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Ist die ­Arbeiterklasse ­ruiniert?

Kendrick Lamar spricht einer weltweiten Generation aus dem Herzen. Von KO Masombuka

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Foto: Batiste Safont, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Im April dieses Jahres hat Kendrick Lamar Duckworth als erster ­Rapper den Pulizer-Preis für Musik erhalten. Es war das erste Mal, dass jemand, der nicht aus dem klassischen Genre oder des Jazz stammt, mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Hip Hop ist heute das beliebteste Musikgenre, was zu bedeuten hat, dass Menschen auf dem amerikanischen Kontinent wie auch in Afrika, Europa und Asien sich mit der Message der Lieder identifizieren können. Es bedarf also einer tieferen Analyse, um zu verstehen, warum es bei so vielen ­Individuen weltweit Anklang findet.

Ezra Pound sagte einmal, dass „Dichter die Antennen der menschlichen Spezies“ seien. Um daher die Psychologie eines Zeitalters und seiner Orte zu verstehen, muss man seinen Blick auf die Künstler richten – Dichter, Dramaturgen, Maler und Sänger.

Die Geschichte der Afro-Amerikaner ist eine des Betrugs. Sie ist spezifisch, jedoch denke ich, dass sie eine universelle Botschaft innehat. Während des Zweiten Weltkrieges war die globale Arbeiterklasse von der Aussicht gepusht, die Ketten der Unterdrückung zu sprengen und sich auf eine gleichberechtigte Stufe mit der Oberschicht zu stellen. Dieses Gefühl wurde in der Musik von Größen wie Chaka Khan, Bob Marley, Mariam Makeba, Nina Simone und anderen zum Ausdruck gebracht.

Jedoch erlebte man in den 1980ern den Kollaps der Sowietunion und folglich den Tod dieser Ideen. Das ideologische Vakuum wurde durch Thatcherismus und der Wirtschaftspolitik Ronald ­Reagans, auch Reagonomics genannt, gefüllt. Es war die komplette Macht­über­gabe der politischen Elite an die Bankhäuser. Nach dem Zusammenbruch der Utopie des Proletariats gab es nur noch ein ideologisches Valhalla und der Einzug in dieses war den Reichen vorbehalten. Doch die politische Elite bestand darauf, dass jeder in diese Reihen treten könne, wenn er nur hart genug arbeitete.

Die Realität konnte für die durchschnittlichen Afro-Amerikaner jedoch nicht weiter von diesem Versprechen entfernt sein. Ein enormer Aufwand wurde durch die US-Regierung betrieben, um sicherzustellen, dass für die meisten Schwarzen das kapitalistische Wunderland nur ein Traum bleiben sollte. John McKnight stellt uns hier den Begriff des „Redlining“ vor, der beschreibt, wie weiße Vorstädte dadurch gegründet wurden, dass man Schwarzen systematisch den Zugang zu diesen Wohnorten verwehrte, indem sie keine Kredite zum Hauskauf bekamen und sich somit ein Leben in diesen Vierteln nicht leisten konnten. Dies schob Schwarze in die sogenannten Ghettos ab. In den Ghettos wurden Spirituosengeschäfte und Spielhallen in Massen eröffnet, ein Mittel zur Degradierung von Communities.

Dies war nicht das erste Mal, dass die schwarze Bevölkerung der USA betrogen wurde. Abraham Lincoln versprach durch die Abschaffung der Sklaverei eine gleichberechtigte Gesellschaft. Jedoch zeigen historische Fakten, dass die ­früheren Sklaven von der landwirtschaftlichen Sklaverei zur Lohnsklaverei getrieben wurden.

In diesem Kontext hat Kendrick Lamar sein Album komponiert. Er behandelt darin die traumatische Geschichte seines Volkes und stellt bedeutsame und schwerwiegende Fragen: Bedeutet dieser andeuernde Betrug an den Schwarzen, dass sie ewig verdammt sind? Wenn nicht, wie können sie sich von diesen Fängen lösen und Heilung erlangen?

Der erste Titel, Blood, behandelt zwei fundamentale Kräfte, die sich durch das Album ziehen: „Ist es Bösartigkeit oder Schwäche?“ Sie beide sind Reaktionen auf die Unterdrückung der nicht-weißen Amerikaner. Die Ghettos brachten eine Kaltschnäuzigkeit und eine Rohheit in den Menschen hervor, um überleben zu können. Sie wurden zu Gangstern, die sich in Gewalt ausdrücken, etwa gegen Frauen, Schwächere usw. Dieses Thema findet sich in Songs wie Humble, Element oder XXX wieder.

Den Aspekt der Schwäche im Kontrast zur Härte behandelt er in Songs wie Yeah, Fear und Love. Es geht in diesen Stücken darum, dass man öffentlich nicht als schwach angesehen will und schlichtweg Stärke zeigen muss, um auf der Straße überleben zu können. Gleichermaßen beschreibt er aber auch das Verlangen nach echter Intimität, welche im Alltag zu kurz kommt. So formen Schwäche und Boshaftigkeit einen Teufelskreis. In Fear spricht Kendrick über seine Kindheit und wie seine Eltern ihm das Gefühl vermittelten, schwach zu sein. Dies erweckte Furcht in ihm – ein Gefühl, welches, wenn es nicht behandelt wird, sich in anderer Form manifestieren kann: Wut. Das Lied Element geht auf diese Emotion ein.

Ein Mensch, der sich in einem solchen Zustand befindet, schwingt immer von einem Extrem zum anderen und scheint keinen Ausweg finden zu können. Die Schlussfolgerung wäre somit, dass man sich in einem ewigen Elend befindet.

Deswegen fragt Lamar: Sind die Afro-Amerikaner verflucht? Eine Frage, die sich schon viele Denker vor ihm gestellt haben. Doch was ist die Antwort? Der letzte Titel des Albums, Duckworth, versucht, die Themen, die sich durch diese musikalische Reise ziehen, zu vereinen. Es geht darin um die wahre Geschichte, wie jemand plante, ein KFC Restaurant zu überfallen, in dem Lamar’s Vater Ducky arbeitete. Der Raubüberfall hätte in dem Tod seines Vaters enden können, jedoch hat seine Großzügigkeit den Täter davon abgehalten, den Überfall durchzuziehen. Eine Art Katharsis fand statt, denn der Teufelskreis der Gewalt und Gegengewalt, der Armut und des ­erbarmunglosen kapitalistischen „Überlebenswillens“ nach Reichtum und Eigen­nutzen wurde durch Barmherzigkeit durchbrochen.

Diese Geschichte trägt eine universelle Lehre in sich. Das aktuelle kapitalistische Spielfeld resultiert in einer Welt, in der wenige Reiche die ganze Welt kontrollieren. Sie haben so viel wie die halbe Weltbevölkerung insgesamt. Das kapitalistische Valhalla kann somit von der Mehrheit der Weltbevölerung niemals erreicht werden.

Betrachten wir dabei Pankaj Mishras „Zeitalter des Zorns“, sehen wir klar, wieso HipHop junge Menschen auf der ganzen Welt anspricht, vor allem junge Männer. Diese Jugendlichen, seien sie in Südafrika, Südosteuropa, den USA oder in Pariser Vororten, haben zu großen Teilen das Gefühl, ihrem Schicksal nicht entkommen zu können. Dieser Zustand drückt sich in Wut und Gewalt aus. Vor allem gegen jene, die schwächer sind oder gegen die man Ressentiments verspürt. Oft sind die Opfer dieser Gewalt Frauen. HipHop ist, jenseits von Moral, ein Sprachrohr gesamter abgehängter Generationen.

Traditionell ist diese Musikform eine Art des Ausdrucks gesellschaftlicher Schieflagen. Unterpriviligierte junge Menschen weltweit finden sich darin wieder und fühlen sich oftmals nur in der HipHop Szene wirklich verstanden. Sie ist ein Spiegel der Wirklichkeit, so un­schön sie auch sein mag. Es gibt keine moralischen Grundlagen, auf denen man die Inhalte bemessen könnte.

Die Verse geben das wieder, was Millionen von Jugendlichen täglich erfahren. Deshalb ist ein Künstler wie Kendrick Lamar wichtiger denn je. Mit seinem Schaffen entfacht er ein Bewusstsein und ein Gespräch über diese Zustände. Für Individuen, Gemeinden und unsere Gesellschaft als solche ist dies ein kulturelles Gut und ein Mittel zur Heilung.

Lamars Musik wirkt kathartisch für die Betroffenen. Seine Auszeichnung ist somit eine natürliche Entwicklung innerhalb unserer globalen Gesellschaft, die oftmals arm und gewalttätig ist und sich für jene, die darin gefangen sind, wie ein Gefängnis anfühlt. Diese Tragödie ist es, die seine Fans verbindet.

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