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Ist die Seele gesund, freut sich der Körper

Der Gelehrte Abu Zaid Al-Balkhi beschäftigte sich im 9. Jahrhundert mit Depression und Verhaltenstherapie

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Foto: Amazon

(iz). Wir alle kennen die Namen bekannter Psychologen oder Psychoanalytiker wie Sigmund Freud, C.G. Jung, William James, Alfred Adler, Erich Fromm oder Jacques Lacan. Sie sind aber nicht aus dem Nichts entstanden, sondern fußten bewusst oder unbewusst auf den Erkenntnissen früherer Größen. Zu den frühen Meistern, die heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, gehört der Perser Abu Zaid Al-Balkhi.

Der muslimische Universalgelehrte, Geograph, Theologe, Ethiker, Mathematiker, Astronom und vor allem Arzt Abu Zaid Al-Balkhi wurde 843 n.Chr. in einem persischen Dorf der Provinz Balkh geboren. Ihm werden heute rund 60 Manuskripte zugeschrieben. Neben seiner medizinisch-psychologischen ­Arbeit gilt er als Gründer einer Balkhi-Kartographieschule.

In jungen Jahren wurde das spätere Universalgenie von seinem Vater, einem Lehrer in der Region Sidschistan, unterrichtet. Später reiste er dann nach Bagdad, wo er einen Großteil seines Wissens erhielt. Hier studierte er unter anderem unter dem großen arabischen Philo­sophen Al-Kindi.

Unglücklicherweise sind die allermeisten Schriften verlorengegangen. Mit ­Ausnahme seiner kartographischen Arbeiten ist ein Abschnitt seiner medizinischen Bücher erhalten geblieben. Am ­bekanntesten ist unzweifelhaft sein Text „Masalih Al-Abdan wa Al-Anfus (Nahrung für Körper und Seelen)“. Das Original findet sich in der Istanbuler Ayasofia-Bibliothek.

In diesem wegweisenden Manuskript befasst sich der Arzt zuerst mit Fragen der körperlichen Gesundheit, bevor er in den Bereich der Seele eintaucht. Es ist der zweite Abschnitt des Werkes, der aus verschiedenen Gründen enormes Intere­sse in der heutigen Welt fand. Insbesondere liegt das an seinen tiefen Einsichten auf dem Feld der Psychologie.

Al-Balkhi erkennt die heute weitverbreitete Einsicht in die Verbindung von Geist und Körper. Der jeweilige Gesundheitszustand des Einen hat eine bedeutsame Auswirkung auf den Status des ­Anderen. So werde der Geist an seinen Aktivitäten gehindert, wenn der Körper erkrankt, und könne seine Tätigkeiten nicht angemessen ausführen. Und wenn die Seele betroffen sei, dann könne der Körper auch keine Freude mehr am Leben empfinden; er entwickle körperliche Symptome. Mehr als 1.100 Jahre vor seinen europäischen Nachfolgern erkannte Al-Balkhi die Realität psychosomatischer Krankheiten – „seelischer Schmerz kann zu körperlicher Krankheit führen“. Es brauchte einen Sigmund Freud, bis das Wissen dieses Phänomens die westlichen Psychologen erreichen sollte.

Heutige AutorInnen sind beeindruckt von Abu Zaid Al-Balkhis Methoden. Er soll frühe, bahnbrechende Formen der kognitiven Verhaltenstherapie angewandt haben. Dieses Behandlungsangebot ist heute eine der verbreitetsten und am ­besten untersuchten Formen von Psychotherapie. Im gesamten Buch spricht er sich für Gesprächstherapie aus. Diese habe das Ziel, die Gedanken des Betroffenen zu beeinflussen und so in Folge zu erwünschten Verbesserungen seines Verhaltens zu führen.

Gerade auf dem Gebiet der Behandlung von Depression gilt der persische Gelehrte seiner Zeit weit voraus. Er diagnostizierte dabei verschiedene Formen: Depression, deren Ursachen bei körperlichen Veränderungen liegt (was heute als chemisches Ungleichgewicht erkannt wird) und Depression, bei welcher die auslösenden Faktoren außerhalb des ­Körpers liegen. Weit vor Al-Balkhis Zeit war diese Störung bereits den Griechen ­bekannt, die ebenfalls über sie schrieben. Beeindruckend an seiner Arbeit, selbst für heutige Fachleute, ist seine Differenzierung der auslösenden Faktoren.

Die psychologische Leistung seiner ­Arbeit war zweifelsohne Jahrhunderte, wenn nicht ein ganzes Jahrtausend, seiner Zeit voraus. Von der Differenzierung bei der Depressionsdiagnostik über die ­Anerkennung der Veranlagung in der Neigung zu Obsessionen: Al-Balkhi ­beweist sich in den Augen seiner heutigen Bewunderer als ein Gelehrter mit dem scharfsichtigen Blick für das Psycho­lo­gische. Die vielleicht wichtigste Lehre für eine muslimische Leserschaft ist die ­Verbindung der religiösen Wissenschaften mit dem, was man heute säkulare Wissenschaften nennen mag. Indem Al-Balkhi sich um Kenntnis beider bemühte, produzierte er Wissen, das beide harmonisierte.

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Laila Massoudi

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