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Istanbul: Hohe türkische Militärs stehen wegen Verschwörung gegen religiöse Minderheiten vor Gericht. Von Bettina Dittenberger

Mord als politisches Mittel?

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(KNA). Als der Admiral erschien, salutierten seine Untergebenen. Erst als Kadir Sagdic, einer der ranghöchsten Kommandanten der türkischen Marine, wortlos das Zeichen gab, setzten sich die Soldaten wieder hin. Die Szene spielte sich nicht in irgendeiner türkischen Kaserne ab, sondern in einem Gerichtssaal der Metropole Istanbul. Sagdic und 32 weiteren Soldaten wird vorgeworfen, sie hätten Mordpläne gegen Christen und Juden geschmiedet, um die religiös-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als radikale Islamistentruppe hinzustellen. Seit Dienstag müssen sie sich in einem der wichtigsten Strafprozesse der Türkei vor Gericht verantworten.

«Helden», riefen Angehörige der Angeklagten, als der Prozess in Istanbul begann. Und so sehen sich die Beschuldigten auch selbst. Als selbsternannte Wächterin über die säkulare Republik nimmt die türkische Armee für sich in Anspruch, den Politikern hin und wieder zu zeigen, wo es langgeht. Vier gewählte Regierungen wurden seit 1960 von den Generälen gestürzt, vor drei Jahren drohten sie offen mit einem Putsch gegen Erdogan.

In den vergangenen Jahren hat es nach Auffassung der Istanbuler Staatsanwaltschaft mehrere Versuche von Militärs gegeben, mit Gewalt gegen die Regierung vorzugehen. Mitglieder der rechtsgerichteten Geheimorganisation Ergenekon, die zum Teil aus Armeeangehörigen besteht, sollen Umsturzpläne geschmiedet haben. Einige stehen bereits seit mehr als einem Jahr vor Gericht.

Nun sind Admiral Sagdic und seine Offiziere an der Reihe. Ihnen wird vorgeworfen, unter dem Code-Namen «Kafes» (Käfig) eine Gewaltkampagne gegen Juden und Christen vorbereitet zu haben. Von geplanten Anschlägen auf den Prinzeninseln, wo viele Juden und Christen wohnen, ist in der 65-seitigen Anklageschrift des «Kafes»-Prozesses die Rede.

Aus europäischer Sicht erscheinen solche Vorwürfe recht abenteuerlich. Doch in der Türkei gibt es tatsächlich Hinweise auf eine Verwicklung von Sicherheitskräften in Morde an prominenten Mitgliedern der Minderheiten.

So ließ das Istanbuler Schwurgericht gleich am ersten Tag des «Kafes»-Prozesses die Anwältin Fethiye Cetin als Vertreterin der Nebenklage zu. Cetin vertritt die armenisch-türkische Zeitung «Agos», deren Chefredakteur Hrant Dink vor drei Jahren auf offener Straße niedergeschossen wurde. Viele Beobachter des noch laufenden Prozesses gegen die mutmaßlichen Dink-Mörder vermuten, dass Mitglieder der Polizei und der zur Armee gehörenden Gendarmerie zumindest von dem Anschlagsvorhaben wussten – wenn sie nicht noch aktiver verwickelt waren.

Im «Kafes»-Plan jedenfalls wird die Ermordung Dinks laut Anklage als gelungene «Operation» gelobt. Gleiches gilt für den Mord an dem katholischen Priester Andrea Santoro 2006 und den Tod dreier protestantischer Missionare in Malatya ein Jahr später. Drückten Sagdic und seine Mitangeklagten hier ihre Sympathie für die Morde aus – oder wussten sie, dass die Gewalttaten von langer Hand vorbereitet waren? Nebenklägerin Cetin wird im «Kafes»-Prozess darauf dringen, dass diese und andere Frage beantwortet werden.

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