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Islamische Lebenspraxis

Dieses Mal: Der Adab der Debatte

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Wir leben als Muslime – insbesondere, wenn wir von den einstmals traditionellen Orten der Gelehrsamkeit entfernt sind – in einer Zeit, die einerseits voller Debatten über den Islam ist und andererseits konstruktive Debatten notwendig macht. Dazu zählt der Punkt der Prioritäten im Din, beispielsweise ob Fragen wie der Religionsunterricht oder das Kopftuch der muslimischen Frau den eigentlichen Kern der islamischen Lebensweise ausmachen. Die Notwendigkeit von Debatten betrifft aber auch und vor allem die Grundlagen der religiösen Verortung des Islam in Europa. Wie gehen wir beispielsweise mit Gelehrten um, von denen manche Selbstmordattentate rechtfertigen und andere wiederum die qur’anische Offenbarung relativieren, seine Bedeutung auf die nebulöse Ebene der Metaphorik heben wollen und gar die historische Existenz der früheren Propheten leugnen?

Dabei ist es um diese Debatte zumindest in Deutschland nicht gut bestellt. Nicht nur wird das Gespräch über den Islam unter Muslimen zumeist unter politischen Fragen subsumiert oder kommt erst gar nicht auf. Moral und Ideologie ersetzen eine rechtlich-religiös fundierte Position. Dabei ist das Problem nicht neu, sondern stellte sich bereits in den ersten Generationen. Wie können wir einerseits notwendige und drängende Argumente vorbringen, ohne gleichzeitig den dafür notwendigen Adab und die spirituelle Verfassung der Beteiligten zu schädigen? Die Gelehrten der ‘Aqida [das islamische Wissen über die Glaubenswahrheiten] beispielsweise äußerten immer wieder die Ansicht, dass jemand, der Wissen von der Einheit Allahs besitzt und dies in Folge nicht zum Ausdruck bringt – gerade wenn es angesichts von Unwissenheit oder gar Sektierertum angebracht wäre -, seine Aufgabe vor Allah nicht erfüllt. Gleichzeitig warnen uns die frühen Quellen vor Debatten, vor allem, wenn sie ziellos und mit unpassenden Leuten geführt werden. ‘Abdullah ibn ‘Umar wird die Aussage zugeschrieben, dass wir unseren Din nicht zum Objekt der Debatte machen sollten. Vielmehr sei es die Aufgabe des Wissenden, die Wahrheit zu sagen und dann zu gehen. Imam Schafi’i berichtete über sein eigenes Leben: „Ich habe niemals mit einem Unwissenden debattiert, ohne dass dieser nicht die Oberhand behalten hätte.“

Was ist also zu tun? In einer kleinen Abhandlung über Debatten und Streit gibt uns Imam Al-Ghazali einige gute Eckpunkte für erfolgreiches Debattieren an die Hand. Der Imam räumt zu Beginn ein, dass es nach der Phase der ersten Generation, in der die politische Macht über das beteiligte Personal direkt an das islamische Wissen gebunden war (Imam Malik hat Urteile von ‘umaijadischen Khalifen und Amiren mit in seine „Muwatta“ aufgenommen), zu einer Trennung zwischen beiden Sphären kam. Dadurch erhöhte sich natürlich die Notwendigkeit für Debatten zwischen den Fuqaha und Amiren beziehungsweise bei den Fuqaha selber. Imam Al-Ghazali erläutert in der kurzen Schrift mehrere Bedingungen für den Adab der Debatte:

• In der Debatte auf der Suche nach Wahrheit muss es sich um gemeinschaftliche Verpflichtungen (Fard Kifaja) handeln. Jemand, der die persönlichen religiösen Verpflichtungen, wie beispielsweise die Zahlung der Zakat, nicht ausreichend befolge, dürfe sich überhaupt nicht an einer Debatte beteiligen.

• Es gibt keine wichtigeren Fragen als jene, die die Fara’id Kifaja behandeln.

• Wer über kein ausreichendes Wissen verfügt, sollte sich nicht beteiligen.

• Bei dem zu debattierenden Thema müsse es sich um existente Fragen handeln. Hypothetische Fälle hätten in authentischen Debatten nichts zu suchen.

• Die Diskussion sollte privat abgehalten werden anstatt in offenen Treffen, denn private Treffen sind besser für das deutliche Denken, um festzustellen, was richtig und falsch ist.

• Der Debattierende sollte die Wahrheit lieben wie eine verlorene Sache, nach der gesucht wird. Es sollte ihm egal sein, ob die Wahrheit von ihm kommt oder von seinem Gegner. „Anhand dieser Kategorien werdet ihr in der Lage sein zu unterscheiden zwischen jenen, die um Allahs willen debattieren und jene, die aus anderen Gründen streiten“, so Imam Al-Ghazali. (Von Sulaiman Wilms, Berlin)

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