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Interview über die Wirkung des Arabischen

Die Macht der Sprache

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(iz) Sprachen sind enormen Veränderungen unterworfen. Globalisierung, das Internet und die Anforderungen bedeuten, dass sich mehr und mehr andere Sprachen den Parametern dieser Veränderungen unterwerfen müssen. Auch das Arabische bleibt davon nicht unberührt. Jedoch war diese Entwicklung bisher wegen der Verankerung des Arabischen in den primären Quellen des Qur’an und der Sprache des Gesandten Allahs weniger tiefgehend, weniger zerstörerisch. Die IZ sprach darüber mit dem Gelehrten und Übersetzer Dr. Asadullah Yate. Dr. Yate, 1951 geboren in London, nahm nach umfangreichenn Reisen durch Marokko in den 1970er Jahren den Islam an. 1992 schloss er seine Studien mit einem Doktorgrad der Universität Cambridge über Ibn Ruschd ab. Seitdem arbeitete er als Imam und Arabischlehrer und übersetzte grundlegende Standardwerke aus dem Arabischen und Persischen ins Englische.1

Islamische Zeitung: Wo und wie begegneten Sie das erste Mal der arabischen Sprache?

De. Asadullah Yate: Das erste Mal bin ich dem Arabischen in Marokko, begegnet. Augenblicklich faszinierte mich die überfließende Lebendigkeit und Freundlichkeit der Leute. Linguistisch manifestierte sich dies in einer Energie, die sich von dem unterschied, was ich aus Europa kannte. Die Leute schienen lauter zu sprechen, und natürlich gestalteten die verschiedenen Konsonanten, die es in Europa nicht gibt, sie umso exotischer. Das Arabische und die Körper der Sprechenden drückten sich einheitlich aus. Die Sprache war ein untrennbarer, aber entscheidender Teil dieser anderen Weise, miteinander zu sein. Europa hingegen erschien kühl und reserviert. Natürlich gilt, dass je mehr ein Ara­ber europäisiert ist, desto weniger ausdrucksstark solche Eigenschaften sind. Das Arabisch eines arabischen Bankiers ist ruhiger, reservierter und kühler. Meine Erfahrungen lehrten mich auf eine existenzielle Art und Weise, dass Sprache der äußere Ausdruck einer inneren Identität ist. Die arabische Nation wird nicht durch Grenzen, sondern durch eine gemeinsame Sprache bestimmt.

Islamische Zeitung: Was fasziniert Sie besondes am Arabischen?

Dr. Asadullah Yate: Wenn man weiß, dass der Herr der Welten diese Sprache erwählte, um der Menschheit die letztgültige Form des Verhaltens, der Anbetung und Gemeinschaft zu geben, dann kann es nicht sein, dass alle Sprachen gleichwertig seien. Diese Sprache und der Islam sind un­trennbar miteinander verbunden, genauso wie Deutsch und Englisch auf einer substanzielleren Ebene ohne Kenntnis des Griechischen und des Latein unverständlich bleiben. Wenn Menschen Arabisch oder Urdu sprechen, werden sie durch die linguistische Struktur, Ge­schichte und Vokabular in den Bereich des Islam geleitet – ob sie es wollen oder nicht.

Islamische Zeitung: Die heutige, ­globalisierte Welt spricht Englisch. Spricht die muslimische Arabisch?

Dr. Asadullah Yate: Dank Allah kann der Einfluss des Arabischen nicht verringert werden. Er kann nur zunehmen. Im Allgemeinen lässt sich sagen: Je stärker der Din, desto stärker der Einfluss des Arabischen. Die Wirkung des Arabischen auf das Bahasa-Indonesische, Malaiische, Persische, Urdu, das Kurdische, Bengalische, die Sprachen der Berber und anderer war außerordentlich. Zwischen 40 und 50 Prozent ihres Vokabulars stammt aus dem Arabischen. Seine Wichtigkeit kann an der Gewalttätigkeit gemessen, mit der bei verschiedenen Gelegenheit – allen voran im letzten Jahrhundert – der Versuch gemacht wurde, diesen Sprachen das arabische Element zu entziehen – ganz wichtig dabei war die gelegentliche Abschaffung der arabischen Schrift. Aber das Arabische hatte auch seine Spuren in europäischen Sprachen wie dem Portugiesischen, Spanischen, Italienischen, Albanischen und Bulgarischen hinterlassen. Dieser Prozess wird sich notwendigerweise fortsetzen, je mehr Europäer Muslime werden. Es wird sich als notwendig für diese erweisen, wenn diese den Pfad beschreiben, den die vorangegangenen Völker beschritten haben. Die Leute werden „Wudu’“ sagen, weil das Wort „Gebetswaschung“ antiquiert erscheint und wie eine spezifische kirchliche Handlung klingt. Muslime in Europa werden sich arabischer Begriffe bedienen müssen, um die Eigenständigkeit ihres Denkens zu bewahren. Anhand weiterer Beispiele lässt sich das belegen. Der Muslim wird „Salat“ anstatt „Gebet“ sagen. Denn die Verwendung des letzteren Begriffs könnte zu der Ansicht verleiten, dass diese Praxis ein Alleinsein bedeutet, bei dem man zu selbst gewählten Zeiten seine Hände erhebt, um Gott anzuflehen. Dabei hat die „Salat“ eigentlich eine sehr strikte, definierte Bedeutung, das heißt, eine Gruppe von Männern, die Schulter an Schulter stehen und gemeinsam den Verbeugungen und Niederwerfungen eines Imams zu präzisen Momenten während des Tages und der Nacht folgt.

Das gleiche gilt für das Wort „Din“. Wenn ein gebildeter arabischer Muslim dieses Wort verwendet, blickt er unausweichlich nach Außen auf die Welt und trennt sie in unterschiedliche Kategorien auf. Jedoch findet sich in diesem Wort keinerlei solche Kategorisierung.

Islamische Zeitung: Was macht die besondere Qualität der arabischen Sprache aus?

Dr. Asadullah Yate: Mehr als bei jedem anderen Volk bestimmt hier eine Sprache die Menschen. Zumindest galt dies solange, bis die Araber gnadenlos von ihren Traditionen entfremdet und durch die neue Sprachen von Sozialismus und einem kleingeistigen Nationalismus gespalten wurden. Qadi ‘Ijad schrieb im „Kitab Asch-Schifa“ dazu das Folgende: „Die Araber waren die Meister des sprachlichen Ausdrucks. Ihnen wurden Eloquenz und Aphorismen gegeben, über die kein anderes Volk verfügte. Ihre Zunge hatte eine Schärfe, die alles überragte und eine Schärfe, die zum Herzen einer Bedeutung vordringt. Allah gab ihnen dies als Teil ihres Wesens und Charakters. Sie benutzten dies spontan, um Staunen zu erzeugen, und diese Fähigkeit erlaubte es ihnen, mit jeder Situation fertig zu werden, da sie spontan zu sprechen vermochten.“

Für die Araber war ihre Sprache so mächtig, dass sie diese immer als gleichwertig zur Handlung betrachtet haben. Qadi ‘Ijad fährt fort: „Sie verfassen Gedichte …, um die [Leute] zu erheben und [sie] zu erniedrigen. Durch die Verwendung der Sprache betreiben sie erlaubte Magie …, mit der sie den Verstand täuschen können, das Schwierige leicht erscheinen lassen, alte Fehden beenden, antike Ruinen wieder beleben, Feiglinge ermutigen, geschlossene Fäuste öffnen, das Fehlerhafte perfektionieren und die Bekannten in das Obskure stürzen.“ Und so war es, dass, als der Qur’an zu ihnen kam, sie augenblicklich dessen Göttliches, wunderbares Wesen erkannten. Ihre Sprache war auf einem so hohen Niveau, dass sie in der Lage waren, die Erhabenheit des Qur’an zu erkennen.

Allah ta’ala sagt: „Wir haben ihn als einen arabischen Qur’an herabgesandt:“ As-Sawi erinnerte uns daran, dass „das Arabische die klarste und eloquenteste Sprache ist, denn es ist die Sprache der Leute des Gartens [d.h. des Paradieses].“ Die Muslime haben aufgezeichnet, wie der Gesandte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Mir wurden alle Ausdrucksweisen gegeben.“ In anderen Worten, wegen der Unnachahmbarkeit des Qur’an und der überragenden Sprache Muhammads, gelten diese beiden linguistischen Quellen immer als sprachliche Vorläufer. Wegen ihrer göttlichen Quelle können sie niemals übertroffen werden.

„Arabisch“ bedeutet wörtlich „was klar ist“ und „was klar ausgedrückt wird“. Allah sagt in der Sure Asch-Schu’ara (Die Dichter), dass Er den Qur’an in einer „deutlichen arabischen Zunge“ offenbart hat und in der Sure An-Nahl (Die Biene) in „einem klaren und deutlichen Arabisch“. Die erste Bedeutung definiert am besten, wie die Araber sich im Vergleich zu den ‘Adscham, den Nicht-Arabern, betrachteten. Sie waren die Meister der klaren Kommunikation.

Islamische Zeitung: Zur Frage des Tauhid: Warum kann die arabische Sprache die Einheit besonders gut ausdrücken?

Dr. Asadullah Yate: Es muss hier angemerkt werden, dass das Wort ­„Tauhid“ heute entwertet wurde, da es oft verwandt wird, um Vereinigung im sozialen oder wirtschaftlichen Sinne zu beschreiben, anstatt im originären Sinne eine „Anerkennung der Einheit des Schöpfers in der Schöpfung“. Wenn wir jedoch zur qur’anischen Definition zurückkehren, dann erkennen wir, dass Allah uns mit einem Vokabular ausgestattet hat, das uns erlaubt, akkurat über Ihn zu sprechen. So erkennen wir, dass die Sprache des Tauhid Teil der Fitra ist – die natürliche Lebensweise des Menschen, wie sie im Qur’an beschrieben wird. In anderen Worten: Der Mensch wurde so erschaffen, dass ihm der Tauhid angeboren ist. Tauhid ist eine Beschreibung der Dinge, wie sie sind. Durch die Unterwerfung unter den Willen Allahs, durch die Verwendung der qur’anischen Terminologie, bringt man sich in Linie mit der Lage in der Welt. Wenn jemand nicht die Spreche des Qur’an benutzt, die Sprache des Tauhids, um die Dinge zu beschreiben, dann leugnet man diese Fitra und bedeckt die Wirklichkeit der Dinge.

Islamische Zeitung: Bis zu welchem Grad kann der Modernisierungsprozess die Sprache gefährden?

Dr. Asadullah Yate: Es kann keinen Zweifel geben, dass das Arabische einen großen Wandel durchgemacht hat. Insbesondere seitdem BBC und CNN arabischsprachige Kanäle in Betrieb nahmen. Auf einer sehr rohen Ebene kann man dies an der Art und Weise bemerken, in das Verb häufig an zweiter Stelle nach dem Subjekt gesetzt wird. Die Dynamik der Eröffnung durch Verben geht dadurch verloren. Die meisten dieser Nachrichten werden aus dem Englischen übersetzt. Anstatt die Genauigkeit des Arabischen aufzufächern, indem eine der zehn oder mehr verfügbaren Verb­formen für jeden Bedeutungs-Stamm verwandt werden – und wir reden hier nicht über die Zeiten oder Modale wie den Indikativ oder Subjunktiv -, ahmt die Sprache vielmehr das Englische nach. Vielfach ist dieses Arabisch auf eine Weise un-arabisch, da es überladen wurde mit Substantiven und ihm gleichzeitig die Verben fehlen.

Darüber hinaus waren und sind die Araber auch von der westlichen Klassifikation der Welt betroffen. Und so leben die Einwohner einer arabischen Großstadt im „Nahen Osten“. Sie können nicht von sich reden, als befänden sie sich im Zentrum der Dinge – denn dieses liegt immer noch in Greenwich. Natürlich ist dies auf eine gewisse Weise normal, denn jede Sprache eines aggressiveren Systems wird die anderen beeinflussen. Gefährlich wird es jedoch, wenn man nicht mehr in der Lage ist, ­zwischen dem aggressiveren und dem überlegenen System zu unterscheiden.

Islamische Zeitung: Wie und wo kann man am besten das Arabische erlernen?

Dr. Asadullah Yate: Die meisten arabischen Länder behaupten, dass auf ihrem Gebiet das beste Arabisch gesprochen wird. Es kann gut sein, dass in bestimmten Teilen Arabiens, Jordaniens und Syriens eine Aussprache zu hören ist, die dem Fus-Ha2 am nächsten kommt. Eine genauere Definition, wo man das beste Arabische findet, wären jene Orte, an denen sich die ‘Ulama – sei es im Irak, Marokko oder Sudan – befinden. Noch heute lässt sich beobachten, dass wenn ein gebildeter Araber sich des Fus-Ha bedient, der Rest der Umgebung unwillkürlich folgt. Es ist klar, dass das so genannte Moderne Standard-Arabisch den Umfang und Reichtum des traditionellen Arabisch beschnitten hat. Diese neue Form der Sprache ist in Medien, an Universitäten und Schulen gebräuchlich. Grob gesprochen handelt es sich dabei um ein Amalgan aus dem Arabischen und Konzepten der westlichen Sprachen, die ins Arabische übersetzt wurden. Es drängt sich der Vergleich der Beziehung zwischen diesem Standard-Arabisch und dem traditionellen Arabisch und dem Verhältnis des Osmanischen zum modernen Türkisch auf.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Yate, wir danken für das Interview.

1 Dazu zählen „The Secret Garden“ von Mahmud Schahbistari, „Islam in the School of Madina“ von Schaikh Ahmad ibn Baschir Asch-Schinqiti und Al-Maidanis Kommentar auf Quduris „Mukhtasar fi’l-Fiqh Al-Hanafi“.
2 Das klassische Hocharabisch, im Gegensatz zu modernem Zeitungs-Arabisch.

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