IZ News Ticker

Istanbul: Die Türkei stellt in «Jahrhundertprozess» Ergenekon-Verschwörer vor Gericht. Von Carsten Hoffmann

Von "Verrätern" und "Patrioten"

Werbung

(dpa). Der Prozess vor dem türkischen Hochsicherheitsgericht in der Kleinstadt Silivri soll Licht in eine politische Schattenwelt bringen: 86 mutmaßliche Ultranationalisten sind seit Montag als Verschwörer angeklagt, weil sie gewaltsame Demonstrationen und gezielte Anschläge vorbereitet haben sollen, um die Türkei zu destabilisieren und die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen.

Kreise der türkischen Regierung sprechen von einem «Jahrhundertprozess», der endlich zeige, wie Verschwörungen und Gewalt die türkische Demokratie beschädigen. Die Opposition erklärt dagegen, Regierungsgegner sollten mundtot gemacht werden. Skeptiker erwarten, dass am Ende eines Marathon-Verfahrens, bei dem schon die Anklage 2455 Seiten umfasst, wenig Greifbares herauskommen könnte.

//1//Der Fund eines Waffenlagers in Istanbul war im vergangenen Jahr Auftakt zu einer Serie von Razzien, bei denen mehr als 100 Verdächtige festgenommen wurden. Sie sollen in mehrere Mordanschläge und Bombenattentate verwickelt sein, unter anderem auf das Oberste Verwaltungsgericht im Jahr 2006. Insgesamt 30 Tatbestände werden Medienberichten zufolge in der Anklage genannt.

Unter den Angeklagten sind ranghohe Offiziere, Rechtsanwälte, Politiker, Journalisten und auch Unterwelt-Bosse. Wenn die Vorwürfe zutreffen, müssen die Beschuldigten eine tiefe Verachtung für die Gesetze und das demokratische System haben – allerdings auch über ausgezeichnete Verbindungen in den Sicherheitsapparat verfügen. In der Türkei wird dies als ein «Staat im Staate» bezeichnet, der über der Demokratie steht und vermeintliche Feinde der Nation mit allen Mitteln bekämpft.

Als Prototyp wird in der türkischen Presse der mitangeklagte General a.D. Veli Kücük vorgeführt, der ein Anführer der Untergrund- Organisation Ergenekon sein soll. Er wird auch als Gründer eines Geheimdienstes namens JITEM innerhalb der türkischen Gendarmerie genannt. Die Existenz dieses Dienstes wurde offiziell nicht bestätigt. Als aber im Jahr 2005 zwei Geheimdienst-Unteroffiziere in der südosttürkischen Kleinstadt Semdinli einen tödlichen Handgranaten-Anschlag auf den Buchladen eines Anhängers der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK verübten, wurde die Tat mit der JITEM-Organisation in Verbindung gebracht.

Türkische Kommentatoren fragen seit Monaten, ob es gelingen wird, Licht in das Dunkel um Ergenekon zu bringen. Schon der Auftakt des Prozesses drohte am Montag in Tumulten unterzugehen, weil es trotz monatelanger Vorbereitung nicht einmal genug Platz für alle Verfahrensbeteiligten gab. Der Richter unterbrach die Verhandlung und verwies Zuschauer des Raums. «Ich bin seit 35 Jahren Rechtsanwalt. Das ist hier ja wie Ausnahmezustand!», wurde ein empörter Verteidiger zitiert. Vor dem Hochsicherheitsgefängnis demonstrierten Sympathisanten der Angeklagten: «Die Verräter sitzen im Parlament, die Patrioten sitzen im Gefängnis.»

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen