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Islamkonferenz beschäftigt Freund und Feind

Die DIK steht für eine innerislamische Verständigung unter staatlicher Regie

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Foto: A. Bas, Twitter

„Der Staat moderiert hier, (…) und schafft gleichzeitig praktisch, durch die aktive Integration von Islamkritikern, eine dialektische Atmosphäre. Durch die aktive Positionierung relativ kleiner Organi­sationen und Gruppen als Gegenspieler zu den etablierten, mitgliedsstarken Verbänden wird die Vertretungsmacht dieser Organisationen zudem weiter in Frage gestellt.“

(iz). Es war das mit Spannung er­wartete Medienspektakel. Der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer eröffnete die DIK und setzte zunächst auf einen versöhnlichen Ton. In seiner Grundsatzrede mied der konservative Politiker zunächst die ­erneute Formulierung seiner strittigen These, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, stattdessen betonte er ­ausdrücklich die Zugehörigkeit der ­deutschen Muslime in die deutsche ­Gesellschaft. Seehofer verzichtete auch auf die seit dem 11. September üblichen Assoziationsketten, die deutsche Muslime immer wieder in den Kontext von ­Terroristen und Kriminellen setzen. Dem Minister gelang es so in einer guten Rede für eine pragmatische Fortführung der Debatten um die Rolle der Muslime in Deutschland zu werben.

Die eigentliche Pointe dieser Kon­ferenz stellte Seehofer zentral vor. Sie liegt in der Beteiligung – neben den muslimischen Verbänden – von ausgewählten „säkularen, laizistischen und liberalen“ Muslimen, die, wie er ausführte „sich ­allerdings genauso betroffen von Fragen wie der Wahrnehmung der Muslime und des Islams in unserer Gesellschaft, dem Zusammenleben der verschiedenen ­Religionen oder der Integration von ­Zuwanderern aus islamischen Staaten fühlen“.

Damit war die Ausrichtung und gleichzeitig die Problematik dieser Konferenz klar: sie soll nicht nur als Plattform für den Dialog zwischen Staat und Muslimen dienen, sondern auch als Forum für eine innermuslimische Verständigung über die künftige Identität deutscher Muslime herhalten. Der Staat moderiert hier, gibt sich theoretisch neutral und schafft gleichzeitig praktisch, durch die aktive Integration von Islamkritikern, eine dialektische Atmosphäre. Durch die aktive Positionierung relativ kleiner ­Organisationen und Gruppen als Gegenspieler zu den etablierten, mitglieds­starken Verbänden wird die Vertretungsmacht dieser Organisationen zudem weiter in Frage gestellt. Ob die Konferenz wirklich demokratisch legitimiert ist und die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der muslimischen Gemeinschaft wiedergibt, bleibt somit ein Streitpunkt.

Was dieser neue Ansatz für die Praxis der Konferenz heißt wurde schnell in der Auftaktdiskussion deutlich. Auf der ­Bühne diskutierten zunächst Serap Güler, Horst Seehofer, Bülent Ücar und Aiman Mazyek über die Ausbildung von Imamen, die Rolle der Moscheegemeinden und weiteren wesentlichen Inhalten der Konferenz. In der Fragerunde gab es dann aus dem Publikum die zu erwartenden Stimmen der verbandskritischen Muslime, die zu Kontroversen führten, die, wie Seehofer spitzbübisch kommentierte, „ihn an den Streit auf deutschen Kirchentagen erinnerten“. Der Vergleich des CSU-Politikers hinkte ein wenig, denn natürlich würde weder die katholische, noch die evangelische Kirche in Deutschland sich vorschreiben lassen, mit wem und wie sie innerkirchlich zu diskutieren hat.

Wohin führt also dieses neue Format der Konferenz? Einerseits ermöglicht sie durchaus einen künftigen Konsens aller Teilnehmer, den Dr. Aydin Süer, der stellvertretende Vorsitzende der Alhambra Gesellschaft, in seinem Impulsvortrag auf der Auftaktveranstaltung der DIK so definierte: „Die Diaspora ist zu Ende. Wir leben nicht in der Fremde. Deutschland ist für uns Musliminnen und ­Muslime Heimat geworden.“ Die Islamkonferenz könnte mit diesem vorgeschlagenen Bekenntnis endlich deutlich ­machen, dass deutsche Muslime auch deutsche BürgerInnen sind und es an der Zeit ist, dieses Faktum der Geschichte anzuerkennen. Viel zu lange wurde ja das Phänomen deutscher Muslime allein ­unter dem Stichwort „Integration“ abgehandelt. In diesem Sinne hat die DIK nicht nur zweifellos eine wichtige gesellschaftliche Funktion, sondern auch eine Rolle als entscheidender Impulsgeber für künftige Debatten.

Andererseits zeigt aber gerade der ­Ablauf und die Organisation der Konferenz, dass diese Normalität des Verhältnisses zwischen Staat und Muslimen noch lange nicht erreicht ist. Man kommt nicht umhin, im Auswahlverfahren der Teilnehmer, in der Bestimmung von Themen und in der mangelnden Transparenz der Abläufe in erster Linie die ­starke Handschrift des Staates zu erkennen. Die vielbesungenen Muslime von der Basis, hatten jedenfalls kaum einen Einfluss auf die Auswahl der Teilnehmer, Themen und Verfahren. Den Muslimen gelingt es bisher kaum, auf dieser Plattform, ihre Themen oder ihren originären Beitrag, man denke nur an die Zakat, städtebauliche Visionen oder das Stiftungswesen, öffentlich darzustellen. Bisher wirkt der Anspruch der muslimischen Organisationen stark auf die Bereit­stellung von staatlichen Mitteln, zum Beispiel für die Ausbildung von Imamen, ausgerichtet.

Natürlich ist es kein Zufall und auch nicht die Schuld des Staates, dass die muslimische Community kaum Einfluss auf die Gestaltung der Konferenz hatte. Es ist auch wahr, dass bis heute innermuslimische Diskussionen – ohne Hilfe von außen – kaum stattgefunden haben. Geht man von den reinen Mitgliederzahlen aus, müsste eigentlich der Koordinationsrat der Muslime, der Dachverband der islamischen Religionsgemeinschaften, nach wie vor ein gewichtiges Wort im Kontext legitimer Vertretungsmacht der Muslime in Deutschland ­haben. Für die Bedeutung des Dachverbandes spricht auch, dass die für die Integration bedeutenden Moscheegemeinden in großer Zahl in seinen Mitgliedsverbänden organisiert sind. Allerdings ist dieses Gremium seit Jahren handlungsunfähig und war noch nicht einmal in der Lage einen Forderungskatalog oder ein Strategiepapier zu verabschieden. Auf den Ablauf der Konferenz schien der KRM jeden Einfluss verloren zu haben. In der Auftaktveranstaltung der DIK nahm dann auch nicht der aktuelle Vorsitzende des Koordinationsrates, sondern der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime teil.

Tatsächlich zeigt gerade die Rolle Aiman Mazyeks auf der Konferenz das strategische Dilemma der organisierten Muslime auf. Der in den Medien omnipräsente Mazyek ist inzwischen das Gesicht der Muslime in der deutschen Öffentlichkeit, spricht aber de facto nur für den relativ kleinen Zentralrat der Muslime. Für eine echte Vertretungsmacht fehlt dem Vorsitzenden die Rückendeckung des KRM und für den ZMD selbst gibt es in dem Format der DIK nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich selbst als eine eigenständige Religionsgemeinschaft zu profilieren.

Auch in seinem eigenen Verband sieht sich Mazyek nun wachsender Kritik ausgesetzt. „Viele Muslime an der Basis sind irritiert über die zum Teil ausgrenzende Berichterstattung innerhalb der DIK und diversen Versuchen etablierte Religionsgemeinschaften zu marginalisieren“ heißt es in einer Presseerklärung des Zentralrates. Auf Regionalkonferenzen will sich nun der ZMD-Vorstand verstärkt kritischen Fragen stellen und gemeinsam mit den Mitgliedsmoscheen Vorschläge erörtern, wie es in der DIK weitergehen soll. Damit zeigt der ZMD immerhin, dass er an einem Konsens mit seinen Mitg­liedern interessiert ist. Kein anderer ­Verband hat seine Positionen zur DIK ähnlich transparent überhaupt mit seinen Mitgliedern besprochen.

Soll die Islamkonferenz wirklich auf Dauer die Präsenz der deutschen Muslime prägen, dann wird es allerdings darauf ankommen die Basis, die Muslime selbst, mitzunehmen. Die Teilnehmer der Konferenz werden hier ihre Relevanz für den Prozess der Selbstfindung deutscher Muslime noch aufweisen müssen. Es spielt nicht nur eine Rolle, wie viele Mitglieder eine Formation hat – ganz ­bedeutungslos ist die innerislamische Wirkungsmacht ebenso wenig.

Viele Muslime befürchten nach wie vor, dass die Politisierung ihrer Präsenz und die Kategorisierung von Muslimen in „Liberale und Konservative“ auch auf Kosten der Lehre gehen könnte. Die Konferenz muss hier deutlich machen, dass sie nicht die Inhalte des Islam ausverhandeln will und kann. Hier liegt auch eine weitere Chance der Islamkonferenz. In vielen islamischen Ländern der Welt kann von einer freien Lehre nicht gesprochen werden. Sollte Deutschland einer unabhängigen, islamischen Wissenschaft Raum geben, würde dies auch viele Muslime beeindrucken. Interessant war auf der Konferenz insoweit, dass Professor Ucar diese Position der freien Lehre auch repräsentiert hat. Gegen den Zeitgeist gerichtet wies der Gelehrte die Wortkombination deutscher Islam zurück. Die Idee, dass Muslime sich aus­schließlich in Deutschland verorten ­lassen ist für ihn kaum vorstellbar. Der Islam ist und bleibt eine Weltreligion. Muslime sind Deutsche, Europäer und Weltbürger.

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Khalil Breuer

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