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Islam in Europa – Das unbekannte Gesicht der britischen Metropole. Von Isla Rosser-Owen, London

Stadt der Moscheen

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(iz). London besitzt wahrscheinlich mehr Moscheen als jede andere Stadt der westlichen Welt, mit Ausnahme der Türkei, auch wenn nur Schätzungen darüber angestellt werden können, wie viele es wirklich sind.

Frühe Vorläufer
Die erste Moschee Londons ist die Moschee in der Campden Hill Road Nr. 111 in Notting Hill. Seit wann diese Bestand hatte, konnte bisher nicht festgestellt werden. Allerdings arbeitete die „Islamic Society“ dort seit 1886. Es ist unklar, ob diese Moschee auch aus dieser Zeit stammte. Mit Sicherheit war sie von der edwardianischen Zeit an bis in die späten 30er Jahre des letzten Jahrhunderts aktiv. Wann die Moschee geschlossen wurde, ist unklar, aber vielleicht im 2. Weltkrieg, als viele soziale Einrichtungen in Unordnung gerieten. Sie könnte aber auch von der Rückkehrerwelle der Nachkriegszeit betroffen worden sein, als viele Muslime vom Subkontinent in ihre nun geteilte Heimat zurückkehrten. Die Moschee in Woking, am Stadtrand, war vom Beginn des 20. Jahrhunderts an bis in die späten 60er Jahre Brennpunkt für die muslimische Gemeinde. Beide Projekte wurden bald von der Eröffnung der Moschee im Osten Londons im Jahre 1941 gefolgt, die bis heute eine der ältesten und aktivsten Gemeinschaftseinrichtungen geblieben ist.

Zustand heute
Bis in die letzten zwei, drei Jahrzehnte hinein waren viele „Moscheen“ auf kleine Gebäude beschränkt und in Wirklichkeit nur Gebetsräume. Heute jedoch verfügen viele Gemeinden über großräumige, neue Gebäude mit guten Einrichtungen sowohl für Männer als auch für Frauen. Heute werden zu jedem Zeitpunkt Moscheen gebaut.

Diese Gebäude und ihr Unterhalt werden durch unterschiedliche Mittel finanziert. Dazu zählen Spenden ausländischer Investoren, die, neben anderen Ländern, aus Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan kommen. Andere wurden mit Hilfe von Krediten gebaut, und die Gemeinden bemühen sich, ihre Schulden zu bezahlen. Andere, wie die Regent’s Park Moschee, erhielten finanzielle Hilfe von der Regierung. Zum größten Teil reflektieren die unterschiedlichen Moscheen die Gemeinschaften, denen sie dienen. Dies spiegelt sich in ihren Aktivitäten und Dienstleistungen, sofern es diese überhaupt gibt. Ihre Architektur reflektiert jedoch meist nicht die Gemeinschaft der jeweiligen Nachbarschaft, sondern den Baustil der Region, aus der die Mehrheit der Gemeinschaft stammt. Einige Moscheen können auch in ehemaligen Kirchen und in sehr schönen, denkmalgeschützten Gebäuden gefunden werden. Einige Moscheen werden effizient geführt und antworten auf die Bedürfnisse ihrer Gemeinden. Andere jedoch haben die kulturellen Veränderungen des muslimischen Londons verpasst und es geschieht nicht selten, dass man einen Imam findet, der nicht mit seiner Gemeinde kommunizieren kann, da beide eine unterschiedliche Sprache sprechen.

Die Shah Jehan Moschee in Woking
Die Moschee in Woking ist möglicherweise nicht nur die älteste Großbritanniens, sondern auch die attraktiv­ste Moschee. Sie wurde von Dr. Leitner entworfen, einem Orientalisten ungarischer Herkunft, von dem gesagt wird, dass er für den Entwurf vom Tadsch Mahal im indischen Agra inspiriert wurde. Sie bekam ihren Namen von der wichtigsten Spenderin, der Begum Shah Jehan, der Herrscherin von Bhopal. Obwohl sie in den 1880er Jahren fertig gestellt wurde, blieb sie ungenutzt, bis sie 1913 von Khwaja Kamaluddin entdeckt worden war. Es blieb bis heute unklar, ob Dr. Leitner selber ein Muslim war. Er eröffnete ein orientalistisches Institut in der Königlichen Dramatischen Gesellschaft von Woking, deren Rolle später von der Schule für orientalische und ­afrikanische Studien (gegründet 1911) übernommen wurde. Er nahm einen muslimischen Namen an und ist auf dem Friedhof von Brookwood ­beerdigt.

1913 wurde die Muslimische Mission von Woking gegründet, und durch ihre Arbeit wurden viele Herzen für den Islam gewonnen. Sie arbeitete eng mit der muslimischen Gruppe von Notting Hill zusammen. Viele damals führende Muslime in London nahmen nicht nur an den Gebeten in Woking teil, sondern beteiligten sich auch an den dort publizierten Schriften. Ebenso gelang es, durch die Moschee von Woking Besucher aus der gesamten muslimischen Welt in Kontakt mit den Muslimen Londons zu bringen. Im Zuge der indischen Teilung und einer neuen Einwanderungswelle veränderte sich auch das Gesicht der in Woking aktiven Gemeinde. Sie blieb bis zum heutigen Tage eine funktionierende und betriebsame Moschee. Neben einem Bahnhof, ist sie immer noch eine der angenehmsten lokalen Einrichtungen Wokings. All jene, die an der Geschichte des muslimischen London interessiert sind, sollten die Shah Jehan Moschee besuchen.

Die Jamia Moschee
Die Moschee in der Brick Lane ist eine andere historische Anomalie und eine Reflexion der verschiedenen Gemeinschaften, die in dieser Gegend beheimatet sind. Im Ursprung wurde sie 1743 als eine hugenottische Kirche gebaut – damals flüchteten viele Hugenotten vor Verfolgung aus Frankreich. 1809 übernahm ein Zweig der methodistischen Kirche das Gebäude, bis sie 90 Jahre später in eine Synagoge für die orthodoxe jüdische Gemeinde von Spitalsfield verwandelt wurde. Schließlich erhielt sie 1976 den Status einer Moschee und ist immer noch die Hauptmoschee von „Banglatown“, dessen Gemeinde überwiegend aus Bangladesch stammt. Ihre exotische Geschichte und ihre Umgebung von Lebensmittelläden, Textilgeschäften, die auf Maß arbeiten, sowie einigen der besten Curry-Häuser machen die Moschee einen Besuch wert.

Suleymaniye Moschee in der Kingsland Road
Die Suleymaniye Moschee ist eine der jüngsten in London. Sie wurde in den frühen 90ern eröffnet und mit türkischen Mitteln gebaut. Wegen ihrer Nähe zur Old Street und zur City ist sie – trotz ihrer Dominanz durch eine türkische Gemeinde – wesentlich gemischter als andere. Die osmanische Architektur – sowohl im Inneren wie im Äußeren – ist geschmackvoll und verbindet die modernen Elementen der Fassade mit traditionellen Iznik-Kacheln, die ihre Gebetsnische umgeben. Die Moschee verfügt auch über einen guten Konferenzsaal, hat ihre eigene, angeschlossene Schule und eine ebenso beliebte Kantine. Sie wurde zu einem lokalen Markenzeichen, auch wegen des Besuchs von Prinz Charles 2002. Die alten türkischen Damen hielten einen netten Schwatz mit dem Prince of Wales.

Regent’s Park Moschee
Die vielleicht bekannteste Londoner Moschee, die Regent’s Park Moschee oder auch das „Islamische Kulturzentrum“, wurde auf dem Grundstück der „Hanover Lodge“ erbaut. Der Bauplatz wurde von König George VI. im Gegenzug für ein Grundstück in Kairo gestiftet, auf dem eine anglikanische Kirche errichtet wurde. Obwohl ihre offizielle Eröffnung 1944 stattfand, erhielt sie erst 1977 ihre heutige Form. Zwischen beiden Zeitpunkten verging eine lange Zeit, da sich sowohl der Moscheevorstand als auch die wettstreitenden Architekten nicht auf einen verbindlichen Entwurf einigen konnten. Leider muss auch vermerkt werden, dass die Regent’s Park Moschee wegen ihrer Anbindung zu Geldgebern im Ausland immer auch im Fokus unterschiedlicher – teilweise sich widerstrebender – politischer Interessen stand. Dies zeigte sich nicht nur an der manchmal umstrittenen Besetzung bestimmter Posten sowie der Bestückung des dortigen Buchladens, sondern auch während der frühen 90er Jahre, als die Moschee wegen des Kriegs gegen den Irak zeitweise innerlich zerrissen war.

Sir Frederick Gibbert, Planer der Kathedrale von Liverpool und zahlreicher Fabriken, war der Architekt, der für jenen Bau ausgewählt wurde, wie wir ihn heute kennen. Seit seinem Bestand ist das Islamische Kulturzentrum im Regent’s Park ein Brennpunkt unterschiedlicher islamischer Aktivitäten und Konferenzen. Auch wenn der moderne muslimische Londoner verwöhnt ist, wenn es um die Wahl einer Moschee geht, so bleibt die Moschee von Regent’s Park eine repräsentative Versammlung von Männern und Frauen zum Freitagsgebet. Muslime aus jeder Londoner Gemeinschaft sind hier zu finden, und vielleicht nur aus diesem Grund hat sie weiterhin den Ruf aus vergangenen Jahren inne.

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