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Islamfeindlichkeit: Es bleibt in der „Community“ ungeklärt, was den Kundgebungen folgen soll. Von Omar Abo-Namous

Debatte: Was kommt nach den Emotionen?

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(iz). Kommentare auf den Mord an Marwa El-Sherbini haben lange auf sich warten lassen und ignorieren meist die offensichtlich islamfeindliche Motivation des Täters. Dementsprechend ist die Frustration, die viele Muslime in Bezug auf die Einseitigkeit der Medien, aber auch der Politiker empfinden, sehr verständlich. Dennoch ist die gewählte Art der Reaktionen nicht immer die beste.

„Unsere Schwester Marwa hat sich für diesen Islam eingesetzt, ist als Märtyrerin von diesem Leben gegangen und wir sind jetzt gefragt. Sie hat ihre Aufgabe erledigt. Was ist jetzt mit uns? Manche sagen, das hier, was wir heute machen, hat keinen Sinn; es bringt nichts. Ich sage, es bringt viel. Und was meint ihr, wenn nächste Woche 10.000 Mann auf den Straßen stehen und nach einem Monat 100.000 Mann auf der Straße stehen? Dann kriegen wir alle Jobs, freie Schulen, Kindergärten, dann kriegen wir größere Moscheen. Dann werden wir endlich anerkannt als Islam. Und das ist unser Ziel.“ Der Redner bei der Kundgebung in Düsseldorf erntete mit diesem Abschluss starken Beifall, obwohl die geäußerten Versprechen unklar und naiv sind.

Tatsächlich dürfen sich deutsche Politiker und Medien, die die grassierende Islamfeindlichkeit in Deutschland nicht sehen geschweige denn bekämpfen möchten, entspannt zurücklehnen. Die Empörungswelle deutscher und ausländischer Muslime mit ihren Kundgebungen, Demonstrationen und Trauerfeiern wird bald wieder zu Ende sein.

Dafür sorgen zum einen Medien selbst, die lieber über wütende Proteste, den Migrationshintergrund des Täters Alex W. oder über Sicherheitsvorkehrungen in Gerichtssälen als über Hintergründe der realen Islamfeindlichkeit in Deutschland diskutieren. Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil schaffen es aber auch Muslime selbst immer wieder, dass ihre Anliegen, Sorgen und Forderungen nicht den Sprung in eine genuine gesellschaftliche und politische Debatte schaffen. Angesichts dessen ist es nur konsequent, wenn die Dresdener Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) ihren Urlaub wegen einer toten Muslima nicht abbrechen wollte. Denn einen Verlust ihrer politischen Reputation aufgrund sachlich vorgebrachter und deswegen ernst zu nehmender Kritik hat sie nicht zu befürchten.

Mindestens 18 Kundgebungen sollen zum Anlass der Ermordung Marwa El-Sherbinis über Deutschland verteilt stattfinden. Teilweise haben sie bereits stattgefunden. In ihnen werden unter Anderem tendenziöse Berichterstattung in Bezug auf Muslime angeprangert, muslimfeindliche Gesetze und Praktiken kritisiert und wiederholt zur verstärkten Teilnahme an den Kundgebungen aufgerufen; quasi aus Selbsterhaltungstrieb. Bislang sind die Versammlungen nämlich nicht gerade von Erfolg gekrönt. Die Organisatoren klagen über mäßige Teilnehmerzahlen weitab von den erhofften Tausenden, und ein Widerhall in der Gesamtgesellschaft findet kaum statt. Wie auch, wenn fast ausschließlich Werbung für ein muslimisches Publikum gemacht wurde, die benutzte Sprache voller muslimischer Floskeln und Anspracheformen ist und das Ziel der Kundgebungen für viele Unbetroffene überhaupt nicht nachvollziehbar ist? Man muss fairerweise anmerken, dass die Kundgebungen und Demonstrationen allesamt – soweit man das überprüfen kann – in geordneten Bahnen verliefen und somit adäquate Formen der Ausübung des Demonstrationsrechts darstellen. Dies vorausgeschickt, ist dennoch die Sinnhaftigkeit der Aktivitäten stark in Zweifel zu ziehen, da sie ziellos oder doch zumindest nicht zweckdienlich sind. Sie sind nicht von Ausdauer geprägt und bieten sich für eine mediale Falschdarstellung – „wütende muslimische Masse“ – geradezu an.

Aber was soll man sonst machen, fragen sich viele Muslime, die auch aufgrund des Mordes dringend aktiv werden möchten. Zunächst ist die Antwort einfach: Marwa El-Sherbini ist tot. Dagegen kann man nichts tun! Wenn aber der Wille besteht, zukünftige Anfeindungen, Diskriminierungen und Gewalttaten gegenüber Muslimen zu verhindern, dann muss man sehr viel langfristiger arbeiten, als es die eher aktivistischen und teils kontraproduktiven Aufregungen erlauben.

Ein Motto besagt: Wer schreibt, der bleibt. Tatsächlich zeugt das geschriebene Wort von Langfristigkeit, aber auch und vor allem von Nachvollziehbarkeit. Für das geschriebene Wort kann man sich länger Zeit nehmen, um die Inhalte und Forderungen zu organisieren, sie in die richtigen Worte zu verpacken und zielorientiert an die entsprechenden Stellen zu schicken. Würde jeder Teilnehmer einer Kundgebung stattdessen einen Leserbrief an seine örtliche Zeitung schreiben, wenn mal wieder eine Moschee kontrolliert oder ein Muslim diskriminiert wurde; würde jeder Unterzeichner der Unterschriftensammlung „Wo bleibt Merkel?“ selbstverfasste Briefe an seinen Bundestagsabgeordneten schreiben oder würden einige der Redner auf den Kundgebungen Kommentare an bekannte Medien schreiben, die dann zur kritischen Debatte stünden, dann würde das mit Sicherheit zu mehr Verständnis und einer gesellschaftlichen Diskussion der Islamfeindlichkeit führen.

Die Dokumentation islamfeindlich motivierter Diskriminierungen und Angriffe gehört ebenso zur langfristigen Arbeit. Diese muss einhergehen mit einer kritischen Auseinandersetzung damit, was genau eine Diskriminierung darstellt und was nur als solche wahrgenommen wird. Dabei hilfreich ist die konsequente Nachverfolgung des Einzelfalls, um Missverständnisse und Fehlinformationen auszuräumen. Dies sind alles keine Allheilmittel. Sie haben nicht den Anspruch, Probleme innerhalb von Tagen zu lösen. Aber sie stellen den einzig gangbaren Weg dar.

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