IZ News Ticker

„Islam gehört zu den Fundamenten deutscher Kultur“

Der Berliner Historiker Borgolte über die Muslime in Europa

Werbung

Foto: Public Domain

Berlin (KNA) Für ihn gehört der Islam zu den Fundamenten deutscher Kultur. Der Berliner Mittelalterhistoriker Michael Borgolte widerspricht der AfD und vielen Politikern. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur verwies er auf den Beitrag muslimischer Gelehrter zur europäischen Wissenskultur.

Frage: Herr Professor Borgolte, für die AfD gehört der Islam nicht zu Deutschland. Wie sehen Sie das als Historiker?

Michael Borgolte: Auch viele andere Politiker argumentieren ja, dass zwar die Muslime zu Deutschland gehören, aber nicht der Islam. Ich finde diesen Streit ziemlich unerquicklich und wenig hilfreich. Aber aus der Sicht des Mittelalterhistorikers muss ich die Prioritäten umkehren und klar formulieren: Nicht die Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer und deutscher Kultur.

Frage: Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Michael Borgolte: Einerseits lebt eine größere Anzahl von Muslimen erst seit der Anwerbung türkischer Gastarbeiter ab 1961 in Deutschland. Zwar gab es auch schon am Hof Karls des Großen im 9. Jahrhundert oder im 18. Jahrhundert in Preußen eine Handvoll muslimischer Diplomaten oder Kriegsgefangener, aber sie haben sicherlich das Land nicht geprägt.

Frage: Und andererseits?

Michael Borgolte: Andererseits haben muslimische Gelehrte im Mittelalter ganz wesentlich dazu beigetragen, das Wissen über griechische Philosophie und Naturwissenschaften zu erhalten und ins lateinische Europa zu übertragen. Ob in Bagdad oder im muslimischen Spanien: Islamische Gelehrte haben die Texte der griechischen Philosophen und Denker in die Volkssprache übertragen und von dort wurden sie ins Lateinische übersetzt.

Ohne den Islam keine Scholastik, keine Universitäten und keine Wissenschaft in unserer heutigen Form. Ohne die Vermittlung antiker Kulturgüter durch Muslime und übrigens auch Juden hätte es den Aufstieg des europäischen Westens seit dem hohen Mittelalter nicht gegeben. Wir profitieren also heute noch von diesen islamischen Gelehrten.

Screenshot: YouTube

Screenshot: YouTube

Frage: Hat der Islam Europa nicht auch negativ geprägt: Durch die Bedrohungsgefühle, die die Türken etwa im 16. und 17. Jahrhundert auslösten?

Michael Borgolte: Ich bin da sehr zurückhaltend. Natürlich gab es die Angst vor den Türken, die etwa Auswirkungen auf die katholische Glaubenspraxis hatte – nehmen Sie nur den Kult um den Maurentöter, den Apostel Jakobus, und die Jakobuswallfahrten nach Santiago de Compostela. Und natürlich gab es im östlichen Mitteleuropa die Sorge vor weiteren osmanischen Eroberungen.

Aber wenn man sich etwa die Akten der katholischen Konzile und weitere kirchliche Quellen anschaut, dann merkt man, dass der Islam für das heutige Deutschland und das westliche Europa eher kein Thema war. Darüber hinaus waren die Fronten zwischen christlichen und muslimischen Staaten keineswegs fest gefügt.

Das katholische Frankreich hat durchaus mit den Osmanen gegen die katholischen Habsburger paktiert. Man muss aufpassen, dass man heutige Konflikte nicht einfach auf die Vergangenheit projiziert.

Frage: Sie erwähnten Spanien. Es gibt also in Europa durchaus auch Länder, in denen nicht nur die islamische Kultur sondern auch die Muslime eine größere Rolle spielten…

Michael Borgolte: Ja. Und das gilt nicht nur für Spanien und Italien. Auch in Litauen und Ungarn gab es im Spätmittelalter muslimische Gemeinden und muslimische Siedlungsinseln, die schon vor den Osmanen-Eroberungen bestanden haben. Ungarn etwa war multireligiös, weil es auch größere jüdische Gemeinden gab. Und der von der katholischen Kirche als Heiliger verehrte König Stefan hat auch griechisch-orthodoxe Klöster und Bistümer gegründet. Das wird von der heutigen ungarischen Regierung gern übersehen.

Frage: Wie christlich war denn Europa im Mittelalter wirklich?

Michael Borgolte: Europa war niemals einheitlich christlich geprägt, die christliche Mission hat den europäischen Kontinent zu keiner Zeit vollständig erfasst, und im übrigen waren neben dem fortbestehenden Heidentum oder Polytheismus zwei andere monotheistische Religionen verbreitet, das Judentum und der Islam. Der Islam war ein Bestandteil Europas seit dem achten Jahrhundert, und als er ab dem dreizehnten Jahrhundert aus den großen Halbinseln des westlichen Mittelmeers vertrieben wurde, rückten im Osten die islamisierten Türken vor.

Frage: Gibt es aus Historiker-Sicht eine Antwort darauf, ob der Islam zu Deutschland und Europa passt?  

Michael Borgolte: Der grundlegende und welthistorisch wohl einzigartig erfolgreiche Mechanismus der Geschichte Europas ist die Fähigkeit zu ständiger produktiven Auseinandersetzung mit fremden Einflüssen. Europas Geschichte ist besonders dynamisch geworden, weil jede erreichte Einheit durch aufbrechende Dissonanzen sogleich wieder in Frage gestellt wurde. Christen, Juden und Muslime haben sich zeitweise bekämpft, aber das führte nie zur kompletten Ausrottung der anderen. In diesen Religionen gab es Schutzvorschriften und es gab Dialog und gelungenes Zusammenleben. Europa war und ist also durch das Wechselspiel von Integrationen und Desintegration geprägt. Das ist anstrengend, aber schöpferisch.

The following two tabs change content below.
Avatar

Christoph Arens

Avatar

Neueste Artikel von Christoph Arens (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen