IZ News Ticker

Interview: Wie reagieren Muslime in Großbritannien auf angebliche Verbindungen des Stockholmer Attentäters?

"Stärkung der Gemeinschaft" als Schutz

Werbung

(iz) Am Montag war bekanntgeworden, dass der Selbstmordattentäter von Stockholm rund zehn Jahre in England gelebt hatte. Er soll sich in der Stadt Luton “islamistischen Gruppen” angeschlossen haben und dort sowie in pakistanischen “Ausbildungslagern” geschult worden sein. Großbritannien hat nach Ansicht von US-Diplomaten zu wenig für eine gute Zusammenarbeit mit der muslimischen Gemeinschaft im Land getan. Das geht aus geheimen Botschafter-Dokumenten hervor, aus denen die britische Zeitung “The Guardian” unter Berufung auf Wikileaks zitierte. Die britische Regierung habe nach den Terroranschlägen in London am 7. Juli 2005 zwar reichlich “Zeit und Ressourcen” investiert, um radikale Muslime auszusondern. Sie habe allerdings “wenig Fortschritt” bei der Einbindung der muslimischen Gemeinschaft gemacht, heißt es der Zeitung zufolge in dem Dokument vom Sommer 2006.

London (iz). Um mehr über die Lage unter englischen Muslimen im Licht der Stockholmer Attacke herauszufinden, sprach die IZ mit Muhammad Awan. Der britische Experte pakistanischer Abstammung arbeitet seit Jahren als Lehrer und Referent mit muslimischen Jugendlichen im Bereich der Gewaltprävention. Außerdem bildet er als nachgefragter Fachberater im Austausch offizielle britische Stellen aus.

Islamische Zeitung: Nachdem sich der erste Schock über den jüngsten Anschlagversuch in Stockholm gelegt hat, wurden Einzelheiten publik, wonach der Angreifer lange Zeit im britischen Luton lebte und dort weiterhin Verbindungen unterhielt. Handelt es sich ihrer Kenntnis nach dabei um eine glaubhafte Verbindung; auch im Hinblick einer möglichen Radikalisierung einiger Mitglieder der muslimischen Community in Großbritannien?

Muhammad Awan: Ein vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit gelangter Geheimdienstbericht bezeichnete Luton als eine Stadt mit einer der höchsten Konzentrationen an “Extremisten” im ganzen Land. Der Ort hat eine lange und unrühmliche Vergangenheit. 2004 trafen sich zwei der berüchtigtsten “Terrorzellen” an der Toddington-Tankstelle nördlich von London. Die Anführer der “Dünger”-Bomber, die eine Kampagne vergleichbar zum 11. September planten, und die Attentäter vom vom 07. Juli trafen sich laut MI5-Angaben zwei Mal in Luton.

Angeblich soll der mittlerweile inhaftierte radikale Prediger Abu Hamza in der Stadt gelebt haben. Omar Bakri Mohammed, ein weiterer Extremist, war hier ein regelmäßiger Besucher, bis er – kurz nach den Anschlägen vom 2005 – an der Wiedereinreise nach Großbritannien gehindert wurde.

Diese Konzentration von Extremisten verstärkte radikale Spannungen. Im März 2009 marschierten Soldaten des Königlichen Regiments Anglia durch Luton, als sie von einer Gruppe muslimischer Männer angeschrieen wurden. Die Heimkehrer wurden als “Mörder”, “Vergewaltiger” und “Babymörder” beschimpft. Fünf von ihnen wurden wegen Verunglimpfung verurteilt.

Ich würde daher zustimmen, dass die Stadt Luton wegen dieser obigen Vorfälle als ein extremistisches Problem betrachtet werden könnte. Aber ich möchte auch betonen, dass es sich hier nicht nur um ein Extremismusproblem einer muslimischer Minderheit handelt. In zunehmendem Maße ergibt es sich auch durch die Unterstützer der Englischen Verteidigungsliga (EDL) – einer rechtsgerichteten Organisation in Luton. Aktuelle Berichte bestätigten, dass der radikale amerikanische Selfmade-Prediger Terry Jones auf Einladung der EDL in Luton über “die Bedrohung des Westens durch den Islam” referieren wollte.

Islamische Zeitung: Haben sie direkte persönliche Erfahrungen mit solchen kriminellen Elementen gemacht? Haben diese gesonderte Eigenschaften?

Muhammad Awan: Ich habe persönliche Erfahrungen mit jungen britischen Muslimen gemacht, die ich eher als fehlgeleitet denn als “radikalisiert” bezeichnen würde. Früher war ich Lehrer in der Innenstadt von Birmingham. Mir begegneten muslimische Jugendliche, die angesichts ihrer Identität, ihres Platzes in Großbritannien und wegen Unkenntnis ihres Glaubens – Islam – verwirrt waren. Unglücklicherweise ist das augenblickliche System der Madrassen nicht ausreichend in der Lage, jungen Muslime eine islamische Bildung anzubieten, die ihr britisches Lebensumfeld mit in Betracht zieht. Oft werden die grundlegenden islamischen Texte auf eine isolierte Art und Weise gelehrt, die keine Verbindung zur Welt herstellt, in der die britischen Muslime heute leben.

Islamische Zeitung: Wie reagiert die muslimische Gemeinschaft in England – und insbesondere in Luton – auf die mutmaßliche Verbindung eines radikalen Individuums in Schweden zu ihren lokalen Strukturen? Laut jüngster Berichte wurde der Mann irakischer Abstammung 2007 aus dem Islamischen Zentrum Luton geworfen …

Muhammad Awan: Muslime in Großbritannien haben eine Vielfalt von positiven Möglichkeiten, auf solche Verbrechen zu reagieren und sie zu verhindern. Lassen sie mich diese skizzenhaft umreißen:

– Britische Muslime müssen das Problem verstehen. Das heißt, wie Ärzte müssen sie die Krankheit erkennen, bevor sie diese behandeln können.
– Bestärkung und Wachstum muslimischer Organisationen. Muslime in unserem Land sollten bestehende Organisationen unterstützen und neue schaffen, wenn dies notwendig wird.
– Wir müssen unsere Gemeinschaftszentren ausbauen. Es braucht eine kluge Führung, die dringend notwendig ist, um solche Zentren korrekt zu führen. Dies liegt im besten Interesse der Gemeinschaft.
– Die Ermächtigung von Frauen in Sprecherrollen. Wir brauchen ein Ende des Mythos von der Unterdrückung muslimischer Frauen. Dies kann mithelfen, Hass auf den Islam abzubauen.
– Anerkennung der Bedeutung der Gemeinschaft neuer Muslime. Die so genannten “Konvertiten” sind häufig verletzlich, wenn sie den Islam als ihre Religion annehmen. Dies betrifft eigentlich jeden, der eine neue Religion annimmt. Es ist sehr einfach, solch ein Individuum zu beeinflussen. Um dies zu verhindern, muss die weitere muslimische Gemeinschaft den einzelnen Konvertiten oder die eine solche Gemeinschaft annehmen.
– Einen gemeinsamen Nenner mit der britischen Gesellschaft zu finden. Ein solcher gemeinsamer Nenner besteht zwischen Muslimen und Menschen anderer Religionen und Gesellschaften. Der Islam ist seit über tausend Jahren in Europa und hat hier Beiträge zu Recht, Sprache, Kultur, Wissenschaft usw. auf die positivste Weise beigetragen. Muslime müssen sich wieder diesen Geist des Dienens aneignen und mit anderen Briten an einer gerechten Gesellschaft bauen.

Islamische Zeitung: Wie hat sich die weitere muslimische Gemeinschaft in ihrem Land zu diesen Tendenzen positioniert? Gibt es einen Konsens, wie mit Radikalisierung umgegangen werden solle?

Muhammad Awan: Generell besteht ein Konsens darüber, dass es Extremismus in ihren eigenen Reihen gibt. Widerspruch herrscht nur gegenüber Massenmedien, die dessen Einfluss wesentlich höher bewerten.

Islamische Zeitung: Kann die Bindung des schwedischen Attentäters eine negative Wirkung auf die Muslime in ihrem Land haben?

Muhammad Awan: Ja. Unglücklicherweise ist der Islam zum Sündenbock für solche schrecklichen Verbrechen geworden.

Islamische Zeitung: Lieber Muhammad, vielen Dank für das Interview.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen