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Interview: “Wichtig ist, dass wir mit so einem Gebäude einen Beitrag zur Gesellschaft leisten”

IZ-"Begegnung" mit dem Architekten der neuen Penzberger Moschee, Alen Jasarevic

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(iz)Vor weniger als einem Monat wurde im oberbayrischen Penzberg unter Anwesenheit lokaler und internationaler Gäste eine der architektonisch innovativsten Moscheen Deutschlands eingeweiht. Geplant und entworfen hat den Bau der bosnischstämmige Architekt Alen Jasarevic. Alen Jasarevic ist 32 Jahre alt und Architekt in Augsburg. Er wurde in Bosnien geboren, lebt aber schon seit langer Zeit in Deutschland. Alen Jasarevic hat hier seine Ausbildung gemacht und auch in Augsburg studiert.

Islamische Zeitung: Können Sie uns kurz einen Überblick über die Bau- und Gestaltungsgeschichte der Moschee in Penzberg geben?

Alen Jasarevic: Vor etwa fünf Jahren gab es den ersten Kontakt mit der Islamischen Gemeinde in Penzberg. Aus Gründen des Platzmangels plante die Islamische Gemeinde Penzberg den Neubau einer Moschee. Trotz vorgefertigter Bilder haben wir uns in einem längeren Prozess gemeinsam mit dem Vorstand, der sehr aufgeschlossen war gegenüber einer modernen Auffassung der Moschee oder des Moscheebaus, auf einen Gebäudetyp geeinigt, den wir verwirklichen konnten. Dieser Gebäudetyp weicht deutlich von den traditionell osmanischen Vorbildern ab, den auch der Vorstand anfangs hatte. Nachdem ich den Vorstand von der Qualität eines solchen Gebäudes – nicht nur der architektonischen, sondern auch der gesellschaftlichen – überzeugt hatte, hat man diesen Vorschlag der gesamten Gemeinde vorgestellt, der dann auch sehr positiv aufgenommen wurde. Danach haben wir den einzelnen Fraktionen des Stadtrates das Projekt vorgestellte. Auch dort wurde der geplante Neubau positiv aufgenommen. Die Idee mit der Glasfassade und dem Minarett wurde als sehr künstlerisch aufgefasst und hat allen Fraktionen gut gefallen. In der Genehmigungsphase hatten die entscheidenden Stellen das Durchsetzungsvermögen, trotz vereinzelter Widerstände das komplette Gebäude so genehmigen zu können. Zum Beispiel war kurz Thema, ob das Forum ein Minarett braucht, wovon wir natürlich sehr überzeugt waren. Da hieß es dann von der verantwortlichen Stelle, eine Moschee ohne Minarett sei keine Moschee, und deswegen kann es bloß mit einem Minarett genehmigt werden. Wir hatten vor allem vom Bürgermeister, der politischen Parteien und den Fachleuten in der Bauabteilung immer volle Unterstützung. Vor fast zwei Jahren haben wir mit dem Bau begonnen. Am 18. September dieses Jahres konnten wir das Gebäude eröffnen und der Öffentlichkeit präsentieren. Bisher hatten wir ausschließlich sehr positive Rückmeldungen nicht nur von der muslimischen Bevölkerung Penzbergs, sondern auch von der nichtmuslimischen.

Islamische Zeitung: Haben Sie Vorbilder für diese Moschee gehabt, oder haben Sie das aus sich selbst heraus geschöpft?

//2//Alen Jasarevic: Richtige Vorbilder gibt es nicht. Ich fühle mich durch mein Architekturstudium der europäischen Moderne verpflichtet, aber andererseits auch meinen Wurzeln, die im muslimischen Bereich liegen. Auch die ganzen Bauelemente, die gemacht wurden, zum Beispiel die Glasfassade, das Minarett oder auch die Natursteinfassade, sind Innovationen, die es so bei keiner Moschee gibt. Ich habe mich an den historischen Vorbildern orientiert, wie zum Beispiel der großen Moschee in Cordoba, die ich vor ein paar Jahren besucht habe. Die architektonische oder künstlerische Ausformung des Gebäudes war mir jedoch nicht so wichtig wie die Frage, ob ich mich beim Betreten des Gebäudes und beim Verrichten des Gebets wohl fühle. Davon bin ich ausgegangen und habe die Architektur darum gebaut. Mein Ziel war es, den kommenden Generationen das passende Gebäude zu erschaffen. Das kann keine Kopie sein, weder von einer Kirche noch von einer althergebrachten Moschee. Die zeitgenössische Moschee muss in Deutschland einen eigenständigen Typus darstellen. Das Forum in Penzberg ist ein Versuch, einen neuen Weg zu gehen. Dass er der richtige oder der einzig wahre ist, will ich gar nicht behaupten, sondern es ist ein möglicher Weg. Sehen Sie, ich bin hier aufgewachsen und fühle mich in Deutschland sehr wohl, habe aber natürlich noch meine bosnisch-muslimischen Wurzeln, aber ich will auch gerne der Gesellschaft hier zeigen, dass wir mithalten können, dass wir innovativ sein können, und dass wir unseren Glauben nicht als etwas althergebrachtes verstehen, sondern als etwas, was sich ständig entwickelt, und dadurch auch solche Gebäude schaffen kann.

Islamische Zeitung: Beim Gang durch die Moschee ist mir aufgefallen, dass Sie hier verschiedene Funktionen integriert haben, indem unterschiedliche Strukturen geschaffen wurden. Können Sie kurz schildern, was für unterschiedliche Strukturen Sie in die Moschee eingearbeitet haben?

Alen Jasarevic: Die Moschee macht etwa 40 Prozent der Fläche aus. Die restliche Fläche besteht aus profanen Orten wie der Bibliothek, die an der verglasten Fläche positioniert ist. Dann gibt es ein großes Restaurant, die obligatorische Wohnung für den Imam, sowie viele Veranstaltungsräume, zum Beispiel für Jugendliche, Frauen und Männer, die natürlich auch gemeinsam nutzbar sind. Das ganze ist nicht nur eine Moschee zum Beten, sondern es ist ein Forum – ein öffentlicher Platz, in dem man sich trifft, sich austauscht, und wo ständig etwas passiert. Ich kann mich noch an den ersten Entwurf erinnern. Da war die Moschee viel größer geplant. Dann wurde gefragt: Dort findet fünf mal am Tag das Gebet statt, und was bietet man den Rest des Tages an? Das mussten wir architektonisch umsetzen.

Islamische Zeitung: Das, was Sie eben gesagt haben, weist vielleicht auch auf eine neue Ebene des Diskurses über den Islam in Deutschland hin – nämlich den Versuch, nicht mehr nur Moscheen zu bauen, sondern Gebäude, die mehr sind als nur Moscheen; wo ein vielfältiges Gemeindeleben möglich ist. Sehen Sie Ihren Entwurf als einen Beitrag, das Gespräch über den Islam in Deutschland auch zu erweitern?

Alen Jasarevic: Wichtig ist, dass wir mit so einem Gebäude einen Beitrag zur Gesellschaft leisten – nicht nur zur muslimischen, sondern auch zur nichtmuslimischen. Das heißt, dass man hier Angebote schafft, um sich zu treffen und auszutauschen – letztlich sich kennen zu lernen. Mit einer Bibliothek ist es möglich, Veranstaltungen zu organisieren, die ja aller Voraussicht nach im nächsten Jahr in einer Art Kulturoffensive der Islamischen Gemeinde auch stattfinden sollen. Diesen Gedanken, den Islam auf das rein Sakrale zu reduzieren, würde ich gerne aufweichen und dahin kommen, dass der Islam eben auch Kultur ist, die wir nicht nur gerne zeigen wollen, sondern auch leben.

Islamische Zeitung: Sehen Sie in Ihrem Entwurf, der ja nicht dem so verbreiteten osmanischen Vorbild folgt, auch einen übernationalen Raum für Muslime unterschiedlicher Herkunft?

Alen Jasarevic: Ja, natürlich! Diese Nationalitätenfrage war und ist bloß für die erste Generation interessant. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es auch in der Gemeinde Widerstände gegen den Entwurf gab, da man lieber ein aus der Türkei oder Bosnien entlehntes Gebäude vorgezogen hätte. Aber schon in der zweiten Generation, spätestens bei meiner Tochter, wird diese nationale Bindung schon keine Rolle mehr spielen und man wird hier in Deutschland aufwachsen und sich bilden, aber eben andererseits auch Muslim sein. Man wird dann Deutsch miteinander reden. Ich sehe das in meinem eigenen Freundeskreis, wo ich neben bosnischen auch türkische, arabische und deutsche Freunde habe. Ich glaube, dass das Nationale letztendlich überwunden wird, weil man an den Einen Gott und Seinen Propheten Muhammad glaubt, was viel einigender ist als irgendwelche Flaggen und Sprachen. Je früher wir das einsehen, desto besser werden wir in unserer eigentlichen Heimat leben können. Daher ist ein bloßer Abklatsch einer osmanischen Moschee – was ja hervorragende Architektur war und ist – nicht ausreichend, da wir ja für einen wesentlich längeren Zeitraum, über die Generation unserer Kindern hinaus, bauen. Manchmal habe ich beim Anblick eines Moscheeneubaus den Eindruck, dass dieser nicht für die Zukunft, sondern für die Vergangenheit gebaut wurde. Ich denke, wenn wir hier in dieser Gesellschaft bestehen und auch eine Zukunft haben wollen, dann müssen wir Dinge einfach anpacken und ändern. Ein ganz großes Hindernis sind die Schranken zwischen den Nationalitäten. Ich hoffe, dass das Gebäude einen Beitrag dazu leisten kann, diese abzubauen.

Islamische Zeitung: Haben Sie weitere Anfragen von anderen Gemeinden erhalten?

Alen Jasarevic: Mich haben viele deutsche Stellen angerufen. Die Regierung von Oberbayern beispielsweise will Fotos und Pläne von mir haben, mit denen sie den Gemeinden zeigen will, dass man es mit so einem Gebäude viel einfacher hat, zu bauen, und dass es so einfacher ist, ein Gebäude zu schaffen, mit dem sich auch die Nichtmuslime identifizieren können. Die Süddeutsche Zeitung und die Augsburger Allgemeine haben große Artikel über den Neubau gebracht. Im Anschluss an die Eröffnung gab es bisher wenig Reaktionen seitens der Gemeinden. Aus meinen bisherigen Kontakten zu anderen Gemeinden kann ich sagen, dass viele Gemeinden das Althergebrachte wollen. Die neo-osmanische Moschee ist nicht nur architektonischer sondern auch geistiger Ausdruck. Ich finde es schade, dass es Kollegen gibt, die dem Willen der Vorstände schnurgerade folgen und das dann so bauen. Als Architekt hat man Verantwortung für die Gesellschaft und muss einen Schritt weitergehen, als man am Anfang vorhatte. Letztlich ist entscheidend, ob die Vorstände wie zum Beispiel in Penzberg in Deutschland angekommen sind oder noch in ihrem Ursprungsland leben.

Islamische Zeitung: Könnten Sie sich vorstellen, in einer Metropole – beispielsweise in Berlin – eine Zentralmoschee zu bauen? Wäre das eine Herausforderung?

Alen Jasarevic: Ja, natürlich! Es ist nicht nur in einer großen Stadt eine Herausforderung, sondern auch in einer kleinen. Es ist gar nicht wichtig, dass ich selbst das mache, sondern ein Architekt, der gewisse Dinge begriffen hat. Eine Zentralmoschee muss etwas ganz eigenes und neues sein. Wir halten die große Gelegenheit in den Händen, ein neues Kapitel in der islamischen Zivilisation zu schreiben – oder auch nicht. Hier möchte ich ein Thema, das mir am Herzen liegt, ansprechen. Wir haben in Deutschland keine eigenen Friedhöfe, und ich weiß von einem meiner Bekannten, dessen Tochter ein oder zwei Monate nach der Geburt gestorben ist, dass das eine Tragödie und Schande ist. Das sind Sachen, in denen unsere Verbände schlafen. Wir brauchen unsere Institutionen in Deutschland, ähnlich wie es in Österreich bereits gelungen ist.

Islamische Zeitung: Herr Jasarevic, vielen Dank für das Gespräch!

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