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Interview: Zu den Geständnissen der so genannten Sauerland-Gruppe. Der Buchautor Jürgen Elsässer im Gespräch

„Gelowicz ist nicht gerade der hellste“

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(iz). Islamische Zeitung: Vier junge Moslems sollen einen großen Terroranschlag in Deutschland vorbereitet haben. Am 4. September 2007 wurden sie im Sauerland festgenommen, und fast zwei Jahre lang haben sie eisern geschwiegen. Seit dem 10. Juli aber purzeln die Geständnisse. Kann sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble schlussendlich freuen?

Jürgen Elsässer: Und wie. Aber nicht, weil er mit seiner Terrorwarnung Recht gehabt hat. Vielmehr kann er stolz sein, wie gut die Geheimdienstoperation Sauerlandzelle, von seinen CIA-Freunden und ihm eingefädelt, geklappt hat.

Islamische Zeitung: Aber handelt es sich wirklich um eine Geheimdienstoperation? Fritz Gelowicz, der Kopf der Gruppe, hat im Laufe seiner Aussage mehrfach darauf hingewiesen, niemand aus der Vierergruppe sei „vom Geheimdienst ferngesteuert“ worden, sie hätten alles selbst gemacht, selbst geplant.

Jürgen Elässer: Gelowicz kam zwar vor Gericht sehr sympathisch rüber – ruhig, freundlich, mit klarem Blick, manche schwäbische Mama wäre bei dem gern Schwiegermama -, aber, bei allem Respekt, er ist nicht gerade ein helles Köpfchen. Und er war ja der Chef des Quarttets, wie duster muss es dann im Oberstübchen der anderen aussehen? Diese jungen Männer haben sich bei der Vorbereitung des Anschlages so doof angestellt wie Woody Allan in dem Film „Woody der Unglücksrabe“. Kriminelle Energie hatte die Hauptfigur, aber eben auch zwei linke Hände, und oben waren ein paar Schräubchen locker. Solche Leute sind ein gefundens Fressen für die Instrukteure der Geheimdienste, die ständig nach Dummies suchen, die sie verheizen können.

Islamische Zeitung: Instrukteure der Geheimdienste kamen aber doch in den Aussagen von Gelowicz nicht vor!

Jürgen Elsässer: Natürlich nicht. Weil er nicht helle genug war, sie zu erkennen. Gelowicz denkt wohl, ein Geheimdienstler stellt sich so vor wie 007: „Gestatten, mein Name ist Bond, James Bond – im Geheimdienst ihrer Majestät.“ Aber so läuft das nicht. Ein Geheimdienstler, der solche wilden jungen Männer wie Gelowicz führen soll, wird sich als der wildeste von allen präsentieren, als besonders gefährlicher Terrorist, als Betbruder von Osama bin Laden undsoweiter. Wer das im Film besichtigen will: „Der Mann, der niemals lebte“, lief letzten Winter in den Kinos, zeigt, wie die CIA eine Konkurrenzfirma zu Al Qaida aufbaute, mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle. Bevor ein junger Mensch auf dumme Gedanken kommt, sollte er diesen Film sehen oder mein Buch* lesen.

Islamische Zeitung: Also gut, wo sehen Sie denn die Geheimdienstler bei der Sauerlandgruppe?

Jürgen Elsässer: Überall! Sie tanzten ständig um die vier herum! Es gab keine Station in ihrer Reise, wo die Geheimdienste nicht waren! Eigentlich wollten die vier – neben Gelowicz noch Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Attila Selek – zum Kämpfen in den Irak. Gelowicz macht auch plausibel, wieso er das wollte: Nach dem 11. September 2001 wurde die US-Kriegführung gegen die islamische Welt immer brutaler, und dann wurde – aus seinem unmittelbaren Umfeld in der Ulmer Moschee heraus – auch noch Khaled el Masri von der CIA verschleppt. Dagegen wollte er was tun, aber nicht durch Terrorismus, sondern indem er sich dem Widerstand im Irak anschließen wollte.

Islamische Zeitung: Ist das denn nicht Terrorismus?

Jürgen Elsässer: Wenn es gegen die US-Armee geht – und nicht gegen Zivilisten -, ist es legitimer Widerstand. Einer der Anwälte der Sauerländer verglich es zu Recht mit dem Spanischen Bürgerkrieg in den 30er Jahren, als linke Deutsche zu Hunderten über die Pyrinäen gingen, um ihren spanischen Genossen – der gewählten Regierung des Landes – im Kampf gegen den Faschismus beizustehen. Gelowicz und seine Freunde wollten als internationale Brigadisten in den Irak gehen, um einem neuen Faschismus entgegenzutreten.

Islamische Zeitung: Ist das jetzt wirklich mit der heutigen Situation vergleichbar?

Ein Beispiel; die Schrecken von Francos Bombenkrieg, unterstützt von der deutschen Luftwaffe, verbildlichte Pablo Picasso in seinem Gemälde „Guernica“. Doch was die US-Amerikaner im Irak angerichtet haben, ist ein hundertfaches Guernica! Es spricht für die moralische Integrität von Gelowicz und seinen Freunden, dass sie sich diesem völkerrechtswidrigen Terror entgegenstellen wollten.

Islamische Zeitung: Lassen wir mal kurz die moralische Beurteilung hinten an – ob es auch klug war?

Jürgen Elässer: Das steht auf einem anderen Blatt. Aber ich will den Unterschied betonen: Sich dort, wo eine völkerrechtswidrige Aggression tobt, dem Aggressor entgegenzustellen – das ist legitim. Das gilt für Spanien 1936 wie für den Irak in unseren Tagen. Etwas ganz anderes ist es, zu Hause den Reichstag anzuzünden. Das ist Terrorismus. Das nützt den Faschisten bei der Errichtung einer Diktatur. Aber Anschläge in Europa – das wollten Gelowicz und Co. gerade nicht. Dazu lockten und pressten sie erst die Geheimdienste.

Islamische Zeitung: Die neue Agenda – wie lief das im einzelnen ab?

Jürgen Elsässer: Als die vier nicht in den Irak durchkamen, gingen sie nach Istanbul. Warum Istanbul? Weil Gelowicz dort im Jahr zuvor, 2004, Mevlüt K. getroffen hatte, der vermutlich mit seinen Verbindungen geprahlt hatte. Mevlüt K., das wissen wir heute dank „Stern“-Recherchen, ist Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes mit Kontakten zur CIA. Von Istanbul ging es mit Billigflug nach Teheran, von dort nach Osten an die Grenze zu Afghanistan. Diese Grenze ist sehr unzugänglich, mit hohen Bergen, man kommt da nicht einfach rüber. Man braucht Führer, Schleuser. Wer beherrscht das Grenzgebiet? Das ist die Rebellengruppe Dschundallah, laut Recherchen von Seymour Hersh ebenfalls auf der Gehaltsliste der CIA. Vermutlich haben die geholfen. Schließlich gelangen Gelowicz und Yilmaz – die anderen kommen später – nach Waziristan und werden dann dort richtig in die Mangel genommen. Sie werden umgepolt: Eigentlich wollten sie, wenn schon nicht im Irak, dann wenigstens in Afghanistan gegen die Besatzer kämpfen. Doch dazu ist es nie gekommen, denn die Instrukteure im wazirischen Ausbildungslager hatten „andere Pläne für sie gehabt und sie regelrecht damit überrumpelt“. Diese seien es gewesen, „die einen Terroranschlag in Europa ins Spiel brachten“, so Gelowicz vor Gericht.

Die Neuankömmlinge erinnerten sich, „dass sie darauf nicht vorbereitet gewesen seien“. Eigentlich hätten er und seine Freunde sich für „nicht besonders geeignet gehalten“, erinnerte sich Gelowicz bei seiner Aussage. Auch Yilmaz will zunächst um Bedenkzeit gebeten haben. Erst nach einem Vieraugengespräch sahen die beiden ein, dass sie „sich dem Auftrag nicht entziehen … können“ – eine Formulierung, die die massive Beeinflussung durch die Instrukteure verdeutlicht.

Die übrigen beiden Novizen waren gegenüber der Terror-Idee noch ablehnender. Schneider verabschiedete sich von der Gruppe, kam später erst wegen der Überredungskünste von Gelowicz zurück. Im Unterschied zu ihm machte Selek mit dem Ausstieg Ernst, reiste bereits zu Jahresanfang 2007 in die Türkei und tauchte bis zur Verhaftung des Rest-Trios im September 2007 nicht mehr in Deutschland auf. Dass er trotzdem angeklagt wurde, ist der größte Witz des Verfahrens: Die Bombenzünder, die er aus der Ferne vermittelt haben soll, beschaffte nämlich ein ganz anderer – der erwähnte Mevlüt K., Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes und der CIA.

Islamische Zeitung: Ein Moment bitte: Gelowicz hat zwar ausgesagt, dass die beiden Instrukteure im wazirischen Ausbildungslager sie auf die Idee mit dem Terroranschlag in Europa gebracht haben. Für ihn waren das aber Leute der Islamischen Dschihad Union (IJU), nicht der CIA.

Jürgen Elsässer: Aber IJU und CIA, das ist doch ein und dasselbe. Gegründet wurde die IJU 2004 über den usbekischen Geheimdienst, damals eine Filiale der CIA. Das bestätigt Craig Murray, in diesem Zeitraum britischer Botschafter in Usbekistan. Im September 2008 hat „Monitor“ sogar einen Zeugen interviewt, der nicht nur – wie Murray – aufgrund von Indizien, sondern aufgrund eigener Tatbeteiligung weiß, dass es sich bei der IJU um ein Geheimdienstkonstrukt handelt. Der Mann heißt Ikrom Yakubov, war zehn Jahre Mitarbeiter des usbekischen Geheimdienstes und lebt heute in London. In „Monitor“ sagte er: “Die Bombenanschläge 2004 in Taschkent wurden von der usbekischen Regierung organisiert, von den Sicherheitsbehörden, und zwar vom usbekischen Geheimdienst. Ich hatte ein Gespräch mit der Person, die 2004 für die Anschläge verantwortlich war. ” Yakubov kennt auch den Trick, mit dem vor Gelowicz und Co. Bereits andere Dschihad-Freiwillige zur IJU gelockt wurden: “Die Mitglieder, die eine führende Rolle spielten, kamen vom usbekischen Geheimdienst. Aber die Leute um sie herum waren einfache Muslime.“ Die meisten Mitglieder der IJU seien ahnungslose Mitläufer gewesen, ohne Kenntnis der wirklichen Auftraggeber – so ahnungslos wie 2006/2007 die Rekruten aus Deutschland.

Islamische Zeitung: Zurück zu Herrn Schäuble. Sie sprachen eingangs davon, er habe die „Geheimdienstoperation Sauerlandzelle“ mit eingefädelt. Geht das nicht zu weit, welche Rolle spielt er denn ?

Jürgen Elsässer: Nun, die „Operation Alberich“ – so der amtliche Name – begann Ende 2006 und dauerte bis zur Verhaftung der Sauerländer im September 2007. Mehrere hundert Polizeibeamten waren rund um die Uhr damit beschäftigt, unter Anleitung von CIA-Leuten. Das Ganze wurde losgetreten durch Erkenntnisse der CIA, dass Gelowicz und Co. mit einem Kampfauftrag nach Deutschland kommen würden – die CIA wusste das natürlich, weil sie die vier am Hindukusch losgeschickt hatte. Dann ließ man das Quartett werkeln und basteln – und machte die Presse meschugge mit Horrorgeschichten. Auf dem Höhepunkt der Hysterie, im Sommer 2007, phantasierte Schäuble von neuen gesetzlichen Möglichkeiten zur Ausschaltung von Terrorverdächtigen, nennen wir es mal durch „einstweilige Erschießung“. Derweil ließ man Gelowicz und Co. weiterbasteln, nahm sie nicht fest, obwohl man sie unter genauester Observation hatte. Die GSG9 schlug dann erst mit großem Rums am 4. September zu – und Schäuble konnte sich als Kassandra, die Recht gehabt hatte, präsentieren, gleich noch vom sicherlich kommenden Atomschlag der Al Qaida phantasieren und – darauf kam es wohl von Anfang an an – mit diesem Rückenwind die Online-Fahndung und die Videoüberwachung privater Wohnräume durch den Bundestag boxen.

Islamische Zeitung: Sind die Angeklagten der Sauerland-Gruppe Ihrer Meinung nach schuldig oder unschuldig?

Jürgen Elsässer: Schuldig nicht, viel schlimmer: Sie sind dumm. Sie haben sich zu nützlichen Idioten in einem Spiel ihrer Gegner machen lassen, und sie haben es bis heute nicht kapiert. Im Sinne der Anklage sind sie unschuldig: Sie hatten schlimme Gewaltphantasien, aber sie hatten zu keinem Zeitpunkt die Technik und die Fähigkeiten, diese Gewaltphantasien umzusetzen, zumal sie beständig überwacht wurden. Gewaltphantasien aber sind in Deutschland nicht strafbar. Vielmehr: Noch nicht. Die Bestrafung von „Gedankenverbrechen“, wie sie George Orwell in „1984“ beschreibt, gehört aber mit Sicherheit zu den nächsten Vorhaben von Big Brother.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

* Von Jürgen Elsässer (www.juergen-elsaesser.de) erschien zum Thema das Buch „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ (Residenz Verlag, September 2008, 344 Seiten, 21.90 Euro). Darin ist auch ein Kapitel zur Sauerland-Gruppe.

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