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Ist der Westen noch zu retten?

Die offiziösen intellektuellen Debatten etwa in Deutschland vertiefen immer nur die Gräben, meint Konstantin Sakkas

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Foto: White House | Andreas Hanks

(iz). Alle reden von China. Der Byzantinist ­Peter Frankopan behauptet in seinem eben erschienenen Buch „Die neuen Seiden­straßen“, dass schon heute die wichtigsten weltwirtschaftlichen Entscheidungen nicht mehr in den europäischen Metropolen ­getroffen würden, sondern in Asien, ins­besondere in China.

Tatsächlich ist die Erfolgsgeschichte des ­globalen Westens eine junge. Bis in die ­Frühe Neuzeit hinein galt Europa als das Armenhaus der Welt. Das Klima war kalt, die politischen Strukturen unterentwickelt. Jede Missernte kam einem Weltuntergang gleich, Epidemien und die ständigen Kriege um meist unerhebliche Landgewinne taten ihr Übriges. Kolonialismus und Imperialismus waren in ihren Anfängen Reaktionen auf diese heimische Armut, die durch ­Expansion nach Übersee mühevoll behoben werden sollte.

Erst ab etwa 1700 begann sich Europa zu stabilisieren. Die Wissenschaft befreite sich von den Fesseln der Kirche und begann, an lebensverbessernden und -verlängernden Dingen zu forschen. Die Dampfmaschine, Impfstoffe und auch die moderne Rentenversicherung wurde erfunden. Ab 1750 schließlich schwingt das Pendel um: Seit dem wird der globale Westen zum ­Hegemon, der globale Osten und Süden hingegen werden abgehängt, nunmehr ­vollends ausgeliefert den kolonialen Bestrebungen der Westmächte Frankreich, England, Niederlande und last but not least den USA, die sich damals, 1776, gründen, quasi als ­Abspaltung des europäischen protestan­tischen Bürgertums. Das Osmanische Reich, Nachfolgestaat des einst ­reichen, prächtigen Byzanz und der ebenso blühenden orientalischen Kalifate, wird nunmehr zum sprichwörtlichen „kranken Mann“, China und Indien werden ­Spielmasse der westlichen Herren.

Von 1750 bis 1990 können wir also von einem westlichen Zeitalter reden, allerdings mit der Einschränkung, dass sich „der“ ­Westen lange Zeit gar nicht als solcher wahrnahm. Europa blieb tief in sich ­zerstritten. Der Westen als Idee und als ­politisches System konstituierte sich end­gültig erst nach 1917 beziehungsweise 1944, also nach dem Eingreifen der USA in die Weltpolitik. Westernness ist also keine europäische – und das heißt wenn überhaupt: westeuropäische – Zuschreibung, sondern eine US-amerikanische.

Der Westen als Idee war immer eine ­amerikanische Idee. Das lag auch daran, dass in den USA Freiheit und Religion nie getrennt gedacht wurden. Das alte Europa versank nach dem Schock von 1789 ­ideengeschichtlich im Sumpf von Depression und Negativität. Gott war, so Hegel, ­„gestorben“ und die Freiheit erkauft mit einer unglaublichen Verlorenheit in der Welt; in den USA aber entstand eine ­geradezu futuristische Religiosität, ein f­anatischer Glaube an die Zukunft, der sich aber nie von den pilgerväterlichen Wurzeln in den alten biblischen Mythen löste.

Und so wie die Freiheit in den USA religiös konstituiert war, so ist die Idee der Nation in den USA multiethnisch konstituiert. Auch einer Ikone der heutigen amerikanischen Linken wie Alexandria Ocasio-Cortez fiele es im Traum nicht ein, sich als Nicht-Amerikanerin wahrzunehmen, nur weil sie nicht weiß ist; selbstverständlich sieht sie sich in der Tradition eines Staates, der, zumindest in der Theorie, allen Menschen dieser Erde eine Chance gibt, etwas zu werden, seinen Teil zu einer besseren Zukunft beizutragen. So wie von der „Mayflower“ ein direkter Weg zu Bernie Sanders, so führt auch ein Weg von Walt Whitman zu Maya Angelou.

In Europa beziehungsweise den europäischen Staaten fehlen derlei integrierende Erzählungen. Die offiziösen intellektuellen Debatten etwa in Deutschland vertiefen immer nur die Gräben. Auch zum Islam, der dem Westen dabei helfen könnte, sich ideologisch zu rekonstituieren, findet man keine schlüssige Haltung: so bejaht die Linke zwar Migration, hält Religion aber eigentlich für etwas Rechtes; die Rechte hingegen redet zwar von Traditionen, lehnt aber so urtraditionelle Werte wie Solidarität und Religiosität ab. Und dass wir ein Einwanderungsland seien – was wir natürlich längst sind –, wird immer noch von einer nicht unerheblichen Minderheit bestritten

Immer deutlicher wird: die politische und geistige Klammerfunktion, die die USA bis 1990 in und für Europa ausübten, können wir Europäer, so scheint es, nicht vernünftig ausüben. Stattdessen verzetteln wir uns in Debatten, die der Rest der Welt lange hinter sich gelassen hat. Nun gut, das ist typisch europäisch. Es soll sich dann aber auch bitte niemand beklagen, wenn wir in fünfzig Jahren wirklich eine Kolonie Chinas – oder Saudi-Arabiens – geworden sind. Unsere Fußballclubs sind das ja vielfach bereits.

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Konstantin Sakkas

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