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IZ-Begegnung: Fereshta Ludin blickt auf den Kopftuchstreit zurück

"Ich lebe von der Hoffnung"

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(iz). Fereshta Ludin hat von 1997 bis 2004 auf juristischem Wege ihr Recht, als Lehrerin an einer öffentlichen Schule in Baden-Württemberg mit Kopftuch unterrichten zu dürfen, zu erlangen versucht. Der jahrelange Rechtsstreit endete mit dem Verfassungsgerichtsurteil von 2004, welches mittelbar zahlreiche Bundesländer dazu anregte, neue Gesetze zu erlassen, die zu einem De-facto-Verbot des Kopftuchtragens durch Lehrerinnen führten. Die IZ sprach mit Fereshta Ludin, wie sie rückblickend diese schwierige Zeit ihres Lebens betrachtet und wie sie die noch immer anhaltende Debatte über Muslime in der Gesellschaft und das Kopftuch sieht.

Islamische Zeitung: Frau Ludin, wie be­urteilen Sie heute rückblickend Ihre jahrelange juristische Auseinandersetzung um das Recht, als Lehrerin im Unterricht ein Kopftuch tragen zu dürfen? Würden Sie dies heute alles genau so noch einmal tun?

Fereshta Ludin: Ich bin überzeugt davon, dass ich das genauso noch einmal machen würde, wenn mir so viel unterstellt werden würde wie damals. In einer solchen Ausgangssituation würde ich genau so handeln. Entscheidend und problematisch war, dass damals diese rechtliche Auseinandersetzung öffentlich wurde, und ich hatte natürlich keinen Einfluss darauf, wie sehr sich die Presse für diesen Fall interessiert; in Folge dessen konnte diese Angelegenheit nicht allein juristisch abgehandelt werden. Es lag leider nicht in meinen Händen, dass das Ganze öffentlich wurde. Die danach entstandenen Kopftuchverbote waren seinerzeit auch politisch sehr brisant. Als ich mit meinem Referendariat anfing, hatten die Republikaner im Baden-Württembergischen Landtag bereits einen Antrag auf Kopftuchverbot gestellt und dieses Thema politisch in die Öffentlichkeit gebracht. Die starke öffentliche Aufmerksamkeit war dadurch persönlich sehr belastend und auch das Verfahren insgesamt für mich sehr erschwert.

Islamische Zeitung: Wie beurteilen Sie heute Ihre damalige juristische Strategie?

Fereshta Ludin: Ich habe das Kopftuch für mich als religiöse Pflicht betrachtet und sah mich daher in einem Gewissenskonflikt. Durch das Recht auf Religionsfreiheit fühlte ich mich geschützt, aber durch die damalige Justiz nicht richtig beraten. Denn es gab damals noch keinerlei gesetzliche Verbote in dieser Richtung, und Neutralität war definiert als eine offene Neutralität gegenüber allen Religionen. Mir wurde meine Berufsausübung ohne jegliche rechtliche Grundlage verwehrt. Dagegen habe ich geklagt.

Islamische Zeitung: In der Folge des Verfassungsgerichtsurteils von 2004 in Ihrer Angelegenheit sind ja in vielen Bundesländern Kopftuchverbote für Lehrerinnen an staatlichen Schulen erlassen worden. Hat sich, auch dadurch, die Situation für Kopftuch tragende muslimische Frauen in der Gesellschaft insgesamt verschlechtert?

Fereshta Ludin: Die Reaktion der Politik beunruhigt mich sehr, denn die Gesellschaft insgesamt, so wie ich sie erlebt habe und erfahre, wäre dafür offener und aufgeschlossener als die Politik damals damit umgegangen ist. Die Politik gibt in gewisser Weise auch der Bevölkerung beispielhaft vor, wie man zu etwas steht, und damals hat sie leider in einigen Bundesländern mit Verboten reagiert. Dazu ist zu fragen, was denn zu den Verboten führt, was dahinter steckt. Wenn man genauer hinschaut, findet sich eine starke Angst vor dem Kopftuch, dessen Bedeutung und Einflussnahme auf eine ganz bestimmte Art und Weise interpretiert wird, die sehr diskriminierend und menschenverachtend ist. In diesem Fall sind die muslimischen Frauen, die das Kopftuchtragen in der Realität ausschließlich aus religiösen Gründen praktizieren, sehr stark benachteiligt, ausgegrenzt und aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt. Um wie viele muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch ging es denn? Das waren sehr wenige. Dennoch hat man diese ganze Kopftuchdebatte derart hoch geschaukelt, so als ob alle muslimischen Lehrerinnen von heute auf morgen Kopftuch tragen würden. Das entsprach freilich nicht den Tatsachen. Bei der politischen Diskussion, die sehr stark in eine bestimmte Richtung lief, hat man die betroffenen Frauen auch nie richtig zu Wort kommen lassen. Ich selbst kam zunächst auch nicht oft zu Wort; erst beim Bundesverfassungsgericht konnte ich meine Position durch Gutachter mitteilen und einige Worte dazu sagen. Aber in den sieben Jahren davor hatte man überhaupt nicht mit den betroffenen Frauen gesprochen, welche Auswirkungen und Folgen solche Verbote insgesamt haben könnten. Kopftuchverbote dienen somit der Einschüchterung und Stigmatisierung. Es entsteht ein enormer gesellschaftlicher Druck auf eine Gruppe von Frauen, die durch solche Verbote unterdrückt werden, da sie aus dem öffentlichen Leben immer weniger teilhaben dürfen. Die letzten Jahre zeigen sehr deutlich, etwa in Berlin, aber auch anderswo in Deutschland, welche vehementen Diskriminierungserfahrungen muslimische Frauen dadurch erleiden müssen. Dieser Diskriminierung muss die Politik gegensteuern.

Islamische Zeitung: Wie haben Sie in diesen sieben Jahren die Unterstützung durch die muslimische Community empfunden?

Fereshta Ludin: Ich möchte noch einmal deutlich sagen, dass mich nicht die muslimischen Organisationen darum gebeten haben, diesen Rechtsstreit zu führen, sondern ich habe zuerst die Gewerkschaften angesprochen, wie GEW und VBE, und sie um ihre Hilfe gebeten. Teilweise habe ich auch deren Unterstützung bekommen. Danach bin ich aber auch auf die muslimischen Verbände, insbesondere den Zentralrat der Muslime, zugegangen. Dort habe ich mich von Juristen beraten lassen, und sie haben mich dann unterstützt. Darüber hinaus war ich auch in Kontakt mit Verfassungsrechtlern und anderen Juristen. Es war also eine Bandbreite von Menschen, die ich angesprochen habe und um deren Unterstützung ich gebeten habe. Teilweise habe ich diese Unterstützung bekommen, teilweise nicht.

Islamische Zeitung: Was machen Sie heute? Hat der lange Rechtsstreit von damals Sie auch persönlich verändert?

Fereshta Ludin: Ich unterrichte heute Englisch, Musik und Sport sowie Naturwissenschaften. Allerdings an einer privaten Schule, an der ich wahrscheinlich nicht wäre, wenn ich damals an einer normalen staatlichen Schule integriert worden wäre. Meine Idealvorstellung ist schon, dass wir alle an einer Schule unterrichten, egal welcher Religion wir angehören oder welcher Herkunft wir sind. Integration heißt für mich letztlich nichts anderes als Einheit in Vielfalt. Dass man nicht versucht, alle gleich zu machen oder gleich aussehen zu lassen, um nach Außen den Anschein zu erwecken, alle seien gleich. Wir sind nicht alle gleich. Wichtig ist aber, dass wir einen Konsens haben, und das sind eben die demokratischen Werte und unsere Verfassung. Was wir aber durch die Kopftuchverbote und Berufsverbote an staatlichen Schulen erzielt haben, ist eine starke Ausgrenzung, und dies beeinträchtigt sehr stark die persönlichen Rechte der Betroffenen. Was würde ich heute tun, wenn diese Privatschule mich nicht aufgenommen hätte? Das Ganze war eine sehr anstrengende, aber auch prägende Lebenserfahrung. Ich bin glücklich an der Schule, an der ich jetzt bin, ich bin glücklich, dass diese Schule meinen Kindheitstraum ermöglicht hat, als Lehrerin zu arbeiten. Mich beunruhigt aber sehr stark die Entwicklung in unserer Gesellschaft. Es ist nicht nur beunruhigend, sondern sogar beängstigend. Ich finde, dass Menschen, die Meinungsträger in der Gesellschaft sind, wie Politiker, Medienmacher oder Frauenrechtler, die eine sehr große Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben, die Gesellschaft zusammenführen und nicht auseinander treiben sollten. Und zu dieser Gesellschaft gehören auch die Muslime. Wenn diese aber als Feinde hingestellt werden, als verdächtig und als ungewollt, dann finde ich das nicht förderlich für den gesellschaftlichen Frieden. Damals zur Zeit meines Rechtsstreits gab es nicht weniger Probleme; Diskriminierung war Alltag, auch Diskriminierung muslimischer Frauen. Ich habe damals aus meinem Bekanntenkreis sehr oft Aussagen gehört wie „ich finde keine Arbeit, weil sie nicht wollen, dass ich ein Kopftuch in der Apotheke trage“, oder auch als Verkäuferin im Einzelhandel oder als Ingenieurin. Heute ist das nicht anders, nur dass diese Diskriminierung gewissermaßen seitens der Politik rechtlich untermauert wurde, und wir betroffenen Frauen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch rechtlich einen schwereren Stand haben. Man kann die Schuld nicht nur bei den Betroffenen suchen. Die Politik trägt eine große Verantwortung. Man muss wachsam sein und darf solche Diskriminierungen und menschenrechtsverletzenden Methoden nicht zulassen.

Islamische Zeitung: Haben Sie trotz allem die Hoffnung, dass man vielleicht irgendwann in Deutschland das Kopftuch etwas gelassener aufnehmen wird und es, statt Aufregung auszulösen, ein Teil der Normalität sein wird?

Fereshta Ludin: Ich lebe von der Hoffnung auf eine gute Entwicklung in unserer Gesellschaft. Ich glaube an meine deutsche Heimat und deren Werte. Ich habe Deutschland als meine Heimat gewählt aufgrund dieser demokratischen Werte, die ich zuvor woanders nicht gefunden habe. Ich empfinde mich selbst als Verfechterin der demokratischen Werte, und nicht als deren Gegnerin oder als Islamistin, was mir in der Vergangenheit oft unterstellt wurde.

Islamische Zeitung: Sehen Sie es auch so, dass die scheinbar endlose Kopftuchdebatte auch von anderen, wichtigeren Themen, nicht nur in ­Bezug auf den Islam, ablenkt und sehr reduktionistisch ist?

Fereshta Ludin: Ich denke schon, dass es in gewisser Weise eine Ablenkung von wichtigeren Themen ist, wie beispielsweise den realen sozialen Problemen. Ich finde es aber auch wichtig, dass diese Debatte stattfindet – über das Kopftuch, über die Frauenrechte im Islam und über Frauenrechte generell, über Integration und überhaupt. Das sind schon wichtige Debatten, die zu unserer Gesellschaft gehören, und mit denen Muslime und Nichtmuslime sich auseinandersetzen müssen. Man muss dabei nur fair sein, man darf den Anderen nicht verletzen und muss dessen Menschenwürde achten. Man darf nicht im Namen der Meinungsfreiheit den Anderen verleumden, diskriminieren und ihm Schlimmes unterstellen.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie in diesem Kontext zum Beispiel die Aktivitäten von Alice Schwarzer, die sich ja in ihrer eigenen Sicht auch für Frauenrechte einsetzt, sich dabei aber sehr polarisierend gegen Kopftuchträgerinnen äußert?

Fereshta Ludin: Ich finde es sehr widersprüchlich. Frau Schwarzer und auch andere Frauenrechtler sollte sich für die Rechte aller Frauen in diesem Lande, gleichgültig welcher Religion und Weltanschauung sie angehören, einsetzen. Auch unter vielen muslimischen Frauen, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht, sind emanzipierte Frauen, die sich am öffentlichen Leben hier beteiligen wollen, sich nicht unterdrücken lassen und ein selbstbestimmtes Leben anstreben wollen. Diese Frauen verdienen mehr Achtung, Respekt und Anerkennung.

Islamische Zeitung: Frau Schwarzer hat ja offenbar ein sehr negatives Bild von Kopftuch tragenden muslimischen Frauen insgesamt…

Fereshta Ludin: Mit ihrem neuen Buch – „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“ – mit diesen Schlagwörtern im Titel stellt sie aus meiner Sicht eine Gruppe von Menschen in eine bestimmte Ecke. Und aus dieser Ecke kommen diese Menschen nicht heraus. Eine Frau, die Kopftuch trägt, ist demnach automatisch Islamistin, so verstehe ich Frau Schwarzer jedenfalls. Dabei hinterfragt sie aber nicht, was in diesem Kopf wirklich steckt. Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, kann nach dieser Sicht nur eine Islamistin sein und sie kann sich davon nicht befreien. Das ist für mich eine sehr starke Stigmatisierung, und ich empfinde es eher als eine Hetze gegen all diese Frauen denn als einen konstruktiven Ansatz.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Ludin, vielen Dank für das ­Gespräch.

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