in Südostanatolien sind in keiner Weise nur auf Muslime beschränkt, sondern auch unter kurdischen Yeziden oder assyrischen Christen verbreitet. Sie finden das als eine Fortführung von Stammesstrukturen und -traditionen, die im Einzelfall dann auch von den Betroffenen religiös begründet werden, aber nicht auf Kenntnis der Religion, sondern auf dem, was sie von Eltern und Großeltern als religiös richtig überliefert bekommen haben. Ehrenmorde gibt es darüber hinaus auch in traditionell christlichen Gesellschaften Südoeuropas oder Südamerikas. Was die arrangierten Ehen angeht, darf man sicher sagen, dass dies eine relativ verbreitete Form der Ehepartnerfindung nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in Ländern des Südostens und des Fernen Ostens ist.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Karakasoglu, muss man nicht zur Kenntnis nehmen, dass diese arrangierten Ehen auch deshalb bei uns existieren, weil es den hiesigen Muslimen an zeit- und religionsgemäßen gesellschaftlichen Strukturen fehlt, in denen eine entsprechende Begegnung der Geschlechter möglich wäre?

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Ja, als Reaktion auf den Mangel an Orten und Gelegenheiten, in denen sich einander fremde orthodoxe muslimische Männer und Frauen begegnen und sich kennen lernen können, gibt es ja auch die Nutzung neuer Formen der Ehepartnerfindung im Internet, wo man versucht, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Gerade in studentischen Zirkeln versuchen die jungen Menschen die Zusammenkunft muslimischer Studierender in – ihrer Ansicht nach – islamisch anerkannter Form selbst zu organisieren. Das sind eben noch kleine Gruppen, die diese Möglichkeiten nutzen. Zur gleichen Zeit ist es aber ein Problem der muslimischen Gesellschaft selber, die definieren muss, was es heißt, wenn Mann und Frauen im öffentlichen Raum zusammenkommen. Es ist doch in besonders orthodox religiösen Familien so, dass dies ein sehr stark sanktionierter und negativ besetzter Bereich ist, der den heutigen Lebensformen und -situationen nicht mehr angemessen ist, mit denen junge Muslime und Musliminnen in Deutschland konfrontiert sind.

Islamische Zeitung: Sehen wir hier nicht auch einen Zug unserer zeitgenössischen Debatte, der einen Zug ins Richtung Biopolitik erhalten hat? Denn nicht nur bei der unseligen Kopftuchdebatte musste man ja leider erkennen, dass die Frage nach dem Islam sehr häufig auf den bloßen Körper der Frau reduziert wurde. Müssen nicht vielmehr die gesellschaftlichen Modelle des Islam ausgebaut werden, um diesem Ungleichgewicht zu begegnen?

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Das wäre wünschenswert. Ich glaube, dass dies sehr viel mit dem Bildungsstand in der muslimischen Community zu tun hat, sowie mit der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich von der mündlichen Tradition zu trennen hin zu einer zeitgemässeren und somit flexibleren Auslegung des Geschlechterverhältnisses von Mann und Frau. Wir haben ja am Beispiel von Frau Algan eine Diskussion, in der die Frage laut wird, was für einen Umgang mit ihrem Körper in der Öffentlichkeit eine muslimische Frau in der deutschen Gesellschaft haben muss, um noch islamgemäß handeln zu können und behandelt zu werden. Dass ist bei einem Teil der muslimischen Frauen im Aufbruch, wobei die muslimischen Männer natürlich mitziehen müssen. In dem Augenblick, in dem die Männer nicht mitziehen und die Frauen sich nicht nur selber entwickeln, wird das nicht zu einer glücklichen gesellschaftlichen Situation führen, in der Freiräume gelebt werden können, die man selbst für islamisch kompatibel hält.

Islamische Zeitung: Während wir in den neunziger Jahren eine relative Ausgrenzung des Rassismus hatten, scheint dieser durch die Hintertür der vorgeblichen Verteidigung von “Rechten” und “Werten” wieder zu kommen. Teilen Sie diese Auffassung?

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Absolut, ich habe das Gefühl, dass sich dieser rassistische Diskurs auf die Gruppe der Muslime als die Anderen per definition verdichtet und dass man das jetzt auch öffentlich sagen darf. Der Diskurs bekommt dadurch eine größere Brisanz als in den 90-er Jahren. Da gab es diese antimuslimische Stimmen oder Feindseligkeiten gegen Muslimen und muslimische Lebensweise auch, aber heute darf man das öffentlich legitimiert sagen und äußern, dass man Muslime per se für nicht integer hält. Dadurch ist man dabei, Gesetzesgrundlagen aber auch gesellschaftliche Grundlagen mit Füßen zu treten. Vor nicht allzu langer Zeit war es in Deutschland absolut intim, jemanden nach seiner Religion zu fragen. Wenn sie hier die Menschen auf der Straße fragen würden: “Was ist Ihre Religion?” Was meinen Sie, wie viele sagen würden: “Das ist meine persönliche Sache. Das geht Sie gar nichts an!” Bei Muslimen ist es nun die erste Frage, die man ihnen stellen darf, worauf eine ganze Reihe an Vermutungen zur Geisteshaltung, die damit verbunden sein könnten, folgt. Das ist nichts anderes als eine kollektive Zuschreibung von fehlendem Demokratieverständnis für eine ganze Bevölkerungsgruppe. Ich denke, man kann heute in Deutschland, ohne Belege dafür liefern zu müssen, über Muslime Aussagen machen, die ihnen kollektiv negative Merkmale zuschreiben. Das sind nichts anderes als Formen von Rassismus.

Islamische Zeitung: Sehen Sie bei dieser Debatte die Gefahr eines Verfassungstotalitarismus, bei dem die Verfassung, die ja Handlungsinstrument ist, zu einem Bekenntnisinstrument umgewandelt wird, zu dem die Menschen sich zu quasi säkular-religiösen Glaubenssätzen bekennen müssen und im Zweifelsfall der modernen Form der Verbannung unterliegen?

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Für mich ist diese Art von Gewissensprüfung, wie sie sich im sogenannten „Muslim-Test“ in Baden-Württemberg zeigt, demokratiefeindlich und der Demokratie nicht angemessen. Tatsächlich müssen die Menschen an dem gemessen werden, was ja auch vor Gericht der Fall ist, was sie tun, nicht was sie denken oder was man ihnen an Denken unterstellt. Das ist etwas, was man bewahren muss, um Gedankenfreiheit in Deutschland weiterhin aufrecht erhalten zu können.

Islamische Zeitung: Würden Sie dem zustimmen, dass es im Rahmen dieser Debatte auch zu einer Veränderung der Sozialwissenschaften gekommen ist? Früher war es ja eine anerkannte Lehrmeinung, dass die soziale und ökonomische Lage einer Bevölkerungsgruppe deren Verhalten prägt.

Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu: Anstelle von sozio-ökonomisch wird heute vielfach die Kultur gesetzt. Wir haben einen Kulturalismusdiskurs ausgerechnet bei jenen Leuten, die in den 90-er Jahren auf die ökonomische Benachteiligung von Migranten hingewiesen haben. Die Leute die sagen, wir grenzen diese aus, werden heute als “Multikulturalisten” und Sozialromantiker abqualifiziert. An deren Stelle treten jetzt Argumente, die nicht mehr von der sozio-ökonomischen Benachteiligung von Migranten ausgehen, sondern von einer Nichtübereinstimmung der Kultur der Migranten mit unserer ausgehen. Die Migranten sollen kulturellen Bezügen abschwören, die im öffentlichen Leben auffallend sind. Das ist eine Ebene, auf der sich die Diskussion bewegt, die ein bisschen an mittelalterliche Prozesse erinnert, in denen man sich zu bestimmten Glaubensgrundsätzen bekennen musste beziehungsweise von anderen abschwören musste, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Das finde ich sehr gefährlich. Was mich an diesem aktuellen Diskurs ganz besonders ärgert, ist, dass mit Polemiken und nicht-wissenschaftlich basierten Veröffentlichungen von vorgeblich wissenschaftlich agierenden Personen, Politik gemacht wird. Dabei wird sogar noch die Authentizität von Personen mit Migrationshintergrund herangezogen, um die Glaubwürdigkeit zu untermauern, was ich sehr perfide finde. Wir haben Ayan Hirsi Ali in den Niederlanden und Necla Kelek in Deutschland, beide bekommen viel Unterstützung von einem Teil der Politik und der feministischen Szene, unter anderem deswegen, weil sie mit sich den Nimbus derjenigen herumtragen, die mutig gegen Traditionen antreten und sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, um endlich Befreiung zu erwirken. Die Befreiung, die diese Personen jedoch von Muslime insgesamt einfordern, ist die öffentliche Loslösung von ihrem Glauben. Das ist ein unhistorischer und untheologischer Blick auf das Leben von Menschen und ihrer Lebensgrundlagen, auch der moralischen Lebensgrundlagen, auf die Bezug zu nehmen sie ein Recht haben, solange sie niemandem damit einen Schaden zufügen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Karakasoglu, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde im Rahmen des vom Annemarie-Schimmel-Forum veranstalteten Symposium “Das islamische Denken im Wandel und die europäische Aufklärung” geführt.

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