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Ist die Jugend der ideale Zustand zum falschen Zeitpunkt? Nurulhuda Hajjir begegnet Mariem Dhouib und Dr. Mahmud Kellner

„Was können wir ihnen konkret anbieten?“

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„Das Auffällige“, so Dr. Kellner, „ist die Dominanz der Jugendlichen in unseren Seminaren. Wir sind eine sehr junge Ummah“. Diese Konstellation der muslimischen Gemeinschaft stellt ein positives Potential dar, denn von den jungen Muslimen geht eine „enorme Kraft aus und große Flexibilität“.

Berlin (iz). Mit dem missbilligenden Satz „Die Jugend von heute…“ beginnen oder beenden viele Erwachsene häufig ihre Standpauken. Eher schon so oft, dass dieser Ausdruck längst negativ konnotiert ist. Die Jugend von heute ist nämlich faul, verwöhnt und verschwenderisch. Gibt vor, zu wissen, was sie will, tut aber nichts dafür. Dabei sind der Jugend die meisten Tore offen; im Idealfall ist sie das Alter der geistigen und körperlichen Fitness. Mensch ist spontan, innovativ, risikofreudig und fruchtbar. Kurzum: Es ist das Alter des Könnens. Und das Problem ist: Das muss erst einmal erkannt werden.

Doch wie gewöhnlich gibt es immer auch die andere Seite der Medaille. Denn es gibt, selbst wenn die Bemängelung „die Jugend von heute“ auf einen großen Teil dieser demografischen Gruppe zutreffen mag, immer einen Teil, der sich der Allgemeinheit nicht beugt – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, empfiehlt die Nutzung von fünf Dingen: die Nutzung des Lebens vor dem Tod, der Gesundheit vor Krankheit, der Jugend vor dem Alter, des Reichtums vor Armut und der freien Zeit vor der Beschäftigung. Denn all diese Zustände sind temporär, sie sind geliehene Reichtümer, die wir haben, aber nicht behalten können. Die Wahrnehmung der Jugend als ein idealer Zustand menschlichen Daseins ist zeit- und kulturübergreifend, genauso wie die kritische Haltung ihr gegenüber, wenn sie nicht nutzt, was ihr gegeben worden ist. George Bernard Shaw fragt sich sogar „Warum bekommt der Mensch die Jugend in einem Alter, in dem er nichts davon hat?“

Möglicherweise nährt sich die Kluft zwischen Alt und Jung vielmehr von einer Art Entfremdung als von tatsächlichen Gegebenheiten. Das soll allerdings nicht heißen, dass „Generation Doof“ überhaupt nicht doof ist (dass die Nesthäkchen unserer Gesellschaft heute vielleicht weniger in der Natur unterwegs sind, seltener ein Buch in die Hand nehmen, länger vor dem Spiegel stehen und häufiger versäumen, die Tür aufzuhalten, möchte man nicht abstreiten). Aber so pauschal ist das eben nicht.

Anfang Februar fand im Haus der Weisheit in Berlin Moabit eine dreitägige Seminarreihe von Madrasah e.V. statt, einem Bildungsverein, der sich einen Beitrag zur Schulung von Muslimen zum Ziel gesetzt hat. Im April veranstaltete der Verein seine Seminarreihe in Wien, im Mai dann in Lützelbach, im Haus des Islam. Mit Teamunterstützung touren die Vereinsgründer Dr. Mahmud Kellner und Mariem Dhouib im deutschsprachigen Raum und bieten Workshops und Seminare zu verschiedenen Themen an. Sie sprechen über weltliche und spirituelle Angelegenheiten, so auch über Wirtschaft, über die Wichtigkeit des Bittgebets (Du’a), über das Leben des Propheten Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, über seine Gefährten, über den Umgang mit den Eltern, über Familie und Ehe.

Sie selbst haben unter anderem in Damaskus, Saudi Arabien und Tarim gelernt und sind in Österreich – Dr. Mahmud Kellner als Dozent an einer Hochschule und MariemDhouib als Islamlehrerin – tätig. „Das Auffällige“, so Dr. Kellner, „ist die Dominanz der Jugendlichen in unseren Seminaren. Wir sind eine sehr junge Ummah“. Diese Konstellation der muslimischen Gemeinschaft stellt ein positives Potential dar, denn von den jungen Muslimen geht eine „enorme Kraft aus und große Flexibilität“. Doch für viele junge Muslime bleibt – trotz der Selbstidentifizierung als solche – die Anknüpfung an Gemeinden heikel. Das läge allerdings meist daran, dass es an adäquaten und attraktiven Angeboten mangelt. „Die erste Frage, die wir uns stellen müssen: Was sollten wir als Erwachsene für unsere jüngeren Mitmenschen tun? Was können wir ihnen konkret anbieten?“ Für adäquate Angebote halten sie neben dem Aufbau abwechslungsreicher Workshops die Schaffung von Begegnungsrahmen, die zunächst lediglich den zwischenmenschlichen Austausch ermöglichen sollen. Für Muslime, denen der Schritt in die Moschee zu groß erscheint, wäre dies eine alternative Option, den Kontakt zu ihren muslimischen Mitmenschen nicht nur über Moscheebesuche herzustellen.

Kellner fällt auf, dass selbst Jugendliche, die keine ausgeprägte Religionserziehung genossen haben, dennoch einen starken Bezug zur Religion zeigen. „Sie sind stolz, Muslime zu sein. Aber zur Verwirklichung der Religion fehlen ihnen Vorbilder. Sie vermissen auch eine Wertevermittlung im Elternhaus, wo oftmals mehr auf Äußerlichkeiten geachtet wird.“ Ihrer Identität als Muslime fehlt es also an konkreter Substanz. Was bedeutet es, sich nicht nur Muslim zu nennen, sondern Muslim zu sein? Wer war unser Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben? Was war er für ein Mensch?

Für Mariem Dhouib ist wichtig, ihren SchülerInnen die inhaltliche und geistige Breite des Islam zu vermitteln, denn „Islam ist Liebe und Barmherzigkeit und besteht nicht nur aus Regeln und Gesetzen“. Sie erzählt von einer Begebenheit, bei der eine Besucherin ihres Vortrages auf sie zukam und kundtat, dass für sie die Verbindung zwischen Islam und Liebe völlig neu war. Bisher verband sie Islam lediglich mit Verbotenem, mit Haram. „Sie sprach nicht einmal von Halal, von Erlaubtem, sondern nur von Haram. Als bestehe der Islam nur aus Verboten.“ Dieser Fehlwahrnehmung von Islam gilt es in den Seminaren und in ihrer Funktion als lehrende Bezugsperson zu entgegnen.

„Das Ziel unseres Projektes ist es, Wissen anzubieten und so dazu beizutragen, eine Lücke zu schließen, nämlich die Lücke des Wissenserwerbs“, so Mahmud Kellner. Unabhängig von nationalen Kontexten und politischen Strömungen möchten sie Interessenten die Möglichkeit bieten, sich zu informieren, zu erfahren und zu lernen. „Der Mensch ist ein emotionales Wesen und demnach emotional ansprechbar. Auf dieser Grundlage müssen wir arbeiten, wenn wir mit Menschen und insbesondere mit Jugendlichen umgehen. Wir müssen Wege in ihre Herzen bahnen.“ Das stimmt.

Sicherlich ist der Mensch auch ein pragmatisches Wesen, allerdings überwiegt die Ansprechbarkeit auf die Reizung von Sinnen. Von dieser Prämisse gehen nicht nur sie als Lehrer aus, sondern sämtliche Überbringer von Botschaften nutzen diese Tatsache. Deshalb sei es auch in den Seminaren äußerst essenziell, dass keine trockene Wissensvermittlung erfolgt, sondern eine abwechslungsreiche Lern- und Erlebatmosphäre geschaffen wird. Die Teilnehmer sollen einen Raum für Entfaltung erhalten. Wie wird das gewährleistet?

Viele muslimische Eltern stellen mit Sorge fest, dass Jugendliche mehr für schrankenloses Feiern als für Moscheen oder andere muslimische Institutionen zu begeistern sind. Anstatt diesen Trend zu kritisieren und die „Jugend von heute“ zu beklagen, müsse man sich fragen, woran es in der islamischen Jugendarbeit mangelt und was wir in den Gemeinden verbessern können. „Wenn ich das ganz überspitzt sagen darf: Wir brauchen islamische Diskos. Alles, was einen jungen Menschen in die Disko treibt, muss er in alternativer und gesunder Form auch in islamischen Institutionen vorfinden können“

Motivationen wie das Abschalten und Vergessen des Alltags, das Knüpfen von Kontakten und der Aufbau von Freundschaften – für all diese Motive gebe es auch islamische Varianten. Deshalb bestehen die Seminare eben nicht nur aus theorieorientierten Vorträgen, sondern auch aus Spielen, Sporteinheiten, Spaziergängen, gemeinsamen Mahlzeiten und Gesang. „Was wären wir zum Beispiel ohne die Nasheed-Gruppe vom Haus der Weisheit und der islamischen Akademie?“ Lernen muss also nicht immer eine monotone Erfahrung sein. Letztendlich ist das das Erfolgsrezept von Madrasah und der Grund, weshalb die vorwiegende Teilnehmergruppe aus 18- bis 21-jährigen Interessenten besteht. Diese Tendenz ist auch deshalb erstaunlich, weil das Projekt „madrasah.de“ nicht ausschließlich für Jugendliche konzipiert war und auch die Themenwahl nicht auf eine bestimmte Altersgruppe zugeschnitten ist.

Soziales Netzwerk
Nach einem zweitägigen Seminar geht selten ein Teilnehmer nach Hause, ohne neue Kontakte und Freundschaften aufgebaut zu haben. Es ist nämlich bedenklich, dass viele Menschen innerhalb der muslimischen Gesellschaft – darunter auch Jugendliche- immer mehr vereinsamen. Moscheen dürfen keine Orte sein, in denen zwar Schulter an Schulter gebetet wird, der einzelne aber dennoch einsam. Deshalb, findet Kellner, müsse die Begrüßung von Neubesuchern einer Moschee noch stärker gehuldigt werden, „denn wenn man erstmalig in eine Gemeinde kommt, in der sich alle bereits kennen und man nicht empfangen wird, kann das unabsichtlich zu Fremdheitsgefühlen bei der betroffenen Person führen“.

Selbst, was die Anbahnung ehelicher Beziehungen anbelange, müsse man sich langfristig Gedanken über sinnvolle Möglichkeiten des Kennenlernens machen, so Kellner. Denn alte Methoden der Partnervermittlung bestehen nur noch sporadisch. „Früher war es durchaus Brauch, dass die Mutter eines heiratswilligen Mannes an der Suche und Auswahl einer potentiellen Frau beteiligt war. Im Hier und Jetzt ist das aber eine Institution, die in manchen Bereichen der muslimischen Community nicht mehr funktioniert. Man begegnet einander vielmehr in den verschiedenen Lebensbereichen; in der Universität, im Beruf, auf Reisen oder durch Aktivitäten.“ Dennoch herrsche bei der Partnerwahl große Ratlosigkeit. Die so genannte „Mariage Crisis“ in den muslimischen Gemeinschaften müsse vernünftig angegangen werden. Daher sehen sie sich auch hier in der Verantwortung, das Kennenlernen durch vernünftige Wege – jenseits von Facebook und ähnlichen Portalen – zu erleichtern. „Die Vorstellung, den richtigen Partner im Internet finden zu können, ist meist eine Illusion.“ Die Wahl des richtigen Lebenspartners und die Grundpfeiler der Ehe sind daher ebenfalls Themen, die in den Seminaren aufgegriffen werden.

Regelmäßigkeit
Um auf den bildlichen Vergleich mit der Disko oder anderen Treffpunkten zurückzugreifen, so nährt sich der Zulauf solcher Events unter anderem von ihrer Regelmäßigkeit. Es ist für manch einen die Krönung der Woche, auf Grund derer man sich immer wiederkehrend auf das Wochenende freut, etwa um „abzuschalten“ und zu entspannen. Nicht viel anders empfinden die Teilnehmer die Atmosphäre in den Seminaren, indem sie innehalten, zur Ruhe kommen und Distanz gewinnen zur materiellen Vergänglichkeit. „Deshalb ist es uns als Veranstalter auch wichtig, unsere Seminare in regelmäßigen Abständen anzubieten, sodass wir eine gewisse Verlässlichkeit gewährleisten.“

Vor allem birgt sich hier die Wichtigkeit des Bezuges zu Gemeinde und qualifiziertem Lehrpersonal. So stoßen viele Jugendliche bei ihren Internetrecherchen auf Videos und Texte, die häufig fragwürdige, irreleitende Inhalte vermitteln oder missverständlich aufgemacht sind. Mit verunsicherten SchülerInnen sieht sich Mariem Dhouib alsbald konfrontiert. Sie klärt sie dann auf, spricht mit ihnen über ihre Fragen und die Inhalte der konsumierten Medien. „Daher ist die Idschazah, die didaktische und fachliche Befugnis, islamisches Wissen zu lehren, nicht zu unterschätzen. Die Ausbildung des Lehrenden ist essenziell für seine Echtheit und Glaubwürdigkeit. Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich auch sicherstellen, dass dieser ärztlich ausgebildet ist. Genauso verhält es sich mit der Qualifizierung von Islamlehrern.“

Für das Madrasah-Team ist die Frage des positiven Potentials junger Muslime also keine rhetorische, sondern vielmehr eine praktische. Viele Jugendliche treibt nämlich ein starkes Bedürfnis, in ihrem Selbstfindungsprozess die Wurzeln ihrer Glaubenslehren zu ergründen. Für die persönliche Entwicklung sind daher die richtigen Ressourcen so essenziell wie die Windströmung für das Segeln.

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