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Interview: “Türkisch für Anfänger”

"IZ-Begegnung" mit der Schauspielerin Pegah Ferydoni: "Nach dem 11. September fing ich dann an, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, was der Islam ist"

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(iz)Die 22-jährige Schauspielerin Pegah Ferydoni, als Tochter iranischer Eltern in Berlin aufgewachsen, hat durch ihre Rolle als Kopftuch tragende Teenagerin Yagmur in der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ von sich reden gemacht. Zuvor hat sie bereits seit 2003 in mehreren Fernsehrollen mitgewirkt und kürzlich auch erstmals in einer Theaterrolle, nämlich in Feridun Zaimoglus Stück „Schwarze Jungfrauen“, das einiges Aufsehen erregte, und wo Ferydoni wiederum eine junge Muslimin darstellte.

Islamische Zeitung: Wie sind Sie als Tochter iranischer Eltern in Deutschland aufgewachsen? Hat der iranische Hintergrund überhaupt eine Rolle gespielt, und wenn ja, inwiefern?

Pegah Ferydoni: Ich bin mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen, als ich zwei Jahre alt war; als Flüchtlinge. Wir haben anfangs in einem Asylantenheim in Berlin gelebt. Das war damals eigentlich gar keine so schwere Zeit; es war Mitte der 80er, da hatten Asylbewerber noch einen anderen Status, und wir konnten als Iraner problemlos eine Aufenthaltsberechtigung bekommen. Meine Eltern haben dann auch bald angefangen, zu arbeiten, und als ich eingeschult worden bin, sind wir nach Reinickendorf umgezogen, wo wir auch unsere erste Wohnung hatten. Eigentlich war es dort für mich auch nie ein Problem mit der Integration. Meine iranische Herkunft war damals eher zweitrangig; manchmal wurde ich zwar gefragt, wo ich denn herkomme, aber das war eigentlich nicht so wichtig und auch nicht in meinem Bewusstsein.

Islamische Zeitung: Wie haben Sie Ihre Rolle der Yagmur in „Türkisch für Anfänger“ erlebt? Was haben Sie persönlich aus Ihrer Rolle gezogen?

Pegah Ferydoni: Interessant war an dieser Rolle, dass es ein „Kopftuchmädchen“ ist, was ich zwar schon öfters gespielt habe, aber bei dieser Figur steht das Kopftuch in einem ganz anderen Kontext. In den meisten Filmen, in denen ich mit Kopftuch gespielt habe, ging es einfach nur darum, die Person durch das Kopftuch als Muslima kenntlich zu machen, oder um einen folkloristischen Hintergrund. Das neue an der Figur der Yagmur bei „Türkisch für Anfänger“ war, dass sie das Kopftuch ganz bewusst trägt, um sich zum einen abzugrenzen, zum anderen, um ihren Islam zu leben, und auch um sich von ihrem Vater zu emanzipieren, den sie als angepassten Türkdeutschen sieht und dem sie auch vorwirft, dass er sich nicht an die Regeln des Islam hält und sie auch nicht unbedingt auf ihrem Weg unterstützt.

Islamische Zeitung: Was hat Ihnen an der Rolle besonders gefallen?

Pegah Ferydoni: Besonders gefallen hat mir, dass sie einfach sehr witzig ist. Yagmur ist trotz ihrer 15 Jahre sehr wortgewandt und schlagfertig, sie hat ihre Argumente. Auf der anderen Seite ist sie auch sehr menschlich, da sie versucht, im Alleingang den Islam zu leben; weil sie aber keine Unterstützung hat und nicht so ganz weiß, wie das alles funktioniert, ist sie auch sehr unbeholfen und scheitert auch öfters daran, und das finde ich sehr menschlich. Sie ist halt keine Hardcore-Islamistin, sondern versucht, ihren Weg zu finden und ihrer Mutter nahe zu sein, denn ihre Mutter war sehr gläubig. Es sind eher menschliche Gründe, die sie zum Islam bewegen, als irgendwelche politischen, das hat mir sehr gut gefallen.

Islamische Zeitung: Und an der Serie insgesamt?

Pegah Ferydoni: Dass Ausländer beziehungsweise Türken einfach mal in einem ganz anderen Licht gezeigt werden – als ganz normale Nachbarn von nebenan, die auch ihre familiären Probleme haben, und wo es nicht immer nur um die Heimat, die Türkei oder den Islam geht, sondern um ganz praktische Probleme, die man in einer Familie hat – sprich wer macht den Abwasch, wer macht die Hausaufgaben und so weiter. Damit das deutsche Publikum einfach mal begreift, dass wir auch Menschen, auch Deutsche sind, so wie sie auch. Islamische Zeitung: Manche Zuschauer meinten, in der Serie würden zu viele Klischees über Türken und Muslime dargestellt.

Pegah Ferydoni: Klischees werden nicht dargestellt, sondern es wird mit Klischees gespielt. Und diese Klischees werden alle ganz bewusst gebrochen. Man hat da vordergründig ein Klischee, wie etwa den türkischen Jungen, der auf Proll macht, der prollig redet und sich so anzieht, aber schon in der ersten Folge merkt man, dass der auch hochdeutsch sprechen kann und eigentlich ganz normal und ein herzlicher Typ ist, dessen Art es eben ist, in der Öffentlichkeit so aufzutreten. Oder das muslimische Mädchen, das sich nicht unbedingt immer an den Ramadan hält, weil der Hunger auch mal stärker ist als der Wille. Ich glaube schon, dass da einige Klischees gezeigt werden, aber das hat alles einen Grund. Es hat das Ziel, Klischees aufzubrechen und den Leuten zu zeigen, dass nicht immer alles nur schwarz und weiß ist.

Islamische Zeitung: Glauben Sie, dass eine Serie wie „Türkisch für Anfänger“ etwas positives bei den Zuschauern bewirken, etwa zu mehr Toleranz gegenüber Migranten und speziell Muslimen beitragen kann?

Pegah Ferydoni: Ich hoffe ja. Ich hoffe, dass die Zuschauer durch die Serie eine Art Sensibilisierung erfahren haben. Wir hatten zwar nicht den Anspruch, ungeheuer pädagogisch oder didaktisch zu sein, aber ich denke, wenn man den Leuten so etwas zeigt, beginnen sie auch, sich damit auseinanderzusetzen und zu merken, dass es nichts ist, vor dem man Angst haben muss.

Islamische Zeitung: Wie waren die Reaktionen auf die Serie?

Pegah Ferydoni: Innerhalb der Branche und der breiten Bevölkerung wurde die Serie, so denke ich, sehr positiv aufgenommen, und die meisten Leute haben es sich mit großer Begeisterung angeschaut. Ich habe allerdings auch ein paar negative Kritiken bekommen; diese waren aber durchweg von türkischen Linken und Intellektuellen, die sich offenbar die Serie auch nicht vollständig angeschaut, sondern nur ein paar mal reingezappt haben. Sie meinten dann, dass wir mit ernsten Themen viel zu leichtfertig umgehen würden, was ich persönlich aber nicht so sehe. Ich halte solche Kritik für sehr humorlos.

Islamische Zeitung: Gab es auch Kritik von Muslimen?

Pegah Ferydoni: Von einigen Muslimen, ich sage mal radikaleren Muslimen, gab es natürlich die Kritik, dass man respektlos mit der Religion umgehe. Bei diesen Leuten hatte ich allerdings ebenfalls das Gefühl, dass sie sich die Serie nicht genau angesehen haben. Es gibt zum Beispiel eine Szene in einer Qur’anschule, wo Yagmur und Lena in eine solche Schule gehen, weil Lena etwas über den Islam lernen will. Sie hat aber keinen Gebetsteppich dabei, sondern breitet eine Isomatte mit einem nackten Mann darauf aus. Und die Kritik war, dass solche Dinge sehr respektlos seien. Was wir aber gezeigt haben, war, dass diese Lena dadurch, dass sie absolut unbedarft ist und keine Ahnung hat, ihre Schwester in Verlegenheit bringt, und diese wütend wird und der Meinung ist, Lena würde respektlos mit dem Islam umgehen. Das heißt, in dieser Szene ist ja schon eine Kritik drin. Und Leute, die dann sagen, dies sei respektlos, die haben es meiner Meinung nach nicht wirklich begriffen. Wir zeigen mehr oder weniger Szenen, die aus dem Alltag stammen könnten, und kommentieren sie. Und in der Serie selbst wird ja auch kommentiert, dass das respektlos ist. Ich fürchte, vielen Menschen fehlt da ein wenig die Distanz, um zu begreifen, was inhaltlich dargestellt wird. Islamische Zeitung: Vielleicht können viele Zuschauer mit der satirisch-humoristischen Seite der Serie nicht so gut umgehen…

Pegah Ferydoni: Es gibt zum Beispiel eine Szene, wo Yagmur aus Versehen sündigt, und das ist für sie ein halber Weltuntergang. Und ich denke, wir haben es in der Serie auch ernsthaft dargestellt, dass das Mädchen wirklich darunter leidet, dass sie Schweinefleisch gegessen hat. Ich finde das alles andere als respektlos. Dieses Mädchen, das nicht mehr weiter weiß – ich denke, das ist von uns schon recht sensibel dargestellt worden. Von daher kann ich die Kritik auch nicht wirklich verstehen.

Islamische Zeitung: In einem Interview haben Sie gesagt, nach dem 11. September habe sich Ihr persönliches Verhältnis zum Islam geändert.

Pegah Ferydoni: Es hat sich insofern verändert, als dass ich davor nicht unbedingt über den Islam nachgedacht habe. Nach dem 11. September fing ich dann an, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, was der Islam ist, was im Qur’an steht, was der Qur’an will, was ein guter Muslim ist, und ob der Islam diesen Terrorismus unterstützt oder nicht. So habe ich mich damit beschäftigt und gemerkt, dass ich immer mehr Antworten finde im Islam, für mich persönlich.

Islamische Zeitung: Hat der Islam in Ihrem Leben vorher eine geringere Rolle gespielt?

Pegah Ferydoni: Als Iranerin bin ich natürlich mehr oder weniger islamisch erzogen worden, das ist ja quasi in unsere Kultur mit eingeflossen, dass man kein Schweinefleisch isst und so. Aber ich habe das nie hinterfragt, habe nie darüber nachgedacht, warum das so ist. In den letzten Jahren fing ich dann an, den Qur’an genauer zu lesen und für mich selbst zu deuten, und das dann auch in mein Leben zu übernehmen, so weit es ging.

Islamische Zeitung: Sie spielen in dem Stück „Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu und Neco Celik. Was interessiert Sie an diesem Stück?

Pegah Ferydoni: In erster Linie hat mich interessiert, dass ich mal Theater spielen darf. Es war das erste Mal, dass ich auf der Bühne gestanden habe. Ich kenne auch Feridun Zaimoglu, habe seine Bücher gelesen und finde seine Sprache sehr interessant. Das Stück hat mich in erster Linie sprachlich interessiert, das Inhaltliche kam eigentlich erst später. Mir selbst war während der Proben noch gar nicht bewusst, wie brisant dieses Stück ist. Das kam dann eigentlich mehr durch die Presse, die Kritiken und die Zuschauerreaktionen, dass das etwas neues und besonderes sei. Ich finde, man muss auch nicht viel recherchieren und sich politisch bilden, um als Schauspielerin eine Figur ausfüllen zu können. Denn eine Figur hat ja immer in erster Linie eine menschliche Motivation, Dinge so zu sehen oder zu sagen, wie sie es tut. Ich spiele eine junge Frau, die von ihrer Familie verstoßen wurde, weil sie sehr freizügig lebt. Und nachdem sie von ihrer Familie verstoßen worden ist und in Berlin ihr eigenes Leben auf die Beine stellen muss, findet sie mehr oder weniger zu einem eher radikalen Islam und sympathisiert mit islamistischen Parolen, ist selbst aber nicht politisch aktiv. Im Vergleich zu Yagmur von „Türkisch für Anfänger“ ist es ein völlig anderer Charakter. Die Zuschauer können daran auch sehen, dass Islam nicht gleich Islam und Mensch nicht gleich Mensch ist. Und damit hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahren viel zu wenig beschäftigt, denke ich.

Islamische Zeitung: Wie waren die Reaktionen auf das Theaterstück? Pegah Ferydoni: Auch größtenteils positiv. Ich habe keine Probleme dadurch bekommen. Ich wohne zwar im Wedding über einer Moschee, aber die überwiegend älteren türkischen Männer dort haben das wohl kaum wahrgenommen. Während der Proben haben wir immer gewitzelt, dass wir uns vor Säureattentaten schützen müssten und so weiter, aber das ist ja nie eingetreten.

Islamische Zeitung: Inwieweit werden Dinge wie die Serie „Türkisch für Anfänger“ oder das Theaterstück überhaupt von vielen Muslimen wahrgenommen?

Islamische Zeitung: Die Serie noch eher. Oft ist es wohl auch ein Sprachproblem. Was ich bei dem Theaterstück schade fand, ist, dass wir nur ein sehr geringes türkisches oder muslimisches Publikum hatten. Es stand zwar auch in den türkischen Zeitungen, aber ich habe das Gefühl, dass solche Leute das dann auch eher meiden oder es kategorisch ablehnen oder boykottieren. Wir hatten bei den Vorstellungen insgesamt vier Musliminnen mit Kopftuch im Publikum, davon sind zwei noch während der Vorstellung raus gegangen und haben die Tür zugeknallt. Die anderen beiden sind bis zum Schluss geblieben und haben sich richtig gut amüsiert, denen hat es sehr gut gefallen.

Islamische Zeitung: Könnten die Reaktionen auch durch die recht derbe Sprache in dem Stück bedingt sein?

Pegah Ferydoni: Das ist schwer einzuschätzen. Es ist ja eine Sprache, der man im Alltag begegnet, auch wenn sie manchmal doch sehr hart ist. Manche Leute erwarten eine solche Sprache vielleicht nicht, wenn sie ins Theater gehen, und erst recht nicht von bekennenden Musliminnen. Islamische Zeitung: Haben Sie, was Ihre schauspielerische Zukunft betrifft, die Befürchtung, vorwiegend auf Rollen von Migrantinnen oder Musliminnen festgelegt zu werden? Welche Art von Rollen interessiert Sie persönlich besonders?

Islamische Zeitung: Erstens liegt es nicht in meiner Entscheidung, ob ich auf diese Rolle festgelegt werde oder nicht, weil ich ja als Schauspielerin einfach darauf angewiesen bin, was für Angebote ich bekomme, und vieles auch machen muss. Es ist in der Regel nicht so, dass man sich die Rollen aussuchen kann. Es ist vielleicht ein deutsches Problem, dass man beim Film noch nicht so weit ist, eine Person unabhängig von ihrer Hautfarbe einfach als Figur, als Charakter darzustellen, ohne folkloristischen Hintergrund. Das wird hoffentlich in den nächsten 20 Jahren gelöst werden. Es gibt das immer noch selten, da sind die Franzosen schon etwas weiter. Natürlich hoffe ich, nicht festgelegt zu werden, aber ich mache mir da nicht viele Illusionen; mit meinem Aussehen und meiner Hautfarbe werde ich wohl mehr oder weniger auf solche Rollen gebucht sein. Ich habe immerhin das Glück, dass ich durch mein Aussehen auch Südamerikanerinnen spielen kann, auch Inderinnen oder Südländerinnen allgemein. Ich habe gerade einen Tatort in Köln gedreht, wo ich auch eine Türkin spiele, ohne dass dies aber bei der Figur im Vordergrund steht. Mich interessieren alle möglichen Rollen, und besonders, möglichst viele unterschiedliche Figuren darstellen zu dürfen, also die Abwechslung.

Islamische Zeitung: Frau Ferydoni, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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