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Islam und Kapitalismus

Hintergrund: Gedanken zu unserem jetzigen ökonomischen System

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Foto: Globalia Magazine

„Individuen sind heute reicher als Staaten“ (Jean Ziegler, Wie kommt der Hunger in die Welt?, S. 151)
„Die Kritik am Kapitalismus ist heute längst in der gesellschaftlichen Mitte verankert“ (Abu Bakr Rieger, Islam in Deutschland, S. 62)

(iz). Unmittelbar nach seinem Amtsantritt am 16. März 2013, ließ Papst Franziskus in der Audienz für die Medienverteter den folgenden Satz verlautbaren: „Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“

Mit diesem Statement gab er der Außenwelt deutlich zu verstehen, welchen vornehmlichen Kurs seine Kirche in Zukunft bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit einschlagen wird. Noch demonstrativer schien sein Satz in seinem apostolischen Schreiben in „Evangelii gaudium“ (Freude des Evangeliums) zu sein: „Diese Wirtschaft tötet.“ Es ließ sich nicht lange warten, bis die Medien in ihren Schlagzeilen den Papst als einen Marxisten titulierten.

Damit wurde zu Beginn des 3. Jahrtausend, das prekäre Verhältnis zwischen Religion und Kapitalismus unwiderruflich wieder eingeleitet. Nicht anders scheint die Diskussion auch zwischen dem Islam und dem Kapitalismus zu verlaufen. Für die einen wie dem inzwischen verstorbenen französischen Orientalisten Prof. Maxime Rodinson (1915-2004), sei der Islam mit dem Kapitalismus durchaus kompatibel, ja würde dieses unter flexiblen Umständen sogar befördern wollen. Andere wiederum vertreten eine diametral entgegengesetztere Sichtweise, indem der Koran sogar eine radikalere Kapitalismuskritik als Karl Marx (1818-1883) verübe.

Der pakistanische Philosoph und Dichter Dr. Muhammad Iqbal (1877-1938) beschrieb den Zusammenhang von Koran und die Reichen sinngemäß folgendermaßen: „Was ist der Koran? Für die Reichen eine Todesnachricht, für die Habelosen ein Beschützer. Erwarte nichts Gutes von jenen, die an Gold (Reichtum) festhalten.“

Im folgenden soll die Ambivalenz zwischen Islam und Kapitalismus eingehender untersucht werden. Dabei soll zunächst der Begriff „Kapitalismus“ näher definiert werden, von dem heutzutage selbst unter Ökonomen nicht einheitlich festgelegt und beschrieben wird. Außerdem soll der Diskurs innerhalb der muslimischen Intellektuellen erörtert werden, ob überhaupt ein sogenanntes „islamisches Wirtschaftssystem“ auf der Grundlage der autoritativen Schrift des Koran abzuleiten ist. Anschließend soll dieser Sachverhalt in Relation zwischen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung im Angesicht zu den Wirtschaftszielen des Islam dargelegt werden.

Was ist eigentlich der Kapitalismus?
Obwohl der Glaube an den Kapitalismus in den 1930er Jahren unzählige Menschen nach der Wirtschaftskrise6 schwer erschüttert hatte, wurde sie weiterhin – mit Ausnahme einiger Gesetzesveränderungen – als Wirtschaftssystem sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen Industrienationen fast ausnahmslos weiter geführt.

Nichtsdestotrotz bleibt der „Kapitalismus“ bis heute ein umstrittener Begriff. Der ehemalige Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) Prof. Jürgen Kocka betont in diesem Zusammenhang, dass deshalb viele Wissenschaftler aufgrund des verrufenen Begriffs den Terminus Kapitalismus vermeiden, um nich unnötigerweise polemisch zu wirken.

Danach durchlief das Substantiv „Kapitalismus“ je nach unterschiedlichen Zeitumständen diverse Definitionen. Allerdings soll der Begriff Kapitalismus zum ersten Mal im 18. Jahrhundert auftauchen.9 Für den französischen Sozialisten Louis Blanc (1811-1882) war der Kapitalismus nichts anderes als „die Aneignung des Kapitals durch die einen unter Ausschluss der anderen“ formuliert worden.

Erstaunlicherweise kommt der Ausdruck „Kapitalismus“ nur ein einziges Mal in seinem Werk „Das Kapital“ von Karl Marx (1818-1883) im Zusammanhang mit der Gesellschaftsformation vor, in dem die Bereicherung im heutigen Sinne durch Habgier, Gier und Geiz umschrieben werden kann: „[…] der Kapitalismus ist schon in der Grundlage aufgehoben durch die Voraussetzung, dass der Genuss als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung selbst […].“

Für Marx stellte die ungeheure Dynamik des kapitalistischen Systems im Hinblick des Kapital-Lohnarbeit-Verhältnis, eine unumgängliche Provakation dar. Die daraus resultierende Folge wäre ein unversöhnlicher Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat. Andererseits verkannte er nicht die Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise, wie sie die „Gesellschaft, Kultur und Politik“ nachhaltig beeinflussen würde.

Für den muslimischen Schriftsteller Dr. Hassan Hathout besteht in der Gegenwart kein Zweifel daran, dass der Kapitalismus vornehmlich die Ursache für diverse negative Entgleisungen im menschlichem Leben darstellt. Danach ist der Kapitalismus nicht nur für die Kluft zwischen Reich und Armut verantwortlich, sondern soll des Weiteren noch explizit für die Zerstörung der Ökologie bestimmend sein: „Für den wohlhabenden Teil der Menschheit vergewaltigt die industrialisierte Welt die Umwelt und verschmutzt, vergiftet, und tötet sie, mit dem Ziel, die Reichen reicher zu machen um ihr Konsumverhalten auszuweiten, ihren Luxus zu mehren und sich ihren Vergnügungen hizugeben.“

Hiernach sei die gängige Entwicklung der Wirtschaftsordnung maßgeblich für die destruktiven Begleiterscheinungen in der Gesellschaft hauptverantwortlich, weil sie keinen geordneten Wettbewerb kennt und sich ausschließlich den Interessen des Kapitals verpflichtet hat. Nach der Auffassung des kapitalistischen Neoliberalismus soll für den materiellen Armut ganz und gar die Menschen selbst verschuldet sein, allen voran durch die Folge von Faulheit und Dummheit. Der ehemalige Minister und CDU Politiker Dr. Heiner Geißler konstatiert dagegen, dass die eigentliche Ursache von Armut und Hunger selbst in den afrikanischen Armutsländern der verantwortungslosen westlichen Politik zugeschrieben werden muss: „Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, aber auch die einfachen Textil- und Lederprodukte aus den Entwicklungs- und Armutsländern haben keine Chance gegen die hoch subventionierte westliche Konkurrenz. Der Kongo ist eines der an Bodenschätzen reichsten Länder der Welt. Die Ausbeutung dieser Schätze kommt so wenig der Bevölkerung zugute wie die Erlöse für das Öl, das seit zehn Jahren in der Mitte des Sudan gefördert wird, sondern fließt in die Taschen der jeweiligen Machthaber und die der westlichen Konzerne, die die Rohstoffe verarbeiten.“

Konkret bedeutet dies, dass das Kapital den Menschen zu dienen und nicht andersherum die Menschen zu beherrschen hat. Schon Jesus ermahnte die Pharisäer auf die Gefahr des Beherrschtsein von Geld mit dem eindringlichen Satz: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und den Mammon.“ (Lk 16, 13)

Es kann daher nicht überraschen, wenn Ernst Curitius vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften den Satz prägte: „Die Götter waren die ersten Kapitalisten in Griechenland, ihre Tempel die ersten Geldinstitute.“ Damit sollte in erster Linie darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Phänomen Kapitalismus bereits seit Jahrhunderten in der Menschheitsgeschichte eine enorme Dynamik und Beeinflussung der Gesellschaften zugeordnet wird.

Ohne Zweifel hat der Kapitalismus ein westliches Wachstumsmodell hervorgebracht, der „immer mehr und immer schneller zu produzieren und zu konsumieren, egal was, ob nützlich oder unnütz, schädlich oder sogar tödlich, ohne an den Endzweck des Menschen zu denken.“

Dabei werden die höheren Ziele wie die Beachtung zum gesellschaftlichem Gemeinwohl und eine Ökonomie, die auf das wirtschaftliche Gleichgewicht abzielt, nicht befördert.

Dagegen wird der Markt nach der islamischen Konzeption als ein Mittel gesehen, der anhand der höheren Ziele die Aufgabe hat, echte Bedürfnisse zu befriedigen. Der Kolumnist und Herausgeber der Islamischen Zeitung Abu Bakr Rieger, weist auf die Zentrale Bedeutung von Markt und Moschee in der traditionellen Stadtarchitektur hin. Demnach besteht kein Zufall, dass der Handel ausgerechnet in dieser Konstellation komparabel stattfindet: „Markt und Moschee sind nicht nur in gewisser Weise gleichgewichtig in der Bedeutung, sondern gehören in der klassischen Stadtarchitektur immer auch zusammen. Im Qur’an ist der Handel neben dem Eigentum etwas, was Allah ausdrücklich erlaubt hat. Der Prophet selbst war ein Händler, seine Frau Khadidscha war eine durch den Handel reich und mächtig gewordene Frau. Das islamische Recht erlaubt weder die strukturelle Beherrschung des Marktes noch der Moschee.“

Durch die Schaffung der Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft gelang zum ersten Mal der Menschheit die Teilnahme am Wohlstand und des Profitierens einer breiteren Bevölkerungsschicht. Der entscheidende Vorteil der Marktwirtschaft soll im Besonderen daran liegen, dass in ihr jegliche materiellen Bedürfnisse als auch die ihr zugrunde liegende Ressourcen zusammengesetz und verzahnt werden. Hiermit wäre aufgrund einer gerechten Verteilung von Gütern und einer entsprechenden Dienstleitung, die Marktwirtschaft als das effizienteste System zu betrachten. Kardinal Dr. Reinhard Marx schreibt hierzu: „Die geniale und richtige Idee der Marktwirtschaft ist, dass die unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen der Einzelnen vielfältige Kräfte und Ressourcen freisetzten, die Ergebnisse dieses marktwirtschaftlichen Geschehens aber – durch die Verbundenheit in einer gemeinsamen Ordnung – nicht nur den einzelnen Akteuren, sondern auch dem Ganzen zugutekommen.“

Der Metapher von „der unsichtbaren Hand“, wie sie der Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790) einst formulierte, sollte hinsichtlich die Selbstregulierung eines Wirschaftssystems zwangsläufig gewähren.19 Wenn jedes Individiuum imstande dazu sei, seine spezifischen Interessen wahrzunehmen, so würde demnach die Interessen aller dadurch automatisch gesichert sein, weil die „unsichtbare Hand“ zum Gemeinwohl aller Individuen ohne weiteres beitragen würde.

Anders ausgedrückt: Die Märkte müssen frei sein, damit die Marktteilnehmer einen uneingeschränkten Spielraum haben und die Ressourcen optimal fließen können. Bei einem näheren Hinsehen fällt allerdings jedem objektiven Beobachter auf, dass nirgends in der Realität dieser sogenannter „freier Markt“ irgendwo real existiert. Der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Ha-Joon Chang bemerkt hierzu: „Jeder Markt hat Regeln und Grenzen, die die Wahlfreiheit einschränken. Ein Markt scheint nur dehalb frei zu sein, weil wir die Beschränkungen so vorbehaltlos akzeptieren, dass sie uns gar nicht mehr auffallen.“

In der Tat hat der Staat durch diverse Reglementierungen selbst in einem nur scheinbaren „freien Markt“, immer seine unsichtbare Hand im Spiel, damit die nur auf das Profit ausgerichteten Multinationalen Konzerne, nicht ausschließlich die Marktregeln zu ihrem eigenen Vorteil beordern. Deshalb wird der Staat zunehmend durch die Monopolisten einiger globaler Gruppierungen als ein Hindernis bzw. ein Dorn im Auge gesehen. Infolgedessen werden die Stimmen der nur auf profitorientierten Lobby Konzerne ausgesprochen lauter, indem sie den Staat nachdrücklich dazu auffordern, sich weniger in die Angelegenheiten der Märkte einzumischen, um so die gesamte Kontrolle ausschließlich für ihre Interessen auszuüben.

Nach dem Verfall des Kommunismus schien der Kapitalismus seinen endgültigen Triumph zu feiern. Dies veranlasste den damaligen Chef des Planungsstabs im State Department Prof. Francis Fukuyama „The End of History“ zu schreiben, indem er den „American Way of Life“ als das bestmöglichste und dominierendste Wertesystem zu postulieren.

Danach sollte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die sogenannte Dritte Welt die Lebensphilosophie des Westens einschließlich seines Witschaftssystems, alternativlos als obligates Modell anzunehmen.

Ein anderer Zeitgenosse von Fukuyama wie der einstmalige Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, Prof. Zbigniew Brzezinski, konfrontierte jedoch mit einem Lasterkatalog von „zwanzig Grundproblemen“ das Amerikanische Modell, ohne deren Abhilfe der amerikanische Neokapitalismus seine Glaubwürdigkeit verlieren und dementsprechend auch kein Vorbild für den Rest der Welt beanspruchen kann:

1. Verschuldung
2. Handelsdefizit
3. Geringe Ersparnisse und Investitionen
4. Mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Industrie
5. Niedrige Produktivitätssteigerungsraten
6. Unzureichende Gesundheitsversorgung
7. Schlechte Qualität der weiterführenden Schulen
8. Eine sich verschlechternde soziale Infrastruktur und der Verfall der Städte
9. Eine habgierige reiche Oberschicht
10. Eine parasitäre Vorliebe für Rechtsstreitigkeiten
11. Ein sich verschärfendes Rassen- und Armutsproblem
12. Hohe Kriminalität und Gewalt
13. Ungeheure Verbreitung des Drogenkonsums
14. Umsichgreifen sozialer Perspektivlosigkeit
15. Sexuelle Promiskuität
16. Massive Verbreitung moralischer Dekadenz durch die visuellen Medien
17. Niedergang des Bürgerbewusstseins
18. Entstehen einer potentiell auseinanderdriftenden multikulturellen Vielfalt
19. Eine sich anbahnende Blockierung des politischen Systems durch Cliquenwirtschaft
20. Immer stärkeres Gefühl geistiger Leere

Streng genommen habe der Neokapitalismus mehr Schaden als Freude verbreitet. Ebenso hat sich die Verheissung der „unsichtbaren Hand“ a la Adam Smith zur Minimierung von Armut nicht im Geringsten bewahrheitet. Im Gegenteil, die Schere zwischen Arm und Reich ist unmittelbar nach der Industriellen Revolution um ein Weiteres abgedriftet worden.80% der natürlichen Ressourcen werden von nur 20  der Weltbevölkerung kontrolliert und entsprechend auch konsumiert.

Allein das Vermögen von Bill Gates ist so hoch wie der Gesamtnettowert des Vermögens der 106 Millionen ärmsten Amerikaner. Überdies ist dem Kapitalismus in dieser Kohärenz nicht gelungen, auf die folgenden drei Probleme eine essentielle Lösung zu finden:

1. Ein Gleichgewicht in der Lohnverteilung herbeizuführen.
2. Das kontinuierlich – destruktive Wachstumsmodell vor gesellschaftlichen Entgleisungen zu bewahren.
3.  Eine Gewährleistung der Fortdauer der vollen Beschäftigung.

Eine „Islamische Ökonomie“ als Alternative?
Einige Lehrstuhlinhaber wie z.B. der Religionspädagoge Prof. Mouhanad Khorchide erachten den Qur’an und die Sunna des Propheten als „eine Art Bedienungsanleitung für das Funktionieren des Menschen“ zunehmenderweise als eine problematische Begebenheit. Dies sei lediglich nur ein Instrument und Metapher einiger Gelehrten, um nuanciert die Unmündikeit der Menschen absichtlich voranzutreiben: „Diese Metapher wird sehr oft von Gelehrten benutzt, die damit die Unmündigkeit des Menschen und seine Angewiesenheit auf göttliche Instruktionen unterstreichen wollen.“

Hierbei könnte man lakonisch die Frage stellen, ob auch die Instruktionen zum obligatorischen Gebet in Richtung des heiligen Ortes der Kaaba in Mekka, den Gläubigen zwangsweise auch zum unmündigen Bürger deklariert?

Scheinbar fällt einigen das Intervenieren Gottes in den Alltag der Muslime durch unbestreitbare Instruktionen schwer. In dieser Korrelation scheint die folgende Anekdote von Dr. Murad Wilfried Hofmann von besonderer Bedeutung zu sein: „Ich könnte auch eine türkische Unternehmerin anführen, die mir sagte: Ich glaube an Gott, aber ich lasse [von Ihm] keine Vorschriften machen.“

Es lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass der Islam sich nicht ausschließlich auf die geistige Konnexion des Menschen zu seinem Schöpfer beschränkt. Im Angesicht dazu, wird das gesamte alltägliche Leben durchaus von den Prinzipien und Instruktionen der Religion getragen. Obwohl das triumphalistische „Projekt der Moderne“ zunehmend durch die Privatisierung der Religion sämtliche Wertvorstellungen relativiert hat, kann in Bezug zum Islam keineswegs die Rede von einer subjektiven Ethik der Beliebigkeit gesprochen werden, da gewisse Wertvorstellungen nicht zur Disposition stehen. Zudem regelt der Islam nicht nur die gesellschaftlichen Belange der Menschen untereinander, sondern vor allem auch die wirtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Gesellschaften zueinander.

Nach Prof. Muhammed Hamidullah (1908-2002), bezeugt gerade der folgende Qur’anvers 59:7 unmissverständlich eine islamische Wirtschaftspolitik: „[…] das dieser Reichtum nicht im Kreise der Reichen unter euch verbleibe.“

Damit wird ein Grundprinzip in der islamischen Ökonomie verankert, wonach alle Mitglieder der Gesellschaft – insbesondere die wirtschaftlich Benachteiligten – nach sozialer Gerechtigkeit fürsorglich behandelt werden müssen. Anders wie in kapitalistischen Gesellschaftsformen, wo ein reicher Kaufmann Millionen auf seinem Privatkonto angesammelt hat, wobei gleichzeitig sein unmittelbarer Nachbar mit seinen Kindern unter der Armutsgrenze seinen Alltag zu bewältigen hat, entwirft der Qur’an ein Gegenbild dazu, indem den sozial schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft, ein ehrbarer Anteil zum Leben zugesichert wird:

„Und von ihrem Vermögen war ein Teil für den Bittenden und den verschämten Armen.“ (51:19)

„So gib dem Verwandten das ihm Zustehende, wie auch dem Armen und dem Sohn des Weges.“ (30:38)

Das Anhäufen von Kapital und die sich daraus ergebende Monopolbildung wird nicht im Geringsten hingenommen:  „[…] Aber wer da Gold und Silber hortet, statt es auf Allahs Weg auszugeben: Ihnen verheiße schmerzliche Strafe.“ (9:34)

Ebenso wird die luxuriöse Lebensweise ohne Weiteres missbilligt: „Siehe, Er (Allah) liebt die Maßlosen nicht.“ (7:55)

Der Prophet Muhammad solidarisierte sich nicht nur in theoretischen Überlegungen mit den Armen seiner Gemeinde, sondern praktizierte Vorbildhaft das materielle Teilen unter seinen Mitmenschen. Überlieferungen berichten ausgebieg davon, das unzählige Tage vergingen, ohne das im Haushalt des Propheten „ein Herdfeuer zum Kochen brannte, und nicht selten ging er hunrig zu Bett“.

Eines Tages betrat Umar ibn al-Chattāb (592-644) das Haus des Propheten. Als er in dem leeren Raum nur eine Strohmatte mit einem aus Dattelfasern ausgestatteten Kissen und im selben Augenblick den Propheten mit den Abdrücken der Matte auf seiner Haut vor sich sah, wurden seine Augen vor Tränen feucht. Daraufhin fragte ihn der Gesandte Gottes: „Warum weinst du, Umar?“, fragte ihn der ehrwürdige Prophet. „Bei Allāh, wie sollte ich nicht weinen, wo ich doch weiß, dass du in Allāhs Sicht ein unvergleichlich höheres Ansehen besitzt als der persische König und der römische Kaiser, und doch genießen diese beden alle Freuden dieser Welt, während ich dich hier in diesem Zustand sehe!“ Darauf entgegenete ihm der Prophet: „Bist du denn nicht zufrieden damit, dass ihnen diese Welt gehört und uns das Jenseits?“ „Doch“, sagte Umar. „Und wahrlich, genau so ist es!“, bekräftigte der Prophet.

Diese Narrative sollte nicht im Geringstem zu verstehen geben, dass der Prophet die Gläubigen dazu ermuntert hätte, ein erbärmliches Dasein zu führen. Denn die Heilige Schrift gibt nachdrücklich zu verstehen, seinen irdischen Anteil auf Erden nicht zu vergessen:

„Und suche mit dem, was dir Allah gegeben hat, die künftige Wohnung, ohne deinen Anteil an dieser Welt zu vergessen.“ (28:77)

„[…] Unter den Leuten sagen einige lediglich: „Unser Herr, gib uns Gutes in dieser Welt!“ Sie sollen am Jenseits keinen Teil haben. Andere unter ihnen sprechen: „Unser Herr, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes und hüte uns vor der Strafe des Feuers“. Diese sollen ihren Anteil haben, ihrem Verdienst entsprechend, und Allah ist schnell im Rechnen.“ (2:200-202)

Der letzte zitierte Vers verdeutlicht apodiktisch eine ausgewogene Einstellung sowohl zum spirituellen als auch zu den materiellen Gegenständen. In einem anderen Qur’anvers wird den Gläubigen ans Herz gelegt, eine Gemeinschaft der Mitte zu sein, die ein „Gleichgewicht zwischen den Extremen einhält“: „Und so machten Wir euch zu einem Volk der Mitte.“ (2:143)

Der türkische Wirtschaftswissenschaftler Prof. Nevzat Yalcintas beschreibt die religiöe Intention in diesem Sinne wie folgt prägnant: „Ein Muslim, der wohlhabend ist, wird mit seinen Möglichkeiten der Gesellschaft mehr dienen können, als ein selbst bedürftiger Armer. Der ehrwürdige Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: „Die Hand, die gibt ist besser als die Hand, die nimmt“. Hier ist geben und nehmen im Sinne guter Werke gemeint.“

Außerdem darf das Kapital grundsätzlich nicht festverzinslich eingesetzt werden, da der Qur’an den Zinsverbot (2: 275-279; 3: 130) explizit reglementiert hat. Das Zinsverbot dürfte im Grunde auch für Juden und Christen nach Deuteronomium, Kapitel 23, Absatz 20 und 21 auch kein Fremdwort sein. Dennoch haben besonders in der Moderne unzählige muslimische Theologen versucht zu erklären, zwischen Wucher (Ribā) und Zinsnehmern einen grundlegenden Unterschied, gemäß in den folgenden zwei Punkten nachzuweisen: riba al-nasi’ah (soll vor allem die Zinsen auf das Verleihen und Leihen betreffen) sowie riba al-Fadl soll danach die Zinsen auf den Verkauf und Kauf betreffen).

Obwohl das Zinsverbot in den konstitutiven Schriften des Islam dezidiert verkündet ist, wurde es dennoch im Laufe der Zeit, mittels der sogenannten „legalen“ Umgehungen in vorgetäuschten Handelsgeschäften schlechtweg umgangen. Selbst in Iran wurden Zinskredite in „Erleichterungen“ umgetauft. Das noch gesetzlich erlassene Verbot des üblichen Zinswuchers aus dem Jahre 1983, konnte schließlich „in den 2000er Jahren als diskontierter Profit legalisiert“ werden.

Andererseits kann der Gegenwärtige Neoliberalismus nicht mit „kosmetischen Korrekturen“ wieder auf die Beine gestellt werden. Aus diesem Anlass hält der Schweizer Islamwissenschaftler Prof. Tariq Ramadan selbstkritisch und reflektierend das Spiegelbild der islamischen Welt entgegen, um sich insbesondere ehrlich einzugestehen, bislang noch keine ernsthafte Alternative zum neoliberalen Wirtschaftsmodell konzipiert zu haben: „Die islamische Welt übt zwar scharfe Kritik an den im Wirtschaftsgeschehen üblichen Verfahren der Zinsnahme, des Börsenhandels und der Spekulation, an den ungerechten Bedingungen des internationalen Handels, vor der herrschenden Wirtschaftsordnung aber bietet es kein Entkommen – abgesehen von einigen wenigen, in ihrer Reichweite sehr beschränkten Initiativen.“

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